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Folterpraxis der US-Armee weitverbreitet in Afghanistan

Von Eric Leser - truthout / ZNet 19.03.2005

Human Rights Watch zitiert mehrere Militärberichte, in denen detailliert beschrieben ist, wie mit zwei afghanischen Gefangenen verfahren wurde, die im Dezember 2002 in Baghram starben. Die gleiche Befragungstechnik wurde anschließend bei Gefangenen in Abu Ghraib angewandt.

Die Reports der American Army - für den internen Gebrauch - führen detailliert aus, unter welchen Umständen die beiden afghanischen Gefangenen im Gefängnis von Baghram, nördlich von Kabul, im Dezember 2002 totgeprügelt wurden. Die Berichte belegen - so die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch - , dass in Afghanistan systematisch gefoltert wurde. Auf fast 30 amerikanische Soldaten könnten Anklagen wegen Beteiligung an den Morden zukommen. Gegen zwei wurde bereits Anklage erhoben: Sergeant James Boland und Private Willie Brand von der 377th Military Police Company of Cincinnati (Ohio). Im ersten Fall lautet die Anklage auf Misshandlung und tätlichen Angriff, im zweiten auf Totschlag ohne Vorsatz.

Der Ermittler und Afghanistan-Experte für Human Rights Watch/New York John Sifton gelangte in den Besitz einer heimlichen Kopie der Armee-Berichte. Diesen zufolge ereigneten sich die beiden Todesfälle im Dezember 2002 - also ein Jahr bevor die Folter- und Demütigungsfotos im irakischen Abu Ghraib entstanden. “Die Dokumente entsprechen Polizeinotizen. Sie belegen den Verlauf der Befragungen, die Aussagen und die Beweise. Die Bush-Administration und das Pentagon beschreiben das Folterproblem so, als handle es sich um isolierte Vorfälle, die nicht Teil eines übergeordneten Planes sind. Die Beweise sagen etwas anderes”, so Sifton gegenüber Le Monde.

“Die Vorfälle sind keine isolierten Einzelfälle. Wir können nicht mit Bestimmtheit sagen, dass es die Norm war, aber Private Brand beispielsweise gestand ein, noch rund 20 weitere Gefangene geschlagen zu haben. Schläge und schmerzhafte Positionen wurden in Afghanistan häufig angewendet. Eigene Untersuchungen haben ergeben, dass fast alle Gefangenen, die im Jahr 2002 letztendlich aussagten, zuvor misshandelt worden waren”, so Sifton weiter. Die Leute des 519th Military Intelligence Battalion (Militärischer Geheimdienst), die die Verhörmethoden in Baghram einführten, taten dies später auch in Abu Ghraib.

Die Bürgerrechtsvereinigung American Civil Liberties Union (ACLU) leitete rechtliche Schritte ein, um die Armee-Berichte offiziell ausgehändigt zu bekommen - gemäß des ‘Freedom of Information Act’ (Gesetz über Informationsfreiheit). Ihre Klage wurde abgewiesen. Die Untersuchungen seien noch nicht abgeschlossen, es könnten sich weitere Anklagen ergeben. Pentagon-Sprecher Oberstleutnant Jeremy Martin versichert: “Die Untersuchungen werden sehr sorgfältig durchgeführt und… die Schuldigen werden angemessen bestraft”.

Bei den beiden ermordeten Gefangenen handelt es sich um den 30jährigen Mullah Habibullah - Bruder eines Taliban-Kommandeurs - und den 22jährigen Taxifahrer Dilawar. Sie starben im Abstand von einer Woche. Sie waren von afghanischen Truppen an die amerikanischen Soldaten übergeben worden. In ihrer Ausgabe vom 12. März 2005 veröffentlichte die New York Times Auszüge aus jenen Berichten, die Human Rights Watch in die Hände fielen. Die Misshandlungen werden darin genau beschrieben.

“Verletzungen durch Gewalt”

Beide Gefangene wurden “in ihren Zellen angekettet und immer wieder geschlagen”. Die Ermittler zitieren “glaubwürdige Informationen”. Danach wurden die beiden von vier Wärtern regelmäßig “in die Leisten und gegen die Beine getreten.” Sie seien “gegen Wände und Tische geschleudert worden”, “während des Verhörs zwangen sie sie, in schmerzhaften Positionen auszuharren und schütteten ihnen Wasser in den Mund, bis sie am Ersticken waren”.

Die von Ärzten durchgeführten Autopsien, die in den Reports zitiert werden, ergaben, dass Dilawars Beine derart kaputt waren, dass er eine Amputation gebraucht hätte. Er starb an “Verletzungen durch Gewalt an den unteren Extremitäten, die zu koronaren und arteriellen Komplikationen führten” (Dokument vom 6. Juli 2004). Mullah Habibullah starb an einer Lungenembolie - offensichtlich in Zusammenhang mit Blutpfropfen in seinen Beinen, die sich nach Schlägen auf die Beine gebildet hatten (Report vom 1. Juni 2004).

Einer der angeklagten Soldaten hatte “den Penis am Gesicht eines Gefangenen entlanggeführt” und “Sodomie simuliert”. “Schon vor Dezember 2002 kam es zu mehreren Todesfällen in amerikanischen Gefängnissen in Afghanistan, wir hätten darüber gern Informationen”, so John Sifton. Zudem fragt sich Sifton “warum in dieser Hinsicht weder im Fall Abu Ghraib noch im Fall Guantanamo irgendein Mitglied der US-Geheimdienste und speziell der CIA angeklagt wurde, obgleich sie die umfassende Kontrolle über die Verhöre und die Gefangenen haben”.

Quelle: ZNet Deutschland vom 19.03.2005. Übersetzt von: Andrea Noll | Orginalartikel: The Practice Of Torture By The American Army Was Widespread In Afghanistan

Veröffentlicht am

19. März 2005

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