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Nuklearterror im eigenen Land - Atomlabore und die Zukunft des Planeten

Von Noam Chomsky - ZNet 01.03.2005

Stellen wir uns vor, intelligentes Leben vom Mars beobachtete die seltsame Spezies hier unten, ich glaube kaum, dass sie in dem Fall hohe Wetten auf unser Überleben abschlössen - nicht für diese oder die nächste Generation. Es ist schon ein Wunder, dass wir es bis heute geschafft haben. In den letzten Jahren kam die Welt ihrer völligen Zerstörung extrem nahe - der Zerstörung durch einen Atomkrieg. New Mexico spielt hierbei eine wichtige Rolle.

Immer wieder wurde ein Atomkrieg fast wie durch ein Wunder verhindert. Und die Bedrohung wächst - Konsequenz einer von der (amerikanischen) Administration bewusst verfolgten Politik. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ist sich durchaus bewusst, dass eine solche Politik die Gefahr der Zerstörung weiter verstärkt. Verstehen Sie, die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fall eintritt, ist an sich nicht sehr hoch, aber wenn sich unwahrscheinliche Ereignisse häufen, ist die Wahrscheinlichkeit eben doch sehr hoch, dass es früher oder später passiert.

Bei einem Themen-Ranking nach Wichtigkeit ergeben sich dringliche Themen, die buchstäblich über das Überleben unserer Spezies entscheiden. Zu diesen Themen, die über das Überleben der Menschheit entscheiden, zählt auch der Atomkrieg - die Gefahr eines solchen muss längst ernstgenommen werden. Inzwischen kann man die Warnungen führender strategischer Analysten selbst in den nüchternsten und respektabelsten Magazinen nachlesen: Die derzeitige amerikanische Haltung - der militärische Umbau - beschwöre die Gefahr des “ultimativen Verhängnisses” (‘ultimate doom’) herauf - in nicht allzu ferner Zukunft. Das Ganze führe zu einem Aktion-Reaktion-Kreislauf - wobei die anderen reagieren. Wir werden zunehmend abhängig von “Hairtrigger-Mechanismen” (ein Mechanismus wird durch eine minimale Ursache in Gang gesetzt - Anmerkung der Übersetzerin) - solch extrem destruktive Mechanismen würden immer wahrscheinlicher.

So könnte die Aufrüstung des Weltraums unserer Spezies leicht zum Verhängnis werden - eine Aufrüstung, die extrem vorangetrieben wird. Dieses Thema muss massiv angegangen werden. Für New Mexico ist es ein großes Thema, denn New Mexico ist eines der Zentren, von denen die Vernichtung der Menschheit potentiell ausgeht.

In der Ära Clinton gab das Strategic Command ein Papier heraus mit dem Titel: ‘The Essentials of Post Cold War Deterrence’. Das Strategic Command hat die Verantwortung über die Nuklearwaffen. Dieses Dokument gehört zu den furchtbarsten, die ich je las. Allerdings wurde ihm wenig Beachtung geschenkt. In dem Report stellt sich das Strategic Command die Frage, wie gestalten wir unsere Nuklearstreitmacht und die übrigen Streitkräfte in der Phase nach dem Kalten Krieg neu? Es kommt zu dem Schluss, wir sollten uns primär auf unsere Atomwaffen verlassen, denn im Unterschied zu anderen Massenvernichtungswaffen - chemischen oder biologischen - seien deren Auswirkungen unmittelbar, verheerend und überwältigend. Die Auswirkungen wären nicht nur zerstörerisch sondern verbreiteten regelrecht Terror. Folglich sollten Nuklearwaffen den Kern unserer sogenannten Abschreckung bilden.

Im Grunde ist mit allem, was gesagt wird, das genaue Gegenteil gemeint. Mit “Abschreckung” meint man in Wirklichkeit, wir sollten unsere Offensivkraft primär auf Kernwaffen konzentrieren, weil diese so zerstörerisch wirken und Terror verbreiten. Hinzu kommt, allein die Tatsache, dass wir im Besitz einer so massiven Nuklearstreitmacht sind, wirkt bereits auf jeden internationalen Konflikt - die Leute fürchten uns, weil wir im Besitz dieser verheerenden Macht sind. Am besten, wir entwickeln eine irrationale nationale Identität plus eine unkontrollierbare Streitmacht, und jeder zittert vor uns. Das wird uns in die Lage versetzen, alles zu bekommen, was wir wollen. Die Leute werden uns zurecht fürchten, weil wir unsere Atomwaffen vor uns aufbauen - Atomwaffen, die diese Leute komplett in die Luft jagen.

In Wirklichkeit werden sie uns alle hochjagen, wenn sie außer Kontrolle geraten. Lesen Sie die Vision für das Jahr 2020 der Space Administration. In dieser Publikation sagt die Space Administration: Die neue Grenzlinie ist der Weltraum. Wir müssen Kontrolle über ihn erlangen - aus militärischen Gründen - und zudem sicherstellen, dass wir keine Konkurrenz haben. Um was es geht, ist ein Weltraum, der die Instrumente für die urplötzliche Massenvernichtung parat hält.

Im Jahr 1967 kam ein Vertrag über die Nutzung des Weltraums zustande - ein zahnloser Tiger. Aber wenigstens ruft er dazu auf, den Weltraum nur friedlich zu nutzen. Das Abrüstungskomitee der Generalversammlung der Vereinten Nationen bemühte sich, den Vertrag zu stärken, wurde aber unilateral abgeblockt - von den USA. Die USA sind das einzige Land, das sich weigert, einer entsprechenden Resolution der UN-Vollversammlung zuzustimmen. Seit 2000 ist die Resolution blockiert.

Die Chinesen drängen auf eine Ausweitung der Resolution. Davon ist in den USA allerdings nichts zu erfahren. Damals, im Jahr 2000, berichtete lediglich eine Zeitung darüber - eine kleine Zeitung in Utah. Die ganze Welt sei überspannt mit einem Netz an ausgeklügelten Überwachungssystemen plus der ganzen Bandbreite komplizierter, tödlicher Vernichtungswaffen, die in der Lage sind, alles vom Weltraum aus anzugreifen - vermutlich stimmt das.

Wir reden hier über Atomwaffen im Weltall und Nuklearanlagen zur Energieerzeugung im Weltall. Das alles könnte außer Kontrolle geraten und hochgehen - mit unabsehbaren Folgen. Durch die Machtübernahme der Bush-Administration wurde alles noch extremer. Die Clinton-Doktrin lautete ‘Kontrolle des Weltraums’. Die jetzige Administration ging zu ‘Besitz des Weltraums’ über, zu “unmittelbares Engagement überall” (deren eigene Worte) - will heißen, jeder Ort auf Erden kann ohne vorherige Ankündigung zerstört werden.

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Worte Chomskys zum 25. Geburtstag des IRC ( International Relations Center ) am 25. Januar 2005 in Santa Fe. Chomsky ist Mitglied des IRC-Direktoriums.

Quelle: ZNet Deutschland vom 04.03.2005. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Nuclear Terror at Home”

Veröffentlicht am

05. März 2005

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