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Wurzeln des Terrorismus und Lösungsversuche im globalen Zusammenhang

Von Hildegard Goss-Mayr

Stilles Gedenken

Bevor wir uns der dramatischen Situation unserer Tage stellen, wollen wir in Stille aller Opfer des Terrorismus gedenken: vom World Trade Center über Bali, Moskau, Israel, die Philippinen, Beslan, … wie auch der Opfer der militärischen Repression in Tschetschenien, Afghanistan, Palästina, dem Irak ….

Keine fertigen Antworten

Niemand hat für dieses so komplexe, umfassende Problem eine fertige Antwort. Es wäre vermessen, dies vorzugeben. Doch in jeder Epoche müssen wir uns als Christen, sowie als verantwortliche Bürger, den Herausforderungen der Zeit stellen und uns nach Spuren des Wirkens des Geistes Gottes in dieser geschichtlichen Stunde befragen, die Wege aus der Krise weisen.

In diesem Sinne möchte ich heute Abend lediglich versuchen,

a) einige Wurzeln des Terrorismus zu benennen,

b) einige Lösungsvorschläge aus der Perspektive des Evangeliums und humaner Weltgestaltung aufzuzeigen,

c) und die Frage nach unserer eigenen Verantwortung zu stellen.

Sicher wird es dazu unterschiedliche Meinungen geben, und vieles wird offen bleiben.

“Der Wolf von Gubbio”

Als biblischen Ausgangspunkt möchte ich die Erzählung “Der Wolf von Gubbio” von Franz von Assisi setzen, der, das ist meine Überzeugung, unter jene Christen zählt, die in der westlichen Welt die Botschaft Jesu am tiefsten erfasst haben. Sie öffnet uns in gleicher Weise ein Tor zur Analyse der Situation wie zu konkreten Lösungsversuchen.

“Etwas Wundersames geschah bei der Stadt Gubbio. Da war nämlich zu Lebzeiten des seligen Vaters Franz in der Umgebung jener Stadt ein Wolf, der war von schreckhafter Größe und in seinem Hunger von grimmiger Wildheit. Er verschlang nicht nur Tiere, sondern auch Männer und Frauen, so dass er alle Bürger ob solcher Plage in Angst versetze, und alle gingen bewaffnet, wenn sie die Stadtmauer verließen, als gelte es, einen gefährlichen Krieg zu führen.

Trotz alldem konnten sich die Leute der schrecklichen Wut des Wolfes nicht erwehren…

Da der selige Vater gerade nach Gubbio kam, empfand er Mitleid mit den Leuten und beschloss, dem Wolf entgegenzutreten… Er setzte seine Hoffnung auf den Herrn Jesus Christus, der über alles Fleisch gebietet, und so schritt er, nicht mit Schild und Helm gewappnet … mit einem Gefährten vor das Stadttor … und ging ohne Furcht dem Wolf entgegen.

Und wunderbar, auf das Kreuzzeichen hin schloss das Untier den wilden Rachen … und legte sich gleich einem Lamm zu Füßen des Heiligen.” Dieser sprach zu ihm: “Bruder Wolf, du richtest viel Schaden in dieser Gegend an und hast schlimme Übeltaten verbrochen, da du Gottes Geschöpfe erbarmungslos umgebracht hast. Und nicht nur unvernünftige Tiere tötest du, sondern, was schlimmer ist, du wagst es, Menschen, nach Gottes Bilde geschaffen, umzubringen und zu verschlingen! Darum verdienst du, dass man dich als Räuber und bösen Mörder einem schrecklichen Tod überliefert … Aber jetzt, Bruder Wolf, will ich zwischen Dir und den Leuten Frieden machen.” Der Wolf stimmte zu.

“Weil du damit einverstanden bist, diesen Frieden zu schließen, verspreche ich Dir: ich will dir, solange du lebst, durch die Leute dieser Gegend deine tägliche Kost verschaffen. Du wirst keinen Hunger mehr leiden müssen; denn ich weiß sehr wohl, du tust alles Schlimme nur vom Hunger getrieben. Aber weil ich, Bruder Wolf, dir solche Gunst erwirke, musst du mir auch versprechen, dass du nie wieder einem Tier oder Menschen ein Leid zufügst. Versprichst du mir das?” Der Wolf erklärte sich einverstanden. Er lebte noch zwei Jahre ohne jemandem ein Leid zu tun.
(Franz von Assisi, Legenden und Laude, Hrsg. O. Karrer, Zürich, 1945, S.395 ff.)

Merkmale, die aus dieser Geschichte abzuleiten sind

Terrorismus
Das blutrünstige Ungeheuer, das unschuldige Bürger überfällt und tötet, symbolisiert die Überfälle und Machtkämpfe zwischen Fürsten und Bürgern, Päpstlichen und Kaiserlichen der Zeit des Franziskus. Es versetzt die Menschen, die sich für gut halten, in Schrecken und Angst.

In unseren Tagen ist das Untier der TERRORISMUS. Ich persönlich, wie die gewaltfreie Bewegung, in deren Rahmen ich arbeite, bin der Überzeugung, dass Töten mit politischer Zielsetzung immer verwerflich ist, in besonderer Weise jedoch dann, wenn es sich nicht gegen eine unterdrückerische Regierung, eine Besatzungsmacht, wirtschaftliche Ausbeutung usf. richtet, sondern gegen unschuldige Kinder, Frauen, Zivilisten.

Regionale Begrenzung - globaler Zusammenhang
War das Wirken des Untiers gemäß den Gegebenheiten der Zeit des Franziskus lokal oder regional begrenzt, so steht es heute in einem globalen Zusammenhang. Die Globalisierung ist eine Gegebenheit unserer Zeit mit positiven und negativen Auswirkungen, z.B. in Forschung, Technik, Wirtschaft, Sport oder Gesundheitswesen, aber auch im internationalen Recht, der Rüstung, wie im Terrorismus und bei dessen Bekämpfung. Die elektronischen Medien, die eine weltweite Kommunikation und Verknüpfung all dieser Elemente in kürzester Zeit ermöglichen, spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Angst und Gegengewalt
Die Erzählung sagt uns, wegen des Untiers waren alle Bürger in Angst versetzt und als Folge bewaffneten sie sich wie zur Kriegsführung. Doch dies vermochte nicht die Gewalttaten des Untiers zu bändigen.

Dasselbe gilt für die Situation des Terrorismus und daraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen: Die Menschen leben in Angst, etwa in den Siedlungen in Israel oder in den USA

Die Angst wird jedoch politisch ausgenützt, hochgezüchtet wie z.B. in den USA durch Falschmeldungen von Bedrohung, nicht zuletzt, um politische Maßnahmen durchsetzen zu können: Geld für Aufrüstung, Überwachungsmechanismen, die sogar Bürgerrechte einschränken, Demokratieabbau (Russland), Mauerbau auf dem Gebiet des Gegners (Israel/Palästina), Verstärkung der Polizeiapparate (EU - der gläserne Mensch). Zielsetzung ist, laut US-Präsident, die Ausrottung des Untiers.

Wie in der Parabel von Gubbio sind die Maßnahmen gegenüber dem Untier Terrorismus vorwiegend Abschirmung und militärische Interventionen, d.h. Gegengewalt. Die dramatischen Erfahrungen der letzten Jahre lassen uns jedoch eindeutig erkennen, dass

  • auf Seiten der Terroristen die Anwendung tötender Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele in der Weltgemeinschaft nicht nur als unmoralisch und verwerflich gilt. Sie ist auch das ungeeignetste Mittel, um Sympathie für die, nicht selten gerechten, Anliegen der Akteure zu gewinnen.
  • auf Seiten der vom Terrorismus Betroffenen führt der bewaffnete Widerstand in eine endlose Spirale der Gewalt mit immer neuen Opfern auf beiden Seiten (Israel/Palästina; Russland/Kaukasus; Philippinen/Mindanao; Irak).

Wie in Gubbio erweist sich die gewaltsame Konfliktaustragung als erfolglos.

Schritt aus der Spirale der Gewalt: den Andern ansehen, seine Bedürfnisse erkennen

Franz verurteilt eindeutig das Verhalten des Untiers: Du hättest einen schrecklichen Tod verdient, weil du menschliches Leben zerstörst. Doch er tut den entscheidenden Schritt, um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen: er stellt sich dem Untier - das Unrecht wird nicht vertuscht - jedoch nicht mit Macht der Waffen , sondern im Geist Jesu mit der Kraft der Gewaltfreiheit, indem er eine friedliche, politische Lösung anstrebt.

Um das zu erreichen, stellt er als erstes die Frage nach den URSACHEN, nach den WURZELN der Gewalt, des Terrorismus, d.h. nach den unerfüllten Grundbedürfnissen der gegnerischen Seite. Das Untier ist hungrig: es hat essentielle Bedürfnisse, die erkannt und in Gerechtigkeit wahrgenommen werden müssen.

Wir müssen also die Frage nach den Wurzeln des heutigen Terrorismus stellen.

Wurzeln des heutigen Terrorismus

Sie sind vielfältig. Ich möchte nur einige wesentliche Punkte erwähnen:

Armut
Wir müssen nochmals auf die Globalisierung zu sprechen kommen, denn sie vollzieht sich kraft des Neo-Liberalismus, der auf Geld, Profit, unerbittliche Konkurrenz, auf Macht und Herrschaft über die Ressourcen der Welt ausgerichtet ist (Öl, Wasser, Edelmetalle). Er ist bereit, diese Zielsetzungen mit wirtschaftlichem Druck, aber auch militärischer Gewalt durchzusetzen (Afghanistan, Irak, etc.). Dieses System führt dazu, dass die Armen immer ärmer, die Reichen reicher werden (auch bei uns!). WTO und Weltbank zwingen Staaten, um Kredite zu erhalten, zu neo-liberalen, für die Betroffenen häufig a-sozialen Maßnahmen.

Kriege werden um Grundstoffe geführt. Ein Beispiel ist die Demokratische Republik Kongo: Dort wurde Ende der 90er Jahre vier Jahre Krieg geführt, mit drei Millionen Toten. Sieben afrikanische Staaten wurden in den Krieg verwickelt, ethnische Gruppen gegeneinander ausgespielt. Es ging um den Zugang zu Gold, Edelsteinen, Coltan und anderen Edelmetallen für internationale Unternehmen. Tausende Kinder wurden zu mörderischen Soldaten gemacht. Die Verelendung der Bevölkerung stieg unermesslich. In solchen Situationen liegt der Nährboden für Terrorismus!

Missachtung der nationalen Würde, vor allem im islamisch-arabischen Bereich
Beispiele:

  • Palästina: Kinder und Jugendliche von heute haben nur Besatzung, Entwürdigung, Schikanen, Bombardierungen erlebt. 4.000 Wohnhäuser von vermutlichen Terroristen wurden von der israelischen Armee zerstört. Es ist nicht zu verwundern, wenn Jugendliche, religiös und nationalistisch motiviert, als Selbstmordattentäter zu Freiheitskämpfern für ihr Land werden - Terroristen in israelischer Sicht.
  • Tschetschenien: “Allein bei den Massenbombardements tschetschenischer Städte sollen nach Angaben der Gesellschaft für bedrohte Völker 4.772 Menschen umgekommen sein. Human Rights Watch spricht von 4.000 Toten allein in Grosny. Unzählige sollen in den letzten Jahren getötet, Hunderttausende vertrieben worden sein.” (Daron Rabinovici im Standard vom 20. September 2004)

Dies sind lediglich zwei Beispiele wie in Völkern, deren Würde mit Füßen getreten wird, Freiheitskämpfer, potentielle Selbstmordattentäter, Terroristen geboren werden.

Strömungen von religiösem Fanatismus und Fundamentalismus in Islam, Christentum, Hinduismus, Judaismus, Buddhismus …
Fundamentalismus erhebt Anspruch auf den Besitz absoluter Wahrheit: wir sind die Guten, die Anderen die Schlechten, die zu bekämpfen, zu besiegen sind. Es handelt sich um eine fatale Verbindung von Religion, Politik und Machtstreben. Er ist gewaltbereit und missbraucht Glauben in fanatischer Weise, um seine Ziele durchzusetzen. Fundamentalisten sind in allen Weltreligionen heute eine aktive Minderheit (Israel, Palästina, Indien, Mittleren Osten, in afrikanischen Staaten, aber auch in den USA: evangelikale Fundamentalisten haben bedeutenden Einfluss auf die politische Sichtweise wie auf die Militärpolitik von Präsident Bush).

Diese Minderheiten drohen - vor allem in den säkularisierten Gebieten der Welt- ein falsches Bild der Religionen und deren friedenschaffenden Möglichkeiten und Taten zu geben.

Verbrecherische Geldgier (Lösegelder), Hass, Lust am Quälen, Ausübung von Rache sind als weitere, diabolische Ursachen des Terrorismus zu nennen. Sie werden nicht selten von schwer verletzten, traumatisierten Menschen verübt.

Lösungsversuche

Franziskus zähmt das Untier, indem er es in seiner Wesensart anerkennt und seine Grundbedürfnisse sichert. Er trocknet so den Nährboden seiner Gewalt aus und führt ein Zusammenwirken von dem befriedeten Untier und der befreiten Bevölkerung herbei.

Wir können an diesem Beispiel auch Hinweise für die Zielrichtung auf eine Minderung bzw. Bewältigung des Terrorismus erkennen:
Es geht darum, dem Extremismus den Nährboden zu entziehen, indem man für die betroffenen Nationen oder Bevölkerungsgruppen Anerkennung, größere Gerechtigkeit und humane Lebensbedingungen innerhalb der Völkerfamilie der Erde ermöglicht. Aufgrund dieser Erfahrung werden sie kein Bedürfnis mehr haben, den Terrorismus weiter zu unterstützen.

Das Umdenken der extremistischen Führungselite ist eine andere Frage. Bei Wegfall der Unterstützung können sie jedoch ihre Pläne nicht weiter durchführen, sie sind entmachtet. Sie von ihrer Ideologie, Machtbesessenheit oder dem religiösem Fanatismus abzubringen, ist eine Frage der Einsicht, der Umkehr - oder auch des Pragmatismus. Es liegt nicht in unseren Händen. Uns obliegt es nur, Zeugnis zu geben und nicht zu vergessen, dass Terroristen oft verletzte Personen sind, die, wie jeder Mensch, in sich die Möglichkeit zur Umkehr tragen.

Armutsbekämpfung ist in diesem Zusammenhang von höchster Bedeutung. Wir müssen uns mit aller Entschiedenheit für gerechte Nord/Süd-Handelsbeziehungen einsetzen. Das verlangt ein gerechteres Teilen der Güter der Erde: z.B. Verminderung der Agrarsubventionen in der EU, stabile Preise für Produkte aus den Entwicklungsländern und Exportmöglichkeiten für diese, wie z.B. für Baumwolle aus Ostafrika; tatkräftige Unterstützung des fairen Handels. Im Millenniumjahr wurde versprochen, bis 20015 Trinkwasser für alle Menschen zu sichern und die Zahl der Hungernden der Welt zu halbieren. Die Finanzierung hiefür fehlt jedoch bis heute! Alle fünf Sekunden stirbt laut UN-Bericht ein Mensch an Folgen des Hungers!

Um die Situation im Süden der Welt zu verbessern, setzen sich christliche Kirchen für eine Kontrolle der internationalen Wirtschafts- und Handelsinstitutionen und deren Abkommen durch die UNO ein (WTO, Weltbank, Gats).
Durch zahlreiche solidarische Initiativen für Selbsthilfe in den armen Ländern durch Staaten, kirchliche Institutionen und NGOs öffnen sich für jeden von uns Möglichkeiten der Unterstützung. Das in Brasilien gegründete Weltsozialforum vernetzt Hunderte von NGOs und kirchlichern Organisationen, die sich für eine Globalisierung einsetzen, in deren Mittelpunkt die wirklichen Bedürfnisse des Menschen und nicht Profit und Macht stehen.

All das sind Aufbrüche, die in die richtige Richtung gehen. Sie treffen jedoch nicht entschieden genug die Strukturen, die Armut und Unrecht begründen. Eine große Arbeit der Meinungsbildung und Ausübung von moralisch-politischem Druck ist zu leisten. Jede/r von uns trägt dabei Mitverantwortung.

Achtung der nationalen Würde und friedliche Konfliktlösung vor allem dort, wo muslimische Bevölkerung betroffen ist.

Einige Beispiele seien angeführt:

a) Philippinen/Mindanao: Die Philippinen bestehen aus 2000 Inseln, die sich in drei regionale Gruppen teilen: der Norden mit der Hauptstadt Manila, die Vesayas (mittlere Gruppe) und der Süden mit der Hauptinsel Mindanao. Die Philippinen waren Teil eines muslimischen Reiches bis zur Eroberung und Christianisierung durch Spanien. Die muslimische Minderheit in Mindanao (drei Millionen) gab den Befreiungskampf nie auf und leistete friedlichen wie auch bewaffneten Widerstand. Neben anderen Lösungsversuchen hatte Ninoy Aquino, der unter dem Regime von Fernando Marcos 1984 ermordete Oppositionsführer, einen Friedensplan erarbeitet, den seine Witwe, Präsidentin Cory Aquino, der muslimischen Widerstandsbewegung persönlich vorlegte. Doch verhinderten militärische Interventionen die Durchsetzung der Lösungsvorschläge.

In den letzten Jahren mehrten sich terroristische Überfälle auf Touristen und 2003 kam es praktisch zu einer Kriegssituation in Mindanao. Es gab viele Opfer und Hunderttausende Binnenflüchtlinge, vor allem Frauen und Kinder.

In dieser auswegslosen Situation entwickelte sich in den Philippinen seit 2001 eine nationale Föderalismusbewegung mit dem Ziel, eine föderale Verwaltung zu errichten. Eine konstitutionelle Konvention zu dieser Frage ist für Herbst 2004 vorgesehen. Die Bewegung findet beachtliches Interesse der Präsidentin und des Senats.

In Mindanao wird im Rahmen eines föderalen Systems von Muslimen wie auch von Christen die Errichtung eines selbstverwalteten Bangsamoro-Staates erhofft.

In diesem Zusammenhang besuchte vom 11.-18. September 2004 eine hochkarätige, 8-köpfige Delegation die Schweiz, um deren föderale Strukturen zu studieren. So erarbeiteten sich Vertreter von Muslim-Organisationen, dem Friedensbüro der Regierung, der nationalen föderalistischen Bewegung und der Kirche Grundkenntnisse des Föderalismus. Vor allem aber - und das war eine wesentliche Erfahrung - lernten die Delegierten sich kennen und bauten persönliche, achtungsvolle Kontakte untereinander auf.

Der Prozess soll bis 2010 abgeschlossen sein. Es besteht begründete Zuversicht, dass so Terrorismus und Blutvergießen in Mindanao beendet werden können.

b) Israel/Palästina: Obgleich gerade in dieser Region die Spirale der Gewalt unaufhörlich eskaliert und Terrorismus/Befreiungskampf/Repression immer neue Nahrung erhalten, und obgleich die Friedensbewegung auf beiden Seiten wenig Erfolge sieht, sollen deren unermüdliche, seit Dekaden durchgeführten Bemühungen hervorgehoben werden. Sie helfen, die Grundlagen für eine friedliche Konfliktlösung in Gerechtigkeit, für gegenseitiges Verständnis und Achtung, für Demokratie und Menschenrechte zu legen. Israelische und palästinensische Frauenbewegungen spielen dabei eine hervorragend kreative Rolle. Mehrere dieser Bewegungen sind dem Internationalen Versöhnungsbund angeschlossen. Nicht zu vergessen ist auch der Friedensplan, der 2003 in Genf vorgelegt wurde, ausgearbeitet von einem israelischen Abgeordneten der Arbeiterpartei und einem ehemaligen palästinensischen Minister. Er fand breite internationale Unterstützung und schlug erstmals realistische Lösungen für das Problem der palästinensischen Flüchtlinge wie für die Verteilung des Wassers und die Stadt Jerusalem vor. Noch fehlt der politische Wille zur Durchsetzung.

c) Frankreich: Kehrtwende der Muslime in Frankreich zu Vernunft und Anerkennung der laizistischen Republik. September 2004

In Frankreich leben 5 Millionen Muslime (8,5% der Bevölkerung). Die Mehrzahl stammt aus dem Mahgreb. Sie gehören unterschiedlichen Strömungen des Islam an, von demokratisch moderaten bis islamistischen. Es darf nicht übersehen werden, dass die deprimierenden Lebensbedingungen für Jugendliche der 2. Einwanderergeneration in den HLM (Gemeindebauten) der Vororte - sie sind entwurzelt, arbeitslos, chancenlos - bewirken, dass diese äußerst ansprechbar für Radikalisierung und Gewalt sind.

Nach langen, heftigen Diskussionen wird von der Regierung das “Kopftuchgesetz” erlassen: es besagt, dass es verboten ist, religiöse Insignien an öffentlichen Schulen zu tragen z.B. Kipa, Kopftuch oder Ordenskleid. Es tritt mit Schulbeginn 2004 in Kraft.

Kurz davor werden zwei französische Journalisten, Christian Chesnot und Georges Malbrunot, im Irak gekidnappt. Als Bedingung für die Freilassung wird die Aufhebung des Kopftuchgesetzes binnen 24 Stunden gefordert. Angesichts dieser Erpressung nehmen die muslimischen Führer Frankreichs zum ersten Mal gemeinsam Stellung. Sie weigern sich, der Erpressung zuzustimmen. In den Moscheen rufen alle Imane zur Befolgung des Gesetzes auf. Zu Schulbeginn befolgen die allermeisten Mädchen das Gesetz und versorgen ihr “foulard” in der Schultasche.
“Der Akt hat etwas höchst Symbolisches: Die jungen Musliminnen machten dadurch klar, dass sie sich dem Gesetz der laizistischen Republik unterwerfen… Sie distanzieren sich so von jenen irakischen Kidnappern, die Paris zwingen wollten, dieses Gesetz zurückzunehmen.” (St. Brändle, Der Standard, 14.09.04)

Eine hochrangige Delegation des Französischen Rates für muslimischen Kult reist nach Bagdad und verhandelt mit dem Komitee der muslimischen Oulemas (Sunniten), um die Freilassung der Journalisten zu erwirken:
“Wir haben ihnen in aller Deutlichkeit erklärt, dass Frankreich sich nicht im Krieg gegen den Islam befindet; dass wir ein integraler Bestandteil der französischen Nation sind, nicht verfolgt werden und Moscheen haben, in denen wir in Würde beten. … Mit Problemen, die in Frankreich auftauchen, haben wir uns selbst auseinander zu setzen. Dazu verfügen wir über legale Mittel…” (La Vie, Paris, 09.09.2004)

25 europäische muslimische Institutionen schließen sich dem Appell an. Es ist eine eindeutige Absage an den Terrorismus als Instrument der muslimischen Religion.

Es handelt sich hier um ein ebenso abruptes wie tiefes Umdenken der französischen Muslime. Man kann sagen, es ist die Geburtsstunde des “französischen Islam”. Bisher hatte der Islamische Rat immer die Frage offen gelassen, ob sie im Zweifelsfall der Scharia oder der Republik Vorrang geben. Nun haben sie ohne Zögern eine klare Wahl getroffen: nicht als französische Muslime sondern als muslimische Franzosen. Sie lassen sich nicht ihr Verhalten von außen durch irgendwelche djihad-Verfechter oder islamistische Armeen diktieren. Im Gegenteil: sie suchen sich davon abzugrenzen.

Eine bedeutungsvolle Rolle bei diesem - vielleicht für ganz Europa wichtigen Vorgang - spielt die Tatsache, dass Frankreich den Irak-Krieg nicht unterstützte.

Eine Herausforderung bleibt jedoch aufrecht:

  • Die Situation der jungen Maghrebiner muss unbedingt, auch durch teure Förderungsprojekte, verbessert werden (Bildung, Wohnung, Arbeit);
  • Ein breiter Konsens in der französischen Bevölkerung für eine echte soziale Integration der Einwanderer, der weitgehend fehlt, muss durchgesetzt werden. Sonst bleibt der Nährboden für Terrorismus erhalten.

Dies gilt in gleicher Weise für Österreich und alle EU-Staaten. Auch für uns heißt es: den Islam wirklich kennen zu lernen, Freundschaft aufzubauen; die liberalen Muslime zu unterstützen, Aufstiegsmöglichkeiten für Einwanderer sowie humane gesetzliche Grundlagen zu schaffen. Nur auf diesem Weg kann man Gewalt vorbeugen, sie abfangen.

Es geht also, wie in der Geschichte von Gubbio, um Anerkennung und Durchsetzung von größerer Gerechtigkeit.

Zeugen der Liebe

Zum Abschluss möchte ich an jene Christen erinnern, meist Ordensleute, die unseren islamischen Schwestern und Brüdern auf der tiefsten Ebene menschlicher Existenz begegnen, indem sie ihr Leben einsetzen, um in deren Mitte jene Liebe zu bezeugen, die Jesus uns vorgelebt und aufgetragen hat.

Durch ihre liebende Gegenwart bis zum Tod helfen sie, Vorurteile, Hass und Gewalt in Herzen und Strukturen auch der “Terroristen” und Fanatiker zu überwinden. Ich schließe mit dem Zeugnis aus dem Testament des Priors der Trappistenmönche von Thibirine, Algerien, die 1996 von der islamistischen GIA ermordet wurden:

“Sollte es sich eines Tages ereignen, dass ich Opfer des Terrorismus werde, so wünsche ich, dass (man) … sich daran erinnert, dass mein Leben Gott und diesem Land geschenkt war… Ich habe lange genug gelebt um zu wissen, dass ich Komplize des Bösen bin, Komplize selbst des Bösen dessen, der mich blind erschlagen wird.

Ich wünsche, wenn dieser Moment gekommen ist, einen klaren Augenblick zu haben, um Gott und meine Menschenbrüder um Vergebung zu bitten und zugleich aus ganzem Herzen dem zu verzeihen, der daran ist, mich zu töten. - Ich wünsche keinen solchen Tod. Ich könnte mich nicht darüber freuen, dass dieses Volk, das ich liebe, unterschiedslos für meine Ermordung verantwortlich gemacht wird.

Das, was man vielleicht die ?Gnade des Martyriums’ nennen wird, ist zu teuer erkauft, wenn man sie einem Algerier, wer immer er sei, verdankt, besonders dann, wenn er in Treue zu dem handelt, was er für den Islam hält. Ich kenne die Verachtung, mit der man unterschiedslos Algerier behandelt. Ich kenne auch die Karikatur des Islam, die ein gewisser Islamismus ermutigt.

So werde ich also, wenn es Gott gefällt, meinen Blick in den des Vaters versenken, um mit ihm die Kinder des Islam zu betrachten, so, wie er sie sieht, erleuchtet vom Glanz Christi, Früchte seines Leidens, erfüllt mit der Gabe des Heiligen Geistes… Für dieses verlorene Leben, das ganz mir und ganz ihnen gehört, danke ich Gott, der es scheinbar, trotz allem, für diese Freude gewollt hat… In dieses merci, in dem nun alles über mein Leben gesagt ist, schließe ich euch alle ein… Auch dich, Freund der letzten Minute, der du nicht gewusst haben wirst, was du tust. Ja, auch für dich wünsche ich dieses merci und das von dir beabsichtigte A-Dieu. Und dass es uns geschenkt sei, dass wir, glückliche Schächer, uns im Paradies wiederfinden, so wie Gott es will, der unser beider Vater ist. - Inch Allah!”
(Sept vies pour Dieu et l’Algérie, Paris 1996, S.210 ff., Übersetzung: Hildegard Goss-Mayr)


Hildegard Goss-Mayr hielt diesen Vortrag am 27. September 2004 beim Kath. Bildungswerk Pf. Hetzendorf, Wien.

Wir danken Hildegard Goss-Mayr, dass sie uns ihr Vortragsmanuskript freundlicherweise für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat.

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Dr. Hildegard Goss-Mayr ist eine der profiliertesten Persönlichkeiten der christlichen Friedensbewegung. Seit den 50er Jahren setzt sie sich sowohl in zahlreichen Publikationen als auch in ihrer praktischen Friedensarbeit für eine Kultur der Gewaltfreiheit ein. Stationen Ihrer Arbeit waren u.a. Brasilien, Mexiko, Mosambik, Angola, Libanon, Israel, Philippinen, Rumänien und Rwanda.
Gemeinsam mit ihrem 1991 verstorbenen Mann Jean Goss zeigte sie immer wieder, dass aktive Gewaltlosigkeit eine Kraft zur Veränderung sein kann.

Veröffentlicht am

23. Februar 2005

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