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Allawi verliert

Von Borzou Daragahi - Globe and Mail / ZNet 05.02.2005

Bagdad. Die gestern veröffentlichten ersten Teilergebnisse zu den Wahlen im Irak lassen eine glatte Niederlage der Koalition unter Interims-Premierminister Ayad Allawi erwarten. Diese Niederlage geht zugunsten einer Liste, hinter der ein hoher Geistlicher mit Verbindungen nach Teheran steht (Großajatollah al-Sistani).

Die Veröffentlichung der Ergebnisse erfolgt mitten in einer neuen Welle der Gewalt, der bislang mindestens 26 Iraker und 2 US-Marines zum Opfer fielen (kurz nach der Wahl war es zunächst ruhig geblieben). Es handelt sich um erste, unvollständige Ergebnisse aus Bagdad und den 5 schiitisch dominierten Provinzen. Mr. Allawis Chancen auf einen Platz in der neuen Regierung scheinen zu sinken. Allawi ist ein Ex-CIA-Protegé mit Rückendeckung aus Washington. Erwartet wurde, dass er zumindest in Bagdad viele Stimmen erringt.

Bei der Bagdader Auszählung entfallen bislang lediglich 140.364 der Stimmen auf Allawi, während die ‘Vereinigte Irakische Allianz’ - gesponsert durch Großajatollah Ali al-Sistani -, 350.069 Stimmen erhielt. Schiitenführer Al-Sistani verbrachte viele Jahre im Iran. In den 5 überwiegend schiitischen Provinzen, die ausgezählt wurden, wird die Führung der ‘Allianz’ noch deutlicher. Mancherorts führt die ‘Allianz’ hier im Verhältnis 5 zu 1 vor Allawi. Insgesamt kann die ‘Allianz’ 1,1 Millionen der 1,6 Millionen Stimmen des schiitischen Südens für sich verbuchen (inklusive ihrer Stimmen aus 10% aller Bagdader Wahllokale). An zweiter Stelle - mit 360.500 Stimmen - rangiert die Liste Allawis.

Sharif Ali bin Hussein ist Führer der sunnitisch-orientierten ‘Konstitutionellen Monarchie-Partei’. Er bezeichnet die Wahlen als “Sistani-Tsunami” - ein Tsunami, der sowohl Bagdad als auch Washington erschüttern werde. “Die Amerikaner sollten sich besser auf einen Schock gefasst machen”, so Hussein. “Viele Leute in diesem Land werden aufwachen und schockiert sein”.

Safwat Rashid ist Mitglied der ‘Unabhängigen Wahlkommission’ des Irak. Er warnt Beobachter, nicht zuviel in die Auszählungsergebnisse hineinzuinterpretieren. Die Stimmen der sunnitischen und kurdischen Provinzen seien noch nicht ausgezählt. Erst in 10 Tagen sei mit Endergebnissen und endgültigen Zahlen zur Wahlbeteiligung zu rechnen. “Im Moment kennt nur Gott, der Allmächtige, allein die endgültige Wahlbeteiligung”, so Rashid. Aber auch er gibt zu, die aus Bagdad gemeldeten Ergebnisse stammten aus “gemischten” Vierteln mit sowohl schiitischer als auch sunnitischer Bevölkerung. Hier waren hohe Gewinne für Allawi erwartet worden.

Viele Analysten glauben, Allawi werde aufgrund seines schlechten Abschneidens wohl kaum auf seinen Ministerpräsidentensessel zurückkehren. Kurden und nichtreligiöse Iraker hatten gehofft, Allawi könne die ‘Vereinigte Irakische Allianz’ ausstechen. Viele hegen die Befürchtung, bei der ‘Allianz’ handle es sich um eine Frontorganisation Teherans, die eventuell auf die Errichtung eines islamischen Gottesstaats pochen werde. Auch westliche Offizielle in Bagdad scheinen sich auf eine Niederlage Allawis vorzubereiten.

Die ‘Allianz’ “ist eine sehr diverse Gruppe von Leuten - das geht von verwestlichten Unabhängigen über Sunni-Sheiks bis hin zu Leuten, die tatsächlich an einen islamischen Staat glauben. Wird schwer sein, die Einheit zu wahren”, so ein Diplomat hoffnungsvoll. Laut eines politischen Insiders ruft Allawi für Mittwoch zu einem Treffen mit den politischen Repräsentanten der anderen Gruppen auf. Damit wolle er sich bei der ‘Allianz’ wieder lieb Kind machen.

Die Führer der ‘Allianz’ sind voller Zuversicht. Sie glauben, sie werden die nötige Mehrheit von 138 Parlamentssitzen erreichen und so das neue Kabinett stellen. “Ich glaube, wir haben es fast geschafft, vielleicht sogar schon mehr (Stimmen)”, so Adnan Ali al-Kadhimi, stellvertretender Wahlkampfleiter von Ibrahim al-Jaffari, der Nummer 2 auf der ‘Allianz’-Liste. Eine ‘Allianz’-Regierung werde aber auch hohe Ämter an Sunniten vergeben, so al-Kadhimi - auch wenn die Sunniten größtenteils nicht zur Wahl gingen. Die Sunniten hatten Angst vor Gewalt - Gewalt, wie sie gestern erneut aufflammte.

Bei einer Serie von Anschlägen kamen rund 30 Personen ums Leben. Südlich von Kirkuk stoppten Aufständische einen Minibus. Die Armeerekruten im Bus mussten aussteigen. 12 wurden erschossen. In Bagdad kam es nahe des Flughafens zu einem Selbstmordanschlag auf einen Konvoi mit Ausländern. Der Konvoi wurde von Humvees des US-Militärs eskortiert. Bei einem weiteren Anschlag gelang es Aufständischen, 5 irakische Polizisten und einen Major der irakischen Nationalgarde zu töten. In der Provinz Anbar kamen bei Zusammenstößen 2 US-Marines ums Leben. In Baqouba wurden zwei irakische Vertragsarbeiter von Bewaffneten getötet. Die Arbeiter waren unterwegs zur Arbeit auf einer US-Militärbasis, als ihr Fahrzeug plötzlich unter Beschuss geriet.

Quelle: ZNet Deutschland vom 07.02.2005. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Defeat For Allawi”

Veröffentlicht am

07. Februar 2005

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