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Auschwitz war den Westmächten gleichgültig

Die Verhinderung des Massenmords passte nicht in die militärische Strategie

Von Klaus Schramm

Inzwischen ist zwar durch die vor über einem Jahr erfolgte Veröffentlichung der Luftbilder, die von der britischen Royal Air Force gemacht worden waren, eindeutig bewiesen, dass die Westmächte hätten Bescheid wissen können, was in Auschwitz vor sich ging. Dennoch wird in der Öffentlichkeit nach wie vor die Propaganda verbreitet, die Fülle des Fotomaterials habe verhindert, dass die mit der Auswertung der Fotos befassten Soldaten erkannt hätten, dass im Konzentrationslager Auschwitz massenweise und in geradezu industrieller Dimension Menschen ermordet wurden. So sagte der Leiter des britischen Foto-Archivs, Allan Williams, die Soldaten hätten zur Begutachtung der Fotos zu wenig Zeit gehabt und: “Die Leute waren angehalten, ausschließlich nach militärisch wichtigen Daten zu suchen.”

Auch die britische Tageszeitung ‘Guardian’ beschwichtigte vor einem Jahr mit der Behauptung, die Bedeutung der Auschwitz-Fotos sei den militärischen Begutachtern sicherlich entgangen, “weil die Technologie ihre Operateure glatt überrollte”. Zugleich aber merkte der Journalist desselben Artikels im ‘Guardian’ an, dass die Befreiung der Insassen der Todescamps “im alliierten Krieg keinen Vorrang genoss”. Immerhin wussten die Regierungen in London und Washington durch die Entschlüsselung deutscher Codes und durch verlässliche Informanten schon Anfang 1943, lange vor den Luftaufnahmen, von der systematischen Vernichtung der Juden durch das Nazi-Regime.

Die “Aufklärungs”-Fotos, die britische Piloten über Deutschland gemacht hatten, gerieten nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit. 1962 wurden sie dem britischen Nationalarchiv übergeben und in der Universität von Keele abgelegt. Für die Öffentlichkeit waren die Bilder prinzipiell schon seit Jahren zugänglich, wegen der Lagerung in Tausenden von Kisten war die Suche nach einzelnen Bildern aber zeitraubend. Auch ForscherInnen hatten sich bis dahin nicht die Mühe gemacht, die über fünf Millionen Fotos zu sichten. Erst die Idee des Archiv-Leiters Allan Williams, die Fotos auf eine spezielle Internet-Seite zu stellen, und sie der Allgemeinheit so zugänglich zu machen, änderte die Situation schlagartig. Seit Anfang 2004 sind die Aufnahmen im Internet unter der Adresse “ www.evidenceincamera.co.uk ” veröffentlicht.

Die hohe Auflösung der Foto-Dokumente erlaubt einen fast unheimlich präzisen Blick auf das Konzentrationslager Auschwitz. Auf manchen Fotos sind die Massengräber zu erkennen und weißer Rauch, der daraus aufsteigt. Auf anderen Fotos sind Häftlinge zu erkennen, die sich gerade zum Appell in Reih und Glied aufstellen müssen. Auch Williams bekannte gegenüber den Anfang 2004 interessierten Medien, die Auschwitz-Fotos hätten ihn “aufs Äußerste bewegt”.

Auch die Geschichte der Informanten, durch die sowohl die britische als auch US-amerikanische Regierung vom Massenmord an Juden, Kommunisten, Sozialisten, Anarchisten, Sinti und Roma, an Homosexuellen und an geistig Behinderten erfahren hatten, blieb über lange Jahre der Öffentlichkeit verborgen. Jan Karski beispielsweise, einer dieser Informanten, hatte bis kurz vor seinem Lebensende nicht über die Umstände gesprochen, wie die Westmächte auf die von ihm überbrachten Informationen reagierten.

Jan Karski war der legendäre Kurier der polnischen Untergrund- bewegung. 1998 hatte ihn Yad Vashem, die Gedenkstätte Israels für die Shoah, für den Friedensnobelpreis nominiert. Als 23-Jähriger hatte sich Jan Karski 1942 ins Warschauer Ghetto und ins KZ Izbica Lubelska einschleusen lassen. Obwohl von der Gestapo verfolgt, gelang es ihm, das Kriegsgebiet zu durchqueren und mit Dokumenten und Fotos bis zum damaligen britischen Außenminister Anthony Eden vorzudringen. Zweimal, so Karski, ließ sich Anthony Eden vom Elend im Warschauer Ghetto und von den Massendeportationen der Juden ins Vernichtungslager Belzec berichten. Doch als Karski die Forderungen des jüdischen Widerstands nach militärischen Maßnahmen gegen den Massenmord an den Juden vorbrachte, habe Eden wörtlich geantwortet: “Wir wissen Bescheid über die Greueltaten der Nazis. Die Sache wird entsprechend behandelt.”

Den Wunsch Karskis, auch mit dem damaligen britischen Premierminister Churchill zu sprechen, wies Eden zurück. Und in der Zeit darauf zeigte sich weder das britische Parlament noch die Regierung bereit, die Forderung nach Bombardierung der Schienenverbindungen zu den Konzentrationslagern zu erfüllen. Karski reiste weiter in die USA. Im Juli 1943 gelang es ihm, eine Unterredung mit dem US-Präsidenten Franklin Roosevelt zu erwirken. Karski zeigte ihm die unter Lebensgefahr von polnischen Untergrundkämpfern geraubten Nazi-Dokumente und forderte, dass die Alliierten “die Verhinderung der Massenvernichtung der Juden zu ihrem Kriegsziel erklären” sollten. Roosevelt wollte nur die spätere Bestrafung der Schuldigen versprechen.

Was Karski zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnte: US-Präsident Roosevelt und Großbritanniens Außenminister Eden hatten bereits im März 1943 die zukünftige Nachkriegsordnung für Polen, die enorme Zugeständnisse an Stalin enthielt, beschlossen. Doch im Verlauf der Gespräche mit Roosevelt und Eden hatte Jan Karski begriffen, dass Polen für die Westmächte nur eine Verhandlungsmasse darstellte. Die Verhinderung des Völkermords an den Juden war, wie er in einem Interview im Jahr 1997 erklärte, “nur ein Nebenaspekt, der einfach nicht in die militärische Strategie passte”.

Verbittert hatte Jan Karski zu Ende des Zweiten Weltkriegs beschlossen, nie wieder über die Vergeblichkeit seiner Bemühungen zu sprechen. Erst 1985, mit dem Dokumentarfilm “Shoah” von Claude Lanzmann erfuhr die Öffentlichkeit, dass Jan Karski der Kurier des polnischen Untergrunds war. Und erst in den letzten Jahren vor seinem Tod am 13. Juli 2000 hatte sich Jan Karski zur Frage geäußert, wie weit die Westmächte informiert waren.

Jan Karski war sicherlich klar, dass eine frühere Verbreitung seines Wissens auch dazu hätte beitragen können, jenen ungewollt Munition zu liefern, die schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten, die deutschen Verbrechen zu relativieren. Doch wenn zugleich klar ist, dass die Westmächte wegen ihrer Mitwisserschaft nicht als faschistisch zu bezeichnen sind, sollte es heute an der Zeit sein, die tatsächlichen Beweggründe für den Kriegseintritt Großbritanniens und der USA zu analysieren. Wie in jedem Krieg ging es nicht um ethische Ziele. Es ging den Westmächten nicht um die Verhinderung der in der Geschichte der Menschheit unvergleichlichen Verbrechen, die von Deutschen begangen wurden. Es ging im Zweiten Weltkrieg auch nicht um den Sturz des Faschismus wie das Desinteresse an einer Beendigung der Herrschaft des spanischen Diktators Franco beweist. Es ging - wie in jedem Krieg - allein um wirtschaftliche Interessen.

Quelle: Netzwerk Regenbogen vom 27.01.2005.

Veröffentlicht am

28. Januar 2005

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