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Bagdad: Wahlen und die Angst

Von Robert Fisk - Seattle Post Intelligencer / ZNet 19.01.2005

In der Welt des Journalismus regiert das Klischee. In diesem Falle allerdings stimmt das Klischee, das einem als erstes in den Sinn kommt - Bagdad ist wirklich eine Stadt der Angst. Die Iraker fürchten sich, die Männer der Milizen, die amerikanischen Soldaten, die Journalisten, alle fürchten sich. Der 30. Januar rückt näher - jener Tag, an dem die Segnungen der Demokratie auf uns niederregnen sollen. Er naht mit der Sicherheit und Geschwindigkeit eines ‘Doomsday’.

Auf dem jüngsten Sarkawi-Video ist die Exekution von 6 irakischen Polizisten zu sehen. Sie schießen einem nach dem andern in den Hinterkopf. Einer lebt noch und stellt sich tot. Ein Bewaffneter nähert sich ihm von hinten und zerschießt ihm den Kopf. Es sind diese Bilder, die alle verfolgen.

Dienstagmorgen an der al- Hurriya-Kreuzung überholen mich vier Laster mit (irakischen) nationalen Sicherheitskräften - laut Präsident Bush die künftigen Retter des Irak. Ihre Gewehre wirken wie Stachelschweinborsten - gegen sämtliche Verkehrsteilnehmer und alle Irakis auf dem Bürgersteig gerichtet. Die irakische Armee richtet ihre Waffen gegen die eigenen Landsleute. Alle tragen Masken - schwarze Kapuzen, Skimasken oder Palästinensertücher. Zu sehen sind nur die Sehschlitze und ein verängstigtes Augenpaar. Genau so eine Straßenszene erlebte ich letzten Sommer in Mahmoudiya - südlich von Bagdad - kurz bevor die Stadt endgültig kollabierte und an die Aufständischen fiel. Nun beobachte ich diese Szenen also hier in der Hauptstadt.

Der Kamal-Jumblatt-Platz liegt am Tigris. Zwei amerikanische Humvee-Fahrzeuge nähern sich dem Kreisverkehr. Die Maschinengewehrschützen in den Humvees brüllen die Autofahrer an: Abstand halten! An jedem der Fahrzeuge hängt hinten ein großes Schild auf Arabisch: “Verboten. Überholen Sie den Konvoi nicht. Halten Sie 50 Meter Abstand.” Die nachfolgenden Autos gehorchen - wissen sie doch genau, was “tödliche Gewalt” (deadly force) bedeutet, jene beiden Worte, die auf den Schildern der amerikanischen Checkpoints prangen. Doch dann geraten die beiden Humvees mitten in den Verkehrsstau. Die Schützen brüllen uns an, legt den Rückwärtsgang ein. Ein Taxi übersieht die US-Soldaten und blockiert ihren Weg. Der Amerikaner im vorderen Fahrzeug schleudert eine volle Plastikflasche Wasser auf das Taxidach. Der Taxifahrer weicht auf das Grasrondell aus. Einem Laster ergeht es nicht viel anders. “Zurück”, schreit der hintere Schütze und starrt uns durch seine Brillengläser an. Verzweifelt versuchen wir, mitten im Stau zu wenden.

Natürlich, die Russen damals in Kabul hätten Handgranaten geworfen. Die verängstigten “Befreier” Bagdads allerdings werfen mit Plastikflaschen auf Iraker, die am 30. Januar in den Genuss der US-verordneten Demokratie kommen sollen. Wer mir diese seltsame Szene nicht abnimmt: auf der Windschutzscheibe des hinteren Humvees stand “Specialist Carrol”. Ich bin sicher, dieser Spezialist betrachtet jeden von uns als potentiellen Selbstmordattentäter - einen Killer auf vier Rädern. Wer wollte es Carrol verübeln? Kurz zuvor war ein Bombenattentäter vor die Polizeistation in Tikrit gefahren - das liegt nördlich von Bagdad -, und hatte sich und mindestens 6 Polizisten in den Tod gesprengt.

Wir biegen um die Ecke, und ich erkenne den Grund für den Verkehrsstau: irakische Cops im Gemenge mit hunderten Autofahrern. Die Fahrer versuchen verzweifelt, an Benzin zu kommen. Sie weigern sich, noch länger in der Schlange für etwas anzustehen, das der Irak doch im Überfluss hat: Benzin.

Ich halte am Ramaya-Restaurant, um zu Mittag zu essen - geschlossen. Um das Lokal herum wird gerade ein zwanzigstöckiger Sicherheitswall hochgezogen. Also fahre ich auf eine Pizza ins Rif und klimpere ein wenig auf dem Klavier - während meine Augen den Eingang nach Leuten absuchen, die ich nicht sehen will. Die Kellner sind nervös - und sehr froh, dass sie mir die Pizza schon nach 10 Minuten servieren können. Ich bin der einzige Gast im Lokal. Sie sind wie freundliche Kaninchen, die die Straße im Auge behalten. Sie warten auf DAS AUTO.

Ich telefoniere mit einem irakischen Freund, der zu Saddam Husseins Zeiten ein Literaturmagazin herausgab. “Sie wollen, dass ich wählen gehe, aber beschützen können sie mich nicht”, sagt er. “Vielleicht kommt kein Selbstmordattentäter in das Wahllokal. Aber man wird mich beobachten. Was, wenn man mir drei Tage später eine Handgranate in den Hausflur wirft? Die Amerikaner werden sagen, sie hätten ihr Bestes getan, und Allawis Leute werden sagen, ich sei ein ‘Märtyrer der Demokratie’. Glaubst du wirklich, ich werde wählen gehen?”

Die Moustansariya Universität ist eine der besten Universitäten im Irak. Die Studenten stehen vor ihren Semesterabschlussprüfungen im Fach ‘Englische Literatur’. Im Irak endet das Semester im Januar. Ein Student berichtet mir von seinen Kommilitonen. Sie gingen zu ihrem Dozenten und sagten, sie seien noch nicht soweit mit den Prüfungsvorbereitungen - so angespannt ist die Situation hier. Anstatt sie durchfallen zu lassen, hätte der Dozent die Prüfung einfach verschoben.

Auf meiner Rückfahrt über die al-Hurriya-Kreuzung (neben der ‘Grünen Zone’) sehe ich plötzlich einen großen schwarzen 4-by-4 voller Bewaffneter, die Skimasken tragen. “Zurück!” brüllen sie die Autofahrer an, während sie versuchen, über die Mittellinie abzukürzen. Ich kurble meine Scheibe herunter. Die hintere Tür des 4-by-4 öffnet sich, und ein westlicher Typ - blaue Augen, blonde Haare - mit Skimaske richtet seine Kalaschnikow auf mein Auto. “Zurück” kreischt er in furchtbarem Arabisch. Dann ist der 4-by-4 über die Straße - 3 gepanzerte Pickups mit geschwärzten Scheiben und quietschenden Reifen im Gefolge. Die Fahrzeuge transportieren kostbare Fracht, nämlich Westler - in die vermeintliche Sicherheit der ‘Grünen Zone’. Die ‘Grüne Zone’ ist jener hermetisch abgeriegelte Gebäudekomplex, von dem aus der Irak angeblich regiert wird.

Ich werfe einen Blick in die irakische Presse. Da ist US-Außenminister Colin Powell, der erneut vor einem “Bürgerkrieg” im Irak warnt. Warum warnen Leute aus dem Westen immer vor einem Bürgerkrieg? Die Gesellschaft hier ist eine Stammesgesellschaft und keine sektiererische. Nur eine Zeitung - der kurdische Al Takhri, loyal zu Mustafa Barzani - stellt dieselbe Frage. “Im Irak gab es noch nie einen Bürgerkrieg”, wettert der Leitartikler. Stimmt. Also dann, “volle Kraft voraus - erstens” in Richtung Angstdatum 30. Januar und “zweitens” in Richtung Demokratie.

Die amerikanischen Generäle - mit ihrer einzigartigen Mischung aus Verlogenheit und Prinzip Hoffnung inmitten des Aufstands - sagen, nur in 4 der 18 irakischen Provinzen könne es Schwierigkeiten hinsichtlich einer “vollen” Wahlbeteiligung geben. Eine gute Nachricht. Allerdings wäre es angebracht, einen Blick in die Bevölkerungsstatistik zu werfen. Dann wird einem nämlich klar, dass in diesen 4 Provinzen über die Hälfte der irakischen Bevölkerung lebt - was die Generäle selbstverständlich wissen.

Quelle: ZNet Deutschland vom 20.01.2005. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: Fear and Voting in Baghdad

Veröffentlicht am

21. Januar 2005

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