Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Blut ist teuer

In Amman trafen sich Irakis und Amerikaner und trauerten gemeinsam; es wurde beschlossen, sich für Gerechtigkeit einzusetzen.

Von Dahr Jamail - The Ester Republic / ZNet 17.01.2005

Wer im besetzten Irak einen Familienangehörigen durch Gewalt verliert und trauernd zurückbleibt, hätte eigentlich allen Grund zur Verbitterung - ganz gleich ob Iraki oder Amerikaner. Jeder Tote ging auf das Konto der illegalen Besatzung, die Besatzung wiederum ist Resultat der illegalen Invasion - des Einmarsches in einen souveränen Staat (auch wenn die US-Regierung dies leugnet). Mehr als 1.340 US-Soldaten und schätzungsweise 100.000 irakische Zivilisten verloren durch den Krieg und die Okkupation ihr Leben. Viele Familien blieben in Trauer zurück.

Kürzlich traf eine Delegation amerikanischer Familien in Amman/Jordanien ein - Familien, die einen geliebten Menschen im Irak-Konflikt verloren. Sie reisten in den Nahen Osten, um sich mit Irakern zu treffen, die gleichfalls geliebte Menschen verloren. Gesponsert wurde die Reise von ‘Global Exchange’ (Menschenrechtsgruppe mit Sitz in San Francisco) und ‘Code Pink’ (weibliche Friedensaktivisten aus Los Angeles). Innerhalb der Delegation gab es zwei Gruppen: ‘Military Families Speak Out’ und ‘September 11th Families for Peaceful Tomorrows’.

Vor der Versöhnung erzählten sich die Angehörigen ihre Geschichten - Geschichten voller Leid und Brutalität, vor allem auf irakischer Seite. Die Iraker kämpfen täglich ums Überleben. Unter amerikanischer Besatzung ist ihr Land zur Hölle geworden. Auf dem ersten Treffen sprach ein Schiit, dessen Bruder letzten Sommer von Soldaten verhaftet wurde, als er eine Rede im Büro der ‘Human Rights Organisation’ in Hilla (Babylon) hielt. “Die Amerikaner führten eine Razzia durch, alle mußten sich hinlegen. Sie schossen um sich und verletzten neun Menschen durch Schüsse. Danach stellten sie zwei Menschen an die Wand und exekutierten sie durch Kopfschüsse. Es waren Religiöse. Mein Bruder und noch eine Person wurden verhaftet”, erzählt der Schiit.

Sein ganzes Leben hatte er unter brutaler Diktatur verbracht. Nun bekam er Gelegenheit, ein paar Menschen aus jenem Land, das sein Land besetzt hält, vom Schicksal seines Bruders zu berichten. Er nutzte die Chance jedoch auch, um ihnen zu sagen, daß sich die Situation seines Volkes unter US-Besatzung noch mehr verschlechtert hat. Das Schicksal seines Bruders sei Beleg dafür. “Ich stamme aus einer Familie, die gegen Saddam gekämpft hat. Saddam diskriminierte meine Familie, meinen ganzen Stamm - tausende von uns. Mein Bruder ist ein Scheikh, ein religiöser Mann hier in Hilla. Während der Saddam-Zeit hat er gegen ihn gepredigt. Er wurde verhaftet, weil er gegen Saddam redete”. In Abu Ghraib habe sein Bruder - von der Hand der US-Militärs - mehr gelitten als damals während der Haft unter Saddam. Monatelang wurde der Familie der Kontakt zum Bruder verwehrt. “Sie haben meinen Bruder nie angeklagt. Drei Monate gab es immer wieder Termine, die dann abgesagt wurden”. Inzwischen befindet sich der Bruder 7 Monate in Haft. “Als ich ihn nach 3 Monaten sah, war einer seiner Arme und ein Bein gelähmt. Das kam durch einen Elektroschocker. Viele Tage mußte er in einer kleinen Kiste verbringen”.

Eine andere Begegnung zwischen den irakischen und amerikanischen Familien verlief sehr tränenreich. Ein Scheikh aus Falludscha erzählte die schreckliche Geschichte seines Schwiegersohnes, der letzte Woche von US-Soldaten exekutiert wurde. Der Scheikh begann: “Ich schätze mich glücklich, ein Muslim zu sein. Mir wurde Brüderlichkeit, Nächstenliebe und Frieden beigebracht - gegenüber allen Menschen auf diesem Planeten, ganz gleich, wer sie sind und was sie tun. Wer von sich behauptet, Christ zu sein, steht dem Islam am nächsten”, fährt er fort.

“Früher dachten wir, Saddam Hussein ist der schlimmste Diktator. Ich gehöre zu jenen, die von ihm verfolgt wurden. Damals wünschte ich mir, es käme jemand und befreit uns. Die Besatzungstruppen kamen und halfen uns, den Diktator loszuwerden. Da wo ich lebe, faßten alle Leute den Beschluß, nicht gegen die Besatzungssoldaten zu kämpfen. Wir dachten, sie bringen uns Sicherheit und ziehen ab - so haben sie es ja gesagt. Jeder weiß, was damit gemeint ist: ein Land befreien”.

Der Scheikh spricht über Dinge, die er während des Einmarsches im April 2003 sah: “Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie Geschäfte und die Institute zerstörten. Sie haben es Leuten erlaubt, alles zu stehlen. Getötet wurde kollektiv”. “Damals sagten wir uns, vielleicht ist das nur in den ersten Tagen so… aber einen Monat nach Beginn der Besatzung gingen die Soldaten nachts in die Häuser. Sie zerschlugen die Türen, sie drangen ein, stahlen Gegenstände und ließen die Diebe stehlen”, so der Scheikh voller Wut. “Jetzt fingen wir an, die Besatzung mit der Diktatur zu vergleichen. Wir verglichen den Kriminellen Saddam mit dem Kriminellen Bush”.

Der Scheikh erzählt von seinem Schwiegersohn, Scheikh Mouofa. Am 24. Dezember 2004 gab es eine Razzia in seinem Haus. Die Soldaten erschossen Scheikh Mouofa. “Ich sah ihn am Boden liegen, inmitten einer Blutlache”, erzählt der Scheikh den Militärangehörigen. Alle weinen. Mouofas Frau hatte im Nebenzimmer zwei Schüsse gehört. 3 Tage später erklärt das Militär der Familie, die Exekution sei ein Versehen gewesen.

Der Scheikh macht eine Pause - von Trauer überwältigt - er muß sich erst wieder sammeln. “Im Islam stellt das menschliche Leben ein sehr teures, kostbares Gut dar. Alle religiösen Menschen sind unsere Brüder, unabhängig von ihrem Glauben. Daran glauben wir - nicht wie Bush. Er gibt Öl den Vorrang gegenüber menschlichem Leben”, fährt der Scheikh fort und hält ein Foto hoch. Es zeigt zwei kleine Mädchen. “Zwei Tage nachdem ihr Vater getötet wurde, fragten diese Kinder, wo ist unser Vater? Ihr Vater wurde von den Leuten getötet, von denen sie erwartet hatten, daß sie ihre Träume erfüllen”.

Der Scheikh beschwört die Delegation und fährt fort von den Greueln im Irak zu berichten, die er selber mit ansah. “Wir kritisieren Saddam für die Massengräber. Aber heute haben wir im Irak tagtäglich Massengräber. Im Irak werden Häuser über den Köpfen schlafender Menschen zerstört. Ich habe gesehen, wie sie einen Mann festnahmen - vor den Augen seiner Familie”, erzählt er den Zuhörern. “Sie banden ihn mit einem Seil auf einen Stuhl, schlugen ihn mit ihren Gewehrkolben. Dann schossen sie auf ihn und töteten den Mann. Als Nächstes nahmen sie sich seine Brüder vor”. “Wir brauchen eure Hilfe. Helfen Sie uns, diese Soldaten loszuwerden, darum bitten wir Sie. Wir wollen kein Blutvergießen - weder euer Blut noch unseres. Auf der Beerdigung meines Schwiegersohnes riefen einige, Amerika ist der Feind Gottes. Das akzeptiere ich nicht, ich weiß, auch in Amerika gibt es andere Menschen - wie euch”.

Fernando Suarez del Solar kommt aus Los Angeles. “Wenn ich von den Greueln in Falludscha und überall im Irak höre, fühle ich mich schrecklich”, antwortet er dem Scheikh. Er und seine Frau Rosa haben am 27. März 2003 ihren Sohn Jesus verloren. Er war während der Kämpfe im Irak auf eine amerikanische Cluster-Bombe getreten. Suarez wischt sich die Tränen aus den Augen. “Ich begreife Ihren Schmerz und teile ihn. Auch ich habe einen kleinen Enkel, der jetzt Waise ist - wegen zwei Leuten, nämlich Saddam Hussein und George Bush, die der Menschheit Schaden zufügten. Ich möchte Ihnen gerne verständlich machen, wie sehr wir in den USA unter diesem Krieg leiden. Der Krieg ist so ungerecht. Ich weiß, die Zahlen lassen sich nicht vergleichen, aber auch in den USA gibt es Kinder, die jetzt Waisen sind. Wir teilen Ihr Leid. Sie tragen eine große Verantwortung. Der Haß gegen uns darf nicht noch größer werden. Wir, die verwaisten Eltern, tragen gleichfalls eine große Verantwortung - nach diesem Verlust muß Schluß sein mit dem Hassen. Der Haß bringt uns nicht weiter - nur die Liebe. Ich öffne Ihnen mein Herz”.

Der Scheikh griff sich mehrere Male ans Herz und sagte: “Danke für diese Worte, die aus dem Herzen kommen”.

Der Austausch zwischen den beiden Männern steht symbolisch für den Prozeß, der sich in der ‘Delegation des Friedens’ vollzog. Geteiltes Leid und geteilte Trauer verwandelten sich in ein Gefühl der Solidarität und der Verpflichtung, sich für die Gerechtigkeit einzusetzen. “Letzten Monat hätte mein Sohn Geburtstag gehabt”, erzählt Suarez. “Er ist gestorben, damit wir diesen Moment erleben. Mein Sohn gab sein Leben, um den Irakern zu helfen. Danke, daß du heute hier bist, mein Bruder - ihr alle seid Teil meiner Familie”. Die Armee hatte Suarez mitgeteilt, sein Sohn sei in der Schlacht durch Kopfschuß gefallen. Aber Suarez forschte nach und fand heraus, daß sein Sohn während des Einmarsches bei Diwaniyah auf eine illegale, unexplodierte amerikanische Cluster-Bombe getreten war.

Nadia McCaffrey verlor ihren Sohn, Sergeant Patrick McCaffrey, am 22. Juni 2004 im Irak. Am 12. September 2001 hatte Patrick sich zur Armee gemeldet - um etwas für sein Land zu tun. Auch Patrick McCaffrey hinterläßt Frau und Kinder - wie Jesus Suarez und der Schwiegersohn des Scheikhs. Später, auf einer Pressekonferenz in Ammans Intercontinental Hotel, wird Nadia McCaffrey über den erlittenen Verlust sagen: “Ich gebe der Regierung die Schuld. Ich gebe Bush die Schuld. Gegenüber dem irakischen Volk verspürte ich nie Haß. Auf dem letzten Foto, das ich von ihm (Sohn) habe, hält er weiße Blumen in der Hand, die ihm irakische Kinder schenkten, kurz bevor er getötet wurde”.

Ein Hauptanliegen der Delegation war es, Medizinausrüstung und US-Spendengelder zu überbringen - sie sollen das Leid von hunderttausenden Falludscha-Flüchtlingen lindern. Im November 2004 griff das US-Militär die Stadt Falludscha an. Mittlerweile sind laut Schätzungen 75% aller Wohnhäuser und Gebäude in der Stadt durch Bomben dem Erdboden gleichgemacht - die restlichen 25% Gebäude sind zumindest leicht beschädigt. “Mir ist bewußt, was für schreckliche Verbrechen die Soldaten im Irak verüben, ich will es gar nicht verteidigen. Ich schäme mich für das, was passiert”, sagt Fernando Suarez bei einem Treffen mit irakischen Ärzten. “Aber, begreifen Sie, nicht alle sind gleich. Sie können nicht sagen, alle Leute in den USA sind Kriminelle - ebenso wenig wie wir behaupten können, alle Muslime sind Terroristen, nur weil einige Muslime Terroristen sind. Ich war vor einem Jahr im Irak. Damals lernte ich die Iraker lieben.”

Suarez reiste im vergangenen Jahr in den Irak, um dem Ort zu besuchen, an dem sein Sohn starb. “Wir müssen zusammenarbeiten. Wir sitzen hier und reden. Dann geht ihr zurück in den Irak. Erzählt ihnen von den Leuten aus Amerika. Und wir kehren zurück und klagen an, daß eine korrupte Regierung unsere Kinder zu Tieren gemacht hat.” Bei einem weiteren Treffen zwischen der US-Delegation und den irakischen Familien sagt Suarez: “Sie müssen begreifen: Unsere Kinder wurden gezwungen, in den Irak zu gehen. Sie wollten es nicht. Manchmal ging’s sicher ums Überleben, aber das rechtfertigt keine Gefangenenmißhandlung oder daß man die Leute im Stich läßt. Aus diesem Grund bat ich euch gestern um Verzeihung. Vielleicht hilft die Medizin, die wir mitbringen, 100 (irakische) Kinder zu retten. Aber wir setzen uns dafür ein, daß das ganze Land überlebt”. Suarez hat mehrere große Koffer mit Medikamenten und medizinischer Ausrüstung dabei - spendenfinanziert. “Wenn wir damit wenigstens ein paar irakischen Kindern helfen können, bin ich glücklich”.

Bei diesem Treffen war auch der Scheikh aus Falludscha anwesend. Er bringt die Gefühle der Delegation auf den Punkt. Er hält ein Bild seines toten Schwiegersohns hoch und sagt: “Dieser Mann starb letztes Wochenende.” Der Scheikh hält das Foto der beiden Kinder des Toten hoch: “Diese beiden Kinder werden ihren Vater nie wiedersehen. Dieser Moment sollte uns allen eine Lehre sein. Im Namen aller Menschen, laßt uns die Wahrheit aussprechen - vor den Menschen, die von ihrem Präsidenten, mit Unterstützung der Medien, belogen wurden. Wir brauchen eine gemeinsame Position. Ganz gleich, was Bush will - das Gegenteil - aber Blut ist teuer. Versuchen wir, unsere Leute davon abzuhalten, sich an diesem ungerechten Krieg zu beteiligen.”

Quelle: ZNet Deutschland vom 20.01.2005. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: Blood is Precious

Anmerkungen:

Der Autor Dahr Jamail ist Bagdad-Korrespondent des NewStandard. Jamail stammt aus Alaska. Er sieht seine Aufgabe darin, über die unberichtete Story des besetzten Irak zu berichten. Weitere Informationen, Fotos, Kommentare auf: http://dahrjamailiraq.com

Veröffentlicht am

20. Januar 2005

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von