Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Weihnachtsbotschaft 2004 aus Bethlehem

Von Mitri Raheb

An vielen Orten warten viele Leute auf den einen, der kommen soll. Das war im letzten November bei den USA-Wahlen der Fall und bei den Wahlen in der Ukraine. Nun schaut die Welt nach Palästina, um zu sehen, ob und mit welchem Vorsprung Abu Mazen gewählt werden wird. Nach allen Volksbefragungen scheint Abu Mazen der zu sein, der kommen wird und auf den jeder wartet. Die vielen Erwartungen, die die große Mehrheit von diesem armen Mann hat, erinnert mich an die enormen Erwartungen, die das Volk vom verstorbenen Präsidenten Arafat während der ersten Präsidentschaftswahlen 1996 hatte. Doch weniger als 6 Jahre danach verwandelte die Welt Präsident Arafat in einen, den sie los sein wollte.

Während Könige kommen und gehen, Präsidenten hochsteigen und fallen, Generäle erscheinen und verschwinden, warten die Menschen unruhig auf den einen, der kommen soll. Wir Christen sollten uns in der Weihnachtszeit daran erinnern, dass unser Messias schon vor 2000 Jahren gekommen war. Wir müssen nicht länger auf einen anderen warten. Wir sollten daran denken, dass alle anderen Politiker sind, denen wir nur das schuldig sind, “was des Kaisers” ist.

Auch wenn wir nicht erwarten, dass irgendeiner der Politiker der Messias ist, so heißt das nicht, dass wir vom Internationalen Zentrum unsere Pflicht als zivile Gesellschaftsorganisation vernachlässigen. Aus diesem Grund sind wir in diesen Tagen eifrig darum bemüht, die vor uns stehenden Wahlen vorzubereiten. Die Produktionsgruppe nimmt die Diskussionen mit den Kandidaten auf, damit sie später von allen 12 lokalen Fernsehsendern ausgestrahlt werden können; Mitglieder unseres Mitarbeiterstabes werden als Trainer der Beobachter ausgebildet, die unsere zivile Gesellschaft vertreten, um sicher zu stellen, das die Wahlen fair und transparent vonstatten gehen. Und alle von uns wollen am 9. Januar zu den Wahllokalen gehen, um unsre Stimme dem einen zu geben, den wir für den besten der Kandidaten halten. Das sind wir “dem Kaiser” schuldig.

Aber was erwarten wir vom “Kaiser”? Wenn wir im Heiligen Land um uns sehen, sehen wir, wie die Siedlungen wie Pilze wachsen, ein rassistisches Umgehungsstraßensystem unsere Städte und Dörfer abwürgt und eine 8 Meter hohe Mauer unsere Städte umgibt. Die USA, Europa, Israel und die Palästinensische Behörde wissen, was sie uns schulden. Also warum auf jemanden warten, der uns das gibt, was uns zusteht?

Was uns betrifft, so sind wir entschlossen, Gott zu geben, was wir Gott schuldig sind: nämlich unsern Dienst des Predigens weiter auszuführen, auch den Dienst des Lehrens und Heilens, womit Jesus vor 2000 Jahren selbst begonnen hat. In unserem Zentrum wartet niemand umsonst. Heute ist der Tag der Rettung - heute wird der Tag der Befreiung sein. In seinem Namen bieten wir Heilung für die Tauben und Kranken in unserem Gesundheits- und Wellness-Zentrum an. Durch seine Gnade sehen wir wie Kinder, die gefährdet sind, in leuchtende Sterne verwandelt werden. Indem wir die gute Nachricht verkündigen, werden wir zu Zeugen, wie aus Zuschauern Akteure werden und wie die Unterdrückten bevollmächtigt werden. Wir hoffen und beten, dass das Jahr 2005 nicht noch ein Jahr vergeblichen Wartens wird, sondern eines der Tätigkeit, des Mitleidens und der Befreiung.

Frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr!

Rev. Dr. Mitri Raheb

Übersetzung aus dem Englischen: Ellen Rohlfs

Dr. Mitri Raheb ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem. Als gebürtiger Bethlehemer ist Raheb, der in Deutschland studiert hat, ein einflussreicher Mittler im arabisch-israelischen Konflikt. Seine Kirche und das von ihm in Eigenleistung in seiner Gemeinde eingerichtete interkulturelle Begegnungs- und Bildungszentrum wurden im April 2002 durch israelische Militäreinsätze schwer beschädigt. Seit 15 Jahren tritt Raheb unermüdlich für seinen Traum vom friedlichen Zusammenleben von Juden und Palästinensern ein. Dieser Traum ist, so Raheb, freilich nicht ohne Widerstand zu erreichen. Zu diesem Widerstand gehört für Raheb auch Feindesliebe, wie sie Jesus praktiziert hat. Sein provokantes Buch “Ich bin ein Christ und Palästinenser” steht exemplarisch für Rahebs Überzeugung, dass der Konflikt nur durch Vermittlung gelöst werden kann: “Es gibt heute viele israelische Stimmen, gerade die ganze Friedensbewegung, die sagen: Wir wollen einen palästinensischen Staat, und Jerusalem soll eine Hauptstadt beider Staaten werden. Ich glaube, diese Stimmen muss man verstärken.”

Veröffentlicht am

26. Dezember 2004

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