Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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“… Produktion aller Waffen einstellen, mit denen Menschen erschossen, zerfetzt, werden”

Werner Dierlamm, Pfarrer in Ruhestand und Initiator der Ökumenischen Aktion Ohne Rüstung Leben, wendet sich in einem sehr persönlich gehaltenen offenen Brief an die Unternehmensleitung von Heckler & Koch. Er fordert eine Einstellung der Produktion von Gewehren, die in Oberndorf am Neckar und anderswo hergestellt werden, mit denen Menschen in aller Welt seit Jahren totgeschossen werden.

Offener Brief an die Unternehmensleitung von Heckler & Koch in Oberndorf am Neckar

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn ich Ihnen sage, dass ich Pfarrer i.R. bin und die Sonntagspredigt als den wichtigsten Teil meines Berufs angesehen und ausgeübt habe, erraten Sie leicht, was das Anliegen meines Briefes ist. Aber lassen Sie mich zuerst berichten von den Vorgängen, die mit dem Anliegen dieses Briefes zu tun haben und Schritt für Schritt zu seiner Abfassung geführt haben.

Ich war von Frühjahr 1952 bis zum Frühjahr 1953 Vikar in Oberndorf am Neckar. Ich wusste von den Mauserwerken und dass sie Gewehre produzierten, von Heckler & Koch wusste ich nichts.

Das war etwa zehn Jahre nachdem mein ältester Bruder in Russland bei Rschew gefallen war, acht Jahre, nachdem meine Eltern und meine Schwester beim Angriff der Alliierten auf Heilbronn am 4. Dezember 1944 umgekommen waren, sieben Jahre, nachdem mein zweiter Bruder am 20. April 1945 in Oberitalien gefallen war. Ich habe als einziger unserer sechsköpfigen Familie den Zweiten Weltkrieg überlebt.

Ende August 1977 gab ich als Pfarrer in Fellbach den Anstoß zur Entstehung der Ökumenischen Aktion für Frieden und Gerechtigkeit Ohne Rüstung Leben, die ein Teil der großen Friedensbewegung in den achtziger Jahren war und fast 30.000 Unterschriften von Frauen und Männern in Deutschland für die folgende Selbstverpflichtung sammelte: “Ich bin bereit, ohne den Schutz militärischer Rüstung zu leben. Ich will in unserem Staat dafür eintreten, dass Frieden ohne Waffen politisch entwickelt wird.”

1989 ging ich in den Ruhestand. Ich dachte, die aufregenden Zeiten meines Lebens seien vorüber und widmete mich meinen Interessen. Meine Frau und ich nahmen aber ziemlich regelmäßig an einem Friedensgebet teil, das seit der Zeit der Friedensbewegung einmal monatlich am Sonntagabend reihum in den Schorndorfer Kirchen stattfand.

Nach dem Schock des 11. September 2001 regte ich an, wöchentlich zu einem Ökumenischen Montagsgebet für den Frieden in der Welt in der Schorndorfer Stadtkirche zusammenzukommen. Den Montag wählten wir in Erinnerung an die Montagsgebete in der Nikolaikirche in Leipzig, an die sich im Jahr 1989 die Montagsdemonstrationen anschlossen. Die Demonstration am 9. Oktober hat mit dem Ruf “Keine Gewalt!” einen vielleicht entscheidenden Beitrag zur friedlichen Widervereinigung Deutschlands und unblutigen Beendigung des Kalten Krieges geleistet.

Und nun zum September 2004

Noch vor dem 11. September wurde über Internet bekannt, dass der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) seine Mitgliedskirchen einlädt, am 21. September überall in der Welt für den Frieden zu beten. Durch diese Nachricht erfuhr ich zum ersten Mal, dass der 21. September schon seit 1981 von den Vereinten Nationen als Internationaler Friedenstag ausgerufen wird. Nun soll also das Ringen der Vereinten Nationen um den Frieden in der Welt durch die Gebete von 550 Millionen Christen unterstützt werden.

Keine Frage, dass das Gedenken an den 11. September 2001, die Entwicklung im Irak, im Nahen Osten und in anderen Teilen der Welt, die immer größer werdende Bereitschaft der militärischen Mächte zu kriegerischen Eingriffen und der immer bedrohlicher werdende Terrorismus der Aufständischen zu höchster Sorge und gesteigerten Bemühungen um den Weltfrieden Anlass gibt.

Die Christen sollen beten und viele unter ihnen tun es auch. So haben wir uns beim Montagsgebet am 20. September das Anliegen der UNO und des ÖRK zu eigen gemacht und für den 21. September vorgeschlagene Gebete verwendet. Aber sind unsere Gebete nicht ganz ohnmächtig?

Ich habe an diesem Abend für die Teilnehmenden ein Schreiben ausgelegt, das ich per Email an den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf, an die Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland(EKD) und an die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) geschickt habe und dessen Kernsatz lautet:

“Lieber Gott, gib uns Kraft, dass wir allen unseren Regierungen und Wirtschaftsmächten unablässig in den Ohren liegen und von ihnen verlangen, dass sie endlich die Produktion aller Waffen einstellen, mit denen Menschen, Frauen und Kinder, Alte und Junge erschossen, zerfetzt, verbrannt, vergiftet werden.”

Am Abend dieses 20.September sahen wir in der ARD-Tagesschau einen Bericht über den russischen General Kalaschnikow und sein berühmtes, in der ganzen Welt verbreitetes Gewehr. Am nächsten Tag schrieb ich in einer Besinnung zum Predigttext des kommenden Sonntags, des 26. September, folgende Sätze:

Heute ist der 21. September 2004. Der 21. September wird von den Vereinten Nationen seit 1981 als Weltfriedenstag begangen. Der Ökumenische Rat der Kirchen hat in diesem Jahr zum ersten Mal dazu aufgerufen, ihn als Internationalen Gebetstag für den Frieden zu begehen. Wir haben den Aufruf gehört und uns sein Anliegen gestern Abend bei unserem Ökumenischen Montagsgebet für den Frieden in der Welt zu eigen gemacht. Aber wie beten wir richtig für den Frieden in der Welt? Unser wahrer Meister, Jesus von Nazareth, lädt uns ein, uns auch bei unseren Gebeten selbst zu beschränken (Matthäus 6,5-13). Vielleicht so: “Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.” Aber was ist Gottes Wille?

Das viel zitierte Wort von Dietrich Bonhoeffer ist mir eingefallen: Wir dürfen nur gregorianisch singen, wenn wir für die Juden schreien. Wir dürfen nur für den Frieden in der Welt beten, wenn …? Vielleicht so: Wenn wir zugleich unsere Regierungen und Wirtschaftsmächte um die Einstellung der Produktion aller Kriegswaffen bitten, ja sie mit Nachdruck fordern.

Gestern kam im Fernsehen ein Bericht über den General Kalaschnikow und seine gerühmte Erfindung, die Kalaschnikow, mit der sich Menschen seit Jahren an vielen Orten in der Welt totschießen. Ich musste dabei immer an das Gewehr denken, das in Oberndorf am Neckar hergestellt wird, mit dem genau so Menschen in aller Welt seit Jahren totgeschossen werden.[Berliner Zeitung vom 6. März 2002: “Die Oberndorfer Waffenfirma Heckler & Koch hat nach Angaben der britischen Fachzeitschrift Jane’s Defence Weekly den Auftrag erhalten, dem Königreich Nepal in den kommenden Jahren bis zu 65.000 modernste Gewehre vom Typ G-36E zu liefern.”].

Und ich musste an einen Vortrag von Jürgen Grässlin denken, den er jüngst in der Volkshochschule in Schorndorf gehalten hat und in dem er nachwies, dass etwas 60 Prozent aller durch Kriegswaffen getöteten Menschen den in Russland, USA und in Oberndorf am Neckar hergestellten Schießgewehren zum Opfer fallen. Nun denke ich so: wenn wir in Schorndorf für den Frieden in der Welt beten, dann müssten wir zugleich einen Brief an die Unternehmungsleitung von Heckler & Koch in Oberndorf am Neckar schicken mit der dringenden und ernsthaft gemeinten Forderung, es müsse im Namen Gottes und der Menschenrechte die Produktion des G3- Gewehrs eingestellt werden - mit Kopien dieses Schreibens an die Regierung in Berlin und an den Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf.

Sehr verehrte Damen und Herren von Heckler & Koch! Sie können bemerken, wie das Bedenken der Ereignisse und Vorkommisse der vergangenen Zeit mich ziemlich unausweichlich dazu gedrängt hat, diesen Brief zu schreiben. Ich meine, dass ich es ganz ohne “moralische Entrüstung” tue. Denn es ist in dieser Welt seit 5000 Jahren so, dass Kriege geführt und Waffen für den Krieg produziert werden. Es ist “natürlich” so, weil es zur Natur dieser Welt zu gehören scheint. Und es scheint vollkommen verrückt zu sein, dagegen anzugehen und zu protestieren und die Einstellung der Produktion aller Kriegswaffen nicht nur in Oberndorf am Neckar, sondern in der ganzen Welt zu fordern. Aber kann man es nicht auch so sehen, dass die Welt verrückt sein muss, wenn es verrückt erscheint, gegen die Produktion von Waffen zu protestieren, mit denen sich im Lauf der Jahrtausende Millionen Menschen gegenseitig auf grausame Weise umgebracht oder verstümmelt haben?

Es gibt die Meinung, es hätte keinen Sinn, bei Institutionen wie Regierungen, Banken oder Rüstungsindustrien an das Gewissen zu appellieren. Institutionen hätten kein Gewissen. Ich stimme dem nur zur Hälfte zu. Denn in all diesen Institutionen gibt es leitende Männer und Frauen, die durchaus auf ihr Gewissen angesprochen werden können, auch Christen, die befragt werden können, wie sie ihren Glauben an Gott und Jesus verstehen.

Andererseits ist es richtig, dass Institutionen wie Regierungen, Banken oder Rüstungsindustrien auf Appelle an das Gewissen nicht zu reagieren pflegen. Dass vielmehr politischer Druck notwendig ist, um sie zu einer Änderung ihres Verhaltens zu bewegen. Darum schicke ich diesen Brief nicht nur an Sie persönlich, sondern mache ihn als Offenen Brief so weit bekannt, als es mir möglich ist.

Ich denke dabei auch nicht nur an Heckler & Koch und Oberndorf am Neckar, sondern an alle Rüstungsbetriebe in der Welt, vornehmlich an die, in denen die mächtigsten Militärmächte der Welt ihre Waffen produzieren. Und ich hoffe darauf, dass nicht nur die 550 Millionen Christen, die zu den Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates gehören, sondern alle Menschen in allen Religionen, die um den Frieden beten, auch gemeinsam die Forderung nach Einstellung der Produktion aller Kriegswaffen erheben und sich dabei auch mit den vielen Menschen in unserer Welt verbünden, die nicht mehr beten, aber dennoch ihre ganze Kraft für die Herstellung gerechter Verhältnisse in der Welt einsetzen, für Verständigung und Frieden unter den Völkern ohne Androhung und Ausübung von Gewalt.

In der Hoffnung, dass Sie diesen Brief lesen und bedenken, grüße ich Sie freundlich

Schorndorf, im September 2004 - (gez.) Werner Dierlamm

Werner Dierlamm
Uhlandstr. 149
D 73614 Schorndorf
Tel. 07181/22696
Fax: 01805 060 345 472 71
Email: werner.dierlamm@t-online.de

Veröffentlicht am

25. September 2004

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