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Motiv für Helikopter-Massaker in der Haifa-Straße bleibt rätselhaft

Von Brian Dominick - The NewStandard / ZNet 14.09.2004

(Dieser Artikel wurde unter Mitarbeit von Orly Halpern (Bagdad) verfaßt)

Am frühen Sonntagmorgen tötete die US-Armee in der Haifa-Straße 13 Menschen, mindestens 60 wurden verletzt. Unter den Opfern sind viele Kinder. Die Haifa-Straße gehört zu einem Wohngebiet in Zentral-Bagdad. Zunächst hieß es von der Armee, es habe sich um eine Routineoperation gehandelt. Ein verlassenes US-Militärfahrzeug sollte gesprengt werden - zum Schutz der Umstehenden bzw. damit Widerstandskämpfer nicht die Waffen plündern - , später war von Selbstverteidigung der amerikanischen Truppe die Rede. Kampfhubschrauber hätten auf (Gewehr-)Feuer in der Nähe des Fahrzeugs reagiert.

Was immer passiert ist bzw. mit welcher Zielsetzung - am Ende lagen 12 tote Irakis und ein toter palästinensischer Journalist zwischen Dutzenden verwundeten Anwohnern. Die Menschen waren aus den benachbarten Wohnblocks geströmt, als sich US-Infanterie - nach einem mehrstündigen Feuergefecht in der Haifa-Straße -, zurückgezogen hatte. Viele Augenzeugenaussagen (und sie decken sich mit TV-Aufnahmen) lassen darauf schließen, daß die Helikopter direkt in die Menge feuerten. Zumindest die meisten in dieser Menge waren klar unbewaffnet.

Die erste Erklärung der Amerikaner erfolgte kurz nach dem Angriff. “Es liegt nicht in unserer Absicht, Zivilisten zu töten oder zu verletzen”, so ein Sprecher der fremden Besatzungstruppen im Irak, US-Oberstleutnant Steve Boylan, am Sonntag gegenüber The NewStandard. “Wir haben nicht auf Zivilisten gefeuert. Wir feuerten auf das Fahrzeug selbst”. “Der Helikopter feuerte auf den Bradley, um ihn zu zerstören, nachdem dieser zuvor getroffen wurde und in Flammen stand”, so Major Phil Smith von der 1st Cavalry Division gegenüber The Independent. Und ohne sich der Ironie seiner Aussage bewußt zu sein, ergänzt er: “Es geschah im Interesse der Sicherheit der umstehenden Leute”.

Aufnahmen eines Teams des Senders Al Arabiya, das sich am Ort des Geschehens befand, zeigen ganz klar Explosionen in der Menge von Nichtkombattanten - und das in ziemlicher Entfernung vom brennenden Bradley (Bradley, das ist ein Kampffahrzeug, ein gepanzerter, tankähnlicher Truppentransporter). (Auf einer Aufnahme) ist der Bradley sehr weit im Hintergrund zu erkennen, während der palästinensische TV-Mann Mazen Al-Tumeizi sich zu einem Live-Interview bereitmacht; eine von einem US-Helikopter abgeschossene Rakete schlägt so dicht neben ihm ein, daß Al-Tumeizi getötet und der Kameramann Seif Fouad verletzt wird.

Später, in einem Pressestatement, paßt das Militär seine Version an. Jetzt heißt es plötzlich: “Luftunterstützung wurde angefordert, und als die Helikopter über dem brennenden Bradley flogen, wurden sie von Aufständischen in der Nähe des Fahrzeugs mit leichten Waffen beschossen”. Diese offizielle Militärversion bezüglich des Vorfalls setzt allerdings voraus, daß es den Crews der amerikanischen Hubschrauber schon beim ersten Anflug möglich war, klar zwischen “Aufständischen” und Zivilisten zu unterscheiden: Während sie Letztere verschonten, deckten sie Erstere mit “Konterfeuer” ein.

Das Militärstatement geht noch weiter: “Laut Aussagen von offizieller Seite wurde klar nach den Einsatzregeln verfahren. Die Helikopter erwiderten das Feuer und vernichteten einige anti-irakische Kräfte nahe des Bradley, sie verhinderten zudem, daß sensible Ausrüstung und Waffen abhanden kamen”. Das Statement liest sich formal wie ein Zeitungsartikel. Damit will man Reporter animieren, den Text direkt zu übernehmen. Beim zweiten Anflug, so das Statement, hätten sich die Helikopter-Crews entschieden, nichts zu unternehmen, da es nicht mehr möglich gewesen sei, zwischen Kämpfern und Nichtkämpfern zu unterscheiden.

Diese Version weicht drastisch von sämtlichen irakischen Aussagen ab, die gegenüber The NewStandard und auch anderen Reportern gemacht wurden. Sie steht zudem nicht in Einklang mit TV-Aufnahmen, die vor Ort entstanden. Auf dem Al-Arabiya-Video beispielsweise ist nirgends zu sehen, daß vom Boden aus geschossen wird, auch kein Feuer aus der Luft ist zu erkennen, das den Explosionen voranging - Explosionen, die Nichtkombattanten, die weit vom ausgeschlachteten Bradley entfernt standen, töteten bzw. verletzten.

Fotojournalist und Kolumnist Gaith Abdul-Ahad, der vor Ort verletzt wurde, schreibt im britischen Guardian, daß es ihn erst beim dritten explosiven Angriff erwischte. Dieser sei erst mehrere Minuten nach den ersten Explosionen, die in die Menschenmenge schlugen, erfolgt. Abdul-Ahad kann sich an keine Schüsse am Boden erinnern. Er beschreibt eine grauenhafte Szenerie - sterbende Zivilisten, die nach Hilfe schreien und die Evakuierung der Verletzten; unter ihnen ein kleiner Junge, dem eine US-Rakete das Bein teilweise abgetrennt hatte. Abdul-Ahad blieb nach seiner Verwundung noch lange am Ort des Geschehens - um Opfern zu helfen und Bilder zu machen. Er sagt, es habe mehr als fünf Minuten gedauert, bis die Helikopter erneut feuerten.

Demgegenüber wird im Militärstatement darauf bestanden, die Hubschrauber hätten nur einmal gefeuert und zwar “auf Aufständische in der Nähe des Fahrzeugs”. Danach sei der Angriff abgebrochen worden. “Beim letzten Anflug der Helikopter”, so das offizielle Statement, “brannte das Bradley-Kampffahrzeug, und eine Menschenmenge versammelte sich um das Fahrzeug. Die Flugzeugcrews konnten, so Offizielle, nicht mehr zwischen bewaffneten Aufständischen und Zivilisten am Boden unterscheiden, weshalb nicht mehr angegriffen wurde”.

Demgegenüber belegen alle Zeugenaussagen am Boden, daß die Menge sich schon mindestens mehrere Minuten vorher versammelt hatte - bevor die Helikopter anflogen; Kinder und unbewaffnete Zivilisten hatten den Abzug der amerikanischen Soldaten gefeiert bzw. den Treffer auf den Bradley - dessen Besatzung entkommen konnte - sie tanzten auf und um das Fahrzeug; als die Hubschrauber anfingen, von oben anzugreifen, löste sich die Menge fast ganz auf.

Die Szene, die der Explosion, die TV-Reporter Al-Tameizi tödlich verwundete, unmittelbar voranging, zeigt ihn vor der Kamera stehend. Daß die Hubschrauber sich bereitmachen, die Menge, in deren Mitte er steht, anzugreifen, scheint ihm zu diesem Zeitpunkt in keinster Weise bewußt. Das läßt darauf schließen, daß es keinerlei Vorwarnung gab und daß die versammelten Zivilisten schon bei der ersten Attacke angegriffen wurden.

Auch von Anwohnern wird die offizielle US-Erklärung in Zweifel gezogen. Ihren Angaben zufolge wurden sie an jenem Morgen sowohl mit Raketen als auch Maschinengewehren angegriffen. Amerikanische Militäroffizielle behaupten, der Bradley hätte zerstört werden müssen, um nicht in falsche Hände zu geraten. “Wir konnten das Fahrzeug nicht wegschaffen, also wurde beschlossen, es zu zerstören”, erklärt Oberstleutnant Boylan, “damit es nicht gegen (US-)Kräfte und irakische Kräfte eingesetzt werden kann”.

Andererseits kommt es selten bzw. gar nicht vor, daß US-Truppen einen Luftangriff anordnen, um in Bagdad die Überreste eines kaputten Fahrzeugs zu zerstören. Das nahegelegene Sadr City - wo Kämpfe zwischen Amerikanern und schiitischen Widerstandskämpfern inzwischen ein nächtliches Ritual sind -, ist regelmäßig zugemüllt mit den Überresten verlassener Panzerfahrzeuge und Humvees, darauf verweisen Iraker, und dieses Zeug wird später nicht durch amerikanische Luftschläge zerstört.

Einige Bewohner der Haifa-Straße sprechen offen aus, was sie denken: “Die Amerikaner” hätten es am Sonntag in irgendeiner Form auf Vergeltung abgesehen gehabt. “Man hat sich an Zivilisten gerächt, weil der (Widerstand) einen US-Panzer getroffen hat”, sagt ein Mann aus der Haifa-Straße. Er will nur Abu Mohammed genannt werden. Im Unterschied zu anderen Vorfällen, bei denen die Version des US-Militärs und die sämtlicher Augenzeugen sich auch stark voneinander unterschieden, waren am Sonntag mehrere Reporter zu direkten Augenzeugen des Geschehens geworden, und die Ereignisse sind teilweise auf Video aufgezeichnet. Das Militär erklärt, es untersuche den Vorfall.

Brian Dominick ist Nahost-Redakteur des NewStandard, einer progressiven Website, die harte Fakten liefert: www.newstandardnews.net Orly Halpern ist freier Journalist mit Sitz in Nahost.

Quelle: ZNet Deutschland vom 17.09.2004. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Motive for Haifa Street Helicopter Massacre Remains a Mystery” .

Veröffentlicht am

21. September 2004

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