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Tod im Iran

Von Alasdair Palmer - ZNet 02.09.2004

Atefeh Rajabi scheint ein ziemlich normales 16-jähriges Mädchen gewesen zu sein: launisch, ungehorsam und begierig danach Sex zu haben. In London führen solche Eigenschaften zu Vorträgen von Eltern und Lehrern über die Wichtigkeit, verantwortungsvoll zu handeln und nicht beleidigend zu sein. In der Großstadt Neka im Iran, aus der Atefeh Rajabi kommt, lassen sie dich vor ein Gericht schleppen.

Atefehs typisch jugendliches Verhalten bedeutete für sie, dass sie beschuldigt und für schuldig befunden wurde, “Handlungen, die unvereinbar mit der Keuschheit sind”, begangen zu haben. Der Richter im islamischen Gericht entschied, dass das angemessene Strafmaß Tod war. Das stimmt: Tod.

Ihr Urteil wurde von dem obersten Gericht des Irans bestätigt. Vor zwei Wochen, am 15. August, wurde das 16-jährige Mädchen an einem Kran auf dem Hauptplatz von Neka vor aller Öffentlichkeit aufgehängt, um “die Gesellschaft vor Handlungen gegen die öffentliche Moral zu schützen”. Das Gesetz der Sharia, des islamischen Gesetzbuches, das Bestrafungen im Iran regeln soll, gibt an, dass unverheiratete Leute, die Sex haben, mit 100 Peitschenhieben bestraft werden sollen.

Das war die Züchtigung, die dem einzigen Mann auferlegt wurde, mit dem Atefeh angeklagt war “Handlungen begangen zu haben, die unvereinbar mit der Keuschheit sind”.

Verheiratete Frauen, die sexuelle Beziehungen mit jemandem haben, der nicht ihr Ehemann ist, sollen gemäß der Sharia zu Tode gesteinigt werden - obwohl der leitende Richter des Obersten Gerichtshofs des Irans, offensichtlich abgestoßen von der Grausamkeit Frauen mit Steinen zu bewerfen, vor zwei Jahren entschied, dass Steinigungen unterlassen werden sollen. Erhängen ist für keine der beiden Kategorien von Gesetzesbrechern vorgeschrieben. Was tat also der Richter (ein gewisser Haji Rezaie), als er urteilte, eine “unkeusche” Sechszehnjährige zu hängen? Er sagte, dass sie eine “scharfe Zunge” hatte und sich im Gerichtssaal “ausgezogen” hätte.

Es scheint, dass alles, was sie tat, darin bestand, ihr Kopftuch abzunehmen und darauf zu bestehen, dass sie das Opfer der Annäherungsversuche eines älteren Mannes war: Aber sogar, wenn sie alle Kleidung von sich geschmissen und den Richter einen fetten, ignoranten Bastard genannt hätte, hätten diese Handlungen schwerlich ein Todesurteil verdient, sogar unter islamischem Recht. Trotzdem, der Richter war so empört, dass er entschied, dass er persönlich die Schlinge um den Hals des Kindes legen würde. Diese schändliche und widerliche Bestrafung hat zahlreiche Verurteilungen im Iran unter den Reformisten hervorgerufen.

So weit ich sehen kann, hat es hier zu keiner Bemerkung geführt. Amnesty International veröffentlichte ein Statement, das Empörung über die Exekution ausdrückte (die zehnte eines Kindes seit 1990) - aber keine britische Zeitung oder Fernsehstation hat davon berichtet. Warum nicht? Die zwei Extreme pro- und anti-muslimischer Gefühle in Britannien sind sich jetzt darin einig, nicht mal die minimalsten ethnischen Standards von islamischen Ländern wie dem Iran zu erwarten: die Befürworter, weil sie denken, dass islamische Rechte nicht kritisiert werden sollten, aus Angst Anstoß zu erwecken; die Gegner, weil sie denken, dass alle Muslime ein Bündel hoffnungsloser Barbaren sind.

Diese zwei extremen Sichten haben die Berichterstattung in den Medien verseucht. Was auf die Titelseiten käme, wenn es in Amerika passieren würde (können sie sich die Reaktion darauf vorstellen, wenn ein 16-jähriges Mädchen dafür exekutiert würde, Sex in Texas gehabt zu haben?), ist, weil es in einem islamischen Staat passiert, offensichtlich zu banal, um zu zählen.

Diese Einstellung garantiert, dass mehr Kinder Atefehs Schicksal erleiden werden. Natürlich, es passt unserer Regierung, die auf mehr Handelsverbindungen mit unserem neu gefundenen Verbündeten Iran drängt, gerade recht in den Kram, wenn Leute denken, dass Kritik an islamischen Richtern unangemessen ist, weil die Standards unterschiedlich sind. Aber den Islam zu respektieren verlangt nicht, den Justizmord an einer Sechzehnjährigen (oder in der Tat an einem jeden, in jedem Alter) dafür zu akzeptieren, Sex gehabt zu haben. Das ist falsch, wo immer es passiert. Wir brauchen eine Regierung, und eine Presse, die das sagt.

Quelle: ZNet Deutschland vom 14.09.2004. Übersetzt von: Larissa und Benjamin Brosig. Orginalartikel: “Death In Iran” .

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Veröffentlicht am

15. September 2004

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