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Rußland und Tschetschenien - wechselseitige Gewalt

Von Juan Pablo Duchy - La Jornada / ZNet 07.09.2004

Schon viele Jahre vor dem Kollaps der Sowjetunion standen Faktoren wie Ölförderung, Sezession, religiöser Fanatismus, alte Rechnungen, Clan-Kämpfe und geopolitische Interessen des Auslands im Zentrum des Tschetschenien-Problems. Immer wieder waren diese Faktoren miteinander kollidiert - die jetzige Gewalt ist nun der Kulminationspunkt.

Die Wurzeln lassen sich bis in Rußlands Zarenzeit zurückverfolgen. Im 18. Jahrhundert kam es zu einem Einmarsch in den Nordkaukasus. Scheich Mansur stellte eine improvisierte Kaukasusarmee auf, die gegen die Invasoren kämpfen sollte - er wurde unterworfen. Das war vor 219 Jahren, aber der Kampf für Freiheit ist noch immer ein wunder Punkt in der langen und komplizierten Beziehung zwischen Tschetschenen und Russen.

Das schlimmste Kapitel in der Sowjetzeit war die brutale Deportation von Tschetschenen und Inguscheten in die kahlen Berge Kasachstans durch Stalins Dekret im Jahr 1944. In der Folge waren fast 200 000 Menschen gestorben.

Bei seiner Konfrontation mit Michail Gorbatschow war Boris Jelzin damals bemüht, jede Chance, jede Quelle des Dissens im riesigen Sowjetreich, die den Rivalen schwächen konnte, zu nutzen. Anschließend brachte er General Dzhokar Dudayew an die Macht, der 1991 tschetschenischer Präsident wurde.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion bedeutete für die Regierung Dudayew eine günstige Gelegenheit, die Unabhängigkeit Tschetscheniens zu erklären - noch im selben Jahr. Aber schon drei Jahre später entschloß sich Jelzin, diesem Bestreben gewaltsam ein Ende zu setzen. Der erste tschetschenisch-russische Krieg endete mit einer beschämenden Kapitulation Moskaus, zu Papier gebracht im Friedensabkommen von Chassawjurt 1996. Ende 1996 fiel Dudayew einem Attentat zum Opfer.

Aber auch für die neue Führung spielte das Ideal der ‘Separation’ eine wichtige Rolle. Allerdings war offensichtlich, der neue Präsident, Aslan Masschadow gab einer gemäßigten, pragmatischen Position den Vorzug. Um die Republik Tschetschenien zu stärken, entwarf er eine Agenda, die darauf abzielte, die Anerkennung als unabhängige Kaukasusrepublik von Moskau zu erhalten - auf der Grundlage der Statuten von Chassawjurt. Er scheiterte und konnte nicht verhindern, daß Tschetschenien, im Grunde eine Stammesgesellschaft, gründend auf Clan und Abstammung, in viele kleine Gemeinschaften zerfiel, deren Häuptlinge beschlossen, die nationalen Ölreserven und andere natürliche Ressourcen zu plündern.

Schließlich kam es innerhalb der Führung zum Bruch, weil Schamil Bassajew, der Mann des radikalen Flügels des tschetschenischen Widerstands, sich nach ausländischem Beistand umsah. Bassajew wurde zu einem handfesten Verfechter der Doktrin Abdul Wahabs (Wahabismus), einer fundamentalistischen Auslegung des Islam, die den meisten Tschetschenen fremd ist.

Der Hauptunterschied zwischen gemäßigten und radikalen Separatisten besteht darin, daß Letztere glauben, der Kampf gegen den “russischen Imperialismus” sei ohne Rücksicht auf Friedensabkommen weiterzuführen. Ziel ist nicht allein ein unabhängiger Staat, vielmehr gilt es, eine Plattform zu errichten, von der aus man Kreuzzüge zur Befreiung des gesamten Nordkaukasus führen kann.

Masscharow und Bassajew stritten, Jelzin verlor mehr und mehr den Bezug zur Realität, er hatte keine Führungskraft, seine Gesundheit verfiel, und währenddessen versank Tschetschenien im Sumpf. Schmuggel jeder Art wurde praktiziert, reiche Leute landesweit entführt - Modus Operandi für die vielen paramilitärischen Gruppen, die defacto die Kontrolle über die Gemeinden übernommen hatten, Gemeinden, die weder von Moskau noch Grosny verwaltet oder unterstützt wurden und sich außerstande sahen, das Plündern zu stoppen. So kam es, daß die Russen die gesamte (tschetschenische) Nation als Unterstützer der Tschetschenen-Mafia verdammten.

Als Jelzins handverlesener Nachfolger Wladimir Putin in den Kreml einzog, war er für die meisten Russen ein unbeschriebenes Blatt; umgehend verkündete Putin, er werde das Tschetschenien-Problem aus der Welt schaffen, indem er “die Terroristen überallhin” verfolge. “Vergeben Sie mir, aber wenn wir sie in der Toilette finden, werden wir sie aus der Latrine schrubben”.

Der Präzedenzfall für diese starken Worte kam im August 1999, als Bassajew in die Republik Dagestan eindrang und dort eine “unabhängige Wahabitische Republik” proklamierte - die aufgrund der Intervention der russischen Streitkräfte aber nicht lange überleben sollte.

Kurz darauf kam es in Moskau und anderen großen Städten zu mehreren Bombenanschlägen. Bis heute weiß niemand, wer dahinter steckt. Die Explosionen forderten hunderte Menschenleben. In seiner Wahlkampagne gab Putin den Tschetschenen die Schuld. Dies schuf ein Klima des Argwohns gegen alles, was tschetschenisch war.

Eines der wichtigsten Wahlkampfversprechen Putins: Er werde die Bomben gegen russische Zivilisten stoppen - indem er im Oktober 1999 einen zweiten Tschetschenien-Feldzug führte. 5 Jahre später kann Putin sein Versprechen noch immer nicht halten. Als am 11. September 2001 die USA angegriffen wurden, steckte die sogenannte “Antiterror-Operation” Putins bereits fest.

Die tschetschenischen Rebellen hatten sich zu einem Guerillakrieg gegen die 80 000 russischen Soldaten in Tschetschenien entschlossen. Putin schloß sich Bushs Chor an und trat der “Koalition der Willigen” bei. So war es ihm möglich zu profitieren, indem er internationale Kritik von sich ablenkte - Kritik an Menschenrechtsverstößen der russischen Truppen gegenüber tschetschenischen Zivilisten. Diese Verstöße - unerhörte Menschenrechtsverletzungen - waren von namhaften Nichtregierungsorganisationen bestätigt worden.

Dann kam Ahmad Kadyrow - ein umstrittener Bürokrat, der die Seiten gewechselt hatte. Er instrumentalisierte einen scheinheiligen politischen Kompromiß, der im Grunde nur für einen einzigen Tschetschenen-Clan Vorteile brachte und tat so, als hätte man sich um ein Ende des Konflikts bemüht. Im Mai 2004 wurde Kadyrow von Rebellen ermordet. Also sah sich der Kreml (erneut) genötigt, den Tschetschenen einen loyalen, Moskau-treuen Führer aufzuzwingen.

Man entschloß sich, politischen Nutzen aus einer großen Entführungskrise - den Ereignissen vom Dubrowka-Theater im Oktober 2002 - zu ziehen. Jede Chance auf ein Friedensabkommen mit dem moderaten Teil der Tschetschenen-Rebellen wurde so abgeblockt. In Kadyrows Fall hatte Moskau versucht, seinen Wahlsieg mittels Farce zu “legitimieren”. Jetzt, bei seinem Nachfolger General Alu Alkhanow, wurde ebenso verfahren.

Da das Bravourstück gelang, stehen nun Masschadow und Bassajew, trotz ihres Streits, auf der gleichen Seite. Dies hat zu verstärkten Angriffen, zu Selbstmordbomben und Hinterhalten geführt - nicht nur in Tschetschenien sondern auch in vielen Städten außerhalb.

Zu einer weiteren Spaltung der tschetschenischen Nation trägt auch die sogenannte ‘Prätorianergarde’ Ramzan Kadyrows (Sohn des ermordeten Ex-Präsidenten - Anmerkung d. Übersetzerin) bei bzw. die schreckliche Repression, die mit dieser Garde in Verbindung gebracht wird. Die Garde besteht aus nahezu 7000 Ex-Rebellen, die im Gegenzug für ihre Begnadigung “Loyalität” gelobten.

Die traurigste Folge all dieser Aktionen ist ein Teufelskreis aus wechselseitiger Gewalt - denn, dieser Teufelskreis trägt lediglich zu einer Verlängerung der bewaffneten Konfrontation bei, in einem Krieg, der nun schon ein ganzes schreckliches Jahrzehnt währt. Und die neueste Episode, das Massaker von Beslan, wird sicherlich nicht die letzte sein. Dem Kreml wird es nicht gelingen, politisch Scharade zu spielen, indem er so tut, als stünde der Separatismus mit dem “internationalen Terror” in Verbindung, und es wird ihm auch nicht gelingen, künftige Opfer zu vermeiden - leider, zum Schaden der Russen wie der Tschetschenen.

Englische Übersetzung: Miguel Alvarado

Quelle: ZNet Deutschland vom 12.09.2004. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Reciprocating Violence” .

Veröffentlicht am

12. September 2004

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