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Spektakulär, tabuisiert und bejubelt: Martin Luther King vor 40 Jahren in Ost-Berlin

Von Georg Meusel

“… auf beiden Seiten der Mauer Gottes Kinder - und keine durch Menschenhand gemachte Grenze kann diese Tatsache auslöschen”

“Aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung hauen”

(Martin Luther King)

Ein Mann, der in der offiziellen DDR als Anti-Imperialist, Freiheitskämpfer und öffentlich bekennender Vietnamkriegsgegner hoch im Kurs stand. Und ein Mann, der den Ideologen der DDR-Partei- und Staatsführung, wie denen der sozialistischen “Bruderländer”, suspekt war. Denn der Lehre vom gerechten Krieg, dem bewaffneten Befreiungskampf und der bewaffneten Revolution setzte Martin Luther King Geist und Methode des gewaltfreien Kampfes entgegen - und war damit erfolgreich.

Wer in den DDR-Tageszeitungen “Neues Deutschland”, “Berliner Zeitung”-Ost und “Junge Welt” oder in der Uni-Zeitschrift “Humboldt-Universität” recherchiert, wird den King-Besuch in der Hauptstadt der DDR vergeblich suchen, obwohl Martin Luther King am 13. September 1964 auch mit farbigen Studenten der Humboldt-Uni diskutiert hat.

Offenbar stand das DDR-Etablissement diesem einzigen Ostblock-Besuch des mit 35 Jahren längst weltbekannten afroamerikanischen Bürgerrechtskämpfers etwas hilflos gegenüber. Eingeladen hatte ihn nämlich die Evangelische Kirche, genauer gesagt, der Verwalter des Bischofsamtes D. Jacob.

Der Generalsekretär der Ost-CDU Gerald Götting hatte sich jedoch mehrfach um Kontakte mit King bemüht und mit ihm korrespondiert. Im UNION-Verlag der DDR-CDU waren auch Publikationen von und über King erschienen. Die “Neue Zeit”, Tagezeitung und Zentralorgan der DDR-CDU veröffentlichte zum King-Besuch in Berlin 1964 einen Artikel.

In der nicht am Kiosk und im Abo nur sehr begrenzt erhältlichen Wochenzeitung “Die Kirche” konnten mit zwei Wochen Verspätung fast zwei volle Seiten über Kings Besuch in Berlin/DDR abgedruckt werden.

Kings Nachfolger Ralph Abernathy dagegen wurde dann 1971 vom Friedensrat der DDR eingeladen, predigte in der St.-Marien-Kirche, reiste dann weiter zur Ostblocknahen Christlichen Friedenskonferenz nach Prag, und die ganze Angelegenheit hatte damit DDR-offiziellen Charakter mit entsprechendem Presseecho.

Martin Luther King hatte sich auf Einladung des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt einige Tage in West-Berlin aufgehalten, nahm gemeinsam mit Brandt an einer Gedenkveranstaltung für den ermordeten John F. Kennedy teil und besuchte auf West-Seite die Mauer. In der Waldbühne sprach er vor ca. 30.000 Menschen. Der Berlin-Besuch des Bürgerrechtlers lag zwischen seiner Teilnahme am Baptistischen Weltkongress in Amsterdam, einer Audienz bei Papst Paul VI. und der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo.

Kings Predigt in der Ost-Berliner Marienkirche Sonntag, den 13. September 1964 um 20 Uhr war nirgendwo öffentlich angekündigt worden. Von Mund zu Mund verbreitete sich die Nachricht, und schon um 18 Uhr konnte wegen Überfüllung niemand mehr eingelassen werden. Menschenmassen versammelten sich vor dem Hauptportal und den Seiteneingängen in der Hoffnung, noch ein Schlupfloch zu finden. Spontan wurde ein zweiter Gottesdienst in der Sophienkirche, ebenfalls Ost-Berlin, anberaumt. So hörten insgesamt etwa 3.000 Ost-Berliner und aus dem übrigen DDR-Gebiet eilig angereiste Menschen den amerikanischen Gast.

King übermittelte seinen Zuhörern Grüße der amerikanischen und West- Berliner “Brüder und Schwestern”. “Hier sind auf beiden Seiten der Mauer Gottes Kinder, und keine durch Menschenhand gemachte Grenze kann diese Tatsache auslöschen”, erklärte er von der Kanzel.

In Anlehnung an seine vorangegangene Rede in der West-Berliner Waldbühne berichtete er ausführlich über den von der Näherin Rosa Parks 1955 ausgelösten Busboykott von Montgomery und von der Philosophie und den Methoden Gandhis, die dem gewaltfreien Kampf der Afroamerikaner zum Vorbild gedient hatten.

Er würdigte die Studentenbewegung der 60er Jahre, die mit ihren “sit-ins” und Freiheitsfahrten mit Überlandbussen, bereit, “mit Würde ins Gefängnis zu gehen, als mit der Erniedrigung ohne Gleichheit zu leben”, die Rassentrennung in vielen Bereichen überwandten.

Das Buch “Zeiten des Kampfes” von Prof. Clayborne Carson über diese Bewegung, des “Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) und das Erwachen des afro-amerikanischen Widerstandes in den sechziger Jahren ist jetzt zum 40. Jahrestag des King-Besuches in Berlin in deutscher Sprache erschienen und wird September/Oktober vom Autor während einer Lesereise durch Deutschland vorgestellt.

Der damals 35-jährige Martin Luther King - in diesem Januar wäre er 75 Jahre alt geworden, erklärte 1964 in Berlin: “Wir sind der festen Überzeugung, dass der Schwarze aufgerufen ist, das Gewissen unserer Nation zu sein”. King verwendete noch nicht den Begriff “Afro-Amerikaner”.

In brisanter Zeit der Ost-West-Konfrontation sagte der Bürgerrechtler von der Marienkirchen-Kanzel herab auch, “dass da, wo Versöhnung Platz greift, wo Menschen die trennenden Mauern der Feindschaft abbrechen, die sie von ihren Brüdern trennen, da vollendet Christus sein Amt der Versöhnung.” Dies war sicher nicht nur im Blick auf rassistisch bedingte Mauern in den USA, sondern auch auf die Mauer von Berlin bezogen.

King konnte von der Friedlichen Revolution in der DDR 25 Jahre nach seiner Ansprache und jetzt 15 Jahre zurückliegend, noch nichts ahnen. Aber aus eigener Erfahrung, spielte er auf die vereinte eigene Kraft Unterdrückter an.

“Es ist nicht nur durch die Kraft des lebendigen Gottes, dass wir fortfahren können … In diesem Glauben haben wir immer einen Weg gefunden, wo es keinen Weg zu hoffen gab … Das ist der Glaube, den ich Euch anbefehle, Ihr Christen hier in Berlin, ein lebendiger, aktiver, öffentlicher Glaube, der uns bringt und bezeugt den Sieg Jesu Christi in der Welt, ob es eine östliche oder eine westliche Welt sei.”

Atemlos hörten die 1.500 Gottesdienstbesucher, dicht gedrängt in den Reihen sitzend oder in den Gängen stehend, diese Sätze. Aber in einer Kirche zu klatschen, war damals in Deutschen Landen noch nicht Gepflogenheit, selbst wenn es sich um ein brillant vorgetragenes Konzert gehandelt hätte.

Kings Freund Ralph Abernathy dann hat 1971 seine Predigt in einer Berliner Baptistenkirche abgebrochen, als er entgegen seiner Gewohnheit während der Rede weder Beifall, Zwischenrufe oder “Hallelujahs” zu hören bekam.

Martin Luther King schloß seine Predigt am Abend des 13. September 1964 vor den 1.500 in der der Ost-Berliner Marienkirche, während die nächsten 1.500 Menschen in der Sophienkirche schon auf ihn warteten, mit den Worten:

“In diesem Glauben können wir aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung hauen … In diesem Glauben werden wir miteinander arbeiten, miteinander beten, miteinander für die Freiheit aufstehen in der Gewissheit, dass wir eines Tages frei sein werden … Hallelujah”.


Martin-Luther-King-Besuch in Ost-Berlin - 40. Jahrestag: Gedenkveranstaltungen am 11. und 12. September 2004

Marienkirche Berlin, Karl-Liebknecht-Str. 8.

Programm der Gedenkveranstaltungen:

Samstag, 11. 09. 2004:

  • 16. 30 Uhr Orgelvesper und Texte von M. L. King, G. Bozeman, Orgel;
  • 18. 00 Uhr, Prof. Dr. Heinrich Grosse, Hannover (früherer Mitstreiter Kings bei Demonstrationen und an Sozialprojekten) : “M. L. King - vor 40 Jahren in Berlin - seine Bedeutung für uns heute”;
  • 19.30 Uhr, Impulsreferat “Träumer und schöpferischer Extremist - Zur Wirkungsgeschichte der Gedanken M. L. Kings in der DDR und der abenteuerliche Weg des King-Films in die DDR”,

Imbiss,

  • 20 Uhr, “… dann war mein Leben nicht umsonst”, der preisgekrönte große Dokumentarfilm über M. L. King, USA 1970, Regie Ely Landau, Richard Kaplan;

Sonntag, 12. 09. 2004:

  • 10.30 Uhr, Gottesdienst zum Gedenken an die Predigt M. L. Kings in der St. Marienkirche.

Infos/Souvenirs (King, Brandt, Adenauer, Gandhi, Marienkirche Berlin) zugunsten der gemeinnützigen Arbeit des Martin-Luther-King-Zentrums für Gewaltfreiheit und Zivilcourage: Infostand Marienkirche und ab Montag, 13.09.04 Philatelie-Krawczyk, Berlin Mitte, Reinhardtstr. 3, Tel. 030-2813317.

Buchpräsentation/Lesung Clayborne Carson, “Zeiten des Kampfes”

Georg Meusel ist Vorsitzender des Martin-Luther-King-Zentrum für Gewaltfreiheit und Zivilcourage e.V. in Werdau (08412 Werdau, info@martin-luther-king-zentrum.de, Tel. 03761/760284, Fax 760304

Veröffentlicht am

10. September 2004

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