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Kriege und Bomben dürfen niemals mehr Mittel eines angeblichen Friedens sein

Von Michael Schmid - Redemanuskript für die Mahnwache am Antikriegstag in Gammertingen (Kreis Sigmaringen)

Teil I.

Mahnwache.Antikriegstag.003.jpgHeute vor 65 Jahren, am 1. September 1939 wurde am frühen Morgen, nach einem angeblichen polnischen Angriff, der Überfall Deutschlands auf Polen gestartet. Mit diesem damit begonnenen Krieg wurde ein furchtbarer Flächenbrand entfacht, der als 2. Weltkrieg in die Geschichtsbücher eingegangen ist. 6 Jahre lang wüteten Krieg, Tod und Zerstörungen in weiten Teilen der Erde.

Dieser 2. Weltkrieg brachte vermutlich etwa 50 bis 60 Millionen Menschen den Tod, davon für über 20 Millionen Menschen in der Sowjetunion, für über 5 Millionen Deutsche und fast 5 Millionen Polen.

Wurde daraus gelernt, dass Krieg ein Verbrechen ist und keine Lösung irgendwelcher Probleme?

Man könnte meinen: Nein.

Die Welt war seit 1945 lediglich 26 Tage ohne Krieg. Durch den 2. Weltkrieg wurde das technische Niveau der Kriegführung auf eine bisher nicht gekannte Höhe der Zerstörungskraft und der gegenseitigen Bedrohung gehoben. Damit wurden die Voraussetzungen für barbarische Zerstörungen in den Folgekriegen des West-Ost-Konflikts gelegt.

Weit über 200 Kriege wurden und werden seit 1945 geführt. 40 Kriege und bewaffnete Konflikte waren es im vergangenen Jahr. Diese Kriege haben zig Millionen von Menschenleben gefordert. Darüber hinaus findet durch Kriege und ihre Vorbereitung eine ungeheure weltweite Verschwendung von Ressourcen statt, die nicht mehr der Entwicklung menschlichen Wohlstandes zur Verfügung standen und stehen.
Es wurde in unseren Medien verhältnismäßig viel berichtet von den Kriegen im Irak oder in Afghanistan oder im ehemaligen Jugoslawien. Es werden uns auch viele Bilder und Berichte über das gegenseitige Morden in Israel und Palästina geliefert. Diese Greueltaten sind furchtbar und jeder tote oder verletzte Mensch ist ein Opfer zu viel.

Weniger bewusst sind uns andere Kriege. Dabei hat aber z.B. vermutlich kein Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg so viele Menschen getötet wie die Auseinandersetzungen in der Demokratischen Republik Kongo. Es ist wohl von der unvorstellbaren Zahl von rund 3,3 Millionen Toten in den fünf Jahren zwischen 1998 und 2003 auszugehen, die vom International Rescue Committee errechnet wurden. Afrika - ein Kontinent, der u.a. gezeichnet ist durch nachkolonialistische Kriege und Kriege um Ressourcen. Nachdem Afrika vom Westen fast vergessen worden ist, wird es nun seit geraumer Zeit wieder interessanter: Nachdem in Westafrika große Erdölvorräte entdeckt wurden, stellt deren Kontrolle ein zentrales Interesse amerikanischer Außenpolitik dar. Offenbar beabsichtigt das Pentagon, zahlreiche Militärbasen in Westafrika zu errichten. Zukünftige Kriege um diese Ölvorräte sind dabei nicht ausgeschlossen.

Immer wieder geschieht dies: aus Geltungssucht und Größenwahn, aus Egoismus und Machtinteressen werden Kriege geführt, Menschen unterdrückt, vertrieben, vergewaltigt, körperlich und seelisch verletzt oder getötet. Krieg ist ein Verbrechen, das unendliches Leid bringt.

(Unterbrechung der Rede für ein mehrminütiges stilles Gedenken für Opfer der Kriege)

Teil II.

“Das Gedächtnis der Menschheit
für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz.
Ihre Vorstellungsgabe für kommende Leiden
ist fast noch geringer. …
Die weltweiten Schrecken
der vierziger Jahre scheinen vergessen.
Der Regen von gestern
macht uns nicht nass sagen viele.

Diese Abgestumpftheit ist es,
die wir zu bekämpfen haben,
ihr äußerster Grad ist der Tod.
Allzu viele kommen uns
schon heute vor wie Tote,
wie Leute, die schon hinter sich haben,
was sie vor sich haben,
so wenig tun sie dagegen.

Und doch wird nichts
mich davon überzeugen,
dass es aussichtslos ist,
der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen.
Lasst uns das tausendmal Gesagte
immer wieder sagen,
damit es nicht einmal zuwenig gesagt wurde!
Lasst uns die Warnungen erneuern,
und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind!

Denn der Menschheit drohen Kriege,
gegen welche die vergangenen
wie armselige Versuche sind,
und sie werden kommen ohne jeden Zweifel,
wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten,
nicht die Hände zerschlagen werden.”

Bertolt Brecht (1951)

Lasst uns an diesem 65. Jahrestag des Beginns des verbrecherischen 2. Weltkriegs mit Brecht an der Überzeugung festhalten, dass es nicht aussichtslos ist, “der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen”. Und lasst uns trotz aller Rückschläge und Frustrationen, die es in der Arbeit für den Frieden unzweifelhaft auch gibt, den langen Atem behalten, den beharrliche und konstruktive Friedensarbeit in Zukunft braucht.

Lasst uns aus dem am 1. September 1939 begonnenen Krieg lernen und uns dafür einsetzen, dass nach einem schrecklichen Jahrhundert der Kriege, der Flüchtlinge und des Holocaust dieses neue 21. Jahrhundert endlich zu einem Jahrhundert des Friedens und der Menschenrechte wird!

Kriege und Bomben dürfen niemals mehr Mittel eines angeblichen Friedens sein. Über Krieg und Bombardements führt kein Weg zum Frieden und zu den Menschenrechten. Jeder Krieg, auch der im Namen der “Humanität” oder gar zur “Verteidigung” unserer Werte geführte, zerstört und wirkt vorweg zerstörerisch auf das, was als Politik nachfolgt.

Wir können nicht damit rechnen, dass die Welt von heute auf morgen auf Waffen verzichtet. Es geht deshalb darum, Prozesse zu initiieren und zu unterstützen, welche die Welt in einem Prozess dem friedlichen Konfliktaustrag näher bringen.
So ist es z.B. sinnvoll, sich dafür einzusetzen, dass keine milliardenschwere Budgets für einen “Verteidigungshaushalt” ausgegeben werden, also für Militärs, die zu einer Verteidigung ohnehin nicht taugen, die aber immer mehr für Auslandseinsätze vorgesehen sind.

Im Juni wurde der Entwurf des Rüstungshaushaltes für 2005 vorgelegt. Die darin vorgesehenen 24,04 Mrd. Euro stellen den drittgrößten Haushaltstitel dar. Die Bundeswehrplanungen sehen vor, dass bis 2010 die Summe von 45 Milliarden Euro allein für neue Waffen ausgegeben werden und bis 2014 weitere 65 Milliarden. Gleichzeitig findet eine Umstrukturierung der Bundeswehr statt, mit der laut Minister Struck die “Voraussetzungen für den Einsatz, die Verstärkung und die Versorgung von Kräften in weit entfernten Einsatzgebieten” geschaffen werden.
Diese teure und politisch falsche Umstrukturierung und Neuausrichtung der Bundeswehr in Richtung Interventionsfähigkeit ist strikt abzulehnen.

Statt der geplanten Steigerung der Verteidigungsausgaben ab 2006 von 24 Mrd. Euro auf über 25 Mrd. Euro, die ab 2007 jährlich weitergeführt werden soll, sollten wir uns für eine mindestens fünfprozentige jährliche Senkung des Rüstungshaushalts einsetzen. Fünf Prozent Jahr für Jahr weniger für die Rüstung - so würden über 50 Milliarden Euro bis 2013 frei. Mit diesen 50 Milliarden Euro könnte viel Sinnvolles getan werden, etwa an sozialen Leistungen oder für eine neue Energiepolitik. Es könnte auch ein Friedensministerium eingerichtet werden, das die Aufgabe wahrnimmt, Krisen und Konfliktherde zu beobachten und mit präventiven zivilen Mitteln die Konflikte zu bearbeiten - etwa durch die Stärkung von Nichtregierungsorganisationen auf den Gebieten der Menschenrechte, der Friedenspolitik sowie dem gezielten Ausbau von Instrumenten ziviler Konfliktbearbeitung, wie z.B. Ziviler Friedensdienste.

Die Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) startet ab dem heutigen Antikriegstag die Aktion “Rüstungshaushalt senken” . Dabei ruft sie dazu auf, im September und Oktober einige Zehntausend Protestpostkarten an Bundeskanzler Schröder zu schicken und so der Forderung einer Senkung des Rüstungshaushaltes Nachdruck zu verleihen.

Solche Abrüstungs- und Friedensinitiativen sollten wir unterstützen. Und uns weiter für eine friedvolle und gerechte Welt einsetzen. Bei alledem sollten wir uns nicht entmutigen lassen, wenn wir nicht sofort zum Erfolg kommen. Auch der längste Weg beginnt mit den ersten Schritten. Und einige davon haben wir bereits zurückgelegt.

Michael Schmid ist Vorsitzender des Versöhnungsbundes - Landesgruppe Baden-Württemberg + Geschäftsführer bei Lebenshaus Schwäbische Alb e.V.

Veröffentlicht am

01. September 2004

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