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Israelische Demokratie?

Von Ewa Jasciewicz - ZNet 28.08.2004

Ewa Jasciewicz ist eine britisch-polnische Journalistin und Friedensaktivistin. Als sie kürzlich versuchte, nach Israel einzureisen, um für das Magazin ‘Red Pepper’ zu schreiben, wurde sie von den israelischen Behörden festgesetzt. Seit dem 11. August wird Jasciewicz festgehalten; sie hat Widerspruch gegen die drohende Abschiebung eingereicht. Der vorliegende Artikel ist die bearbeitete Version ihres Statements, das sie aus dem Arrestzentrum Ben Gurion herausdiktierte.

Das Leben von Journalisten, die nach Israel wollen, wird zunehmend härter. Bei meiner Befragung auf dem Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv wollte man von mir wissen, ob ich irgendwelche gewalttätigen Palästinenser kenne. Ich verneinte, da hieß es: “Nun, wir denken doch, aber wir können akzeptieren, daß Ihnen das nicht bewußt ist - aber Sie tun’s doch”.

In den Augen des israelischen Staats sind alle Palästinenser potentielle Terroristen - vielerorts treibt Israel regelmäßig sämtliche arabischen Männer zwischen 18 und 30 zusammen und sperrt sie ohne Anklage ein; wer sich mit ihnen einläßt, gilt bestenfalls als “unwissender” Terroristen-“Freund”. Diese Sichtweise scheint nun also auch für politisch engagierte Journalisten zu gelten - Journalisten wie mich.

In der Theorie zu schreiben ermüdet - um gut schreiben zu können, mußt du über Dinge schreiben, mit denen du dich auskennst, gut auskennst. Durch meinen politischen Aktivismus kenne ich mich gut mit den Palästinensergemeinden aus, in denen ich lebte. Ironischerweise war ich diesmal allerdings nach Israel gekommen, um über die israelische Seite des Konflikts zu schreiben - über die israelische Linke und die Friedensbewegung. Es ist sehr wichtig, daß man unterscheidet zwischen dem Israel, wie es die Friedensbewegung verkörpert und Israel repräsentiert durch die nationale Medienarena - denn die meisten Menschen, inklusive der meisten Palästinenser, sehen die Israelis ausschließlich als Soldaten: Killer und Heckenschützen.

Der zivile Ungehorsam der Friedensbewegungen und Gerechtigkeitsbewegungen innerhalb Israels ist größtenteils unsichtbar. Die israelischen Friedenskräfte, beispielsweise Tay’Ush (arabisch-jüdische Partnerschaft für den Frieden), ‘Anarchists Against the Wall’ oder die anschwellende Refusenik-Bewegung, repräsentieren ein wachsendes Bewußtsein auf israelischer Seite. Dieses Bewußtsein ist lebenswichtig, um den israelisch-palästinensischen Konflikt zu lösen. Auf der anderen Seite natürlich die Antithese - die politische Rechte Israels, deren “Endlösung” im Falle der Palästinenser so aussieht, daß die Palästinensergemeinden stranguliert werden - durch Zerteilung der Westbank und Ausbau der schon jetzt illegalen (jüdischen) Siedlungen.

Israel definiert sich gern als einzige Demokratie im Nahen Osten. Demokratie heißt Meinungspluralität, Pluralität der Haltungen und Stimmen; die Tatsache, daß ich aus einer linken Haltung heraus schreibe, sollte mich nicht zur Stimmlosigkeit verurteilen. Wenn allerdings alles, was geäußert werden kann, was zu hören und zu lesen ist, von den Mächtigen festgelegt wird, kann das zu einer sozialen Psychose führen, zu einer falschen Realität; das wäre für jede Gesellschaft nicht nur undemokratisch sondern völlig destruktiv und desillusionierend.

Die Menschenrechtsverstöße durch die israelische Armee sind eine Realität, die viele Bürger Israels und viele Unterstützer gerne ignorieren, gerne verleugnen möchten. Als ich neulich einem Ex-Soldaten von der Tötung eines 14jährigen Jungen aus Nablus erzählte - er hieß Baha Al Bahesh - , deren Zeugin ich vor zwei Jahren geworden war, erklärte er mir: “Das haben Sie geträumt”. Ich habe mitangesehen, wie dem Friedensaktivisten Brian Avery das Gesicht von einer Kugel, Kaliber 50, die aus einem israelischen APC abgeschossen wurde, weggerissen wurde - letztes Jahr in Dschenin. “Da täuschen sie sich, das kam von den Palästinensern”, wurde mir gesagt.

Über das Leben im besetzten Palästina schreiben - Menschenrechtsverstöße untersuchen, zum Zeugen werden bzw. direkt versuchen, sie zu verhindern - ist eine Form des Aktivismus; diese Menschenrechtsverstöße einer breiten Öffentlichkeit zu kommunizieren, erachte ich als essentiellen Teil des von mir praktizierten advokativen Journalismus.

Mein politischer Aktivismus in der ISM (Internationale Solidaritätsbewegung) benutzt man als Argument, um mich zum Sicherheitsrisiko zu erklären, aber ich bin stolz auf meine Verbindungen zur ISM. Es wird einfach nicht davon ausgegangen, daß weiße Menschen aus dem Westen ihre relativ komfortable Zone verlassen, um sich in die gewalttätigen, blutigen Konflikte des Nahen/Mittleren Ostens reinziehen zu lassen; man geht nicht davon aus, daß sie ihre Körper zwischen Panzer, Kugeln und Kinder stellen, daß sie die Sicherheitswälle der Regierung abbauen, Ambulanzen begleiten und Notdienste, daß sie mit “Sicherheitsrisiko”-Familien / -Gemeinden leben, lachen, Bindungen eingehen. Aber durch all das werden die ISM-Freiwilligen zu Katalysatoren für echte Beziehungen zwischen Internationalen und Palästinensern, aber auch zwischen Israelis und Palästinensern - und widerlegen so die Einstellung, die der israelische Staat fördert, daß eine Koexistenz zwischen Israelis und Palästinensern unmöglich sei.

Ich bin eine politisch engagierte Journalistin. Die voreingenommene und einseitige Agenda meines Schreibens: Förderung der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit. Ich bin motiviert durch meinen Glauben, daß Schreiben ein Werkzeug der Agitation ist - zur Unterstützung von Kämpfen gegen Unterdrückungswirklichkeiten; daß dieses Werkzeug Graswurzel-Power erfordert und Graswurzel-Power generiert, daß es Leben rückerobert, das an rassistische und koloniale Zielsetzungen verloren ging. Nichts von alledem stellt eine Gefahr für das israelische Volk dar. Vielmehr vermittelt es die Hoffnung, daß die Israelis nicht auf ewig Gefangene im eigenen Land sind.

Überall weltweit schwellen die Graswurzelbewegungen für Frieden und gegen den Kapitalismus an, ihre Ströme beginnen, die Landkarten territorial neu zu gestalten; Grenzen - ideologische wie physische - werden überwunden und neue Bündnisse können geschmiedet werden, eine neue Politik und neues Bewußtsein. Der Kampf für die Duldung eines engagierten Journalismus in Israel ist der Kampf zur Erzeugung wahrer Demokratie in Israel - in der Hoffnung, daß die Sozialbewegungen Israels gemeinsam mit den Sozialbewegungen der Palästinenser es schaffen werden, wahren Frieden zu erzeugen.

*Quelle: ZNet Deutschland vom 29.08.2004. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: Israeli Democracy?

Veröffentlicht am

29. August 2004

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