Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Der Irak explodiert

Sieht Blair nicht, dass das Land kurz vor der Explosion steht? Oder Bush?

Von Robert Fisk - The Independent / ZNet 03.08.2004

BAGDAD: Der Krieg ist ein Betrug. Ich rede hier nicht von den Massenvernichtungswaffen, die nicht existieren, auch nicht von der angeblichen Verbindung Saddam Husseins zur Al Kaida, die nicht existiert bzw. von allen anderen Lügen, für die wir in den Krieg zogen. Nein, ich spreche von den neuen Lügen.

So wie unsere Regierungen uns vor dem Krieg vor nichtexistenten Bedrohungen warnten, verhehlen sie uns jetzt die Bedrohungen, die wirklich existieren. Weite Teile des Irak liegen inzwischen außerhalb der Kontrolle des Bagdader US-Marionettenregimes - aber wir werden nicht informiert. Jeden Monat kommt es zu hunderten Angriffen auf US-Soldaten. Sollte kein Amerikaner sterben, informiert man uns nicht darüber. Die Zahl der toten Iraker in Bagdad stieg allein diesen Monat (Juli) auf 700 - der schlimmste Monat seit Ende der Invasion - wir werden nicht informiert.

Die Choreographie der irakischen Katastrophe kam auch beim “Gerichtsverfahren” gegen Saddam Hussein sehr auffällig zum Tragen. Das US-Militär zensierte die Bänder, die das Ereignis zeigen. Alles was akustisch von den 11 Mitangeklagten zu hören war, wurde effektiv herausgelöscht. Damit nicht genug, die Amerikaner ließen Saddam - bis zum Betreten des Gerichtssaals - in dem Glauben, er sei auf dem Weg zum Schafott. Als er den Raum betrat, glaubte er, der Richter werde ihn zum Tode verurteilen. Schließlich hatte er selbst seine Staatssicherheitstribunale früher so gehandhabt. Kein Wunder, dass er anfänglich “desorientiert” schaute - so CNNs hilfreiche Beschreibung - genauso sollte Saddam ja schauen, dafür haben wir gesorgt. Und aus diesem Grund fragte Saddam Richter Juhi auch: “Sind sie Jurist? … Ist dies hier ein Gerichtsverfahren?” Als er erkannte, dass es sich wirklich nur um die erste gerichtliche Anhörung handelte - und nicht um den Auftakt zu seiner Hinrichtung durch den Strang - nahm er sofort eine kämpferische Haltung ein.

Aber glauben Sie nur nicht, wir werden in Zukunft viel von Saddams Prozessauftritten zu sehen bekommen. Salem Chalabi - Bruder des verurteilten Betrügers Ahmad Chalabi - den die Amerikaner mit dem Prozess betrauten, hat der irakischen Presse bereits vor zwei Wochen erklärt, sämtliche Medien seien künftig von den gerichtlichen Anhörungen ausgeschlossen - aus welchem Grund ist mir durchaus klar. Denn sollte Saddam den Milosevic geben, würde er wohl über die wirklichen Verbindungen, die sein Regime zu Geheimdiensten und Militärs hatte - in erster Linie denen der USA - plaudern.

Die letzten Wochen im Irak waren eine ebenso gefährliche wie merkwürdige Erfahrung. Ich fuhr nach Nadschaf. Highway 8 ist eine der schlimmsten Straßen im Irak. Hier werden Westler ermordet. Überall liegt der Schrott ausgebrannter Polizeifahrzeuge und amerikanischer Trucks herum. Auf einer Strecke von 70 Meilen sind sämtliche Polizeiposten verlassen. Einige Stunden später sitze ich dennoch in meinem Bagdader Zimmer und sehe Tony Blair grinsend vor dem Unterhaus - als wäre er der Star eines Schul-Debattierwettbewerbs; soviel zum Thema Butler-Report. Wer sich heute in Bagdad irgendeinen westlichen TV-Sender ansieht, glaubt, er empfange das Mars-Programm. Ist sich Mr. Blair denn nicht bewusst, dass der Irak kurz vor der Implosion steht? Und ist Mr. Bush so begriffsstutzig?

Die von den Amerikanern eingesetzte “Regierung” kontrolliert nur Teile Bagdads, aber selbst dort werden ihre Minister und Zivilangestellten ermordet bzw. Opfer von Autobomben. Baquba, Samara, Kut, Mahmoudiya, Hilla, Falludschah, Ramadi liegen außerhalb jeder Regierungskontrolle. “Premierminister” Iyad Allawi ist nicht viel mehr als der Bagdader Bürgermeister. “Einige Journalisten”, so Blair, “scheinen fast zu wollen, dass es im Irak zu einem Desaster kommt”. Er begreift nicht, das Desaster ist schon da.

Wenn es Selbstmordbombern möglich ist, vor Polizeistationen mit dem Auto in hunderte von Rekruten zu fahren, wie um alles in der Welt soll hier irgendjemand nächsten Januar Wahlen abhalten können? Selbst die Nationalkonferenz, die jene ernennen soll, die die Wahlen arrangieren, wurde schon zweimal verschoben. Wenn ich meinen Notizblock der letzten fünf Wochen durchblättere, lese ich, dass ich mit keinem einzigen Iraker und keinem einzigen amerikanischen Soldaten oder Söldner - ganz gleich ob Amerikaner, Brite oder Südafrikaner - sprach, der an Wahlen im Januar glaubte. Alle sagten, der Irak baue mit jedem Tag weiter ab. Die meisten fragten mich, warum Journalisten das nicht berichten.

Stelle ich in Bagdad den Fernseher an, sehe ich Bush, wie er seinen republikanischen Anhängern erzählt, mit dem Irak ginge es bergauf, die Iraker würden die “Koalition” unterstützen, sie unterstützten ihre neue von den USA zusammengestellte Regierung, der “Krieg gegen den Terror” werde ein Sieg, und die Amerikaner seien jetzt sicherer. Dann gehe ich ins Internet, auf eine Seite, auf der man sieht, wie in Riad zwei Kapuzenmänner einem Amerikaner den Kopf abschlagen, und im Irak säbelt einer mit dem Messer am Halswirbel eines Amerikaners herum.

Tag für Tag kann man in hiesigen Zeitungen lesen, dass sich wieder eine Baufirma aus dem Irak zurückzieht. Ich gehe und besuche das freundliche aber tragisch-traurige Team der Bagdader Leichenhalle; dort treffe ich Tag für Tag dutzende Iraker - Leute, die wir angeblich befreien wollten -, die schreiend, fluchend und weinend geliebte Menschen im Billigsarg auf ihren Schultern hinaustragen.

Immer und immer wieder lese ich Tony Blairs Statement. “Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass es richtig war, Krieg zu führen. Es war die schwierigste Entscheidung meines Lebens”. Ich begreife nicht. Schon möglich, dass Kriegführen eine furchtbare Entscheidung ist. Selbst Chamberlain dachte so; schwierig fand Chamberlain die Entscheidung allerdings nicht - nachdem die Nazis in Polen einmarschiert waren, die richtige Entscheidung.

Wenn ich heute durch die Straßen Bagdads fahre und die verängstigten amerikanischen Patrouillen sehe oder wenn ich nach der Morgendämmerung eine neue donnernde Explosion höre, die meine Fenster und Türen erzittern lässt, ist mir alles klar. Der Krieg im Irak, die Irak-Invasion im letzten Jahr, war deshalb Blairs schwierigste Entscheidung, weil er - zurecht - annahm, es könnte die falsche sein. Nie werde ich vergessen, was er zu Soldaten in Basra sagte: Wenn britische Soldaten sich opferten, sei das nicht wie Hollywood “sondern reales Fleisch und Blut”. Ja, es ist reales Fleisch, und reales Blut wurde vergossen - für Massenvernichtungswaffen, die nicht real waren.

An allen Bagdader Checkpoints steht: ‘Letaler Waffengebrauch autorisiert’. Von wem autorisiert? Schließlich muss keine Rechenschaft abgelegt werden. Auf den breiten Straßen, die aus der Stadt führen, kommt es immer wieder vor, dass US-Soldaten Autofahrer anbrüllen und beim geringsten Verdacht das Feuer eröffnen. “Gestern kamen einige Navy Seals (Spezialeinheit der US-Marines - Anmerkung d. Übersetzerin) ‘runter zu unserem Checkpoint”, sagt mir ein Sergeant der Ersten Kavallerie. “Sie fragten, ob wir irgendwelchen Ärger hätten. Ich sagte, ja, die schießen auf uns aus einem Haus da drüben. Einer von ihnen fragte: Dieses Haus? Wir sagen, ja. Sie hatten diese drei SUVs dabei und jede Menge Waffen aus Titan, und sie fuhren los zu dem Haus. Später kommen sie wieder und sagen, ?wir haben das geregelt’. Und niemand hat mehr auf uns geschossen.”

Was heißt das? Derzeit prahlen die Amerikaner mit ihrer Belagerung Nadschafs. Oberstleutnant Garry Bishop von der 37th Armoured Divisions 1st Battailon spricht von einer “idealen” Schlacht (obwohl es ihm nicht gelungen ist, Muqtada Sadr, dessen “Mahdi”-Armee gegen die US-Truppen kämpfte, zu fangen oder zu töten). “Ideal” deshalb, so Bishop, weil die Amerikaner es vermieden hätten, die heiligen Schreine der Imame Ali und Hussein zu beschädigen. Was soll das den Irakern sagen? Stellen Sie sich vor, eine muslimische Armee besetzt (die englische Grafschaft) Kent, bombardiert Canterbury und prahlt anschließend damit, sie habe die Kathedrale von Canterbury nicht beschädigt. Wären wir dankbar?

Was ist von einem Krieg zu halten, der durch die, die ihn starteten, zum Fantasieprodukt wird? Aus Angst um ihr Leben ziehen die ausländischen Arbeiter scharenweise aus dem Irak ab, gleichzeitig erklärt auf einer Pressekonferenz der amerikanische Außenminister Colin Powell, die Geiselnahmen hätten “Auswirkungen” auf den Wiederaufbau. Auswirkungen! Explosionen an Öl-Pipelines sind inzwischen so häufig wie Stromabschaltungen. In manchen Stadtteilen Bagdads gibt es inzwischen nur noch 4 Stunden am Tag Strom. Und die Straßen wimmeln von ausländischen Söldnern - ihre Gewehre ragen aus den (Auto-)Fenstern -, die Irakern, die ihnen nicht ausweichen, Beschimpfungen entgegenbrüllen. So sieht der “sichere” Irak aus, dessen Blair sich vor wenigen Tagen rühmte. In welcher Welt leben die Mitglieder der britischen Regierung eigentlich?

Nehmen wir nur den Prozess gegen Saddam Hussein. Überall in der arabischen Presse - auch in Bagdads Zeitungen - ist der Name des Richters zu lesen. Es ist derselbe Richter, der in Interviews über seine Mordanklagen gegen Muqtada Sadr sprach. Er possiert für Zeitungsfotos. Aber als ich seinen Namen in The Independent erwähnte, kritisierte mich der Sprecher der britischen Regierung sehr ernst, und Salem Chalabi droht mir eine Klage an. Lassen sie mich eins klarstellen: Wir sind illegal in den Irak einmarschiert. Wir haben bis zu 11.000 Iraker getötet. Aber Mr. Chalabi, der von den Amerikanern ernannt wurde, sagt, ich hätte mich eines “Mordaufrufs” schuldig gemacht. Ich denke, das sagt wohl alles.

Quelle: ZNet Deutschland vom 07.08.2004. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Iraq to Explode”

Veröffentlicht am

07. August 2004

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von