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Nervenkrieg vor Sizilien - Schiffbrüchige werden nicht aufgenommen

Vor rund zwei Wochen verließ die Cap Anamur, das Schiff der gleichnamigen deutschen Hilfsorganisation, den Werft-Liegeplatz in Malta. Am 21. Juni, irgendwo zwischen Libyen und der italienischen Insel Lampedusa, entdeckte die Brückenbesatzung ein mit Motorschaden hilflos treibendes Schlauchboot. An Bord waren 37 Menschen, erschöpft, ohne Trinkwasser, doch noch in relativ guter Verfassung. Die Hilflosen wurden an Bord genommen, mit Nahrung versorgt, es wurde ihnen ein provisorisches Quartier im Laderaum gerichtet.

Was die Mitarbeiter von Cap Anamur herausbekamen, war, dass die “Schlauchboot-Menschen” Lampedusa erreichen wollen. Das ist, abgesehen von Malta, der südlichste Teil Europas und damit für tausende Flüchtlinge aus Afrika eine Art Zipfel der Hoffnung.

Am 1. Juli versuchte die Cap Anamur, den nächsten Hafen anzulaufen. Das wird der Hilfsorganisation Cap Anamur von den italienischen Behörden verweigert.

Die Gründe ließen sich jedoch sehr schnell vermuten, als am Horizont Korvetten der italienischen Marine samt Hubschraubern und Schnellboote der Guardia di Finanza auftauchten. “Das”, so beschreibt Elias Bierdel - Vorsitzender des Komitee “Cap Anamur” die Szenerie, “hatte schon etwas von einem Seekrieg.” Bis auf Rufweite näherten sich die Kriegsschiffe. Italiens Behörden versuchen ganz offenbar Menschen, die gerade aus einer Lebensgefahr gerettet wurden, Angst einzujagen. Sie wollen verhindern, dass die Flüchtlinge italienischen Boden und damit die “Festung Europa” erreichen.

Wir veröffentlichen nachfolgend eine Stellungnahme von PRO ASYL sowie einen Bericht des ARD-Hörfunkstudios Rom.


Nervenkrieg vor Sizilien - PRO ASYL: Humanitäre Aufnahme statt zynischer Prinzipienreiterei

Vor der sizilianischen Küste findet ein Nervenkrieg auf dem Rücken von 37 Schiffbrüchigen statt. Die Cap Anamur rettete die Schutzsuchenden aus der Seenot. Seit Donnerstag, dem 1. Juli 2004, verweigern die italienischen Behörden die Einfahrt des Schiffes in den Hafen von Empedokle. 37 Menschen, die ohne den Einsatz der Cap Anamur in der Dunkelzifferstatistik der tausendfachen Toten an den europäischen Außengrenzen verschwunden wären, warten vergeblich auf eine humanitäre Lösung.

PRO ASYL fordert die italienischen Behörden auf, unverzüglich alle martialischen Drohgebärden mit Kriegsmarine, Helikoptern etc. gegen die Cap Anamur einzustellen und endlich die 37 Schutzsuchenden an Land zu nehmen. Das Leben der Überlebenden muss an erster Stelle stehen. Die humanitäre Aufnahme statt zynischer Prinzipienreiterei ist das Gebot der Stunde. PRO ASYL appelliert in diesem Zusammenhang an die deutsche Bundesregierung, alle zur Verfügung stehenden diplomatischen Initiativen - bis hin zu einem Übernahmeangebot an die italienische Regierung - zu ergreifen, um das Drama vor der Küste Siziliens zu beenden.

Der Rettungseinsatz der Cap Anamur setzt das traurigste und drängendste Problem einer verfehlten europäischen Asyl- und Migrationspolitik auf die Tagesordnung: das tägliche Sterben an den Außengrenzen Europas.

Offiziell kamen allein seit Anfang 2002 über 1.000 Menschen an den europäischen Außengrenzen ums Leben. In den letzten Jahren ist das Mittelmeer zwischen Nordafrika und Südeuropa Schauplatz unsäglicher menschlicher Tragödien geworden. Nach Schätzungen haben über 5.000 Personen den Tod im Meer gefunden. Sie starben bei dem Versuch, sich an den spanischen, französischen, italienischen, maltesischen oder griechischen Küsten in Sicherheit zu bringen. Aus dem Blick gerät zunehmend, welche Zustände Flüchtlinge zwingen, ihr Land zu verlassen und unter welchen lebensgefährdenden Voraussetzungen sie überhaupt noch das Territorium der Europäischen Union erreichen können.

gez. Karl Kopp
Europareferent von PRO ASYL
Vorstandsmitglied von ECRE (European Council on Refugees and Exiles)

Quelle: PRO ASYL vom 06.07.2004


ARD-Hörfunkstudio Rom 07.07.2004

Italien will Cap-Anamur-Flüchtlinge nicht aufnehmen

Die Odyssee der Cap Anamur vor der sizilianischen Küste ist jetzt auch Thema im italienischen Parlament. Die Opposition verlangt von Innenminister Giuseppe Pisanu, er solle endlich freie Fahrt geben für das Schiff der deutschen Hilfsorganisation und ihm erlauben, in den sizilianischen Hafen Porto Empedocle einzulaufen, damit den Flüchtlingen an Bord geholfen werden
kann.

Organisation klagt über Einschüchterungsversuche

Die italienische Regierung aber gibt sich nach wie vor hart. Der Chef der Hilfsorganisation, Elias Bierdel, der sich mit an Bord befindet, klagt an: Sogar humänitäre Hilfe von Land versuchten die Italiener zu unterbinden: “Was uns Unterstützer von Land immer wieder berichten: Sie werden massiv behindert, zu uns durchzukommen. Sie werden eingeschüchtert, man sagt ihnen, es sei nicht ratsam für sie, zu uns an Bord zu kommen.” Seit zwei Wochen befindet sich die Cap Anamur 15 Seemeilen vor der sizilianischen Küste - mit 37 Flüchtlingen aus Afrika an Bord. Nach Angaben der Hilfsorganisation hat die Besatzung die Menschen, die auf einem Schlauchboot unterwegs waren, in internationalen Gewässern aufgegriffen. Italien verweigert die Aufnahme, unter anderem mit dem Argument, die Flüchtlinge müssten nach Malta gebracht werden.

Skandal für ganz Europa

Die deutsche Hilfsorganisation dagegen sagt: Die Menschen seien Schiffsbrüchige, zum Zeitpunkt der Rettung sei Italien das nahegelegenste Land gewesen - daher müsse die Cap Anamur nach internationalem Seerecht einen italienischen Hafen ansteuern.

Die Weigerung der Regierung in Rom, hier zu helfen, so Cap Anamur-Chef Bierdel, sei angesichts des tagtäglichen Dramas auf dem Mittelmeer ein Skandal - nicht nur für Italien, sondern für ganz Europa: “Vor der Seegrenze dieser Festung Europa ertrinken und verdursten die Menschen zu Hunderten und zu Tausenden. Und gerade in diesen Tagen sind es kleine Boote, überfüllt mit Flüchtlingen aus Afrika, die sich hier auf eine absolut abenteuerliche Reise begeben. Einige dieser Boote erreichen gegen alle Wahrscheinlichkeit die Küsten Europas, andere aber verschwinden irgendwo zwischen den Wellen.”

Humanitäre statt politische Lösung

37 Gemeinden in Italien haben sich jetzt bereit erklärt, jeweils einen der Flüchtlinge an Bord der Cap Anamur aufzunehmen. Bierdel fordert die italienische Regierung auf, den Weg frei zu machen für diese, wie er sagt, humanitäre Lösung: “Das wäre der richtige Weg. Wenn es das politische Europa nicht schafft, mit diesem Menschenrechtsskandal umzugehen, dann muss die Lösung aus einer anderen Sphäre kommen. Das hoffen und wünschen wir im Interesse derjenigen, die wir hier an Bord haben, aber auch im Interesse jener, die noch gerettet werden könnten.”

Die Flüchtlinge an Bord, so Bierdel, befänden sich körperlich in relativ guter Verfassung. Befreundete italienische Organisationen wollen nun eine neue Hilfslieferung an Bord bringen: “Zum Beispiel Hygieneartikel, mit denen wir den Ausbruch von Krankheiten und Seuchen hier an Bord verhindern können. Ein Boot wird weiter versuchen, mit einer Ladung frischer Lebensmittel zu uns durchzukommen. Wir brauchen dringend vitaminreiche Kost auf diesem Schiff.”

Wie lange die Odyssee der Cap Anamur vor der sizilianischen Küste noch andauern wird, ist zur Zeit völlig offen.

Quelle: Komitee Cap Anamur vom 07.07.2004

Weitere Informationen finden sich auf der Website von Cap Anamur

Veröffentlicht am

08. Juli 2004

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