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Handel und Entwicklung - Fidel Castros Botschaft an die 11. UNCTAD-Konferenz

Von Fidel Castro - ZNet 14.06.2004

Havanna, 13. Juni 2004

Die UNCTAD (Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung) ist eine vor 40 Jahren gegründete Organisation. Sie stellt den noblen Versuch der unterentwickelten Welt dar, mit fairem und vernünftigem internationalem Handel ein Instrument in der UN zu schaffen, das dem Streben dieser Welt nach Fortschritt und Entwicklung dienen sollte. Damals gab es viele Hoffnungen, man hatte die naive Idee, die vormaligen Monopolisten würden plötzlich Pflicht und Notwendigkeit erkennen, sich diesem Ziel anzuschließen.

Hauptvertreter der (UNCTAD-)Idee war Raul Prebisch. Prebisch charakterisierte das Phänomen ungleiche ‘Terms of Reference’ (ToR) als eine der großen Tragödien, die die Völker der “Dritten Welt” an ihrer wirtschaftlichen Entwicklung hinderten - einer seiner wichtigsten Beiträge zur Wirtschaftkultur unserer Zeit. In Anerkennung seiner relevanten Qualitäten wurde Prebisch zum ersten Generalsekretär dieser UN-Agentur für Handel und Entwicklung (UNCTAD - Anmerkung d. Übersetzerin) gewählt.

Heute wird die furchtbare Geißel ungleiche ‘Terms of Reference’ in Reden und auf Konferenzen kaum noch erwähnt.

Internationaler Handel - für die armen Länder, in denen die überwältigende Mehrheit der Menschen lebt, hat er sich keineswegs als Instrument der Entwicklung erwiesen. In 86% dieser Länder werden über die Hälfte der Exporteinnahmen durch Rohstoffverkauf erzielt. Der Verkaufswert dieser Produkte - abgesehen vom Öl - beträgt heute nicht einmal mehr 1/3 dessen, was er bei Gründung der UNCTAD betrug. Zahlen sind natürlich tendenziell langweilig und wiederholen sich, dennoch ist es oft unerlässlich, sich ihrer eloquenten, durch nichts zu ersetzenden Sprache zu bedienen:

  • 85% der Weltbevölkerung leben in armen Ländern; ihr Anteil am internationalen Handel beträgt nur 25%.
  • Die Auslandsverschuldung dieser Länder betrug 1964, als jene Agentur der Vereinten Nationen (UNCTAD - Anmerkung d. Übersetzerin) aus der Taufe gehoben wurde, nicht ganz 50 Milliarden US-Dollar, heute hingegen 2,6 Billionen.
  • In 21 Jahren, zwischen 1982 und 2003, zahlte die arme Welt 5,4 Billionen (US-Dollar) Schulden zurück. Das heißt, die aktuelle Schuldensumme wurde den reichen Ländern schon mehr als doppelt erstattet.

Man versprach den armen Ländern Entwicklungshilfe, man versprach ihnen eine stete Verringerung der Kluft zwischen Reich und Arm; man versprach ihnen sogar, die Entwicklungshilfe der wirtschaftlich entwickelten Länder würde 0,7% von deren sogenanntem Bruttoinlandsprodukt betragen. Wäre dies umgesetzt worden, die Summe läge heute bei sage und schreibe $175 Milliarden pro Jahr. Tatsächlich erhielt die “Dritte Welt” im Jahr 2003 offizielle Entwicklungshilfe in Höhe von lediglich $54 Milliarden. Im gleichen Jahr zahlten die Armen an die Reichen 436 Milliarden Schulden zurück; die Allerreichsten, die Vereinigten Staaten von Amerika, waren vom gesetzten Ziel am weitesten entfernt und stellten lediglich 0,1% ihres Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe zur Verfügung. Unberücksichtigt bleiben zudem die enormen Summen, die durch ungleiche Handelsbedingungen entzogen werden. Zudem geben die reichen Länder jedes Jahr $300 Milliarden für Subventionen aus. Diese Subventionen hindern die armen Länder am Zugang zu den Märkten dieser Länder.

Auf der anderen Seite der praktisch nicht zu ermessende Schaden, den diese Art Handelsbeziehungen in den armen Ländern anrichtet - über verschlungene WTO- bzw. Freihandelsabkommens-Pfade - die armen Länder sind außerstande, mit der fortschrittlichen Technologie, der fast absoluten Monopolisierung geistigen Eigentums und den immensen finanziellen Ressourcen der reichen Länder im Wettbewerb mitzuhalten. Weitere Formen der Ausbeutung - die noch hinzukommen -, sind die massive Ausbeutung billiger Arbeitskraft in jenen Montagewerken, die mit Lichtgeschwindigkeit entstehen und wieder verschwinden, Währungsspekulation - in Größenordnungen von einer Billion Dollar pro Tag - Waffenhandel, die Aneignung von Teilen des nationalen Kulturerbes, die kulturelle Invasion und andere Aktionen, die mit Diebstahl und Plünderung zu tun haben, und die ich an dieser Stelle gar nicht alle auflisten kann.

Die klassischen Bücher über Ökonomie reflektieren nicht die brutalste Art des Transfers finanzieller Ressourcen von armen Ländern in die reichen - Kapitalflucht, ein unerforschtes Thema. Diese Flucht ist für die herrschende Weltordnung unverzichtbar, sie charakterisiert diese Weltordnung. Jeder schafft sein Geld in die USA, um es vor monetären Schwankungen und dem Spekulationswahnsinn zu schützen, die diese Wirtschaftsordnung hervorgebracht hat. Ohne dieses Geschenk, das der Rest der Welt den USA macht - am meisten jedoch die armen Länder - wäre es der derzeitigen US-Administration unmöglich, dem enormen Druck standzuhalten, den die leeren Steuerkassen und das Handelsdefizit erzeugen - im Jahr 2004 nicht weniger als 1 Billion US-Dollar.

Wer würde es wagen, die sozialen und humanitären Folgen, die die neoliberale Globalisierung der Welt aufzwingt, in Zweifel zu ziehen?

  • Vor 25 Jahren hungerten 500 Millionen Menschen, heute sind mehr als 800 Millionen am verhungern
  • In den armen Ländern werden 150 Millionen Kinder mit Untergewicht geboren; Untergewicht erhöht das Sterblichkeitsrisiko, aber auch das Risiko der mentalen und körperlichen Fehlentwicklung.
  • 325 Millionen Kinder gehen nicht zur Schule.
  • Die Kleinkindersterblichkeit (Kinder unter 1 Jahr) ist gegenüber reichen Ländern um das Zwölffache erhöht.
  • Tag für Tag sterben in der “Dritten Welt” 33 000 Kinder an behandelbaren Krankheiten
  • 2 Millionen Mädchen werden in die Prostitution gezwungen
  • 85% der Weltbevölkerung, in den armen Ländern, verbrauchen lediglich 30% der Energie, 25% der Metalle, 15% des Holzeinschlags.
  • Auf unserem Planeten leben Milliarden von Menschen, die völlige Analphabeten bzw. funktionale Analphabeten sind.

Wie können die imperialistischen Führer und ihre Komplizen angesichts der Plünderung der Welt über Menschenrechte reden und Worte wie Freiheit und Demokratie überhaupt in den Mund nehmen - in einer derart brutal ausgeplünderten Welt? Gegen die Menschheit wird ein permanentes Verbrechen des Genozids verübt. Die Zahl der Kinder, Mütter, Jugendlichen, jungen Leute und Erwachsenen, die Jahr für Jahr aufgrund von Nahrungsmangel, fehlender medizinischer Versorgung und fehlender Arznei sterben aber zu retten wären, lässt sich vergleichen mit jenen mehreren 10 Millionen Toten der beiden Weltkriege. Dies geschieht Tag für Tag, Stunde um Stunde, ohne dass einer der großen Führer der entwickelten und reichen Welt auch nur ein Wort darüber verliert.

Kann diese Situation ewig so weitergehen? Definitiv nicht. Die Gründe liegen auf der Hand. Nach zehntausenden von Jahren hat die Menschheit exakt in dieser Minute die Marke von 6,350 Milliarden erreicht - angesichts des rasanten Tempos der letzten 45 Jahre, in denen sie sich mehr als verdoppelte, eine fast unvorhersehbare Entwicklung. Aber all diese Menschen brauchen Kleidung, Schuhe, Nahrung, Unterkunft und Bildung. In weniger als 50 Jahren wird die Zahl der Menschen - fast unausweichlich - auf 10 Milliarden gestiegen sein. Bis dahin sind die Ölreserven aufgebraucht - die bekannten wie die unerforschten; zu ihrer Erzeugung hat unser Planet 300 Millionen Jahre gebraucht. Nun werden sie in die Atmosphäre geschleudert, in Wasser und Böden geleitet - zusammen mit anderen chemischen Umweltschadstoffen.

Das heute vorherrschende imperialistische System - ein System, zu dem sich die entwickelten kapitalistischen Gesellschaften zwangsläufig evolutionierten -, bringt schon heute eine derart rücksichtslose, irrationale und unfaire neoliberale Weltwirtschaftsordnung hervor, dass sie nicht nachhaltig ist. Viele Menschen werden dagegen rebellieren. Tatsächlich hat die Rebellion schon begonnen. Töricht zu behaupten, dies sei das Werk von Parteien, Ideologien, von subversiven Agenten und Destabilisierungs-Agenten aus Kuba und Venezuela.

Eine Folge dieser Evolution ist unter anderem die sogenannte ‘Konsumgesellschaft’. Innerhalb des Normen- und Rahmengefüges, das das System beherrscht, war dies ein unvermeidlicher Prozess. In diesen Gesellschaften vergiften verantwortungslose und konsumorientierte Tendenzen das Denken vieler Menschen auf der Welt. In einem Klima, in dem allgemeine wirtschaftliche und politische Ignoranz vorherrscht, werden die Köpfe durch eine kommerzialisierte politische Öffentlichkeit manipuliert - mittels der ach so wunderbaren, wissenschaftlich erzeugten Medien. Diese Bedingungen in den reichen und mächtigen Ländern sind nicht gerade die besten Auspizien, um fähige und verantwortungsvolle Führer hervorzubringen - ausgestattet mit dem nötigen Wissen, den politischen Prinzipien und der ethischen Haltung, die eine so extrem komplizierte Welt erfordert. Es ist nicht ihr Fehler. Schließlich sind sie selbst Produkt und blindes Instrument jener Evolution. Aber werden diese Leute in der Lage sein, eine extrem komplexe politische Situation, wie sie in der Welt immer öfter vorkommt, verantwortlich zu meistern?

Der 60. Jahrestag des Abwurfs der ersten Atombombe auf Hiroshima naht. Heute existieren weltweit zehntausende solcher Waffen - um das Dutzendfache mächtiger und präziser; sie werden weiter produziert und weiterperfektioniert. Selbst für den Weltraum plant man Atomraketenbasen. Man produziert immer neue noch ausgefeiltere, noch tödlichere Waffensysteme. Zum ersten Mal in der Geschichte produziert die Menschheit die technischen Voraussetzungen zu ihrer eigenen Vernichtung. Andererseits ist die Menschheit nicht in der Lage, die Sicherheit und Integrität aller Länder (der Welt) gleichermaßen zu gewährleisten - nicht einmal minimalst. Man entwickelt die theoretischen Grundlagen für Präemptiveinsätze, Überraschungseinsätze mit hochentwickeltsten Waffen - wendet sie sogar an - “in jeder dunklen Ecke dieser Welt”, “in 60 oder mehr Ländern” - was selbst die barbarischen Anmaßungen der Nazis in ihrer dunkelsten Zeit verblassen lässt. Wir sahen schon Eroberungskriege und Methoden sadistischer Folter - die uns an die Bilder erinnern, die wir am Ende des Zweiten Weltkriegs sahen.

Das Prestige der Vereinten Nationen ist bis in die Grundpfeiler erschüttert. Weit davon entfernt, sich zu demokratisieren und perfekter zu werden, ist von dieser Institution nicht mehr viel übrig als ein Instrument, das die Supermacht und ihren Verbündeten einzig zu dem Zweck nutzen wollen, ihnen Deckung für Kriegsabenteuer zu verschaffen, für abscheuliche Verbrechen gegen die heiligsten Rechte der Völker. Das ist keine Fantasie, kein Produkt der Einbildung. Tatsache ist, innerhalb einer Zeitspanne von kaum einem halben Jahrhundert haben sich zwei tödliche Bedrohungen für das Überleben der menschlichen Rasse herauskristallisiert - die eine rührt von der technologischen Waffenentwicklung, die andere von der systematischen und immer rasanteren Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen auf unserem Planeten.

Dieses Dilemma, in das jenes System die Menschheit gebracht hat, lässt nur eine Option zu: Die Weltsituation muss sich ändern, oder die Menschheit sieht sich dem realen Risiko ihrer Ausrottung gegenüber. Man braucht kein Wissenschaftler oder Mathematiker zu sein, um dies zu begreifen. Die Arithmetik, die man Schulkindern in der Oberschule beibringt, genügt vollkommen. Die Völker werden unregierbar werden. Weder Repression, Folter, ‘Verschwindenlassen’ oder die Ermordung einer Vielzahl Menschen werden sie stoppen. Nicht nur die Hungernden der “Dritten Welt” werden kämpfen - um ihr eigenes Überleben und das ihrer Kinder - sondern auch jene Menschen der reichen Welt mit einem Gewissen, geistige Arbeiter ebenso wie Handarbeiter.

Aus der unvermeidlichen Krise werden eher früher als später Denker, Führer und soziale und politische Organisationen aller Schattierungen hervorgehen, die ihr Möglichstes tun werden, um die menschliche Spezies zu retten. Alle Wasser werden in eine Richtung fließen und alle Hindernisse hinwegschwemmen. Lassen Sie uns Ideen pflanzen. Dann können wir auf all diese Waffen verzichten - Waffen, erzeugt von einer barbarischen Zivilisation; lassen Sie uns Ideen pflanzen, und wir werden die irreversible Zerstörung unserer natürlichen Lebensräume verhindern. Bleibt die Frage, ob es nicht schon zu spät ist? Ich bin Optimist und sage nein. Ich teile die Hoffnung, eine bessere Welt ist möglich.

Quelle: ZNet Deutschland vom 05.07.2004. Übersetzt von: Andrea Noll.

Veröffentlicht am

06. Juli 2004

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