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Sich gegen die Klauen der Mauer stellen

Von Tanya Reinhart - Yediot Aharonot / ZNet 25.06.2004

Entlang der Route der Separationsbarriere in der Westbank sprießt eine neue Kultur: Soldaten und Bulldozer einerseits, Israelis und Palästinenser, die das Land und die Bäume umarmen und versuchen, beides zu retten, andererseits. Letzte Woche entschied Scharon, seine Rolle als Mann des Friedens sei gesichert genug, er könne damit beginnen, die Mauer in Richtung der Siedlungen Ariel und Kedumim voranzutreiben - tief in die Westbank hinein, rund 20 km außerhalb Israels. Doch seither befinden sich auch Israelis und Palästinenser dort.

Die Landschaft der Region Ariel ist atemberaubend. Die neuen Straßen, die die Herrscher exklusiv für ihren Bedarf gebaut haben, zerstückeln sie. Darunter liegen die alten Straßen der Besiegten. Dort, auf der unteren Ebene, findet sich das andere Israel-Palästina.

Junge Israelis treffen in Bussen ein, die zu den Siedlungen führen. Zu Fuß bzw. in palästinensischen Taxis schlagen sie sich anschließend von Checkpoint zu Checkpoint durch. Allein oder in Gruppen marschieren sie zwischen den (palästinensischen) Dörfern. Einige schlafen auch in den Dörfern. Am nächsten Tag werden andere Menschen dieselbe Route zurücklegen, um zur Demonstration zu gelangen. Und überall wo sie hinkommen, werden sie mit Segenswünschen, mit leuchtenden Gesichtern, begrüßt. “Tfaddalu”, sagen die Kinder in den Hauseingängen, so, als hätten sie noch nie etwas von steinewerfen gehört.

Ebenso wie die Bewohner anderer Palästinenser-Dörfer entlang der Zaun-Route öffnen auch die Bewohner der Dörfer der Ariel-Region ihre Häuser, ihre Herzen den Israelis, die kommen, um sie in ihrem gewaltlosen Widerstand gegen jene Barriere, die ihnen das Land raubt, zu unterstützen.

Die Israelis, die in die Dörfer gehen, haben keine Angst vor der Hamas. Wenn sie überhaupt etwas fürchten, dann die israelische Armee. Diese kann jederzeit aufgrund einer Kommandeurslaune entscheiden, die Demonstranten mit Tränengas in unverhältnismäßiger Dosierung einzudecken oder die Region zum militärischen Sperrgebiet zu erklären (das heißt, für Israelis) und alle Israelis, die versuchen, in der Region zu bleiben, zu verhaften.

Was bringt junge Israelis dazu, sich gemeinsam mit Palästinensern vor die Armee hinzustellen? Es ist die Überzeugung, dass eine Grundlinie der Gerechtigkeit existiert, die nicht überschritten werden darf. Nicht Sicherheitsüberlegungen bestimmen die jetzige Route des Zauns. Wäre das Ziel tatsächlich die Verhinderung von Terroristeninfiltration, der Zaun hätte anders gebaut werden können.

Geplant wurde die Route von Shaul Arieli, Oberst der Reserve, der die “Friedens-Administration” der damaligen Barak-Regierung leitete. Auch Arielis Route wich bereits von der 1967-Grenze ab und schloss die großen (jüdischen) Siedlungsblocks mit ein, um sie auf die israelische Seite zu nehmen. Die 300 Quadratkilometer Westbank-Land, die der Arieli-Plan verschlungen hätte, sind allerdings nicht einmal 1/3 dessen, was sich der jetzige Verlauf einverleiben wird. Arielis Plan hätte 56.000 Palästinenser von einer ununterbrochenen Verbindung zur Westbank abgeschnitten, die jetzige Route lässt 400.000 Palästinenser stranden (Eldar, Haaretz vom 16.02.2004).

Entworfen wurde die Barriere von Scharon und der Armee mit der Perspektive, entlang der israelischen Grenze soviel Westbank-Land wie möglich zu übernehmen und das Gebiet allmählich zu entleeren - was dessen Bewohner angeht. Die Stadt Qalqiliyah wurde von ihren Ländereien und dem Rest der Westbank isoliert. Schon jetzt ist es eine tote Stadt. Viele Bewohner flohen und suchten ihr Auskommen an den Rändern anderer Westbank-Städte; die blieben, geben sich einer Verzweiflung und Verelendung hin, die charakteristisch ist für Gefängnisinsassen.

Dieses Schicksal erwartet auch Biddu, Beit Sureik und die übrigen Dörfer, die zwischen der (jüdischen) Siedlung Giv’at Zeev und der israelischen Stadt Mevasseret Zion liegen. Nun kommen Zawiya und Deir Balout an die Reihe. Sie liegen zwischen der Siedlung Ariel und dem israelischen Rosh Ha’ayin. In der Armeesprache heißt das: Ariel und Kedumim sind die “Klauen” des Zauns - Klauen, die sich tief in die Westbank graben. Sie reissen ein riesengroßes Stück Palästinenserland heraus, das nach Israel transferiert wird. Als Teil dieses Prozesses wird es nötig werden, das Land von dessen Bewohnern “zu säubern” - durch graduelle Erdrosselung, siehe Qalquiliyah.

Die Israelis, die sich der Armee entgegenstellen, gehen in die Westbank, weil ihnen bewusst ist, es gibt ein Gesetz, das höher steht als das Gesetz der Armee, das mit militärischen Sperrzonen arbeitet: das internationale Recht, das “ethnische Säuberungen” verbietet und das Gesetz des Gewissens. Aber was bringt sie Tag für Tag zurück? Es ist der neue Bund, den die (beiden) Völker des Landes schlossen, ein Pakt der Fraternité und der Freundschaft zwischen Israelis und Palästinensern, die das Leben lieben, das Land und die Abendbrise. Sie wissen, es ist möglich, auf diesem Land anders zu leben.

Quelle: ZNet Deutschland vom 27.06.2004. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “ Standing against the Claws of the Wall” . Ursprünglich ist der Artikel am 23.06.2004 erschienen in Yediot Aharonot und YNet. Aus dem Hebräischen von Mark Marshall und Edeet Ravel.

Veröffentlicht am

04. Juli 2004

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