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Schlechte Angewohnheiten

Von Eduardo Galeano - ZNet 29.04.2004

Eine kleine Geste nationaler Würde löste am Beginn dieses Jahres einen wilden Skandal aus. Überall auf der Welt wurde dieser Geschichte größte Aufmerksamkeit gewidmet, als wäre es ein aberwitziges Ereignis, wie “Mann beißt Hund”.

Also, was war geschehen? Brasilien hatte von den Ankommenden aus den USA das gleiche verlangt, was die USA auch von BesucherInnen aus Brasilien verlangt: sich an der Grenze ein Visa ausstellen, ein Photo von sich machen, und seine Fingerabdrücke abnehmen zu lassen.

Viele verurteilten dieses gewöhnliche Vorgehen als ein Anzeichen von gefährlichem Wahnsinn. Vielleicht würden diese Dinge von einer anderen Warte betrachtet werden, wenn die Welt nicht so übel abgerichtet wäre. Im Grunde war es nicht abnormal was der brasilianische Präsident Lula gemacht hat, sondern, dass er der einzige war, der das getan hat. Was abnormal war, dass alle anderen die Maßnahmen welche Bush dem Rest der Welt auferlegte, mit der Ausnahme einiger Privilegierter weniger, welche über jeden Verdacht von Terrorismus und Missetaten erhaben sind, einfach akzeptierten.

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Alles wurde mit dem 11. September gerechtfertigt. Diese Tragödie, welche Präsident Bush weiterhin als Freibrief für ewige Straflosigkeit gebraucht, verpflichtet sein Land sich zu verteidigen, und seine Wächter nie schlafen zu lassen.

Aber wie jeder weiß, hatte niemand aus Brasilien mit dem Sturz des World Trade Centers zu tun. Dafür geschah, wie sich wenige erinnern werden, der schwerwiegendste Akt des Terrors in der brasilianischen Geschichte, der Coup von 1964, mit politischer, wirtschaftlicher, militärischer und medialer Beteiligung der Vereinigten Staaten.

Diese Art der Grenzkontrollen, welche zu solcher Aufregung führten, ist nicht viel mehr als ein Fall von vergeltender Gerechtigkeit, und es wäre lächerlich dies als verspätete historische Rache zu sehen. Trotzdem sollten wir nicht vergessen, dass die Lateinamerika routinemäßig angetanen Grausamkeiten einiges mit der schlechten Angewohnheit des Gedächtnisverlustes zu tun haben - Ein Verlust der Erinnerung darüber, dass die US-Beteiligung an diesem terroristischem Coup gut dokumentiert ist, und auch durch Geständnisse der wichtigsten Beteiligten bestätigt ist. Und man sollte sich auch daran erinnern, dass dieses Ereignis nicht nur der Beginn einer langen Militärdiktatur war, sondern auch Sozialreformen getötet und begraben hat, welche die demokratische Regierung von Jango Goulart erlassen hatte, um dieses ungerechteste Land der Welt etwas weniger ungerecht zu machen.

Es brauchte vierzig Jahre bis dieses Verlangen nach Gerechtigkeit wieder zum Leben erwachte. Wie viele brasilianische Kinder sind in dieser Zeit gestorben? Ein Terrorismus der mit Hunger tötet ist nicht weniger verabscheuungswürdig wie einer, der mit Bomben tötet.

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Schlechte Angewohnheiten: Niederträchtigkeit, Gedächtnisverlust, Resignation. Furcht hält uns davon ab, uns zu ändern; geistige Faulheit hält uns davon ab, ohne sie zu leben.

Es ist unvorstellbar uns die Geschichte andersherum vorzustellen. Zum Beispiel, was wäre passiert, wenn der Irak die Vereinigten Staaten überfällt, mit der Begründung, dass die USA Massenvernichtungswaffen hat? Oder wenn die Botschaft Venezuelas in Washington einen Coup gegen George W. Bush angetrieben und gefeiert hätte, einen solchen wie jenen, welche die US-Botschaft in Caracas gegen Hugo Chavez veranstaltet hat? Oder wenn die Regierung Kubas 637 Mordanschläge gegen US-Präsidenten organisiert hätte, als Antwort auf die 637 Mal, welche die USA versucht haben Fidel Castro zu ermorden?

Und was würde passieren, wenn die Regierungen des Südens auch nur eine einzige Maßnahme des Internationalen Währungsfonds oder der Weltbank verweigern würden, wenn jene nicht damit beginnen die gleichen Maßnahmen auch von den USA zu verlangen, dem größten Schuldner des Planeten. Oder wenn die Zölle und Subventionen welche die reichen Länder zu Hause wirken lassen, aber welche sie anderswo verbieten, im Süden eingeführt werden würden? Und so weiter…

Schlechte Angewohnheiten: Fatalismus. Akzeptieren wir das inakzeptable, als wäre es Teil der natürlichen Ordnung der Dinge, und als ob keine andere Ordnung möglich wäre. Die Sonne erfriert die Welt, die Freiheit unterdrückt, die Integration bricht Dinge auseinander: Ob es dir gefällt oder nicht, man kann das nicht verhindern. Triff deine Wahl: Dies oder das. So wird die amerikanische Freihandelszone (FTAA) verkauft.

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Ganz am Anfang der Zeit machte der alte Zeus, der Boss über allen Bossen, keine Fehler. Von all den Bewohnern des Olymps war Hermes der hinterhältigste, der Falschspieler, der alle reinlegte, der Dieb, der alles stahl. Zeus gab ihm Sandalen mit goldenen Flügeln und machte ihm zum Gott des Handels. Es war Hermes, später Merkur genannt, der sich die Welthandelsorganisation, NAFTA, FTAA und andere Kreaturen ausdachte, die er nach seinem Bilde schuf.

NAFTA, die Nordamerikanische Freihandelszone welche die USA, Kanada und Mexiko umfasst, ist vor zehn Jahren einberufen worden. Die Hand von Hermes leitete jeden ihrer Schritte. Vom Leben und Werk von NAFTA im Laufe ihrer ersten zehn Jahre betrachte man nur ein paar erhellende Anzeichen dafür, was uns erwartet, wenn FTAA umgesetzt wird, wenn der so genannte Freie Handel, demütigend und vorherrschend, auf ganz Amerika ausgeweitet wird.

1996 verbot die kanadische Regierung den Verkauf “eines lebensgefährlichen Nervengiftes”: es war ein Benzinzusatz welcher von der US-Firma Ethyl hergestellt wird. Dieses Gift, welches in den USA verboten war, wurde nur in Kanada verkauft. Die Firma Ethyl, welche viele Jahre der noblen Mission andere Länder zu vergiften gewidmet hat, reagierte darauf, indem es die kanadische Regierung verklagte, weil diese ihren Ruf durch das Verbot dieses Produkts schädige, und es gab nichts, was man dagegen machen konnte. Unter NAFTA herrschen die Firmen. Mitte des Jahres 1998 hob die kanadische Regierung das Verbot auf, zahlte Ethyl eine Wiedergutmachung von 13 Millionen Dollar und sagte, dass es ihr Leid tue.

1995 konnte eine andere US-Firma, Metalclad, eine Giftlagerstätte im mexikanischen Staat San Luis Potosi nicht wieder eröffnen. Die Menschen hinderten die Firma mit Macheten in der Hand daran, ihr Land und ihr Grundwasser weiter zu vergiften. Metalclad klagte die mexikanische Regierung für diesen Akt der “Enteignung”. Aufgrund von diesbezüglichen Klauseln in NAFTA erhielt die Firma 2001 eine Entschädigung von 17 Millionen Dollar.

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Die Vereinten Nationen sind Ende des Zweiten Weltkrieges geboren worden. John Fitzgerald Kennedy und Orson Welles waren unter den 1500 JournalistInnen, welche über das große Ereignis berichteten. Die Gründungscharta der UNO etablierte die “Gleichberechtigung von allen Nationen, ob groß oder klein”. Und das große Versprechen war: Aufbauend auf der souveränen Gleichheit aller ihrer Mitglieder würde die neue internationale Organisation den Weg der menschlichen Geschichte ändern.

Sechzig Jahre später kann man die Ergebnisse klar sehen: die Änderung war zum Schlechten hin.

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Aber schlechte Angewohnheiten sind kein Schicksal, und mehr und mehr Länder weigern sich den Idioten in dieser großen Farce zu spielen.

Vor einem Jahr bemerkte Thomas Dawson als Sprecher des IWF: “Wir haben in Lateinamerika viele hervorragende Absolventen”. Es war die gleiche alte Rhetorik. Heute warnt der argentinische Präsident Nestor Kirchner: “Wir sind nicht länger nur ein Fußabstreifer”. Das ist die neue Rhetorik.

Eine neue Rhetorik, eine neue Einstellung. Unsere Länder kommen mit ihren Menschen sehr schlecht aus, und mit ihren Nachbarn noch schlechter. Es ist eine lange und traurige Geschichte einer Reihe von Scheidungen. Aber die regionalen Treffen - in Cancun und Monterrey - welche kürzlich stattgefunden haben, wurden von den Böen eines neuen Windes umschlagen. Nach so vielen Jahren der Einsamkeit beginnen die Schwachen zu begreifen, dass sie fallen werden, wenn sie getrennt bleiben. Nur einige wenige, wie der uruguayische Präsident Jorge Batlle, glauben dass wir noch immer hoffen können, glückliche Bettler zu sein. Sogar die sturköpfigsten sind davon überzeugt, dass in dieser riesigen Maschinerie der Demütigung, in welcher die Mächtigen die finanzielle Erpressung, die militärische Gewalt und den Handelsprotektionismus ungestraft praktizieren, die Würde entweder geteilt wird, oder es gibt gar keine.

Aber wir müssen uns beeilen, bevor wir am Ende Photos von Leuten ähneln, die vom Mars zurückgekommen sind.

Anmerkungen:

  • Eduardo Galeano ist ein uruguayischer Autor. Von ihm stammen unter anderem “Die Offenen Adern Lateinamerikas” und die “Erinnerungen an das Feuer”.

Quelle: ZNet Deutschland vom 04.05.2004. Übersetzt von: Matthias. Orginalartikel: “Bad Habits”

Veröffentlicht am

04. Mai 2004

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