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Was jetzt tun?

Von Howard Zinn - The Progressive / ZNet 26.04.2004

Es scheint einigen Leuten, besonders denjenigen, die sich auf den oberen Etagen der Macht befinden oder dort hin möchten, schwer zu fallen, eine einfache Wahrheit zu begreifen: Die USA gehören nicht in den Irak. Es ist nicht unser Land. Unsere Anwesenheit verursacht Tod, Leiden, Zerstörung und große Teile der Bevölkerung lehnen sich gegen uns auf. Dann reagiert unser Militär mit willkürlicher Gewalt, Bombardierungen, Erschießungen und dem Zusammentreiben von Menschen, die man einfach “verdächtigt”.

Ein Jahr nach Beginn der Invasion berichtete Amnesty International: “Dutzende unbewaffneter Menschen wurden aufgrund von übertriebener und unnötiger tödlicher Gewalt durch Koalitionstruppen während öffentlicher Demonstrationen, an Kontrollpunkten oder bei der Erstürmung von Häusern getötet. Tausende Menschen [die Schätzungen gehen von 8500 bis 15.000] befinden sich oft unter grausamen Bedingungen in Gewahrsam und sind einer verlängerten und oft unbekannten Haft unterworfen. Viele von ihnen wurden gefoltert oder misshandelt, einige sind in der Haft gestorben.”

Nach den letzten Schlachten in Falludscha erschien der folgende Berichte von Amnesty International: “Die Hälfte der mindestens 600 Toten, die bei den letzten Kämpfen zwischen den Koalitionstruppen und den Aufständischen gestorben sind, waren Zivilisten, viele davon Frauen und Kinder.”

Angesichts dieser Tatsachen muss jede Frage, nach dem, was jetzt zu tun ist, mit der Einsicht beginnen, dass die gegenwärtige Besatzung moralisch nicht akzeptabel ist.

Der Vorschlag, dass wir uns einfach aus dem Irak zurückziehen wird mit Klagen begegnet: “Wir dürfen uns nicht einfach aus dem Staub machen … Wir müssen unseren Kurs halten… Unser Ruf wird ruiniert …” Genau das haben wir zu Hören bekommen, als einige von uns zu Beginn der Eskalation während des Vietnam-Krieges den sofortigen Abzug forderten. Als Ergebnis dieses Kurshaltens starben 58.000 Amerikaner und einige Millionen Vietnamesen.

“Wir können dort kein Vakuum hinterlassen.” Ich glaube, es war John Kerry, der das gesagt hat. Welche Arroganz, zu glauben, es würde eine Leere entstehen, wenn die USA das Feld räumen würden! Mit der gleichen Denkweise wurde die enorme Weite des amerikanischen Westens als “leeres Gebiet” betrachtet als dort schon Hunderttausende Indianer lebten.

Die Geschichte der Besetzung von Ländern der so genannten Dritten Welt hat weder Demokratie noch Sicherheit gebracht. Die lange US-Besatzung der Philippinen, die einem blutigen Krieg folgte, in dem US-Truppen schließlich die philippinische Unabhängigkeitsbewegung bezwangen, führte nicht zu einer Demokratie, sondern vielmehr zu aufeinander folgenden Diktaturen, die mit Fernando Marcos endeten.

Die langen US-Besatzungen Haitis (1915-1935) und der Dominikanischen Republik (1916-1926) führten in beiden Ländern nur zu einer Militärdiktatur und Korruption.

Das einzige vernünftige Argument zur Fortsetzung des bisherigen Kurses wäre eine Verschlimmerung der Situation im Falle eines Abzugs. Uns wird mitgeteilt, es würde zu chaotischen Verhältnissen, zu einem Bürgerkrieg kommen. Die Anhänger des Krieges in Vietnam sagten ein Blutbad voraus, falls die US-Truppen abzögen. Das passierte nicht. Es gibt eine Geschichte grässlicher Vorhersagen für das, was passieren würde, wenn wir von der todbringenden Gewalt Abstand nähmen. Hätten wir die Bombe nicht auf Hiroshima geworfen, hätten wir in Japan einmarschieren müssen, was eine große Anzahl von Toten zur Folge gehabt hätte. Wir wissen jetzt und wussten schon damals, dass dies nicht der Wahrheit entsprach, müssen aber einräumen, dass dies nicht mit den politischen Ansichten der Regierung konform ging. Die USA hatten den japanischen Code geknackt und die Telegramme an den Abgesandten in Moskau abgefangen, die deutlich machten, dass die Japaner bereit waren aufzugeben, solange die Position des Kaisers gesichert war.

In Wahrheit weiß niemand, was passieren wird, wenn die USA abziehen. Wir haben die Wahl zwischen der Gewissheit, dass es zu chaotischen Zuständen kommt, wenn wir bleiben und der Ungewissheit, was dem folgt.

Es gibt eine Möglichkeit, diese Unsicherheit zu verringern, indem man die Militärpräsenz der USA durch eine internationale nichtmilitärische Präsenz ersetzt. Es ist vorstellbar, dass die UNO Vorkehrungen für ein multinationales Team trifft, das aus Friedensstiftern und Unterhändlern besteht, zu denen auch, was ganz wichtig ist, Menschen aus arabischen Ländern gehören. Diese Gruppe könnte Schiiten, Sunniten und Kurden zusammenbringen und eine Lösung für die Selbstverwaltung ausarbeiten, die allen drei Gruppen eine Beteiligung an der politischen Macht ermöglicht.

Gleichzeitig sollte die UNO Vorkehrungen für die Lieferung von Lebensmitteln und Medikamenten aus den USA und anderen Ländern treffen, als auch für eine Gruppe von Ingenieuren, die mit dem Wiederaufbau des Landes beginnen.

In einer Situation die offensichtlich schlimm ist und schlimmer wird, sehen einige die Lösung in der Erweiterung der Militärpräsenz. Der rechte Kolumnist David Brooks schrieb Mitte April: “Ich hätte nie gedacht, dass es so schlimm sein würde”, aber dann drückte er seine Freude darüber aus, dass Präsident Bush “die Notwendigkeit für mehr Soldaten bestätigt.” Das passt zur Definition für den Begriff Fanatismus: “Wenn du merkst, dass du in die falsche Richtung gehst, verdoppele deine Geschwindigkeit.”

Es ist schade (für diejenigen, die auf einen entscheidenden Bruch mit dem Bush-Programm hofften), dass John Kerry diesen Fanatismus wiederholt. Wenn er je etwas aus seinen Erfahrungen in Vietnam gelernt hat, hat er dies vergessen. Auch dort führte das Misslingen, die Unterstützung des vietnamesischen Volkes zu gewinnen, dazu, dass immer mehr Soldaten in Tennysons “Todestal” [1] geschickt wurden.

In einem kürzlich erschienenen Artikel in der Washington Post spricht Kerry von einem militärischen “Erfolg”. “Falls unsere obersten Militärs mehr Soldaten anfordern, sollten wir sie einsetzen.” Er scheint zu denken, dass wir durch die “Internationalisierung” unserer verheerenden Politik die Katastrophe verkleinern. “Wir müssen unsere Anstrengungen auch erneuern, um internationale Unterstützung in Form von Bodentruppen anzuziehen, um ein Klima der Sicherheit im Irak zu schaffen.” Bringen “Bodentruppen” die gewünschte Sicherheit?

Kerry schlägt vor: “Wir sollten die NATO drängen einen neuen Out-of-area-Einsatz für den Irak unter der Führung eines US-Kommandeurs zu führen. Dies würde uns behilflich sein, mehr Soldaten von den wichtigsten Staatsmächten zu erhalten.” Mehr Soldaten, mehr Soldaten. Und die USA müssen die Verantwortung haben - die alte Vorstellung, dass die Welt sich auf unsere Führung verlassen kann - trotz der langen Liste moralischer Fehlleistungen.

Alle diejenigen, die sich Sorgen darüber machen, was im Irak passiert, wenn unsere Soldaten abziehen, sollten die Auswirkungen der Besatzung durch ausländische Soldaten bedenken: fortwährendes, zunehmendes Blutvergießen, ständige Unsicherheit, wachsender Hass gegen die USA in der gesamten muslimischen Welt mit über einer Milliarde Menschen und eine Zunahme an Feindseligkeiten weltweit.

Die Auswirkungen davon werden das genaue Gegenteil von dem sein, was unsere Politiker - aus beiden Parteien - zu erreichen beabsichtigt hatten, einen “Sieg” über den Terrorismus. Wenn man den Zorn eines gesamten Volkes entfacht, hat man den Nährboden für den Terrorismus vergrößert.

Wie sieht es mit den langfristigen Auswirkungen einer fortgesetzten Besatzung aus? Ich denke an die Vergiftung der inneren Haltung unserer Soldaten, die gezwungen werden unschuldige Menschen zu töten, zu Krüppeln zu machen und zu verhaften und somit zu Schachfiguren einer imperialen Macht werden, nachdem sie in ihrem Glauben, sie würden für Freiheit und Demokratie und gegen die Tyrannei kämpfen, betrogen wurden.

Ich denke an die Ironie, dass eben diese Dinge, von denen wir behaupteten, unsere Soldaten würden dafür sterben - und ihre Augen, ihre Glieder gaben - durch diesen brutalen Krieg im eigenen Land verloren gehen. Unsere Meinungsfreiheit ist eingeschränkt, unser Wahlsystem ist korrupt, es gibt keine Kontrolle der Exekutive durch den Kongress oder die Judikative.

Und die Kosten des Krieges - der 400-Milliarden-Dollar-Militäretat (auch Kelly lehnt es - zu unser aller Entsetzen - ab, die Senkung des Etats in Betracht zu ziehen) lassen es unvermeidlich werden, dass die Menschen an einen Mangel in der Gesundheitsversorgung, an einem immer schlechter werdenden Schulsystem, schmutziger Luft und schmutzigem Wasser leiden werden. Die Macht der Konzerne ist unkontrolliert und gerät aus den Fugen.

Kerry scheint nicht zu verstehen, dass er seine stärkste Karte gegen Bush - die wachsende Desillusionierung der amerikanischen Öffentlichkeit über den Krieg - weggibt. Er meint, er sei besonders intelligent, wenn er behauptet, er könne den Krieg besser führen als Bush. Aber wenn er ständig seine Zustimmung zur Militärbesatzung erklärt, klettert er an Bord eines sinkenden Schiffes.

Wir brauchen nicht noch einen Kriegspräsidenten. Wir brauchen einen Friedenspräsidenten. Und diejenigen im Lande, die das genau so empfinden, sollten dem Mann, welcher der nächste Bewohner des Weißen Hauses sein könnte, unseren Wunsch auf die stärkste Weise wissen lassen.

Anmerkungen:

1 siehe das Gedicht von Alfred Tennyson: The Charge of the Light Brigade, c.1880 www.fordham.edu/halsall/mod/1880tennyson.html

Quelle: ZNet Deutschland vom 02.05.2004. Übersetzt von: Tony Kofoet. Orginalartikel: “What do we do now?”

Veröffentlicht am

02. Mai 2004

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