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Die simple Wahrheit dieses Kriegs: Die Irakis wollen uns nicht

Von Robert Fisk - Independent / ZNet 10.04.2004

Ein Krieg, der auf Illusionen, Lügen und rechter Ideologie beruht -, dass dieser Krieg in Blut und Feuer untergehen wird, war klar. Saddam habe Massenvernichtungswaffen, er stünde in Kontakt mit Al Kaida, Saddam hätte etwas mit den Verbrechen gegen die Menschlichkeit vom 11. September zu tun. Die Menschen des Irak würden uns mit Blumen und Musik empfangen. Es würde eine Demokratie geben. Selbst das Niederreißen der Saddam-Statue - Betrug. Ein amerikanisches Militärfahrzeug hatte das kaputte Ding umgezogen, während die Menge zusah - nur einige hundert Iraker. Wo waren die Zehntausende, die sie eigenhändig umwerfen sollten und ihre “Befreiung” feiern?

Am Abend des 9. April 2003 hatte die BBC einen “Kommentator” aufgetrieben, der mich und den ‘Independent’ beschimpfte, weil wir das Wort “Befreiung” in Anführungszeichen setzten. In Wirklichkeit war in jenen ersten Tagen und Wochen Freiheit von Saddams Diktatur gleichbedeutend mit Freiheit, um zu plündern, zu brandschatzen, zu kidnappen und zu morden. Diesem initialen Versagen der Amerikaner und Briten - die es zuließen, dass in Bagdad und anderen Städten der Mob herrschte - , sollte etwas noch weit Finsteres folgen: Gruppen von Brandschatzern, die systematisch sämtliche Ministerien und Archive zerstörten (außer dem Öl- und Innenministerium, die selbstverständlich von US-Soldaten geschützt wurden). Sie vernichteten islamische Manuskripte, nationale Archive, unersetzliche Altertümer. Die kulturelle Identität des Irak selbst wurde so vernichtet. Und noch immer sollten die Iraker ihre “Befreiung” bejubeln.

Die Besatzungsmacht verspottete Berichte, wonach Frauen entführt und vergewaltigt wurden. Tatsächlich wurden damals 20 Menschen pro Tag entführt - Frauen wie Männer - heute sind es 100. Zudem weigerte sich die Besatzungsmacht hartnäckig, die Zahl der irakischen Zivilisten, die Tag für Tag durch die Hand Bewaffneter, durch Räuber und amerikanische Soldaten starben, zu ermitteln.

Selbst noch in dieser Woche, als die Versprechungen und Lügen barsten und die Nebelschwaden sich auflösten, war der Armeesprecher der Amerikaner lediglich in der Lage, uns die Zahl getöteter Militärs zu nennen. Dabei waren, Berichten zufolge, allein beim amerikanischen Angriff auf Falludscha über 200 Iraker getötet worden.

Die Isoliertheit der Besatzungsbehörden von der irakischen Bevölkerung - eine Bevölkerung, die ihnen doch angeblich so sehr am Herzen lag - , ließ sich über die Monate nur noch mit einem messen: der gewaltigen Diskrepanz in puncto Selbstbetrug und falscher Hoffnung, die zwischen der Bagdader Besatzungsmacht und deren Herren im fernen Washington bestand. Zu Anfang hatte Paul Bremer, Amerikas Prokonsul im Irak, noch von “Überresten der (Baath-) Partei” gesprochen, wenn es um den (irakischen) Widerstand ging. Genauso hatten damals die Russen bei ihrem Einmarsch in Afghanistan, 1979, über ihre afghanischen Widersacher geredet. Später sprach Bremer von den “Zähen (diehards)”, dann von “Leuten in der Sackgasse”.

Als rund um Falludscha und anderen Sunniten-Städten die Angriffe auf US-Truppen zunahmen, erzählte man uns etwas vonwegen “sunnitisches Dreieck”. Das Gebiet ist allerdings weit größer, als der Ausdruck vermuten lässt und hat keineswegs die Form eines Dreiecks. Dann kam Präsident Bushs berüchtigter Besuch auf dem (Flugzeugträger) Abraham Lincoln, wo Bush das Ende aller “großen Militäroperationen” bekanntgab - unter einer Flagge, auf der ‘Mission Accomplished’ (Mission erfolgreich beendet) stand. Die Angriffe auf US-Truppen indes nahmen weiter zu.

Spätestens jetzt war es Zeit, das Nachkriegs-Kapitel des Irak umzuschreiben. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sprach von “ausländischen Kämpfern” - die sich in die Kämpfe eingemischt hätten. Die US-Medien übernahmen den Blödsinn - dabei wurde im Irak bisher noch kein einziger Al-Kaida-Aktiver verhaftet. Von den 8500 “Sicherheitsgefangenen”, die sich in amerikanischen Händen befinden, sind, wie es aussieht, nur 150 nicht aus dem Irak - nur 2% also.

Als es Winter wurde, ging Saddam ins Netz. Der anti-amerikanische Widerstand jedoch ging weiter. Jetzt begannen die Besatzungsmächte, zusammen mit ihren Lieblings-Journalisten, vor einem Bürgerkrieg zu warnen - eine Vorstellung, die den Irakis fernliegt, nie hört man Iraker über Derartiges diskutieren. Aber der Irak sollte in die Unterwerfung geängstigt werden. Was wird geschehen, sollten die Amerikaner und Briten wirklich gehen? Natürlich wird es dann zum Bürgerkrieg kommen. Und niemand will doch wohl Bürgerkrieg, oder?

Die Schiiten verhielten sich weiterhin ruhig. Ihre Führung war gespalten - auf der einen Seite der gelehrte, pro-westliche Großayatollah al-Sistani, auf der anderen der impulsive aber intelligente Muqtada Sadr. In dieser Zeit öffneten die Schiiten ihre Massengräber. Sie betrauerten die Tausenden, die bei Saddams Schlächtereien gefoltert und exekutiert wurden. Uns fragten sie, warum habt ihr Saddam so lange unterstützt? Warum habt ihr 20 Jahre gebraucht, bis ihr glaubtet, für euch die Notwendigkeit einer humanitären Intervention zu sehen?

Hätten sich die Besatzungsbehörden die Mühe gemacht und die Ergebnisse einer Konferenz des ‘Centre for Arab Unity Studies’ zum Thema Irak nachgelesen - einer Konferenz, die kürzlich in Beirut tagte -, sie hätten wohl zugeben müssen, was sie im Grunde nicht zugeben können: ihre Gegner sind Irakis. Es geht hier um einen irakischen Aufstand. Der irakische Akademiker Sulieman Jumeili - er lebt in Falludscha -, will herausgefunden haben, dass 80% der getöteten Rebellen islamistische Aktivisten aus dem Irak sind. Bei lediglich 13% der getöteten Männer habe es sich um primäre Nationalisten gehandelt, nur 2% seien Baathisten gewesen.

Wir jedoch können solche Statistiken nicht akzeptieren. Wenn das hier eine Revolte der Iraker gegen uns ist, muss es schließlich einen Grund geben, warum sie uns für ihre Befreiung nicht dankbar sind. Als vor etwa einer Woche die Gräuel in Falludscha geschahen - 4 Söldner der USA wurden getötet, verstümmelt und durch die Straßen geschleift -, segnete General Ricardo Sanchez, US-Kommandeur im Irak, eine Operation ab, die absurderweise ‘Operation wachsame Entschlossenheit’ genannt wurde.

Inzwischen haben Sadrs Milizen mit tausenden schiitischen Milizionären in die Kämpfe gegen die Amerikaner eingegriffen. Sanchez muss seine Story erneut umschreiben. Er spricht jetzt nicht mehr von den “Resten” Saddams - ja, noch nicht einmal mehr von Al Kaida. Bezieht sich Sanchez auf seine Feinde, ist jetzt von einer “kleinen Gruppe (!) Krimineller und Schurken” die Rede. Man werde nicht zulassen, dass das irakische Volk unter ihren Einfluss gerate, so Sanchez. Für eine “Abtrünnigen-Miliz” sei “kein Platz”. Also drangen die Marines gewaltsam in Falludscha ein und töteten mehr als 200 Iraker - darunter Frauen und Kinder.

In den Slums von Bagdads Sadr-City griffen sie die Bewaffneten mit Panzern und Helikopter-Kampfschiffen an. Es dauerte ein, zwei Tage, bis man begreifen konnte, welchem Selbstbetrug das militärische Oberkommando der USA diesmal aufgesessen war: Nein, nicht mit einem landesweiten Aufstand hätten sie es hier zu tun. Vielmehr befreiten sie die Irakis zum zweiten Mal! Natürlich schließt diese Sicht ein paar neue “große Militäroperationen” mit ein. Sadr selbst wurde auf die Gesuchtenliste gesetzt. Es läge gegen ihn ein Haftbefehl wegen Mordes vor - mehrere Monate alt. Wir waren damals allerdings nicht informiert - über diesen mysteriösen Haftbefehl, der wohl von einem irakischen Richter ausgestellt worden sein soll. Im Vertrauen teilt uns General Mark Kimmit, Sanchez zweiter Mann, mit, man werde Sadrs Miliz “vernichten”.

Und so weitet sich das Blutbad im Irak immer mehr aus. Kut und Nadschaf sind der Kontrolle der Besatzungsmächte inzwischen entglitten. Aber bei jedem Kollaps ist von neuer Hoffnung die Rede. So sprach General Sanchez noch gestern vom “restlosen Vertrauen”, das er in seine Truppen setze, “sie wissen genau, was sie tun”, in Falludscha machten sie “Fortschritte”, “eine neue Morgendämmerung rückt näher”, so Sanchez wörtlich. Exakt das sagten uns auf den Tag genau vor einem Jahr die US-Kommandeure. Damals fuhren US-Truppen in Iraks Hauptstadt ein, und Washington brüstete sich mit dem Sieg über das “Biest von Bagdad”.

Quelle: ZNet Deutschland vom 13.04.2004. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “The one simple truth about this war” .

Veröffentlicht am

13. April 2004

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