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Irak: Der zweite Krieg

Von Karl Grobe

Den Frieden in Irak hat die US-geführte Koalition verloren, wenn er denn je Tatsache war und nicht nur Selbsttäuschung. Der zweite Krieg - nach dem ersten, der vor einem Jahr begonnen hat und mit dem Sturz Saddam Husseins beendet schien - hat erst begonnen. Die Besatzungsmacht hat durch Inkompetenz, die in ihrer Borniertheit erstaunlich systematische Auswahl ungeeigneter Kollaborateure und eine allgemeine Verständnislosigkeit für das besetzte Land und seine Bewohner also verspielt, was schon gewonnen schien.

Zwei Aufgaben hat der Vier-Sterne-General Barry McCaffrey laut New York Times als dringend bezeichnet: die Wiederherstellung der Kontrolle über Bagdad und die der Verbindungslinien im Hinterland. Der General ist freier in seiner Analyse als die in Bagdad Residierenden und in Washington Regierenden; er ist pensioniert. Nichts anderes scheint seine Analyse zu enthalten als die Erkenntnis, dass die US-Truppen die Kontrolle verlieren und die logistischen Verbindungen fürs Erste zusammengebrochen sind. Wie sehr die Städte des zentralen “sunnitischen Dreiecks” im Aufruhr stehen, zeigen die Kämpfe in und um Falludscha in den vergangenen Tagen.

Die überlegenen Waffen der USA können das wohl ändern. Aber das bedingt: Häuserkampf wie in Abu Ghuraib am Westrand Bagdads; Eroberung Ost-Bagdads, des Zwei-Millionen-Armenviertels, in dem die radikalen Milizen Muktada as-Sadrs nicht nur herrschen, sondern populär verwurzelt sind; Eroberung der religiösen Zentren Nadschaf und Kerbela, Besetzung und militärische Kontrolle des ganzen Landes. Die Folge wird verbreiteter Widerstand sein.

Die Wucht des Aufstands im schiitischen Süden hat die Besatzer offensichtlich überrascht. Die Möglichkeit, dass Schiiten und Sunniten gemeinsam kämpfen könnten - es gibt dutzende Beispiele -, haben sie offenbar nicht vorausgesehen. Ihre Strategie, sich teils auf re-importierte Exilanten ohne Rückhalt in Irak zu stützen, teils die Bevölkerung durch die Einteilung in ethnische Gruppen zu spalten, ist gescheitert; wenn es eine Strategie war und nicht die Übertragung von Sandkastenspielen aus dem Pentagon ins Zweistromland.

Das Resultat war die Stärkung radikaler Kräfte und die Diskreditierung der Kollaborateure. Die als gemäßigt eingeschätzten, traditionell der Tagespolitik ferner stehenden schiitischen Führer können sich der Radikalisierung derzeit nicht mehr entziehen, wollen sie nicht das Ansehen verlieren, das sie in sehr hohem Maße noch haben. Einer Radikalisierung, die, gemessen an den entsetzlichen Gewaltexzessen der vergangenen Tage, schon sehr weit fortgeschritten ist.

Schiiten und Sunniten in eine gemeinsame Front gedrängt zu haben ist ein besonderes Meisterstück der Besatzung. Aber freilich wird jede Granate, die eine schiitische Medresse trifft, und jede Rakete, die in einer sunnitischen Moschee Kinder und Frauen tötet, von Gläubigen beider Richtungen als Angriff auf die gemeinsame Religion verstanden, damit auf alle, auf das gesamte Volk.

Das treibt die in langer Tradition eher oberflächlich an den Islam gebundene, eher weltlich-pragmatisch als in den Kategorien des Koran und der Hadith, der überlieferten Worte des Propheten, denkende Mittelschicht der Städte an die Seite der Religionsführer. Und die sind wiederum vielleicht nicht so sehr Islamisten, wie es medienwirksame Verkürzungen wahrhaben wollen, sondern - Beispiel Muktada as-Sadr - eher demagogisch und organisatorisch begabte Charismatiker, die sich der Religion bedienen. Die auch flexibel genug sind, Exzesse und Kriminalisierung wie Geiselnahme und Raubüberfälle emphatisch abzulehnen. Was diese sich anbahnende Vereinigung der arabischen Kräfte für die Zukunft des kurdischen Landesteils bedeuten mag, ist noch gar nicht abzusehen. Günstig ist die Perspektive jedenfalls nicht.

Den anderen Teil tat die Besatzungspolitik dazu. Dem irakischen Volk - den Völkern - eine Verfassung zu verordnen, an deren Formulierung nur ausgewählte Kollaborateure beteiligt sein durften, hat die Würde der Ausgeschlossenen tief verletzt. Die “wirtschaftliche Durchdringung” Iraks, die idealtypisch fortschrittlich erscheinen mag, weil sie den Zugang zur globalisierten Weltökonomie bewerkstelligen kann, lässt irakischen Bewerbern schon aus Kapitalmangel keine Chance bei Ausschreibungen und wird folglich als Ausplünderung der Öl- und sonstigen Ressourcen des Landes durch fremde Kräfte wahrgenommen.

Die Abschottung der Fremden in den “Grünen Zonen”, den neu ummauerten Palästen Saddam Husseins, zu denen das gemeine Volk nie Zutritt bekam, hat die Distanz nicht nur illustriert, sondern täglich vertieft. Eine Besatzungsmacht, die von der Mehrheit wenigstens respektiert und von vielen auch geliebt wird, ist dies nicht mehr und war es wohl nie; von solcher Kraft lässt sich ein selbstbewusstes Volk aber nicht Frieden und Demokratie schenken. Im Gegenteil. Es ist Krieg. Er hat erst begonnen.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 10.04.2004. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Veröffentlicht am

10. April 2004

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