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Die versteckte, maskierte Realität

Von Amira Hass - Ha’aretz / ZNet Deutschland 08.04.2004

Das Interesse der Medien am Trennungszaun lässt nach, obwohl der Bau weitergeht. Die (einseitige) Trennung vom Gazastreifen macht noch immer Schlagzeilen - das sind vorläufig aber nur Worte. Zwischen den steigenden und fallenden Wellen des Interesses haben sich zwei grundlegende Vermutungen etabliert. Die eine, dass der Trennungszaun zum typisch israelischen Spektakel der Regierungsprozeduren gehört. Die andere, dass Ministerpräsident Ariel Sharons “Trennung” im Wesentlichen an seine und seiner Söhne juristische Verwicklung geknüpft ist.

Diese Vermutungen hängen jedoch mit der uns bekannten Realität innerhalb der Grünen Linie zusammen. Innerhalb der palästinensischen Gebiete, die wir 1967 besetzten, gibt es die Realität eines rigorosen, raffiniert ausgearbeiteten, langfristigen Generalentwurfes, der sich selbst hinter einer (scheinbaren) Konfusion verbirgt. Dies ist eine Realität, mit der so viele Palästinenser wie möglich von ihrem Land vertrieben werden sollen, indem man sie in überfüllten Wohnenklaven konzentriert und ihren Wunsch hintertreibt, einen eigenen Staat zu errichten, der es ihnen ermöglicht, in Würde zu leben.

Warum sollte die Konfusion rund um den Entscheidungsprozess, die Route des Zaunbaues betreffend, die Palästinenser verletzen? Wie kommt es, dass das scheinbare Durcheinander und der Mangel an Planung darin resultiert, dass immer mehr Palästinenser gezwungen werden, ihre Wohnungen in Kalkilia, Bartaa und im kleinen Dorf Siapa im Norden des Gazastreifens zu verlassen? Wie kommt es, dass die Auswirkungen des Trennungszauns denen der Sicherheitsstraßen und Zäune der Siedlungen, wie Efrat, Karnei Shomron, Beitar und Dugit so ähnlich sind? Immer weniger Land für die Palästinenser, immer mehr Raum für die Juden? Wie kommt es, dass das Spektakel der Oslo-Jahre Umgehungsstraßen produzierte, die im Einklang mit Sharons Plan der 80er Jahre stehen und die nun das Hauptinstrument darstellen, um einerseits die Palästinenser in ihren Enklaven einzusperren und andrerseits die Sicherheit der Siedlungen zu gewähren?

So chaotisch die israelische Besatzungsverwaltung, so schlau und listig ein Politiker wie Sharon auch sein mag - beide handeln nach einem klaren, entschlossenen israelischen Plan, dessen Realität von Tag zu Tag deutlicher wird. Sharon spielt eine wichtige Rolle bei der Gestaltung dieser Realität. Er spiegelt eine herrschende israelische Generation wider, für die dieser Plan ein Teil ihres DNA-Kodes geworden ist.

Zuweilen ist der Plan auf Grund universaler politischer Veränderungen Mutationen unterworfen. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass die Palästinenser sich stur weigern, auf immer als besetztes Volk zu leben. Aber die Logik bleibt dieselbe und kommt klar im Statement der früheren Direktorin des Büros der Staatsanwaltschaft (Zivile Abteilung) Plia Albeck zum Ausdruck: “Die Orte, in denen Araber leben, werden zum palästinensischen Staat gehören, und wenn Siedlungen auf leerem Staatsland gebaut werden , wo auf keinen Fall Araber leben, kann die Grenze dort gezogen werden.” (…)

In anderen Worten: die Araber werden nicht aktiv deportiert und nicht gezwungen werden, Israels Bürger 2. Grades zu werden. Wir lassen sie sogar einen “Staat” gründen. Aber es wird ein Staat ohne offene, leere Gebiete und ohne territorialen Zusammenhang werden. Er wird auf das bewohnte, bebaute Areal beschränkt sein. Denn auf den unbebauten Gebieten, dort wo keine Araber wohnen, werden wir Siedlungen bauen, die die Grenze des jüdischen Staates bilden. Nur Juden haben das Recht und den Bedarf an grünem Raum rund um ihre Städte und an Landreserven fürs Bauen und zur Erweiterung. Für die Industrie und Entwicklung. So sieht zufällig die Realität auf beiden Seiten der Grünen Linie aus.

Nur die Realität, nicht Erklärungen gegenüber der Presse und Versprechungen gegenüber Botschaftern des Weißen Hauses, zeigt uns, welches Ziel gemeint ist. Die Realität zeigt uns, dass man in den (besetzten) Gebieten vorhat, den palästinensischen nationalen Zusammenhang so weit wie möglich zunichte zu machen. D.h. die Menschen nicht wie eine Nation zu behandeln, die physische und menschliche Ressourcen fordern (Land, Wasser, Bewegungsfreiheit), um eine Zukunft zu bauen und zu entwickeln, sondern wie eine Ansammlung von Individuen, deren private Eigentumsrechte auf ihren Familienbesitz wir in besonderer Großzügigkeit anerkennen werden. Man wird sie wie ein Haufen nicht zusammenhängender Gemeinden behandeln. Der sog. Abtrennungsplan für Gaza stimmt mit dieser Vorgehensweise überein, da die Haupttrennung die zwischen Gaza und der Westbank sein wird.

Diese Abtrennungspolitik begann schon mit der Labor-Meretz-Regierung zu Beginn der 90er Jahre mit der Einführung der Absperrungspolitik - bevor die Selbstmordattentate begannen. Diese Politik verhinderte die Bewegung der Palästinenser zwischen dem Gazastreifen und der Westbank, hinderte die Menschen vom Gazastreifen daran, sich in der Westbank anzusiedeln, ließ sie nicht in der Westbank studieren und blockierte die Westbank für Waren aus dem Gazastreifen. Wer kümmert sich denn wirklich darum, dass dieser schmale Landstreifen mit seinen 1,5 Millionen palästinensischen Bewohnern das wenige von ihm Geraubte zurück erhält, die 20% des Landes, die 7000 Juden bis jetzt dienten, wenn die Hauptsache - der größte Teil der Westbank und seine weiten Land- und Wasserreserven und seinem Entwicklungspotential - zu Gunsten der jüdischen Nation aufbewahrt wird?

Man möge Sharon und sein Festhalten an der nationalen Sache, wie von Albek so gut beschrieben, nicht unterschätzen. Und man möge die israelischen Planungsinstitutionen auch nicht unterschätzen, die nur eine Pflicht erfüllen, diese Sache auszuführen.

Quelle: ZNet Deutschland vom 09.04.2004. Übersetzt von: Ellen Rohlfs.

Amira Hass ist die einzige israelische Journalistin, die den Alltag der Palästinenser lebt, über den sie schreibt. Sie arbeitet für die linksliberale Tageszeitung Ha’aretz. Wenn israelische Panzer ins Zentrum der autonomen Stadt Ramallah vorrücken, wenn die Luftwaffe ihre Bomben und Raketen wirft, dann fühlt auch sie sich bedroht. Seit vier Jahren lebt Amira Hass in Ramallah, davor fünf Jahre in Gaza.

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Veröffentlicht am

09. April 2004

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