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Vanunu

Von Robert Fisk - ZNet 26.03.2004

Alle Israelis, die sich am 16. Februar die Ausgabe der Tageszeitung Yedioth Ahronoth kauften, müssen glauben, da wird ein wirklich schlimmer Mann aus dem Gefängnis Aschkelon entlassen. Dieser Mann feiere, sobald sich ein Selbstmordattentäter in die Luft jagt. Noch schlimmer, so die Zeitung, der Insasse - einst im Besitz der israelischen Atomgeheimnisse - plane nach der Freilassung, sein Land erneut in Gefahr zu bringen. “Er sagte mir”, wird ein früherer Mithäftling zitiert, “er hat zusätzliches Material und wird Geheimnisse offenbaren…”

Aber ist es nicht seltsam, dass genau dieser Gefangene, der angeblich das Abschlachten Unschuldiger feiert und bereits Vorbereitungen trifft, sein Land ein weiteres Mal zu verraten, eine Reihe Auszeichnungen von europäischen Friedensgruppen erhalten hat, den Sean-McBride-Friedenspreis sowie die Ehrendoktorwürde der (norwegischen) Universität Tromsö? Im Jahr 2000 teilte ihm die Church of Humanism mit: “Sie sind ehrlich, haben Mut und sind moralisch hochmotiviert, möge das große Opfer, das sie gebracht haben, dazu dienen, nicht nur die in Israel Lebenden zu schützen sondern alle Völker des Mittleren Ostens - vielleicht der Welt”. Dieser Mann wurde für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Mordechai Vanunu - man liebt ihn oder man hasst ihn, unmöglich, dem früheren israelischen Nukleartechniker neutral gegenüberzustehen. Schließlich war es dieser Mann, der 1986 Beweismittel an The Sunday Times lieferte, Material, das die volle Geschichte der geheimen israelischen Atomwaffenfabrik Dimona in der Negev-Wüste erzählte - komplett, inklusive genauer Zahlen über moderne Kernspaltungsbomben, die sich dort befänden, zu dem Zeitpunkt 200. Noch aufsehenerregender, dass er komplett mit Bildmaterial lieferte. Laut Vanunu hatte Israel zudem ein Thermonuklearkonzept entwickelt. Einige der Thermonuklear-Bomben seien anscheinend schon einsatzbereit, so Vanunu. Dann lockte ein Mädchen Vanunu von London nach Rom - wo er gekidnappt und unter Drogen gesetzt wurde; israelische Geheimpolizisten verfrachteten ihn zurück nach Israel.

In sechs Wochen ist es soweit: Nach 18 Jahren Haft - 12 davon Einzelhaft -, steht die Freilassung des berühmtesten Warners (“Whistleblower”) der Welt planmäßig bevor. Israel - ganz zu schweigen von der Welt - hält den Atem an. Wird Vanunu weitere Dimona-Geheimnisse veröffentlichen - immer vorausgesetzt, er hat nach 18 Jahren Haft noch welche? Wird Vanunu sein Land verfluchen, das Land, dessen Staatsbürger er ist - wenngleich er kurz vor seiner Verhaftung zum Christentum konvertierte und plant, nach seiner Freilassung in die USA zu emigrieren? Werden wir einen gebrochenen Mann erleben, der ängstlich bemüht ist, sich für den ach so furchtbaren Verrat, den er seinem Land angetan hat, zu entschuldigen? Oder wird er - das hoffen seine Freunde, Unterstützer, seine amerikanischen Adoptiveltern -, zu einem Propheten des Friedens? Vanunu ist in seiner Generation einer der wichtigsten Gefangenen aus Gewissensgründen, ein Mann, der der Welt die Drohung nuklearer Zerstörung vom Hals schaffen wollte.

Die israelische Regierung ist sich immer noch im unklaren, wie mit Vanunus Freilassung am 21. April verfahren. Wie bekannt wurde, werden von ihr “bestimmte Überwachungsmittel” und “angemessene Maßnahmen” erwogen, die ihn mundtot machen sollen, vielleicht sind sie sogar schon beschlossene Sache. In der zweiten Januarhälfte hatte sich Premierminister Ariel Scharon mit dem israelischen Generalstaatsanwalt Menachem Mazuz und Verteidigungsminister Schaul Mofaz getroffen. Es wurde diskutiert, Vanunu den Pass zu verweigern. Vanunu könnte dann zwar an Tel Avivs Stränden sonnenbaden, nicht aber in der Welt herumreisen, um auf Israels nukleare Kapazitäten aufmerksam zu machen. Dass Scharon zu dieser Konferenz auch Yehiel Horevs sogenannte “Sicherheitseinheit des Verteidigungsministeriums” beizog sowie den israelischen Inlandsgeheimdienst Schin Beth und den Auslandsgeheimdienst Mossad (beide gleichermaßen überschätzt), zudem einen Vertreter des israelischen Atomenergie-Komitees, ist ein Zeichen, wie sehr die israelische Regierung die bevorstehende Freilassung dieses einen Mannes fürchtet.

Horev wollte, wie jetzt bekannt wurde, sehr viel weitergehen als Scharon. Horev schlug vor, über Vanunu Administrativgewahrsam zu verhängen - Administrativgewahrsam ist der übliche Weg, wie Israel mit Palästinensern verfährt, die es für “Terroristen” hält. Das Treffen kam man wohl zu dem Schluss, dies würde Vanunus Ruf, ein Märtyrer des Weltfriedens zu sein, nur noch fördern. Natürlich existiert eine andere Möglichkeit, Vanunu zum Schweigen zu bringen. Man könnte ihn offiziell freilassen - und sobald er einen Ton über seine Arbeit als Nukleartechniker verlauten lässt, stellt man ihn vor Gericht und bringt ihn zurück ins Gefängnis, zurück nach Aschkelon - beziehungsweise ?Gefängnis von Schikma’, wie die Israelis Aschkelon heute nennen.

Das eigentliche Problem mit Vanunu ist, er wird die Welt in diesem entscheidenden Augenblick in der Geschichte des Nahen/Mittleren Ostens daran erinnern: Israel ist eine Atommacht - mit Gefechtsköpfen, die feuerbereit in der Wüste Negev stehen. Und Vanunu wird die Welt auch daran erinnern, dass die Amerikaner, die in den Irak eindrangen, um Saddam Husseins nichtexistente Massenvernichtungswaffen zu zerstören, parallel hierzu einem Land weitere politische, moralische und ökonomische Unterstützung gewähren, das ein ganzes Arsenal an Massenvernichtungswaffen angehäuft hat.

Wie kann Präsident Bush zu Israels Atomkapazitäten schweigen und gleichzeitig illegal in ein arabisches Land einmarschieren, weil es dort angeblich Nuklearwaffen gibt, beziehungsweise den Iran wegen solcher Ambitionen verurteilen - und nicht nur das, gleichzeitig lobt Bush, gemeinsam mit der Blair-Regierung, Libyens Oberst Gaddafi für dessen Verzicht auf die nukleare Anmaßung? Wenn man den arabischen Staaten die “Reisszähne zieht” - vorausgesetzt, sie hatten überhaupt je echte -, warum nicht auch Israel “de-nuklearisieren”? Warum können die USA Israel und die arabischen Staaten nicht mit demselben Maß messen? Und Israel - warum legt es an sich nicht die gleichen Maßstäbe, die es für seine arabischen Feinde fordert?

Genau diese Debatte wünschen sowohl die israelische als auch die amerikanische Regierung im Keim zu ersticken. In den USA, wo jede nicht benigne Diskussion über die israelisch-amerikanischen Beziehungen routinemäßig als subversiv bzw. “antisemitisch” verurteilt wird, wäre eine Debatte über Israels Nuklearkapazitäten nicht gerade das, was Washington sich für die Sonntags-Talkshows wünscht.

Vanunu, das sollte an dieser Stelle gesagt werden, ist sich dieser Dinge durchaus bewusst - der eigenen Bedeutung, die mittlerweile so unendlich größer ist als damals, als er noch ein kleiner Dimona-Techniker war -, wie der weltweiten Rolle, die zehntausende Anti-Atom-Campaigner von ihm erwarten. Vanunu betont oft - über Freunde und seine Brüder - dass er nicht im Besitz neuer Atomgeheimnisse ist. Aber er betont auch sein Recht, gegen Nuklearwaffen zu protestieren - in Israel und anderswo. “Alles, was ich will, ist nach Amerika gehen, heiraten und ein neues Leben beginnen”, so Vanunu.

An Vanunus Überzeugung gibt es keinen Zweifel. Vanunu - 1954 in Marokko geboren -, stammt aus einer Familie religiöser Juden. Mit 9 Jahren emigrierte er nach Israel. Mitte der 70ger Jahre leistete Vanunu seinen Militärdienst ab. Im November 1976 begann er in Dimona zu arbeiten. Nebenbei schloss er ein Graduiertenstudium in Philosophie und Geografie ab. Anfang 1986 bereiste Vanunu Thailand, Burma, Nepal und Australien. Vielleicht war es auf dieser Reise, dass er zu dem Schluss kam, es sei seine moralische Pflicht, über Israels Nuklearwaffen zu sprechen. Im gleichen Jahr ließ er sich in einer anglikanischen Kirche in Sydney taufen.

Es ist offensichtlich, dass Vanunu sich große Sorgen über Israels wachsende Nuklearkapazitäten machte, als er im September 1986 in die Büros mehrerer britischer Zeitungen marschierte - in der Hoffnung, der Welt die Wahrheit über Dimona sagen zu können. Zuerst tauchte er im Büro von Robert Maxwells Daily Mirror auf. Er übergab seine Fotos von der Atomanlage und wartete auf die Reaktion. Was Vanunu nicht wissen konnte, Maxwell schickte die Bilder an die israelische Botschaft in London, damit sie “einen Blick darauf werfen”. Angeblich sollte “bestätigt” werden, ob die Story der Wahrheit entspricht. Allerdings ist sehr wahrscheinlich, dass Maxwell von einem anderen Motiv geleitet wurde, als dem der journalistischen Integrität, als er Vanunu verriet. Maxwell starb 1991 auf hoher See. Zuvor hatte er Millionensummen aus Pensionsfonds gestohlen. Dennoch ließ Israel Maxwell ein Staatsbegräbnis zuteil werden, auf dem Maxwell von Schimon Peres für seine “Verdienste” für den Staat gepriesen wurde.

Am 28. September (1986) brachte der Daily Mirror eine sogenannte “Spielverderber-Story”, mit dem Titel: ?The Strange Case of Israel and the Nuclear Con Man’, in der Vanunu lächerlich gemacht wurde. Die Sunday Times dagegen brachte die volle Story - aber da war Vanunu schon verschwunden, in die Falle gelockt von einer Agentin des Mossad. Vanunu wurde an Bord eines British-Airways-Flugs nach Rom geködert und prompt gekidnappt. Vieles deutet darauf hin, dass er im römischen Flughafen Fiumicino verhaftet wurde. Vanunu hat es nicht geschafft, mit Journalisten Kontakt aufzunehmen. Stattdessen schrieb er später auf dem Weg ins Gericht Details seiner Reise sorgfältig auf die Innenfläche einer Hand, die er gegen das Fenster seines Gefängniswagens presste: “Rome ITL 30:9:86 2100 came to Rome by BA504”. Vanunu wurde am 30. September um 21 Uhr im Internationalen Flughafen von Rom gekidnappt. Waren die italienischen Behörden in die Entführung verwickelt? Waren sie bei seiner Verhaftung anwesend? Vanunu kann es uns vielleicht sagen.

Eines ist sicher, Vanunu ist ein Mann mit Durchhaltevermögen. Ein-einzigesmal während seiner zwölfjährigen Einzelhaft kam es vor, dass das Gefängnis ihn versehentlich zum Hofgang ließ, während arabische Häftlinge im Gefängnishof waren, die in ihre Zellen zurück sollten. Vanunu ging sofort auf sie zu. Einer der Araber - ein Libanese, der in Haft saß, weil er Waffen in die Westbank geschmuggelt hatte -, zählt zu den ersten Außenstehenden, die die Welt über Vanunus Zustand informierten. “Vanunu verfiel in Gleichschritt mit uns, er lächelte uns an, und es dauerte eine Weile, bis uns klar wurde, wer er war”, so der freigelassene Libanese später zum Independent. “Er sagte, es sei gut, bei uns zu sein, und wir dachten, das ist ein tapferer Mann. Dann erkannten die Wächter ihren Fehler und drückten und schoben uns von ihm weg, zurück in unsere Zellen”.

Ein israelischer Journalist, der einen anderen Gefangenen besuchte, war erstaunt, als er plötzlich Vanunu sah: “Einen kurzen Moment erlebte ich eine ländliche Szenerie”, schrieb er, “wie aus einer anderen Realität: Ein heiter-gelassener Mann saß da auf einem Bänkchen im Garten und las Nietzsche auf Englisch. Ich ging auf ihn zu, streckte meine Hand aus. Ich freue mich, Sie zu treffen, mein Name ist Ronen, sagte ich. Ich bin Motti, antwortete der abgeschirmteste Gefangene des Staats Israel. Aber bevor wir weiterreden konnten, stürzten schreiende Wärter herbei und zerrten ihn fort”.

Auch ein ehemaliger Mitgefangener, Yossi Harush, kann uns einen kurzen Eindruck von dem eingesperrten Vanunu vermitteln - in der Zeit nach Ende der Einzelhaft. “Tagsüber”, so Harush zur (israelischen Tageszeitung) Yedioth Ahronoth, “bei seinen Spaziergängen trifft er Menschen und redet mit ihnen. Ich habe viel mit Vanunu gesprochen. Wir waren Freunde. Er kam in meine Zelle… Er hat gute Bedingungen. Er wird nett behandelt im Gefängnis… Er hat keine Restriktionen, die Zelle zu verlassen, aber im Gefängnis gibt es für ihn Restriktionen. Ich habe als arbeitender Gefangener selbst eine rote Linie auf den Boden gepinselt, die er nicht überschreiten darf. Es wurde mir befohlen. Danach kühlte unser Verhältnis ab.”

Vanunu bekommt regelmäßig Besuch von einem anglikanischen Geistlichen, Dekan Michael Sellors. Sellors war es auch, der Vanunu darauf aufmerksam machte, dass sein Entlassungstermin mit dem Geburtstag der Queen zusammenfällt. “Er sagte, in dem Fall besorge ich mir am besten ein Ticket und gratuliere ihr selbst”. Vanunu interessiert sich für die Aktionen der ?Association for Civil Rights in Israel’ (Vereinigung für Bürgerrechte in Israel), eine normalerweise eher konservative Organisation. Diese konstatierte: “jedwede Sanktion gegen Mordechai nach seiner Freilassung wäre illegal und unmoralisch”.

Eine Chatline auf der hebräischen Website der israelischen Tageszeitung Maariv beweist, eine ganze Reihe junger Israelis sieht in Vanunu einen Helden und keine Bedrohung. Mary Eoloff ist eine amerikanische Lehrerin im Ruhestand. Sie und ihr Ehemann adoptierten Vanunu in der Hoffnung, er komme so in den Genuss der amerikanischen Staatsbürgerschaft und vielleicht frei. Mrs. Eoloff war die Erste, die öffentlich machte, dass israelische Sicherheitsleute Vanunu das Angebot einer vorzeitigen Entlassung gemacht hatten - ein Jahr vor Ende seiner 18jährigen Haftzeit. Vanunu habe abgelehnt. “Er glaubt an die Redefreiheit”, so Mrs. Eoloff.

Bleibt abzuwarten, ob Israel Vanunu die Redefreiheit gewähren wird, die er so sehr liebt. Horev - der Sicherheitsoffizielle im israelischen Verteidigungsministerium - war, wie gesagt, bei jenem Treffen mit Scharon anwesend. Horev sagt, seiner Meinung nach gehe von dem Nukleartechniker (Vanunu) eine Bedrohung aus. Dabei scheint es allerdings weniger um Staatsgeheimnisse als um Ambiguität zu gehen. Horev vergleicht diese Ambiguität mit Wasser in einem Glas: “Mein Job ist es, sicherzustellen, dass das Wasser nicht aus dem Glas schwappt”, so Horev kürzlich. “Bis zur Affäre Vanunu hatte das Wasser einen ganz niedrigen Stand. Durch die Affäre stieg der Pegel beträchtlich an, was Israel großen Schaden zugefügt hat, aber das Wasser lief immer noch nicht oben raus. Wenn wir gewisse Leute in dieser Sache agieren lassen, läuft das Wasser über”.

Noch weit zynischer hört sich der israelische Journalist Raanan Schaked an, der auf Israels Channel 10 TV Folgendes zum Thema sagte: “Wer ist die größte Bedrohung für Israel?” “Natürlich Mordechai Vanunu! Er ist die große Gefahr. Die israelische Demokratie wird mit den Folgen nicht fertig werden, wenn dieser einzelne Mann sagt, was jedes Kind weiß: wir haben Atomwaffen”.

Am 21. April, wenn Vanunu freikommt, werden wir feststellen, ob das Wasser überläuft - und wir werden feststellen, ob Vanunu die rote Linie überschreitet, die die Behörden ominöserweise auf den Boden pinseln ließen.

Quelle: ZNet Deutschland vom 03.40.2004. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Vanunu” .

>> Zahlreiche weitere Hinweise finden sich unter: Mordechai Vanunu

Veröffentlicht am

05. April 2004

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