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Chomsky-Interview

Von Noam Chomsky und Matthew Tempest - Guardian / ZNet 21.03.2004

Zum Thema Irak

Vielfach wird auf die Todesbilanz der Amerikaner fokussiert. Ich persönlich halte das zum Teil für propagandistische Übertreibung. Umfragen zeigen immer wieder, die Amerikaner sind durchaus bereit, eine hohe Zahl von Toten in Kauf zu nehmen - sie mögen es nicht, aber sie sind bereit, es zu akzeptieren -, falls sie glauben, es geht um eine gerechte Sache. Das sogenannte Vietnam-Syndrom hat nie existiert: Es war hauptsächlich ein Konstrukt. So auch jetzt - wenn die Leute glauben, die ganze Sache sei gerecht, werden sie zwar die circa 500 Toten betrauern, sie sind für sie aber kein wichtiger Grund, nicht weiterzumachen. Nein, problematisch ist die Sache mit dem gerechten Grund. Im April, direkt nach dem Krieg, zeigten Umfragen ziemlich deutlich, dass die Amerikaner der Ansicht waren, die UN, und nicht die USA, sollten in der Nachkriegszeit die primäre Verantwortung für den politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau übernehmen.

Die Bemühungen der Regierung, eine dauerhafte, starke militärische und diplomatische Präsenz im Irak aufrechtzuerhalten, findet nur wenig Unterstützung. In Wirklichkeit wird das aber kaum diskutiert - genau aus diesem Grund wahrscheinlich. Nicht viele Leute wissen zum Beispiel, dass die USA planen, im Irak die größte Botschaft der Welt zu bauen, mit etwa 3.000 Leuten. Zudem plant das Militär permanente Basen und eine substantielle amerikanische Militärpräsenz zu erhalten - so lange es will. Über diese Fakten wird zwar berichtet, aber eben nur am Rand. Die meisten Menschen wissen nichts darüber.

Auch die Anweisungen, mit denen die irakische Wirtschaft ausländischem Takeover geöffnet wird, kennen nur Leute, die sich dafür interessieren - nicht die Allgemeinheit. Die Allgemeinheit ist nicht sehr begeistert von einem langfristigen Engagement, das den Irak als Klientenstaat der USA konservieren würde - als Land mit lediglich nominaler Souveränität, das als Basis für weitere US-Aktionen in der Region dient. So ein Engagement trifft in der Bevölkerung auf wenig Gegenliebe. Das steckt hinter den Bedenken, dem unguten Gefühl gegenüber der Politik - und weniger die Opferbilanz.

Thema: (Saddam) Hussein und wir

Das Gerichtsverfahren (gegen Saddam Hussein) sollte in irgendeiner Form unter internationale Auspizien gestellt werden - die ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit haben, also keine offensichtliche Siegerjustiz. Gleichgültig, was für ein Monster jemand ist, Siegerjustiz ist etwas Unglaubwürdiges. Es geht also erstens um die Form, aber auch um Inhalte. Das Verfahren sollte auch seine (Saddams) Verbündeten vor die Schranken des Gerichts bringen, diejenigen, die ihn bei seinen schlimmsten Gräueln entschlossen und substantiell unterstützten - noch lange nach dem Iran-Krieg. Oder 1991 - als er die Aufstände so brutal niederschlagen ließ -, Rebellionen, die sehr wohl zu seinem Sturz hätten führen können. All diese Leute sollten ihre gerechte Strafe erhalten. Nicht alle haben sich natürlich gleich schuldig gemacht, aber ernsthaft involviert waren sie alle. Damit meine ich einige europäische Länder - Russland, Frankreich, Deutschland und noch einige, während der gesamten 80er Jahre - aber vor allem die USA und Großbritannien, über den gesamten Zeitraum, einschließlich 1991.

Ebenfalls vor Gericht gestellt gehören die, die das mörderische Sanktionen-Regime zu verantworten haben. Dieses Regime hat unzweifelhaft den Tod hunderttausender Iraker verschuldet. Es hat die (irakische) Gesellschaft so umfassend zerstört, dass nicht praktizierbar war, was in anderen Ländern, wo die USA und Großbritannien ähnliche Monster stützten, vorkam - dass das Monster nämlich von Innen gestürzt wurde. Durchaus nicht unwahrscheinlich, dass das Gleiche auch im Irak möglich gewesen wäre, wäre die Gesellschaft nicht so verheert und die Menschen aufgrund der Sanktionen nicht auf den Tyrannen angewiesen gewesen - es ging ja ums nackte Überleben. Gerade heute sind weitere Beweise ans Licht gekommen. Die Kay-Untersuchung und auch andere fördern zutage, wie fragil sein (Saddams) Festhalten an der Macht zum Schluss war. Also alle, die Saddam Husseins Gräuel mitunterstützten - ganz gleich, in welchem Maß - haben sich mitschuldig gemacht. Die Sache sollte in irgendeiner Form mittels eines ehrlichen Verfahrens angegangen werden.

Thema: Wahl in den USA

Kerry wird manchmal als Bush-lite bezeichnet. Das ist nicht inakkurat. Generell ist zu sagen, das politische Spektrum der USA ist ziemlich begrenzt. Die Wahlen sind meist gekauft, was die Bevölkerung auch weiß. Trotz der geringen Differenzen - sowohl im innen- als auch außenpolitischen Bereich - es gibt sie, die Unterschiede. Wir haben es hier mit einem System von immenser Macht zu tun, bei dem schon kleine Unterschiede den großen Unterschied machen können. Ich habe in etwa das gleiche Gefühl wie 2000. Ich bewundere Ralph Nader und Denis Kucinich wirklich sehr. Sie bringen Themen auf den Tisch und erfüllen eine wichtige didaktische Funktion, eine Funktion für die Organisierung - insofern also in Ordnung und wichtig, sie haben meine Unterstützung.

Aber wenn man zwischen den beiden Flügeln der Geschäftspartei (Demokraten und Republikaner - Anmerkung d. Übersetzerin) wählen will, existiert, wie schon 2000, in mancher Hinsicht ein Unterschied - ein kleiner. Nicht nur im internationalen Bereich spielt dieser eine Rolle - noch dramatischer ist er womöglich innenpolitisch. Die Leute um Bush bemühen sich sehr, die Errungenschaften, die sich das Volk im letzten Jahrhundert erkämpft hat, wieder zu zerstören. Hier besteht keine Aussicht, dass die Regierung im Interesse des Volkes handelt. Vielmehr arbeitet diese Administration hingebungsvoll für einen kleinen Kreis von Reichen und Mächtigen. Der Preis, den die allgemeine Bevölkerung zahlt, interessiert sie nicht. Das kann äußerst gefährlich werden - nicht nur langfristig.

Klar sichtbar wird dies in der Art und Weise, wie mit unserem größten künftigen innenpolitischen Problem im Wirtschaftsbereich umgegangen wird - das niemand bestreitet -, den explodierenden Gesundheitskosten. Diese hängen damit zusammen, dass die USA ein extrem ineffizientes Gesundheitswesen haben - die Ausgaben liegen weit höher als in vergleichbaren Ländern, und die Resultate sind nicht sehr ermutigend, im Grunde sogar lausig. Der Grund liegt in der Privatisierung. So wurde ein umfassendes Gesetz über verschreibungspflichtige Medikamente verabschiedet, das in erster Linie ein Geschenk an die Pharmakonzerne und an die Versicherungen ist, ein großer Subventionsbrocken, für den die Steuerzahler aufkommen müssen. Dabei sind diese Unternehmen schon jetzt so reich, dass es die kühnste Raffgier-Fantasie übersteigt. Und genau das sind deren Wähler.

Geht das so weiter, wird der Allgemeinheit immenser Schaden entstehen - angesichts der massiven innenpolitischen Probleme, die auf uns zukommen. Aber, noch einmal, der Unterschied (zwischen Demokraten und Republikanern - Anmerkung d. Übersetzerin) ist nicht so gewaltig. In den letzten 20 Jahren stagnierte das Realeinkommen von rund 90% der Bevölkerung, oder es sank. Für ein paar Prozent ganz oben explodierten die Einkommen, sie schossen in astronomische Höhe. Aber, wie gesagt, ein Unterschied besteht dennoch. Die Gruppe der derzeit Herrschenden zeichnet sich durch ein besonderes Maß an Brutalität und Grausamkeit aus.

Quelle: ZNet Deutschland vom 25.03.2004.
Übersetzt von: Andrea Noll.
Orginalartikel: Tempest Interviews Chomsky

Veröffentlicht am

25. März 2004

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