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Safi: die Geschichte einer couragierten jungen Frau, die sich aus ihrem Martyrium befreit

Am 10.03.2004 hat die in Kinshasa erscheinende Tageszeitung “Le Potentiel” den Bericht einer jungen Frau über ihr Martyrium veröffentlicht. Dieser erschütternde Bericht ist dazu geeignet, den anonymen Zahlen über die Greueltaten in der DRKongo ein Gesicht zu geben.

“Ich bin gerannt, gerannt…, um mich zu retten. Ich hatte den Eindruck, als ob ich flog. Das, was ich wußte, war, daß ich rennen mußte, um mein Leben zu retten”.

Mein Name ist Safi. Ich komme aus der Provinz Süd-Kivu, DRKongo, nahe der burundischen Grenze. Ich bin 17 Jahre alt. Es war im April 2002 als sie zu uns kamen. Sie hatten angeklopft, und wir hatten die Tür geöffnet, weil wir dachten, dass es unsere Nachbarn waren, die uns gute Nacht wünschen wollten. Aber es waren nicht die Nachbarn, sondern sechs bewaffnete Männer. Sie sind gewaltsam ins Haus eingedrungen. Wir waren alle da: meine Mutter, mein Vater, mein älterer Bruder und meine vier jüngeren Brüder und Schwestern. Die Männer fingen an zu schreien und wollten, daß mein Vater ihnen das Geld gibt, das er besitzt. Aber er hatte kein Geld. Da ihre Suche nach dem Geld erfolglos war, wurden sie wütend.

Die Männer richteten ihre Waffen auf meinen Vater, und wir hatten Angst. Sie sagten zu meinem Vater: “Du Papa, du mußt jetzt vor unseren Augen mit Deiner Tochter schlafen”. Sofort stießen sie ihn in die Mitte des Zimmers. Mein Vater flehte sie an, daß er das nicht machen könne, weil ich sein Kind sei. Die Männer lachten ihn aus. Dann erschossen sie ihn vor unseren Augen.

Danach drängten sie meine Mutter und meinen älteren Bruder in die Mitte des Zimmers und sie sagten meinem Bruder: “Du mußt jetzt vor uns mit deiner Mutter schlafen, und zwar schnell”. Die Kleinen weinten, ich hatte zuviel Angst, aber ich konnte nicht weinen. Mein Bruder lehnte ab. Er konnte so etwas nicht machen. Meine Mutter sagte nichts. Ein Mann hielt seine Waffe an ihren Kopf und schoß auf sie. Sie fiel tot neben meinen Vater hin. Die Männer zwangen mich und meinen Bruder, mit ihnen das Haus zu verlassen. Wir liefen eine lange Strecke, bis zu einer Straßenkreuzung.

Ich war so betäubt, daß ich den Eindruck hatte, nicht mehr in meinem Körper zu sein. Dann teilten sich die Männer in zwei Gruppen. Drei von ihnen gingen mit meinem Bruder nach rechts, und seitdem habe ich ihn nicht wiedergesehen. Die anderen drei nahmen mich mit nach links. Nach einer kurzen Wegstrecke schoben sie mich in den Wald. Da zwangen sie mich, mehrmals Geschlechtsverkehr mit ihnen zu haben. Ich hatte den Eindruck, daß ich bei einer Szene zuschaute, an der ich nicht beteiligt war. Es war als wäre ich im Kino bei einem schlechten Film. An das Folgende kann ich mich nicht mehr erinnern.

Während der nächsten drei Monate wurde ich wie eine Gefangene gehalten. Während dieser Zeit dachte ich, daß ich verrückt geworden sei. Ich war wie eine Person ohne Bewußtsein. Ich lebte, aber ich fühlte mich nicht lebend. Ich brauchte drei Monate, um mir bewußt zu werden, daß meine Eltern tot waren, daß mein Bruder verschwunden und meine kleinen Brüder und Schwestern allein gelassen waren. Jeden Tag haben sie mich vergewaltigt. Bevor sie weggingen, um zu stehlen oder zu töten, vergewaltigten sie mich. Manchmal war es ein Mann, manchmal waren es drei. Wenn sie von ihren Tötungen und Plünderungen zurückkamen, wurde ich wieder vergewaltigt. Als ich mir darüber klar wurde, daß das alles Realität war, dass ich am Leben war und es mir wirklich passierte, habe ich versucht zu fliehen. Sie fingen mich wenig später wieder. Sie schlugen mich bis zur Bewußtlosigkeit.

Danach stellte ich fest, daß es sich nicht lohnte, zum zweiten Mal zu fliehen, denn ich war überzeugt, daß sie mich beim nächsten mal töten würden. Es gab auch andere Mädchen im Camp. Aber jede von ihnen hatte nur einen Mann, ich aber hatte drei. Die drei Männer, die mich teilten, waren nicht die Chefs. Andere gaben ihnen Anweisungen. Das gefiel ihnen nicht. Sie hörten nicht auf, mich zu vergewaltigen und zu schlagen.

Zu dieser Zeit dachte ich, daß ich kein Mensch mehr war. Ich fühlte mich wie Müll. Sie zwangen mich, für sie zu arbeiten, die Wäsche zu waschen, zu kochen, ihre Sachen zu tragen, wenn das Lager gewechselt wurde, und jede andere Arbeit zu machen. Ich verstand nicht, was ich getan hatte, um dieses Schicksal zu verdienen, und weshalb ich anstatt einem Mann drei Männer hatte, die mir so weh taten. Ich blieb ein Jahr bei diesen Männern. Ich war wie tot. Einmal, nachdem ich geschlagen worden war, begann meine rechte Brust zu schmerzen, und ich weinte. Sie befahlen mir, ruhig zu sein. Ich versuchte still zu sein, aber ich hatte immer noch Schmerzen. Danach ging einer der Männer etwas holen, um meine Schmerzen zu lindern. Nachdem er zurück gekommen war und mit den anderen geredet hatte, warfen sie mich zu Boden, öffneten meine Bluse und stachen mit einer Nadel in meine Brust. Sie lachten dabei. Danach wurden die Schmerzen immer stärker. Meine Brust war geschwollen und infiziert.

Eines Tages fing eines der Mädchen, das von ihrem Entführer schwanger war, zu schreien an. Die Geburt kündigte sich an. Ich beobachtete das Geschehen, aber ich konnte nichts für sie tun. Der Mann, dem sie “gehörte”, wurde wütend. Sie lag auf dem Boden. Er rief die Männer, die mit mir waren, um Hilfe. Aber sie lachten und hielten die Beine des vor Schmerzen weinenden Mädchens gespreizt. Einer der Männer versuchte, das Kind herauszuziehen. Das Mädchen schrie, und es gab so viel Blut. Er zog das Baby heraus und warf es auf die Erde. Als das passierte, drehte ich durch, da ich wußte, daß das Mädchen und das Baby sterben werden.

In diesem Moment passierte etwas mit mir, das ich nicht gut erklären kann. Ich hörte nur eine Stimme in meinem Kopf, die mir befahl aufzustehen und mich zu retten. Ich dachte nicht einmal nach, ich bin nur gerannt, gerannt, gerannt. Es war, als ob ich flog. Ich habe nichts gehört, bin nur gerannt und gerannt. Alles, was ich wußte, war, daß ich flüchten mußte, um mein Leben zu retten. Sonst würden sie mich später töten. Zu dieser Zeit wußte ich schon, daß ich auch schwanger war.

Ich weiß weder wie lange noch wohin ich rannte, bis ich feststellte, daß ich auf einer Straße war und ein Auto sich näherte. Ich winkte und der Fahrer hielt an. Er fragte mich, weshalb ich renne und warum ich so keuche. Er bat mich, mich hinzusetzen. Ich weinte und bat ihn mich mitzunehmen. Ich sagte ihm, daß die Kämpfer hinter mir her waren und falls sie mich wiederfänden, würden sie mich töten. Er nahm mich in sein Auto und fuhr sofort los, da er auch Angst hatte. Er fuhr nach Bukavu.

In Bukavu angekommen bat er mich auszusteigen. Er hatte auch Angst um sein Leben. Er fragte mich, ob ich jemanden in Bukavu kennen würde, was ich verneinte. Er fragte mich, ob ich nach Goma gehen will. Ich bejahte es, da ich nicht wusste wohin und Goma weit von den Kämpfern war, die hinter mir her waren. Er war ein guter Mann, er brachte mich zu dem Schiff, das den See in Richtung Goma überquert und löste die Fahrkarte für mich. Er gab mit auch ein Paar Plastikschuhe, da ich meine eigenen während meiner Flucht verloren hatte.

Ich weiß nicht wer er ist, aber ich werde ihn nie vergessen. Auf dem Schiff hatte ich Kopfschmerzen, mir war kalt und meine Brüste taten mir weh. Ich fing an zu weinen. Eine Frau näherte sich und wollte wissen, was mir fehlt. Ich sagte ihr, daß ich nicht wußte, wo ich mich befand, daß ich angegriffen wurde, glaubte, schwanger zu sein und niemanden in Goma kannte. Die Frau rief einen Polizisten, der sich auf dem Schiff befand, der versprach, mir zu helfen. In Goma brachte er mich zu einem örtlichen Verantwortlichen. Ich sagte ihm, daß ich krank und schwanger sei, und er brachte mich ins Krankenhaus.

Hier im Krankenhaus (in Goma) habe ich viel geweint und wollte mich umbringen. Ich wollte dieses Baby der Männer, die mich vergewaltigt hatten, nicht bekommen. Ich wollte mich umbringen - mitsamt ihrem Baby. Aber die Leute hier waren sehr nett zu mir. Das erste, was die Ärzte taten, war, meine Brust zu behandeln.

Ich habe mich auch lange mit Beraterinnen unterhalten. Sie sagten mir, daß ich nichts Schlechtes getan hätte und daß sie mir helfen würden. Wenn ich nicht hierher gekommen wäre, hätte ich mich umgebracht, weil ich es haßte, schwanger von diesen Männern zu sein, und nicht mehr an meine Zukunft glaubte.

In meinem Inneren konnte ich diesen Männern das, was sie mir angetan hatten, nicht verzeihen und ich konnte ihr Baby nicht lieben. Nach den Gesprächen mit den Beraterinnen glaube ich jetzt, daß ich ihnen vergeben muß, um mich zu befreien. Ich weiß auch, daß das Baby unschuldig ist. Es hat nichts Schlechtes getan und wird mich nach seiner Geburt brauchen. Meiner Brust geht es besser, und die Schmerzen sind weg. Ich weine immer noch, aber ich fühle mich etwas besser. Ich möchte nicht traurig sein, das ist nicht gut für das Baby. Ich muß stark sein. So ist unser Leben.

Vor all diesen Erlebnissen bin ich zur Schule gegangen und wollte Journalistin werden. Mein Vater sagte mir, daß das ein guter Beruf sei, weil man viel erfahre und anderen nützliche Informationen geben könne.

Ich wünsche mir immer noch, Journalistin zu werden, wenn alles vorbei ist. Ich bin im 7. Monat schwanger und werde bis zu Entbindung, in zwei Monaten, im Krankenhaus bleiben; das wird es den Ärzten ermöglichen, den Verlauf der Schwangerschaft zu kontrollieren.

Danach will ich eine Möglichkeit finden, nach Uvira zurückzukehren, um herauszufinden, ob mein älterer Bruder und meine kleinen Geschwister noch am Leben sind. Wenn sie am Leben sind, werden sie auch meine Hilfe brauchen.

Goma, Demokratische Republik Kongo, den 23. Oktober 2003

Quelle: www.kongo-kinshasa.de vom 15.03.2004. Übersetzung: G. Kanu, I. Indongo-Imbanda

Veröffentlicht am

16. März 2004

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