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Leben in Gemeinschaft - Seit 22 Jahren bei Catholic Worker in den USA

Von Murphy Davis

Murphy Davis lebt und arbeitet zusammen mit ihrem Mann Eduard Loring seit 22 Jahren bei der Open Door Community in Atlanta, USA. Die Gemeinschaft lebt zusammen mit obdachlosen Menschen und engagiert sich gegen die Todesstrafe. Murphy und Ed waren diesen Herbst bei der Ökumenischen Basisgemeinschaft Brot & Rosen in Hamburg zu Besuch. Von dort reisten sie zum 7. Europäischen Treffen der Catholic Worker Gemeinschaften nach Amsterdam. Dort hielt Murphy den folgenden Vortrag, den Dietrich Gerstner von Brot & Rosen aus Notizen zusammenfasste und übersetzte.

Leben in Gemeinschaft

Mein Vortrag hat drei Grundgedanken:

Gemeinschaft als Widerstand gegen Kriegstreiberei und Tod

Unser erster Dienst als Gemeinschaft bestand darin, Lebensmittel in der Nachbarschaft auszuteilen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich eines Tages eine afro-amerikanische Frau in unserem Haus laut ausrufen hörte: “Es ist eine Hungersnot im Land!” Und das stimmt(e). Im reichsten Land der Erde legen sich trotz unseres Überflusses jeden Abend Tausende Frauen, Männer und Kinder hungrig zum Schlafen. Warum?

Diese Realität von Hunger ist nicht nur eine materielle Frage, sondern hat auch eine spirituelle Dimension. Schuld daran ist das “schmutzige und verrottete System”, wie Dorothy Day, die Gründerin der Catholic Worker Bewegung immer wieder betonte. Oder wie sie auch sagte: “Es ist genug für alle da, aber nicht genug für alle und für den Krieg.”

Wir leben in den USA seit dem zweiten Weltkrieg mit einer permanenten Kriegswirtschaft. Präsident Franklin D. Roosevelt brachte die USA in den 30er Jahren nicht nur durch staatliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen aus der großen Wirtschaftskrise heraus. Sondern genau wie in Nazi-Deutschland wurde die Wirtschaft in den USA durch massive Aufrüstung und Kriegsvorbereitungen angekurbelt.

Nach 1945 wurde diese Kriegswirtschaft beibehalten, da sie für die großen Unternehmen profitabel war. Interventionen und Kriege pflastern seither unseren Weg durch die Geschichte: Korea, Vietnam, Grenada, Panama, Irak, - um nur einige Beispiele zu nennen. Krieg gebiert immer neuen Hunger nach Krieg. In dieser Welt der Gewalt erleben wir als Gesellschaft den spirituellen Tod. Wo die technokratische Kriegsmaschinerie regiert, dort stirbt die Hoffnung.

Unsere (Catholic Worker) Gemeinschaften der Gastfreundschaft sind Orte der biblischen und gesellschaftlichen Analyse: Wenn Du miterlebst, wie die Ausgrenzung von obdachlosen und strafgefangenen Menschen in solch einem reichen Land wie den USA funktioniert, dann weißt Du mehr über die Gesellschaft, in der Du lebst. Oder wie wir es bei Brot & Rosen in Hamburg am Vorabend unserer Abreise nach Amsterdam gesehen haben: Ein älteres Roma-Ehepaar sollte trotz ärztlicher Atteste über schwere Erkrankungen am nächsten Morgen um 4:30 Uhr abgeschoben werden. Zum Glück hatten Freunde sie zu Brot & Rosen gebracht, wo sie erst mal Sicherheit, ein warmes Abendessen und ein Bett für die Nacht fanden.

Wenn ich mir solche Situationen vor Augen halte, dann weiß ich mehr über die Werte dieser Kultur. Der Schriftsteller Fjodor Dostojewskij sagte mal, dass wir am “Grunde des Haufens”, also ganz unten, nachschauen sollten. Dort würden wir das wahre Gesicht einer Gesellschaft sehen. Ihr wisst ja, dass Ed und ich seit vielen Jahren Gefangene in den Todeszellen Georgias besuchen. Dabei haben wir viele gute Freunde gewonnen und auch viele von ihnen sterben sehen. Als wir vor einiger Zeit unseren Freund Freddy Davis besuchten, der zum wiederholten Male ein Exekutionsdatum bekommen hatte, erzählte er uns von einem der Gefängnisaufseher, zu dem er einen guten Draht hatte. Dem fiel es offensichtlich selbst schwer, dass Freddy nun vom Staat ermordet werden sollte, und so sagte er zu ihm: “Ich hasse es selbst, was Dir nun angetan wird, aber Du weißt ja, ich kann leider nichts für dich tun.” Ich kann leider nichts tun, …. - so funktionieren wir doch oft alle. Diese Lähmung ist gerade auch bei Leuten guten Willens festzustellen. Was kann denn ein einzelner schon tun?! Das war zur Nazi-Zeit so, und so ist es auch heute noch.

Aber das Evangelium sagt uns: “Fürchte dich nicht!” Dies ist die wahre gute Nachricht der Befreiung. Fürchte dich nicht. Und darum ist Nachfolge aktiv, eine aktive Liebe. Aber wie wir von Dorothy Day wissen, Liebe in Aktion kann “hart und furchterregend” sein. Wir stellen uns dem System mit Disziplin und Konzentration in den Weg - und das kann natürlich Angst hervorrufen. Und andererseits wissen wir: “Liebe treibt die Angst aus”, schiebt die Angst weg. Und damit ist Liebe für mich auch eine Disziplin, die eingeübt werden muss, und nicht nur ein Gefühl.


Gemeinschaft als Gemeinsames Leben

Auch wir dürfen uns von unseren Ausreden (Kinder, zu viel Arbeit, Erschöpfung,…) nicht davon abhalten lassen, etwas zu tun, zumindest das wenige, das wir tun können. Gemeinschaft wird von Peter Maurin (Mitbegründer der Catholic Worker Bewegung) als der Versuch beschrieben, “eine neue Welt in der Schale der alten aufzubauen”. Oder wie es Clarence Jordan, der Gründer von Koinonia Partners (einer 1940 von Schwarzen und Weißen gegründeten Farmgemeinschaft in Georgia) ausdrückte: Gemeinschaft ist “ein Versuchsfeld für die Werte des Reiches Gottes”. Dabei ist zu unterscheiden zwischen “in Gemeinschaft leben wollen” und tatsächlich “Gemeinschaft aufbauen”.

Viele Menschen sagen, sie wollen in Gemeinschaft leben, aber sie wollen im Grunde so bleiben wie sie sind. Dabei ist das Leben in Gemeinschaft ein Weg der Veränderung. Ein Weg hin zu mehr Integrität: In Gemeinschaft lernen wir es, so zu sein, wie wir es von uns selbst sagen. Je länger wir zusammenleben, um so weniger ist es möglich, sich zu verstecken. Wichtig ist dabei, dass wir voreinander und füreinander verantwortlich sind. Und das in all den Verschiedenheiten (bzgl. Rasse, Klasse, Geschlecht oder sexueller Orientierung), mit denen wir zusammenleben.

Thomas Merton sagt: “Wenn Du dich auf ein geistliches Leben einlässt, dann musst Du immer bereit sein, ein Anfänger zu sein.” Im gemeinschaftlichen Leben müssen wir als Einzelne immer wieder von vorne anfangen, werden immer wieder auf das Startfeld zurückgeschickt. Diese Wahrheit ist manchmal schwer zu akzeptieren. Aber das Evangelium sagt uns: “Wenn ihr nicht werdet wie diese Kinder …”. Und ist das nicht dasselbe - wie ein Kind sein, immer wieder von neuem beginnen?

“Wenn der Traum zerbrochen ist”, so sagt uns Dietrich Bonhoeffer, “und wenn wir dann immer noch bleiben können, dann können wir Gemeinschaft bilden, Gemeinschaft sein.” Bonhoeffer hat damit vom Traum der Sicherheit, der Stabilität und des ruhigen Friedens untereinander gesprochen, der zuerst zerbrechen muss, bevor wir wirklich in Gemeinschaft leben können.

Ich möchte Euch nun einige Anregungen für Euer Leben in Gemeinschaft mitgeben: Zunächst zum Thema “Leitung”: Leitung klingt paradox in einer Bewegung, die erklärtermaßen in der Philosophie des Anarchismus wurzelt. Dabei war Dorothy Day in Wirklichkeit der “Anarch”, die unbestrittene Führungsperson, ja manchmal eine echte Tyrannin. Ich denke mir, wir können hier eine Menge von den afro-amerikanischen Kirchen lernen: In einer Situation der Unterdrückung war es für sie selbstverständlich, die Bedeutung einer guten, starken Leitung anzuerkennen. Das war für den Zusammenhalt und damit fürs Überleben notwendig.

Nun geht es mir nicht darum, dieses Modell einfach nachzuahmen. Aber ich bin überzeugt, dass wir ohne unsere Anerkennung der Gabe der Leitung verwirrt werden! Wir alle brauchen es, zu leiten und geleitet zu werden. Darum halte ich es für notwendig, uns in Führungsqualitäten zu üben und uns darin gegenseitig zu ermutigen - natürlich immer vor dem Hintergrund gegenseitiger Verantwortlichkeit. Das meint Ed, wenn er manchmal sagt: “Wir brauchen nicht mehr Informationen, wir brauchen qualifizierte Leitung.”

“Kommunikation”: Im Umgang miteinander müssen wir bewusst damit umgehen, welche Sprache wir sprechen. Und damit meine ich nicht, dass wir unterschiedliche nationale Sprachen sprechen wie Englisch, Deutsch, Niederländisch oder Amerikanisch. Sondern auch die Vielfalt der Sprachen in Bezug auf “Gender”, soziale Klasse, Bildungsstandard, etc. In Gemeinschaft ist es eine notwendige Aufgabe, eine Kultur des konstruktiven Umgangs mit Konflikten zu entwickeln.

“Gebet und Sabbat”: Wir Menschen aus Nordamerika und Europa, besonders diejenigen unter uns aus der Mittelklasse oder mit akademischem Hintergrund, wir sind es gewohnt, alles zu kritisieren. Da wird auseinandergenommen, differenziert, kritisiert. Dabei haben wir die Gabe des Dankens verloren. Und das ist auch etwas, das wir von unseren afro-amerikanischen Geschwistern lernen können. Die Dankbarkeit dafür, dass wir einfach da sind, dass wir leben, die Dankbarkeit füreinander. Bei unserem Mittagsgebet vor dem Essen betet oft ein schwarzer Mitbewohner über die “attitude of gratitude” (die Haltung der Dankbarkeit). Und so ist es ein Privileg, dass wir das Leben mit den Armen teilen können, für das wir auch immer wieder danken können.

Dann der Sabbat: Wir haben immer zu tun, zu tun, zu tun … Thomas Merton sagt dazu: “Arbeit ist ein wundervolles Versteck.” Der Sabbat ist aber nicht nur ein Geschenk, er ist eine Verpflichtung, ein Gesetz. Es ist eine spirituelle Disziplin, die Ruhezeiten einzuhalten. Sonst können wir langfristig nicht weitermachen. Ohne Ruhe keine Arbeit.


Gemeinschaft als Sakrament und Solidarität

In der Liebe zu wachsen, darum geht es doch eigentlich. Wir sind nicht nur politische AktivistInnen oder barmherzige “Gutmenschen”, sondern wir sind “Teil des mystischen Leibes Christi”, wie Dorothy Day das nannte. Und das erkennen wir, indem wir das Brot miteinander brechen.

Dazu möchte ich Euch nochmals eine Geschichte erzählen: In den Tagen der faschistischen Mussolini-Diktatur in Italien war eine Frau aus dem Widerstand inhaftiert. Sie wurde von den Gefängniswärtern beleidigt, gefoltert und vergewaltigt. Gleichzeitig litt sie argen Hunger. Alles war so schlimm, dass sie nicht mehr leben wollte. Eines Tages flog durch die vergitterte Zellentür ein kleiner Laib Brot. Und als sie das Brot zerbrach, fand sie eingebacken eine kleine Streichholzschachtel und darin ein winzig kleiner Zettel. Darauf stand nur ein einziges Wort: “Couragio!” Mut! Und da wusste sie, dass sie nicht alleine war, dass jemand für sie da war. “Couragio” verborgen in Brot! Und so wissen wir im Brechen des Brotes, wir sind nicht alleine.


Quelle: Brot & Rosen - Rundbrief Nr. 30, Dezember 2003

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Dietrich Gerstner (Brot & Rosen).

Links zu Catholic Worker Gemeinschaften:

> The Catholic Worker Movement (USA)

> Brot & Rosen (D)

Veröffentlicht am

22. Februar 2004

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