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Friedensaktivistin berichtet über eine Reise nach Palästina und Bagdad

Von Waltraud Schauer, Wien

Natürlich war ich aufgeregt als wir (das sind Ken O’Keefe, der Initiator der Humanshield-Bewegung und Sjur, ein Norweger, verheiratet mit einer Irakerin und ich) uns der King-Hussein Brücke näherten, die über den Jordan führt. Die beiden hatte ich vor dem Krieg in Bagdad kennen gelernt. Sie und andere reisten damals mit zwei Doppeldeckerbussen von London nach Bagdad. Ein abenteuerliches Unternehmen.

Um es kurz zu machen, die Einreiseprozedur nach Palästina ist langwierig und unangenehm. Es sind keine 100 km von Amman nach Jerusalem. Wir stiegen um sieben Uhr in Amman ins Taxi und waren um 16 Uhr in Jerusalem. Die israelischen Grenzsoldaten sind äußerst penibel - hier ist es noch verständlich. Für Palästinenser kann es Tage dauern. In Jerusalem trennten sich unsere Wege, die beiden fuhren gleich am nächsten Tag in die Westbank.

Allen Jerusalem-Reisenden kann ich das österreichische Hospiz wärmstens empfehlen. Es liegt mitten in der Altstadt - im arabischen Viertel, nur ein Katzensprung vom Damaskus-Tor entfernt - dem Gateway ins Westjordanland. Es ist eine Oase der Ruhe und des Friedens, es gibt einen wunderschönen Garten und ein herrliches Frühstück.

Ich war überrascht, wie landschaftlich schön und gepflegt die Westbank ist. Es erinnert mich an die Wachau - ohne Donau. Die Olivenhaine sehen von der Ferne wie Weinberge aus, ebenfalls in Terrassen angelegt, eine uralte Kulturlandschaft. Um dort von Ort zu Ort zu kommen - bedarf es allerdings Zeit, Geduld und Geld. Jerusalem z.B. ist nur sieben Autominuten von Bethlehem entfernt, aber für die meisten Einwohner dieses geschichtsträchtigen Ortes, auch für die Christen, unerreichbar. Eine Frau sagte mir, aus der ganzen Welt kommen Menschen nach Jerusalem - wir können nicht.

Von Jerusalem nach Ramallah sind es 20 km. Man nimmt also ein Taxi beim Damaskus-Tor und nach ein paar Kilometern - heißt es Aussteigen, wir sind beim Kallandia-Checkpoint angelangt, in die Schlange einreihen. Glücklich alle jene die kein Gepäck zu schleppen und gutes Wetter erwischt haben. Bei Regen versinkt man bis zur halben Wade im Schlamm und bei der Sommerhitze ist es auch kein Vergnügen. Es sind einige hundert Meter zu überwinden bis man wieder in ein anderes Taxi auf der anderen Seite einsteigen darf, nachdem Pass und Gepäck von israelischen Soldaten kontrolliert wurden, die alle mit Maschinengewehren und anderen Dingen ausgerüstet sind. Halbe Kinder - die über Leben und Tod entscheiden. Ausländische Besucher werden normalerweise bevorzugt behandelt.

Solche Checkpoints gibt es zu Hunderten und noch dazu die Straßensperren. Fast jedes palästinensische Dorf ist damit versehen, die Städte sowieso. Ein Erdhaufen, gespickt mit Felsbrocken oder manchmal Betonblöcke, verhindert das Durchkommen per Auto. Jede zu liefernde Ware muss also abgeladen werden, über den Dreckhaufen, oder was immer die Straßensperre ausmacht, geschleppt werden, ein anderes Fahrzeug für die andere Seite bestellt und die Ware wieder aufgeladen werden - bis zum nächsten Checkpoint oder zur nächsten Straßensperre. Ich habe beobachtet, wie eine ganze Wagenladung von großen, schweren Propangasflaschen abgeladen, über eine Straßensperre geschleppt und auf der anderen Seite wieder mühsam aufgeladen wurde. Eine zeit-, geld- und kräfteraubende Prozedur. Die reinste Schikane, das hat nichts mit Sicherheit zu tun. Es wäre natürlich leicht für ein paar kräftige Männer, diese Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Dann ist allerdings mit schweren kollektiven Strafen zu rechnen. Kein Palästinenser getraut sich auch nur eine Erdkrumme zu entfernen. Die wirtschaftliche Strangulierung ist beabsichtigt.

Ich habe auch erlebt wie über Nacht ein Checkpoint (CP) errichtet wurde, der das Dorf in zwei Hälften teilte. Wir, eine Gruppe von neun Ausländern, mussten erleben, wie Menschen stundenlang, in diesem Fall sechs Stunden, vor dem geschlossenen CP warten mussten, manche kniend. Uns wurde erlaubt den CP zu passieren, allerdings weigerten wir uns und teilten den Soldaten mit, wir würden mit den Palästinensern warten, worauf der CP geöffnet wurde. Am nächsten Tag war er wieder geschlossen.

Ich kann mich nur wundern, mit welcher Engelsgeduld die Palästinenser diese Schikanen, Erniedrigungen und Demütigungen ertragen.

Es ist nur ein kleiner Ausschnitt von den Ereignissen, die ich in der kurzen Zeit erlebte. Ich war auch bei einer friedlichen Demonstration gegen die Mauer, zusammen mit Palästinensern und vielen Internationalen, bei der israelische Soldaten mit Tränengas nach uns warfen. Der Wind war allerdings auf unserer Seite und blies das Zeug wieder zurück. Es gäbe noch viel zu erzählen.

Am Freitag, 3. Jänner, fuhren wir gegen 16 Uhr wieder gemeinsam von Jerusalem nach Jordanien. Die Ausreise war ohne Probleme, wir kamen um 19 Uhr in Amman an und Fayez, der Hotelbesitzer (er ist mittlerweile bekannt von Alsaka bis Neuseeland unter den Irak-Reisenden - unabhängige Journalisten, Friedensfreunde und normal Verrückte gehen dort ein und aus), hatte schon ein Taxi organisiert und wir fuhren noch in der Nacht um ein Uhr weiter nach Bagdad.

Es war eng, fünf Passagiere und der Chauffeur. Um sieben Uhr passierten wir die jordanisch/irakische Grenze. Die Jordanier kontrollieren genau, dafür ist die irakische Grenze ein Witz. Visum ist nicht erforderlich, unser Chauffeur stieg aus, nahm die Pässe, verschwand hinter einem Verschlag - war nach zwei Minuten wieder mit den gestempelten Pässen zurück - das war’s. Zwei amerikanische Soldaten saßen gelangweilt auf einer Bank, niemand kontrollierte ob die Pässe mit den Insassen des Autos übereinstimmten, geschweige eine Gepäckskontrolle.

Das war eine kleine Kostprobe von der neuen Freiheit im Irak. Im Niemandsland gibt es eine Zeltstadt. Es war nicht zu eruieren, wie viele Menschen dort gestrandet sind.

Gegen Mittag erreichten wir den Euphrat und damit hat die Wüste ein Ende, es wird grün, plötzlich gibt es Palmen und anderes Gebüsch, aber auch erste erkennbare Zeichen des Krieges. Die Leitplanken sind niedergewalzt. Auch eine Brücke zerstört, wir mussten die Autobahn verlassen und auf einer Piste durch das trockene Wadi die zerstörte Brücke umfahren. Es ist mir aufgefallen, dass fast nur Tankfahrzeuge und Autotransporte unterwegs sind. Es werden unentwegt neue, alte Autos nach Bagdad gekarrt. Falludscha war schon vor den Ankündigungstafeln zu erkennen. Es kreisten die Hubschrauber und die ersten Militärkonvois tauchten auf. Ein Grund für mich nervös zu werden, denn: wo amerikanische Soldaten - da Gefahr.

Wir erreichten Bagdad ohne Zwischenfälle. Große Wiedersehensfreude mit Donna, Uzma, Helen, Kevin, Gordon - alle ehemalige Humanshields, die zum Teil über den Krieg geblieben waren und jetzt ein Straßenkinderprojekt auf die Beine stellen. Straßenkinder gab es vor dem Krieg nicht. Sie leisten großartiges, sie und ihr Projekt mit eigenen Augen zu sehen und auch zu erfahren, was aus Bagdad geworden ist, das war der Grund meiner Reise.

Es gibt viel Zerstörung, das ehemalige Pressezentrum total ausgebrannt, die Rasheedstraße hat es arg erwischt, dort liegt noch der Schutt herum, viele ausgebrannte Gebäude, die Uferstrasse (Abu-Nawas-Straße) gegenüber dem Regierungsviertel gesperrt. Dort gibt es mehrere Galerien, die sich durchaus mit westlichen messen können. Vor dem Krieg kaufte ich in einer vier Bilder und war natürlich sehr erfreut, dass Besitzer und Gebäude den Krieg äußerlich ohne Schaden überlebt hatten. Diesmal erstand ich nur drei Bilder, Ahmed erkannte mich sofort wieder und wir hatten ein längeres Gespräch bei Tee und Kuchen. Auch er ist froh, dass Saddam weg ist, allerdings wie die meisten, mit denen ich gesprochen habe, enttäuscht über die neue Freiheit - Marke Amerika.

Seitdem die Straße gesperrt ist kommen auch keine Kunden vorbei, obwohl das Palestine Hotel nur einen Steinwurf entfernt ist. Strom gibt es nur stundenweise, Pech für alle die sich keinen Generator leisten können. Das ist die Mehrheit. Benzin ist ebenfalls Mangelware, kilometerlange Schlangen vor den wenigen offenen Tankstellen, d.h. sechs bis acht Stunden Wartezeit. Offizieller Preis für ein Liter Benzin ist 20 Dinar, am Schwarzmarkt für 500 Dinar pro Liter zu haben. Wohin das schwarze Gold versickert - niemand weiß es.

Brandverletzungen, vor allem bei Kindern, sind in unerträglicher Weise gestiegen, weil sich fast niemand das Kerosin für die Öfen zum Heizen und Kochen leisten kann und deshalb wird irgendein minderwertiges Gemisch zusammengebraut, das ganz leicht explodiert. Das Telefonnetz ist noch immer nicht repariert, seit 1.1.2004 gibt es Handy. Aber wer kann sich das schon leisten? Es gibt keine Arbeit, kein Einkommen. Der reichste Mann in Bagdad ist angeblich der Besitzer eines privaten Sicherheitsdienstes. Sicherheitsdienste sind überall anzutreffen, vor Banken, Geschäften, Internetshops etc.

Die meisten Autos sind ohne Kennzeichen und viele Fahrer nützen die neue Freiheit und kümmern sich nicht um Verkehrsregeln. Irakische Polizisten sind kaum auf der Strasse, genauso wenig wie amerikanische Soldaten. Die fahren nur in ihren gepanzerten Ungetümen die Straßen auf und ab und verbreiten Angst und Schrecken. Die Militärverwaltung CPA (Coalition Provisional Authority) hat sich in den Palästen des Saddam Hussein eingenistet (regime change). Die Soldaten wohnen in den Military Camps, die sie bevorzugt neben den ehemaligen “family amusement parks” errichten.

Wir waren eines Tages mit den Straßenkindern in einem Bus unterwegs und mussten vor drei solcher Einrichtungen kehrt machen, weil daneben die Amis ein Camp errichtet und das ganze Areal mit diesem rasiermesserscharfen Stacheldraht umzäunt haben. Dieser Draht erfreut sich jetzt im Irak genauso großer Beliebtheit wie in Palästina. Ansonsten herrscht Chaos. Müllabfuhr funktioniert noch immer nicht. Wir sind sehr viel in Bagdad herumgefahren, ich habe nirgendwo gesehen, dass irgendetwas repariert wird. Allerdings, die Eingangshallen des Palestine und des Sheraton Hotels wurden neu und sehr chic gestaltet, offensichtlich damit die armen Businessman nicht Heimweh bekommen.

Frauen im Irak sind zunehmend alarmiert, seit bekannt wurde, dass die bestehenden Familienrechte abgeschafft werden und islamisches Recht eingeführt werden soll. Dieses neue Gesetz wurde am 29. Dezember vom 25köpfigen Regierungsrat mit einer geringen Mehrheit hinter verschlossenen Türen beschlossen und von konservativen schiitischen Mitgliedern ausdrücklich befürwortet. Das alte Gesetz war nicht perfekt, aber es war das modernste und fortschrittlichste in der muslimischen Welt. Was die Frauen am meisten schmerzt ist, dass die Gesetze während der Tyrannei des Saddam Hussein moderner und liberaler waren als die zu erwartenden neuen Gesetze.

Seit 1959 wurde das zivile Familienrecht ständig verbessert und weiterentwickelt. Das alte Gesetz verbietet die Eheschließung vor dem 18. Lebensjahr, die eigenmächtige Scheidung, die männliche Bevorzugung bei der Vormundschaft der Kinder und befürwortet die Gleichbehandlung der Geschlechter beim Erbrecht.

Es ist zu befürchten, dass diese Änderung die irakischen Frauen um Jahrhunderte zurückwerfen wird, wie das die afghanischen Frauen erleben mussten. Nach dem Sturz von Saddam Hussein haben viele Frauen gehofft, dass die neuen Autoritäten das Familiengesetz weiter liberalisieren würden, stattdessen wird das neue Gesetz die irakischen Frauen zurück ins Mittelalter bringen. Es wird jedem Mann erlauben, vier bis sechs Frauen zu haben und den Frauen die Kinder wegzunehmen. Es wird jeden Mann, der sich als Kleriker bezeichnet, erlauben, ein islamisches Gericht zu eröffnen und ihm das Recht einräumen zu entscheiden, wer heiraten, sich scheiden lassen darf, und überhaupt Recht nach seinem Gutdünken sprechen. Während verschiedener Treffen haben Frauen wiederholt darauf hingewiesen, dass sogar während der repressivsten politischen Unterdrückung der Saddam Ära sie vor unfairen Interpretationen der Sharia geschützt waren.

Wir müssen das neue Gesetz verhindern, sagte Zakia Ismail Hakki, eine pensionierte Familienrichterin und ausgesprochene Gegnerin des neuen Gesetzes.

Es war nicht einfach, mich wieder in Wien zurecht zu finden. Die ersten paar Tage fühlte ich mich, als wäre ich im Palestine Hotel in Bagdad. Das ist nicht die Wirklichkeit, eine kleine Insel in all dem Chaos rundherum.

Veröffentlicht am

15. Februar 2004

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