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TINA (‘There Is No Alternative’)!? Und wie es dazu kommt

Von Michael Albert - ZNet 30.01.2004

Wir alle kennen jede Menge Leute, die die Ansicht vertreten, zum Kapitalismus gibt es “keine Alternative” (‘There Is No Alternative’ = TINA). Und wie wir alle wissen, legt die Linke großes Gewicht auf den Slogan ‘eine andere Welt ist möglich’. Beides sind Haltungen - keine Argumente.

Um ein Argument zu sein, hätte die antikapitalistische Haltung ein System nötig - ein Alternativsystem, das sie belegen würde. Falls nicht, müsste zumindest die glaubwürdige Beschreibung einer tauglichen, lebensfähigen Alternative her. Ich, als Vertreter der partizipativen Ökonomie, unternehme häufig den Versuch, TINA etwas entgegenzusetzen. Um was es mir geht, ist die Logik, die hinter TINA steckt. Was ist die TINA-Substanz? Und der zweite Punkt, den ich hier ansprechen möchte: Vorausgesetzt, man glaubt, eine andere Welt ist möglich - dann ist es noch eine ganz andere Frage, wie man dahin kommt.


TINA-Logik

Gewisse Leute verkünden, “es gibt keine Alternative” - weil sie das System retten wollen. Margaret Thatcher hatte keine Argumente. Alles, was sie hatte, war eine Behauptung und ein Megaphon, das in die gesamte Welt vordrang. Andererseits gibt es jede Menge Leute, die gegen Ungerechtigkeit eintreten und doch bezweifeln, dass eine Alternative möglich ist. Deren Fatalismus ist es, der den Antikapitalismus verhindert. Ihre tapfere Arbeit ignoriert die (Idee) eines neuen Systems. Auch viele andere Leute lassen sich durch das TINA-Feeling auf ganzer Linie lähmen. Aber welche Logik steckt hinter TINA - abgesehen vom schlichten Propagandafaktor?

Es sind folgende TINA-Argumente, von denen sich viele anstecken lassen:

1) Die Menschen sind gierig - ob nun angeboren oder durch soziale Prägung - jedenfalls seien sie davon nicht abzubringen.

2) Ein sozialer Entwurf, der dieser Gier nicht Rechnung trägt, ähnele dem Entwurf eines Fluggeräts, der die Erdanziehung nicht miteinbezieht. Sollte das Gerät je die Testphase erreichen, wird es entweder komplett versagen oder, falls nicht, sich zu etwas rückentwickeln, das es in der ein oder anderen Form schon gegeben hat.

3) Am Vernünftigsten sei es, das herrschende System, das die Gier wenigstens kanalisiert, so zu verfeinern, dass ein Mindestmaß an Zivilisation und sozialem Fortschritt herauskommt.

Anders gesagt, wir sollten an den horriblen Schäden, die der Kapitalismus anrichtet, nur herumdoktern - selbst wenn uns klar ist, dass er uns ewig erhalten bleibt.

Das Problem bei diesem Argument: Es ist überhaupt keins - jedenfalls nicht für die meisten Antikapitalisten. Denn, dieser dritte Punkt - im Endeffekt TINA - ist aus den übrigen Punkten nicht ableitbar, zumindest nicht, wenn “Gier” das ist, was die meisten Leute unter gierigen Menschen verstehen.

Meiner Meinung nach ergibt sich daraus Folgendes: Jedes gesellschaftliche System muss akzeptieren, die Menschen wollen wünschenswerte Lebensbedingungen und materiellen Wohlstand. Sie bringen ihre Energie und ihren Verstand ein, diese Ziele zu erreichen - das wird auch so bleiben. Um ein positives soziales Ziel - wie etwa Klassenlosigkeit - zu erreichen, müsste ein gesellschaftliches System folglich Mittel bereitstellen, damit die Leute ihre Lebensbedingungen und ihre Chancen verbessern - durch eigene Anstrengung und eigenen Verstand. Gleichzeitig hätte das System jedoch sicherzustellen, dass indem die Menschen nach Glück streben (was unausweichlich ist), auch ein Mehr an Solidarität und Sozialem entsteht - anstatt noch mehr Unterschiede und Antisoziales. In einem positiven System wäre somit das eigene Wohlergehen an soziale Verantwortung geknüpft.

So gesehen sprechen die TINA-Argumente eigentlich nicht für TINA sondern für Folgendes: Eine ökonomische Alternative (oder eine Alternative in einem anderen Lebensbereich) müsste die Entwicklung von Institutionen involvieren, die die Menschen in diesem Bereich des Lebens einerseits funktional fördernd miteinbeziehen, sodass es ihnen besser geht, aber gleichzeitig müssten diese Institutionen den sozialen Zusammenhalt fördern, Selbstverwaltung und Gleichheit - anstatt Klassenunterschiede und die Herrschaft der Wenigen über die Masse.

Die Behauptung, die Menschen seien gierig, steht dem keineswegs entgegen. Sie ist keine Straßensperre auf dem Weg zur Revolution (nur TINA). Stattdessen folgt daraus: Macht euer Angebot, was könnt ihr tun, damit die Menschen ein besseres Leben haben - kombiniert mit gerechtigkeitsorientierten Zielen (Ergebnissen)?

Die meisten, die auf dieser Linie argumentieren oder so fühlen, enden jedoch letztendlich bei TINA. Manche kommen einfach nicht auf obige Antwort. Häufiger ist jedoch: Wenn man “gierig” so versteht wie diese Leute, ist damit weit mehr als nur das Streben nach persönlichem Wohlergehen und Entwicklung gemeint - unter dieser Prämisse hätte TINA wahrscheinlich sogar Recht.

Stellen wir uns Folgendes vor: Noam Chomsky und Arundhati Roy unternehmen ein gemeinsames Projekt. Ihre Lebensqualität läge wahrscheinlich bei einem Level von 10 (Konditionen, Möglichkeiten, materieller Wohlstand, usw.). Jetzt stellen wir uns vor, sie treten in einen Wettstreit ein. Jede(r) will SiegerIn sein und den Gegner übertrumpfen. Der Gewinner bzw. die Gewinnerin würde vermutlich bei einem Index von nur 8 landen, der Verlierer / die Verliererin bei nur 6.

TINA-Verfechter würden sagen, die Menschen sind nunmal scharf darauf, andere zu dominieren, sie sind bereit, dafür auf sehr viel Wünschenswertes zu verzichten - um des Wettbewerbs willen - sie sind so scharf darauf, dass sie, um auf das kleine Beispiel mit Noam und Arundhati zurückzukommen, ein Lebensminus in Kauf nehmen, nur, um ihren unersättlichen Hunger nach Dominanz zu stillen. Mehr noch - TINA-Advokaten würden sagen, es hat keinen Zweck, man kann die Gier, Erster zu sein, nicht kanalisieren - also, dass jemand auf einem Gebiet gut oder sogar sehr gut ist, ohne gleich ein Extra an Macht und Reichtum zu heischen. Die Dominanzsucht der Menschen infiziere sämtliche Lebensbereiche - alle wollten nur immer mehr besitzen bzw. mehr zu sagen haben.

Okay, dieser zynische Entwurf eines Menschheitsbilds per se scheint der TINA-Logik Recht zu geben (er stimmt zumindest größtenteils, wenn wir von einer Menschheit unter den Wettbewerbsbedingungen des Markts reden). Ich selbst trete für ein ökonomisches System ein, das sich partizipative Ökonomie (Parecon) nennt. Es soll an die Stelle des Kapitalismus treten und ist daher eine Alternative zu und ein Argument gegen TINA.

Parecon sieht Institutionen vor, die Klassenlosigkeit erzeugen - auf der Basis von Solidarität, Gleichheit, Pluralität und Selbstverwaltung. Weg mit den alten Labor-Gräben, weg mit kompetitiven Zuordnungen, usw.. Andererseits - wären die Menschen wirklich so machtversessen, wie es obiges perverses Bild suggeriert - ganz unerheblich, ob aus genetischen Gründen oder aus solchen der (akkumulierten) sozialen Prägung - Parecon wäre nicht machbar und falls doch (also falls einige dominante Leute den großen Rest manipulierten) würden wir nach Erreichen des Ziels ‘Klassenlosigkeit’ entweder sofort wieder in kapitalistische Beziehungen zurückverfallen, oder es käme zum großen Zusammenbruch, zum Brand, und wir alle müssten elend verhungern.

Worum geht es mir? Es ist ja offensichtlich, dass ich weder das TINA-Menschenbild noch TINA selbst akzeptiere. Also, warum seziere ich TINA? Der Grund ist folgender: Wir Verfechter einer besseren Welt sollten nicht erwarten, dass die Gegner, mit denen wir uns auseinandersetzen, automatisch Idioten oder Leute mit negativen Werten sind. Ihre von uns abweichende Meinung bezüglich dessen, was sie draußen in der Welt wahrnehmen oder was sie in absehbarer Zukunft an Veränderungen für plausibel und realistisch halten, kann sehr vernünftig und ehrlich sein.

Und selbst wenn unser aktueller Diskussionspartner in seinen Motiven nicht sonderlich ehrlich ist - viele andere sind es. Daher ist wichtig, dass wir stets wasserdicht argumentieren - aggressiv sollten wir nur werden, wenn die feindlichen Motive offensichtlich werden und es nicht anders geht. Ich selbst tue mich allerdings schwer, meinen eigenen Ratschlag zu befolgen, sobald ich TINA-Argumente höre. Daher scheint er mir umso wichtiger - als probates Gegenmittel gegen Sektierertum. Sektierei ist eine Falle, in die wir leicht tappen.

Natürlich ist hier von der argumentativen Schnittstelle zwischen libertärer Linker (die eine Welt ohne ungerechte Macht-Hierarchien will) und Sozialdemokraten bzw. entpolitisierten Leuten, die glauben, wir müssten uns in einen ewigen Kapitalismus fügen, die Rede. Im Folgenden werde ich noch einem weiteren Streit der Meinungen nachgehen: Wie erreichen wir eine neue Welt?


Lenin oder Anti-Lenin?

Die vielleicht wichtigste aktuelle Strategiedebatte - unter Leuten, die eine neue Welt wollen -, ist die zwischen Leninisten und Nicht-Leninisten. Ich gehöre zu Letzteren. Ich bin der Meinung, manche Leninisten sind nur deshalb Leninisten, weil ihnen die Struktur, die Haltung, persönlich entgegenkommt (es kommt ihren Neigungen, ihrem Hintergrund entgegen) - und nicht, weil sie den Leninismus als letzte Rettung ansehen. Manche scheinen sogar regelrecht nach einen Ansatz mit politischen und ökonomischen Hierarchien Ausschau gehalten zu haben - wenn auch mit einem Auge nach der Abschaffung der Konzern-Herrschaft schielend.

Umgekehrt muss ich zugeben, manche von uns Anti-Leninisten beziehen ihre Haltung aus einer persönlichen Abneigung gegenüber Organisationen, gegenüber sozialer Verantwortung und Regulation. Manchmal flüchten wir uns in anti-institutionelle Haltungen, die die Vorurteile der Leninisten gegen uns absolut bestätigen. Und genauso porträtieren sich die Lager wechselseitig: auf der einen Seite Roboter-Regimenter, auf der andern verantwortungslose Hans-Guck-in-die-Lufts. Aber was soll das Ganze? Warum sehen wir immer nur die schlechtesten Seiten der andern und nicht ihre besten? Welche Unterschiede blieben dann noch übrig?

Ein vorbildlicher Leninist würde beispielsweise sagen: “Ich strebe nach wahrer Klassenlosigkeit, nach einer echten partizipativen Demokratie, ich will das Ende des Patriarchats, das Ende des Rassismus, ich will reiche kulturelle Vielfalt”. Kein Widerspruch vonseiten einer vorbildlichen Anti-Leninistin. Und vorausgesetzt, es handelt sich wirklich um die Besten, werden sie auch zu dem stehen, was sie sagen. Soweit also keine Unterschiede.

Der vorbildliche Leninist fährt fort: “Angesichts der immensen Macht unseres Staats, müssen wir Feuer mit Feuer bekämpfen.” Er meint damit jedoch, ganz wichtig, nicht Gewalt sondern einerseits eine Koordinierung, die von oben nach unten verläuft und andererseits etwas, was man manipulative Massen/Front-Politik nennen könnte. “Natürlich sind das, gelinde gesagt, widerliche Alternativen”, wird unser vorbildlicher Leninist fortfahren, “aber leider zwingt uns die Staatsmacht nunmal dazu. Ungefähr so, wie wenn man im Selbstverteidigungsfall Gewalt anwendet, weil es nicht anders geht”. Er fährt fort: “Die Methode Lenins ist natürlich sehr anfällig für Missbrauch - was zu schrecklichen Folgen führen kann. Wir haben es erlebt, wir wissen auch, wie und warum es dazu kam. Aber eine andere Wahl haben wir nunmal nicht. Wollen wir siegen, müssen wir einen Weg finden, diese Methoden anzuwenden, aber auch einen Weg, ihre (negativen) Tendenzen, die sehr schlimme Folgen haben können, in den Griff zu bekommen, damit es ein echter Sieg wird”.

Ein vorbildlicher Anti-Leninist wird hier fast das genaue Gegenteil sagen: “Nicht nur, dass der demokratische Zentralismus und eine massenmanipulative Politik Klassenherrschaft der Koordinatoren, politischen Autoritarismus, das Patriarchat und eine kulturelle Homogenisierung fördern - mit leninistischen Methoden lässt sich einfach keine erfolgreiche Bewegung zusammenschweißen. Diese Methoden haben nicht genügend Rückhalt, Energien werden nicht gebündelt und harmonisiert, die Anhängerschaft nicht empowered, etc..”

Und er fährt fort: “Ganz im Gegenteil - solche Ansätze führen nur zu einer Rhetorik, einem sektiererischen Denken, das wenig zum Wachsen der Bewegung beiträgt. Vom pragmatischen Standpunkt sind diese Ansätze in der modernen Welt sowieso zum Scheitern verurteilt. Würden sie aber siegen, sie würden zu einer neuen Welt führen, die wir nicht wollen.

Zum Glück werden sie nicht siegreich sein. Um glaubwürdig, inspirierend und empowering zu sein, brauchen wir vielmehr Bewegungen, die die Werte und soweit möglich auch die Strukturen und sozialen Beziehungen der neuen Welt, die wir wollen, verkörpern”. An beiden Ansichten ist was dran - ein ehrlicher Disput - schließlich kommen hier die besten Repräsentanten ihrer Weltsicht zu Wort.

Der Disput geht im Grunde darum: Was ist von uns erwartbar - angesichts der üblen Pratiken unserer supermächtigen Gegner? Ganz ähnlich wie beim Streit über Revolution versus Akzeptanz eines permanenten Kapitalismus - können auch hier relativ humane und vernünftige Motive aufeinanderprallen (wobei es natürlich auf beiden Seiten Menschen mit miesen Motiven gibt). Aber Leute, die bei jeder Diskussion von vornerein das Schlechteste beim Gegner annehmen, züchten sich eine sektiererische Haltung an, die man nur schwer wieder los wird (in manchen Zusammenhängen bestätigt sich die zynische Erwartung allerdings häufiger als umgekehrt).

Mit die schönste Seite des Sozialforumsprozesses: Hier müssen sich Menschen mit unterschiedlichen Haltungen mit Respekt begegnen. Das soll nicht heißen, dass wir unsere Überzeugungen und unsere (hoffentlich) gut begründeten und fundierten Behauptungen verwässern sollen. Was wir jedoch nötig haben, ist respektvolle Kommunikation, sind echte Argumente - wir sollten uns nicht gegenseitig niederknüppeln.

Quelle: ZNet Deutschland vom 02.02.2004. Übersetzung: Andrea Noll. Originaltitel: TINA!? And Getting There .

Veröffentlicht am

02. Februar 2004

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