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“Das ist unser Leben …” - Ein Bericht über eine Reise in den Irak

Von Eva-Maria Hobiger

Irak, 9. bis 28. November 2003

Tägliche Anschläge auf amerikanische Soldaten, Terror gegen zivile Einrichtungen, Morde an Polizisten, Gewalt gegen Mitarbeiter von ausländischen Hilfsorganisationen, Morde an Universitätsprofessoren, bewaffnete Überfälle auf den Straßen, Kidnapping und Lösegelderpressung ? der Alltag im Irak im November 2003. Sieben Monate nach dem Ende der Diktatur ist der Irak sehr weit von einem normalen Alltag entfernt. Und es sind auf den Tag genau 7 Monate nach der Einnahme Bagdads, als ich mich gemeinsam mit Dipl. Ing. Bashar Hindo zu meiner sechsten Irakreise in diesem Jahr auf den Weg mache. Fast fünf Tonnen Hilfsgüter für das Kinderspital in Basra befinden sich bereits auf der langen Reise Wien ? Maastricht ? Amman ? Bagdad ?Basra. Eine Reise mit vielen Ungewissheiten lag vor uns, 7000 km in ein Land, das zerstört ist von Diktatur, Geheimdienststaat, drei Kriegen innerhalb von kurzer Zeit, 13 Jahren Sanktionen und nun Besatzung und zivilem Terror. Zuviel als dass es ein Land, als dass es die Menschen dieses Landes verkraften könnten.

Die Strecke Amman-Bagdad kann ich erstmals seit März dieses Jahres wieder mit dem Flugzeug zurücklegen. Der Himmel über Bagdad ist wolkenverhangen und es beginnt zu regnen, als wir auf dem Flughafen Bagdad landen, der einer uneinnehmbaren Festung gleicht. Einer der ersten Eindrücke in Bagdad: eine heftige Detonation erschüttert das Haus und danach wird es schlagartig dunkel, es vergehen etliche Minuten bis sich der Generator einschaltet. Das Verkehrschaos in den Straßen ist unbeschreiblich, die wenigen Polizisten sind hilflos und eingekeilt im Durcheinander der Autos verbringt man täglich wartend mehrere Stunden, bis sich das Chaos irgendwann auflöst. Kilometerlange Schlangen bilden sich vor den Tankstellen, die Benzinsituation hat sich wieder verschlechtert. Elektrischen Strom gibt es stundenweise, aber immerhin besser als im Sommer dieses Jahres. Es ist Ramadan, die islamische Fastenzeit und um 17.30 Uhr sind die Straßen wie leergefegt, sie bleiben es bis zum nächsten Morgen. Das ist die Zeit, wo man sehr leicht Opfer eines Überfalles in den Straßen werden kann.

Die beiden Tigrisbrücken auf dem Weg in den Süden wurden provisorisch repariert, aber noch immer bildet sich ein Stau davor. 18 Checkpoints sind zu passieren, bis man das Stadttor von Basra sieht. Sie sind nun durchgehend mit bewaffneten irakischen Polizisten besetzt. Manche kontrollieren die Pässe, manche das Gepäck, andere winken uns nur durch, manche entschuldigen sich wegen der Kontrollen. An einem Checkpoint bittet ein Polizist um Spielzeug für sein Kind, sofort schließen sich die anderen an, alle möchten ein Stofftier. An einem anderen Checkpoint erzählt man uns, dass es gestern zwei Anschläge hier gegeben hätte. Es ist viel Militär zu sehen auf der Straße, die englischen Soldaten fahren nun, wie die amerikanischen, stets mit der Waffe im Anschlag. Vor jeder Brücke gehen sie in Schussposition, manchmal ragt aus jeder Autoöffnung ein Maschinengewehr. Ich fühle mich nicht wohl, wenn wir direkt hinter den Militärfahrzeugen fahren.

Ein vertrautes Bild auch in Basra: Verkehrschaos am frühen Nachmittag. Auch wenn hier viele Polizisten auf den Straßen sind, behindern die unzähligen Straßensperren, die aus Sicherheitsgründen jeden Tag neu errichtet werden, den Verkehr und so zählt das Ausfindigmachen von Schleichwegen nun zu einer unserer wichtigsten Aufgaben. Schwierig sei die Situation und sie werde von Tag zu Tag schwieriger, meint der Direktor “unseres” Ibn Ghazwan Mutter-Kind-Spitals. Und Dr. Jenan, die Leiterin der Kinderkrebsabteilung fügt hinzu: Es mangelt an allem, Spritzen müssen mehrmals verwendet werden, es gibt keine Venenkanülen oder Nadeln, keine Infusionsleitungen, keine Medikamente. Die Situation sei schlechter als jemals zuvor, unter Saddam wäre es noch bedeutend besser gewesen und. Erst am Tag zuvor hätte das Krankenhaus einen Drohbrief erhalten, es wäre als nächstes zur Sprengung dran. Die Drohung wurde wahrgemacht: am nächsten Tag fand man an einem Nebeneingang des Spitals eine Bombe. Sie konnte rechtzeitig entschärft werden. Am nächsten Tag lag ein Sprengsatz im Stiegenhaus des Krankenhauses. Es käme keine Hilfe mehr von den Hilfsorganisationen, die meisten haben sich schon vor einigen Wochen zurückgezogen, die letzten wären jetzt wegen der schlechten Sicherheitslage gegangen. Wenn sich nicht innerhalb der nächsten Wochen eine grundlegende Änderung der Lage ergäbe, müsse man beginnen, in Basra Spitäler zu sperren, meint einer der Ärzte. Nur die von uns unterstützte Krebsstation für Kinder ist von dieser schlechten Versorgungslage nicht beeinträchtigt, sie hänge aber einzig und allein von unserer Hilfe ab. Ansonsten hätte das Krankenahus kein einziges Krebsmedikament seit Kriegsbeginn erhalten, ebenso kein Pentostam zur Behandlung von Kala Azar. Dr. Jenan hat an die anderen Spitäler im Süden des Irak von unserem Pentostam gegeben, damit die Kinder nicht eine so weite Anreise hätten. Sie meinte, wir hätten ca. 1500 Kindern das Leben gerettet. Waren im Vorjahr praktisch noch alle Kinder, die an Leukämie erkrankt sind, gestorben, sind es jetzt nur mehr 40 %. Das ist eine Nachricht, die alle Mühen, die mit dieser Hilfe verbunden sind, lohnt.

Die Kindergärten des Erzbischofs von Basra sind seit Kriegsbeginn geschlossen, der Bischof fürchtet, dass eines der Kinder gekidnappt werden könnte. Geiselnahmen sind an der Tagesordnung in Basra. Die Armenapotheke kann abends nicht mehr geöffnet werden, der Bischof rät uns, das Haus nach 16 Uhr nicht mehr zu verlassen und so rasch als möglich abzureisen. Er erzählt, dass er die Christen seiner Kirche vom Messbesuch entbunden hätte, die Gefahr wäre zu groß. Während unseres Aufenthaltes in Basra wird ein Christ ermordet, der an die britischen Soldaten Alkohol verkaufte.

Der Direktor des allgemeinen Krankenhauses wurde an seiner Arbeitsstelle erschossen, ebenso der Dekan der technischen Universität. Der Lehrbetrieb in diesem Studienjahr konnte danach nicht aufgenommen werden. Viele Ärzte hätten Morddrohungen erhalten, die letzten hochqualifizierten Fachkräfte gehen ins Ausland, wie Prof. Emad, der Dekan der Medizinischen Fakultät. Der Direktor des Mutter-Kind-Spitals kann sich inner- und außerhalb des Spitals nur mit zwei Leibwächtern bewegen, da er wiederholt Morddrohungen erhalten hatte. Zwanzig Polizisten sind allein zum Schutz dieses Spitals zuständig und doch haben sie nicht die erforderliche Autorität, Personal und Patienten zu schützen.

In dieser ganzen chaotischen Situation grenzt es schon fast an ein Wunder, daß unsere Hilfsgüter vollständig, unversehrt und rechtzeitig eintrafen und daß wir alle Arbeiten, die wir uns vorgenommen hatten, durchführen konnten. Der Bodenbelag der gesamten Abteilung (ca. 500 m2) wurden erneuert, in den Badezimmern neue Fliesen gelegt. Das Spielzimmer, dessen Möbel wir mitbrachten, wurde eingerichtet und von den Kindern freudestrahlend in Besitz genommen. Wir haben Radiatoren für die Zimmer gekauft, da die Mütter uns erzählten, wie kalt es im Winter in den Räumen wäre. Wir haben einen Einführungskurs an den medizinischen Geräten für das Personal gehalten und die mitgebrachten Infusionsständer montiert. Die Vorhänge, für die wir Stoff gespendet erhielten, wurden noch während unseres Aufenthaltes genäht und wir haben eine Tür in Auftrag gegeben, die die Abteilung vom Gang abtrennt. In der nahegelegenen Blutbank haben wir den Kompressor des Plasmagefrierschrankes ausgetauscht, der durch die unzähligen Stromausfälle im Frühsommer kaputt gegangen war. Wir haben ein Kühlsystem für die Blutzentrifuge installiert (eine Spende des Österreichischen Roten Kreuzes) und wir haben zwei Spezialkühlschränke für die Lagerung von Blutkonserven gebracht. Alle Medikamente konnten unbeschädigt übergeben werden, ganz besonders ist hier die Spende der Caritas Österreich zu erwähnen, die EUR 100.000,- für den Ankauf von Krebsmedikamenten zur Verfügung stellte. Damit ist die Behandlung für die nächsten drei bis vier Monate gesichert.

Die Krebsstation hebt sich jetzt wohltuend von allen anderen Abteilungen des Krankenhauses ab, auch wenn noch vieles zu tun bleibt. Sie wurde bereits vor unserem diesmaligen Aufenthalt im irakischen Fernsehen präsentiert, als ein Beispiel für die Unterstützung aus dem Ausland. Die Frühgeburtenabteilung des Spitals hingegen ist einem unbeschreiblichen Zustand. Hier gibt es pro Woche 40 Frühgeburten und die Sterblichkeit liegt weit über 70 %. Kein einziger Brutkasten funktioniert, die hygienischen Verhältnisse sind miserabel ? vielleicht ein weiteres Projekt für Österreich?

Man kann die Ablösung der Gewaltherrschaft eines diktatorischen Systems mit militärischen Mitteln bewerkstelligen, was man aber bestimmt nicht mit militärischen Mitteln erreichen kann, ist der schwierige Wiederaufbau eines Landes und einer Gesellschaft, die in allen ihren Schichten ge- und zerstört ist. Die Iraker sehen keinen Ausweg aus dem Dilemma und ihre Reaktionen reichen vom Fatalismus bis zur abgrundtiefen Depression. Viele meinen: Man werde die Besatzung niemals akzeptieren, die Amerikaner sollten gehen, solange sie im Land sind, wird das Land nicht zur Ruhe kommen, andere meinen: Falls die Amerikaner gehen, wird es Bürgerkrieg geben und der Irak wird zerfallen. Mehr als 160 Parteien ringen jetzt schon um die Macht. Depression und Hoffnungslosigkeit herrschen in allen Gesellschaftsschichten. Eingekeilt im Verkehrschaos in Bagdad, umgeben von schwerbewaffneten amerikanischen Soldaten meint eine schwerkranke, fast 70jährige Frau seufzend: “Das ist unser Leben…” und so wie sie es sagt, meint sie wohl unausgesprochen: Das ist unser Land.

Mit uns reisen vier Kinder und jeweils ein Elternteil nach Österreich. Es sind vier schwerkranke Kinder, die in Österreich behandelt werden sollen: Sarah, Zaynab, Abdulaziz und Qand machen die erste Reise ihres Lebens, eine Reise, die ihnen die Gesundheit geben soll. Ein kleines Zeichen der Solidarität mit Kindern, die den Frieden und den Wohlstand, der für uns so selbstverständlich ist, nie kennengelernt haben. Ein Bild werde ich von dieser Reise in Erinnerung behalten: lachende Kindergesichter im Spielzimmer auf der Kinderkrebsstation in Basra, an einer Abteilung, wo ich früher nur apathische und traurige Kinder erlebt habe. Das Lachen von schwerkranken Kindern ? es ist der Dank an alle, die uns geholfen zu haben, zu helfen.

Wien, am 15. Dezember 2003

Dr. Eva-Maria Hobiger ist Fachärztin für Strahlentherapie in Wien. Sie ist auch Projektleiterin von “ALADINS WUNDERLAMPE - HILFE FÜR KREBSKRANKE KINDER IN BASRA”.

Quelle: “Aladins Wunderlampe - Hilfe für krebskranke Kinder in Basra”

Wir veröffentlichen diesen Bericht mit freundlicher Genehmigung von Dr. Eva-Maria Hobiger.

Hinweis auf einen weiteren Erfahrungsbericht von Eva-Maria Hobiger:
>> Kinder müssen sterben, weil sie die Kinder des Feindes sind. Die Auswirkungen des Embargos gegen Irak auf Kinder mit Leukämie und anderen schweren Krankheiten.

Veröffentlicht am

28. Januar 2004

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