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Selektives Erinnerungsvermögen und falsche Doktrinen

Von Noam Chomsky - ZNet 21.12.2003

All jene, welchen Menschenrechte, Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit etwas bedeuten, sollten sich über die Festnahme Saddam Husseins sehr freuen, und sollten eine faire Verhandlung vor einem internationalen Tribunal erwarten.

Eine Anklage von Saddams Gräueltaten würde nicht nur seine Abschlachtung und Vergasung von KurdInnen im Jahr 1988 betreffen, sondern auch, was ziemlich entscheidend ist, sein Massaker an den schiitischen Rebellen, welche ihn 1991 umstürzen hätten können.

Zu diesem Zeitpunkt waren Washington und dessen Verbündete der “bemerkenswert einstimmigen Auffassung, [dass], was auch immer die Sünden des irakischen Führers gewesen sein mögen, er dem Westen und der Region eine bessere Hoffnung für die Stabilität seines Landes bietet als jene, welche unter seiner Unterdrückung leiden”, berichtete Alan Cowell in der New York Times.

Letzten Dezember veröffentlichte Jack Straw, der Außenminister Großbritanniens, ein Dossier über Saddams Verbrechen, welches sich fast ausschließlich auf die Periode mit starker Unterstützung Saddams durch die USA und Großbritannien beschränkte.

Mit der üblichen Zurschaustellung von moralischer Aufrichtigkeit sahen Straws Bericht und Washingtons Antwort über diese Unterstützung hinweg.

Solche Praktiken spiegeln eine Falle wider, die allgemein in der intellektuellen Kultur tief verwurzelt ist - eine Falle, welche häufig die Doktrin der Kursänderung genannt wird, und in den Vereinigten Staaten alle zwei oder drei Jahre umgesetzt wird. Der Inhalt der Doktrin ist: “Ja, in der Vergangenheit haben wir aus Unschuld oder Ungeschicklichkeit einige falsche Sachen gemacht. Aber jetzt ist das alles vorbei, also verschwenden wir keine Zeit mehr mit diesen überholten, ermüdenden Sachen”.

Die Doktrin ist unehrlich und feige, aber sie hat Vorteile: Sie schützt uns vor der Gefahr zu verstehen, was vor unseren Augen passiert.

Zum Beispiel war die ursprüngliche Rechtfertigung der Bush-Administration für einen Krieg im Irak, die Welt vor einem Tyrannen zu retten, der Massenvernichtungswaffen entwickelt und Verbindungen mit dem Terrorismus pflegt. Niemand glaubt das heute, nicht einmal die Autoren von Bushs Reden.

Die neue Begründung ist, dass wir die Invasion des Iraks durchgeführt haben, um dort eine Demokratie zu errichten und, tatsächlich, um den ganzen Nahen Osten zu demokratisieren.

Manchmal wird der wiederholte Auftritt in dieser Pose als Demokratie-Errichter zu einem begeisterten Jubelruf.

Letzten Monat beschrieb zum Beispiel David Ignatius, der Kommentator der Washington Post, die Invasion des Iraks als “den idealistischsten Krieg der Neuzeit” - der nur geführt wird, um die Demokratie in den Irak und die Region zu bringen.

Ignatius war besonders angetan von Paul Wolfowitz, “dem führenden Idealisten der Bush-Administration”, den er als ehrlichen Intellektuellen beschrieb, der “an der Unterdrückung [in der arabischen Welt] leidet und davon träumt, sie zu befreien”.

Vielleicht ist es hilfreich, Wolfowitz’ Karriere zu erklären - wie seine starke Unterstützung von Indonesiens Suharto, einem der schlimmsten Massenmörder und Aggressoren des letzten Jahrhunderts, als Wolfowitz unter Ronald Reagan in diesem Land Botschafter war.

Als für Asien verantwortlicher Beamter des State Department unter Reagan, leitete Wolfowitz die Unterstützung für die mörderischen Diktatoren Chun von Südkorea und Marcos von den Philippinen.

All dies ist wegen der bequemen Doktrin des Kurswechsels irrelevant.

Also ja, Wolfowitz’ Herz blutet, wenn er an die Opfer der Unterdrückung denkt - und wenn die Aufzeichnungen das Gegenteil zeigen, sind sie nur langweiliges altes Zeug, das wir vergessen wollen.

Man könnte sich auch an eine andere kürzliche Illustration von Wolfowitz’ Liebe für die Demokratie erinnern. Die Türkei hörte auf ihre Bevölkerung und befolgte nicht die Anordnungen von Crawford, Texas oder Washington D.C.

Das neueste Kapitel ist Wolfowitz’ “Entschlossenheit und Urteil”, was die Vergabe von großzügigen Wiederaufbauverträgen für den Irak angeht. Ausgeschlossen werden Länder, bei denen die Regierung es wagte, die gleiche Position wie die überragende Mehrheit ihrer Bevölkerung anzunehmen.

Wolfowitz’ angebliche Gründe sind “Sicherheitsinteressen”, die es nicht gibt, aber der tiefe Hass auf die Demokratie ist schwer zu übersehen - wie auch die Tatsache, dass die Konzerne Halliburton und Bechtel mit der blühenden Demokratie Usbekistan und den Solomon Inseln “konkurrieren” dürfen, aber nicht mit den führenden Industriegesellschaften.

Was enthüllend und wichtig für die Zukunft ist, ist dass die von Washingtons gezeigte Verachtung für die Demokratie von einer im Chor gesungenen Verehrung für ihre Sehnsucht nach Demokratie begleitet worden ist.

Fähig zu sein, dies durchzuziehen, ist eine beeindruckende Leistung, die sogar in einem totalitären Staat schwer nachzumachen ist.

Die IrakerInnen haben mit diesem Prozess der Eroberer und der Eroberten einige Erfahrung.

Die Briten erschufen den Irak für ihre eigenen Interessen. Als sie diesen Teil der Welt betrieben, diskutierten sie, wie man das erschafft, was sie arabische Fassaden nannten - schwache, nachgiebige Regierungen, wenn möglich parlamentarisch, und das so lange, wie die Briten effektiv herrschten.

Wer würde erwarten, dass die Vereinigten Staaten es jemals einer unabhängigen irakischen Regierung gestatten würden, zu existieren? Besonders jetzt, wo Washington sich das Recht genommen hat, dort permanente Militärbasen zu errichten, im Herz der größten Öl produzierenden Region der Welt, und wo es wirtschaftliche Regelungen aufgezwungen hat, die kein souveränes Land akzeptieren würde, und so das Schicksal des Landes in die Hände von westlichen Korporationen gelegt hat.

Seit jeher sind in der Geschichte die brutalsten und beschämendsten Handlungen mit Regelmäßigkeit von Bekundungen nobler Absichten begleitet worden - und von Rhetorik darüber, Freiheit und Unabhängigkeit zu bringen.

Eine aufrichtige Betrachtung würde Thomas Jeffersons Einschätzung des Zustandes der Welt zu seiner Zeit verallgemeinern: “Wir glauben genauso wenig daran, dass Bonaparte lediglich für die Freiheit der Meere kämpft, wie daran, dass Großbritannien für die Freiheit der Menschheit kämpft. Das Ziel ist dasselbe, [nämlich] die Macht, den Reichtum und die Ressourcen anderer Länder an sich zu reißen.”

Quelle: ZNet Deutschland vom 24.12.2003. Übersetzt von: Matthias. Orginalartikel: “Selective Memory and False Doctrine” .

Veröffentlicht am

24. Dezember 2003

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