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“Wir sind Luftwaffenpiloten und nicht die Mafia” - Israels F-16- und Black-Hawk-Refuseniks

Von Chris McGreal - ‘The Guardian’ UK / ZNet vom 05.12.2003

Seit zwei Monaten wird eine Gruppe rebellierender israelischer Black-Hawk-
Helikopter-Piloten und F-16-Kampfflieger als Verräter denunziert, weil sie erklärt hat, nicht länger palästinensische Städte bombardieren zu wollen. Bisher hatten die Piloten über ihre Motive absolutes Stillschweigen bewahrt. Sie hatten es vorgezogen, ihre Kritik an Ariel Scharons Krieg auf einen Brief zu beschränken, der von 27 aktiven Piloten bzw. Reservisten-Piloten unterzeichnet wurde. Darin weigern sie sich, weiter Befehle auszuführen, die sie als ‘illegale Befehle’ bezeichnen. Sie verurteilen die Okkupation, diese zehre an der moralischen Substanz Israels.

Inzwischen aus der Luftwaffe rausgeworfen, reden sie öffentlich darüber, welche Motive Mitglieder der angesehendsten Gattung des israelischen Militärs dazu bewegen, die Art der Handhabung des Palästinenserkonflikts in nie da gewesener Form infrage zu stellen.

“Ich habe mehr als sieben Jahre als Pilot gedient”, so Hauptmann Alon R.. Wie alle jüngeren Piloten hofft er, eines Tages wieder Kampfeinsätze fliegen zu können. Er will seinen vollen Namen nicht nennen, um seine Unbedenklichkeitsbescheinigung nicht zu gefährden. “Zuerst waren wir Piloten, die glaubten, unser Land würde alles in seiner Macht Stehende tun, um den Frieden zu erzielen. Wir glaubten an die Reinheit unserer Waffen und dass wir alles, was möglich ist tun, um unnötige Verluste an Menschenleben zu vermeiden. Aber irgendwann im Verlauf der letzten paar Jahre wurde es schwieriger und schwieriger, das zu glauben”.

Die Linie war für die meisten Piloten überschritten, als im letzten Jahr eine 1-Tonnen-Bombe auf das Haus des Hamas-Militärführers Salah Shehade abgeworfen wurde. Shehade starb, ebenso 14 seiner Angehörigen, das meiste davon Kinder.

Ein Hauptmann spricht im Zusammenhang mit dieser Bombardierung von vorsätzlicher Tötung oder gar Mord, ein anderer von Staatsterrorismus. Einige Kameraden widersprechen dieser Interpretation aber sofort. Einig sind sich alle, der Angriff hat den Zweifel gesät - ein Zweifel, der 1 Jahr später zu jenem Brief führen sollte, der Schockwellen im israelischen Militär ausgelöst hat.

“Für uns war der Vorfall mit Shehade die rote Ampel, die letzte Warnung”, so Hauptmann Alon R.. “Durch die Shehade-Sache habe ich angefangen, meine Überzeugungen neu zu überdenken. Wir haben 14 Unschuldige getötet, darunter neun Kinder. Danach gab mein Kommandeur ein Interview, in dem er sagte, er schlafe nachts gut, auch seine Männer könnten das. Nun, ich kann es nicht. Wir weigerten uns, das (die Bombardierung) als unschuldigen Fehler zu sehen”.

Ähnliche Zweifel plagen auch Hauptmann Assaf L. - 15 Jahre Pilot, bis man ihn wegen seiner Brief-Unterschrift feuerte. “Du musst kein Genie sein, um zu begreifen, dass eine 1-Tonnen-Bombe massive Zerstörung anrichtet, folglich hat jemand da oben die Entscheidung dieses Abwurfs im Bewusstsein getroffen, dass sie Gebäude zerstört”, so L.. “Jemand hat entschieden, unschuldige Menschen zu töten. Das macht uns zu Terroristen. Das ist Rache”.

Oberstleutnant Avner Raanan ist einer der renommiertesten der Piloten, die den Brief unterschrieben. Er hat 27 Dienstjahre hinter sich. 1994 wurde Raanan eine der höchsten militärischen Auszeichnungen Israels zuteil. “Sehen Sie sich die letzten drei Jahre an, Sie werden beobachten, nach einem Selbstmordbombenanschlag führt die israelische Luftwaffe eine Großoperation durch, bei der Zivilisten getötet werden und die für unschuldige Augen wie Rache aussieht”, so Raanan. “Sie hören es auf Israels Straßen; die Leute wollen Rache. Aber so sollten wir uns nicht verhalten. Wir sind keine Mafia”.

Inzwischen unterstützen mehr als 30 Piloten den Brief. Sie weigern sich, Bombenangriffe auf palästinensische Städte zu fliegen. 4 haben wieder zurückgezogen. Einer, ein El-Al-Pilot, wurde mit Entlassung bedroht, ein anderer, ein Pilot der Reserve, verlor seinen Job im Zivilleben.

Im Kern stellt der Brief die Legalität der “gezielten Attentate” infrage. Diese haben bisher mehr zivilen Passanten das Leben gekostet, als eigentlichen Zielen: Leuten von Hamas, des Islamischen Dschihad oder der Al-Aqsa-Märtyrersbrigaden. So wurden im Oktober 14 Zivilisten getötet, als die Luftwaffe im Flüchtlingslager Nuseirat in Gaza Raketen auf einen Pkw abfeuerte.

Hauptmann Alon R. stellt die Frage: “Ist es legitim, F-15-Bomber zu nehmen oder Helikopter, die dazu gedacht sind, feindliche Panzer zu zerstören und sie gegen Autos und Häuser in einem der dichtbesiedeldsten Orte der Welt einzusetzen?” “Als Folge des Terrorismus wurden wir blind durch das Blut in unseren eigenen Gesichtern. Wir können nicht mehr sehen, dass es auf der anderen Seite nicht nur Terroristen gibt sondern eine ganze Nation von unschuldigen Leuten. Es ist wichtig, dass wir das erkennen und - als Militärs - aussprechen”, sagt er.

Die Haltung der Piloten hat die israelische Gesellschaft erschüttert. Natürlich gibt es eine Menge Leute, die Kritik an der Militärtaktik des Premierministers üben. Aber die Leute im Friedenslager werden weitgehend als Pazifisten und marginal angesehen. Alarmiert wurden viele Israelis durch die Zweifel, die Armeestabschef Moshe Ya’alon zum Ausdruck brachte sowie 4 Ex-Chefs des israelischen Geheimdiensts Shin Bet. Allerdings konzentriert sich deren Kritik einzig auf die Frage, ob Scharons Vorgehensweise den Terrorismus schürt. Den Piloten hingegen geht es um beides. Sie stellen sowohl moralische als auch juristische Fragen, die Kriegsführung betreffend. Sie fordern die Behauptung der Regierung heraus, hier gehe es um eine Strategie der Verteidigung Israels. “Es ist Politik unserer Regierung, die öffentliche Furcht aufrechtzuerhalten”, so Hauptmann Assaf L. “Wir sind nicht schwach. Wir haben nicht das Jahr 1967 oder 1973, als die syrische Armee an unserer Grenze stand und uns angreifen wollte. Es geht darum, einen Krieg aufrechtzuerhalten, der die Besatzung aufrechterhält. Unsere Nation ist die stärkste im Mittleren Osten. Die Terroristen sind Bastarde, aber wir müssen uns wehren, um nicht auch zu Terroristen zu werden”.

Viele von denen, die die Piloten verhöhnen, werfen ihnen vor, sie mischten sich in Politik ein. Sie gingen (mit ihrer Kritik) über die Frage hinaus, ob ihre Befehle legal sind oder nicht. Sie stellten die Besatzung infrage. “Beides können wir nicht trennen”, so Hauptmann Jonathon S. “Wir sind keine Pazifisten. Wir denken nicht: lehnen wir uns einfach zurück, und die Selbstmordbomber sollen uns angreifen. Aber all das ist doch das direkte Resultat unserer Präsenz in den (besetzten) Gebieten. Wir kämpfen, um die (jüdischen) Siedlungen zu behalten und das palästinensische Volk zu unterdrücken, das tötet uns. Es tötet unser Recht, sicher in diesem Land Israel zu leben. Eine sehr kleine Gruppe radikaler Israelis führt die gesunde Mehrheit in die Katastrophe”.

Und Oberstleutnant Raanan lacht über die Beschuldigung, die Piloten hätten ihre Uniform beschmutzt, indem sie sich in die Politik einmischten. “Der Kommandeur der Luftwaffe trat verbal für die (jüdischen) Siedlungen ein, während er beim Likud-Parteitag in Uniform neben Scharon saß”, so Raanan. “Das ist politisch. Und dieses Land hat einen Verteidigungsminister*, der damals als Armeestabschef der politischste war, den es je gab. Es ist Heuchelei zu sagen, Offiziere mit niederem Dienstgrad dürften ihre Meinung nicht äußern. Was sie vielmehr meinen, ist, wir dürfen politisch sein, solange wir mit der Regierung gleicher Meinung sind. Nun, sowas ist keine Demokratie”.

Die Piloten erklären, sie haben mehr als 500 Unterstützer-Briefe erhalten, darunter den Brief eines Holocaust-Überlebenden. Außerdem hätten sich zahllose Piloten-Kameraden telefonisch bei ihnen gemeldet. Auch mehrere Ex-Kabinettsminister der Linken lobten die Haltung der Piloten. Sie beweise, wie moralisch das (israelische) Militär sei. Die Besorgnis innerhalb der Luftwaffe veranlasste Luftwaffenkommandeur Generalmajor Dan Halutz, sich mit Piloten-Gruppen zu treffen. Er erklärte ihnen, die “gezielten Attentate” stellten keine Kriegsverbrechen dar.

“Halutz nannte uns Verräter”, so Hauptmann Assaf L.. “Aber in unseren Augen war das, was wir getan haben, ein sehr zionistischer Akt. Wir taten es, um Israel zu retten”.

Gestern erklärte Colin Powell, er habe das Recht, sich mit jedem zu unterhalten, der Ideen für den Frieden hat. Damit wehrte Powell israelische Kritik ab, es wäre ein Fehler, sich mit den Autoren des inoffiziellen Genfer Abkommens zu treffen. “Ich bin der amerikanische Außenminister. Ich bin verpflichtet, Einzelpersonen zuzuhören, die interessante Ideen haben”, so Powell. Zwar sagt Powell nicht ausdrücklich, er werde sich mit den israelischen und palästinensischen Autoren des Abkommens treffen, aber wie Offizielle in Amerika mitteilen, könnte es diese Woche in Washington zu einem solchen Treffen kommen.

Anmerkung der Übersetzerin
*Shaul Mofaz

Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “We are air force pilots, not mafia” -
Israel’s F-16 and Black Hawk Refuseniks
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Veröffentlicht am

07. Dezember 2003

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