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Martin Luther King: Die Hoffnung ruht auf entschiedenen Nonkonformisten

Die meisten Menschen fürchten nichts so sehr, als eine Stellung zu beziehen, die sich klar von der vorherrschenden Meinung unterscheidet. Sie haben das Bestreben, sich eine Ansicht zu bilden, die so umfassend ist, dass sie alles umschließt, und so populär wird, dass jedermann sie teilt. Martin Luther King ist in einer Ansprache auf dieses Phänomen eingegangen. In einem glühenden Plädoyer hat er klar gemacht, dass die Hoffnung auf eine sichere und lebenswerte Welt auf disziplinierten Nonkonformisten ruhe, die für Gerechtigkeit, Frieden und Geschwisterlichkeit eintreten. Ein Text, der in seinen Kernaussagen auch heute noch aktuell ist.

Diese Ansprache gehört zu jenen Predigten, die Martin Luther King während des Busstreiks von Montgomery (1955/56) und unmittelbar danach hielt. Sie wurden 1963 unter dem Titel “Strength to Love” (deutsche Ausgabe: “Kraft zum Lieben”) veröffentlicht. - (Übersetzung: Hans-Georg Noack.)

Die Hoffnung ruht auf entschiedenen Nonkonformisten

Von Martin Luther King

Stellet euch nicht der Welt gleich,
sondern verändert euch
durch Erneuerung eures Sinnes (Römer 12,2).

“Stellet euch nicht dieser Welt gleich” ist eine schwierige Forderung in einer Zeit, da der Druck der Masse uns unmerklich daran gewöhnt hat, nach dem rhythmischen Trommelschlag der Tradition zu marschieren. Viele Stimmen und Kräfte drängen uns, den Weg des geringsten Widerstands zu wählen, niemals für eine unpopuläre Sache zu kämpfen und sich niemals zu zweit oder zu dritt in einer kläglichen Minderheit zu befinden.

Selbst einige Wissenschaften versuchen, uns von der Notwendigkeit des Konformismus zu überzeugen. Manche Soziologen behaupten, Moral sei nur Gruppenübereinkunft, und die Wege der Masse seien die rechten Wege. Manche Psychologen lehren, geistige und seelische Ausgeglichenheit sei der Lohn dafür, dass wir wie alle anderen Menschen denken und handeln.

Erfolg, Anerkennung und Konformismus sind die Beiwörter der modernen Welt, in der anscheinend jeder nach der einschläfernden Sicherheit strebt, mit der Mehrheit identifiziert zu werden.

I

Trotz dieser vorherrschenden Tendenz zum Konformismus haben wir als Christen die Aufgabe, Nonkonformisten zu sein. Der Apostel Paulus, der die inneren Wahrheiten des christlichen Glaubens kannte, riet: “Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes.” Wir sollen überzeugte Menschen sein, nicht Mitläufer: Menschen des moralischen Adels, nicht der sozialen Ehrbarkeit. Uns ist aufgetragen, anders und nach höheren Maßstäben zu leben.

Jeder wahre Christ ist ein Bürger zweier Welten, der zeitlichen und der ewigen. Paradoxerweise sind wir in der Welt und doch nicht von der Welt. Paulus schrieb an die Philipper: “Unser Bürgertum ist im Himmel.” Sie verstanden, was er meinte, denn ihre Stadt Philippi war eine Kolonie. Wenn die Römer eine Provinz romanisieren wollten, so sandten sie eine kleine Kolonie von Menschen aus, die nach römischen Gesetzen und Sitten lebten und auch im fremden Land an ihrer Treue zu Rom festhielten. Diese starke, schöpferische Minderheit verbreitete die römische Kultur. Wenn der Vergleich auch unvollkommen ist (die römischen Siedler lebten unter ungerechten, ausbeuterischen Verhältnissen, nämlich im Kolonialismus), so weist der Apostel damit doch auf die Verantwortung des Christen hin, eine unchristliche Welt mit den Idealen einer höheren und edleren Ordnung zu durchdringen. Wir leben in der Kolonie des Zeitlichen und sind dem Reich des Ewigen verpflichtet. Als Christen dürfen wir unsere höchste Treue niemals aufgeben für eine zeitgebundene Sitte oder eine erdgebundene Idee; denn im Herzen des Weltalls ist eine höhere Wirklichkeit: Gott und sein Reich der Liebe, mit dem wir eins werden müssen.

Der Befehl, uns nicht der Welt anzupassen, stammt nicht nur von Paulus, sondern auch von Jesus Christus, dem entschiedensten Nonkonformisten der Welt, dessen ethischer Nonkonformismus noch immer das Gewissen der Menschheit herausfordert.

Wenn eine wohlhabende Gesellschaft uns einreden will, das Glück bestehe in der Größe unserer Autos, in eindrucksvollen Häusern und kostspieligen Kleidern, so erinnert uns Jesus: “Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.”

Wenn wir den Versuchungen einer Welt erliegen wollen, die voll ist von sexuellen Ausschweifungen und vernarrt in ihre Philosophien der Eitelkeit, so sagt uns Jesus: “Wer eine Frau ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.” Wenn wir uns weigern, für die Gerechtigkeit zu leiden und lieber dem Pfad der Bequemlichkeit als dem der Überzeugung folgen, so hören wir Jesus sagen: “Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolge werden, denn das Himmelreich ist ihrer.” Wenn wir in unserer geistlichen Überheblichkeit prahlen, den Gipfel moralischer Vollkommenheit erreicht zu haben, so warnt Jesus: “Die Zöllner und Huren mögen wohl eher ins Reich Gottes kommen als ihr!”

Wenn wir durch kaltherzige Mitleidlosigkeit und anmaßenden Individualismus versäumen, die Not der Bedürftigen zu lindern, so sagt der Herr: “Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.”
Wenn wir dem Funken der Rachsucht in uns erlauben, zum Hass gegen unsere Feinde aufzuflammen, dann lehrt Jesus: “Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.” Immer und überall ist die Liebe Jesu ein strahlendes Licht, das die Hässlichkeit unseres abgestandenen Konformismus enthüllt. Trotz des klaren Auftrages, anders zu leben, haben wir eine Art Herdengefühl entwickelt und sind vom Extrem des primitiven Individualismus in das Extrem des primitiven Kollektivismus verfallen. Wir machen nicht mehr Geschichte; wir werden von der Geschichte geformt. Longfellow sagte: “In dieser Welt muss der Mensch entweder Amboss oder Hammer sein”, und er meinte damit, dass er entweder die Gesellschaft formt, oder sich von der Gesellschaft formen lässt. Wer kann bezweifeln, dass heute die meisten Menschen Amboss sind und nach dem Muster der Mehrheit geformt werden? Oder, um ein anderes Bild zu gebrauchen, die meisten Menschen, und ganz besonders Christen, sind Thermometer. Sie zeigen die Temperatur der Mehrheitsmeinung an. Aber sie sind keine Thermostaten. Sie ändern und regeln die Temperatur der Gesellschaft nicht. Die meisten Menschen fürchten nichts so sehr, als eine Stellung zu beziehen, die sich klar von der vorherrschenden Meinung unterscheidet. Sie haben das Bestreben, sich eine Ansicht zu bilden, die so umfassend ist, dass sie alles umschließt, und so populär, dass jedermann sie teilt. Zugleich ist eine Art Anbetung des Großen entstanden. Wir leben in einem Zeitalter des Gigantismus. Menschen suchen Sicherheit im Großen und Ausgedehnten - in großen Städten, großen Häusern, großen Gesellschaften. Diese Vergötterung des Großen hat dazu geführt, dass viele fürchten, mit den Ideen einer Minderheit identifiziert zu werden. Viele Menschen, denen edle und hohe Ideale lieb und teuer sind, verbergen sie sorgfältig, weil sie fürchten, als “anders” zu gelten. Viele anständige weiße Menschen in den amerikanischen Südstaaten sind insgeheim gegen Rassentrennung und -diskriminierung, aber sie fürchten, deswegen öffentlich angegriffen zu werden. Millionen von Mitbürgern sind tief beunruhigt, weil militärisch-wirtschaftliche Gesichtspunkte zu häufig die nationale Politik bestimmen, aber sie wollen nicht als unpatriotisch gelten. Viele ehrliche Staatsbürger meinen, dass ein Land wie Rotchina zu den Vereinten Nationen gehören müsste, aber sie fürchten, als Kommunistenfreunde verdächtigt zu werden. Eine Legion nachdenklicher Menschen erkennt, dass der traditionelle Kapitalismus sich nach und nach wandeln muss, wenn unser nationaler Reichtum gerecht verteilt werden soll, aber sie fürchten, dass ihre Kritik sie als unamerikanisch erscheinen lassen könnte. Zahlreiche junge, anständige Menschen lassen sich in verwerfliche Unternehmen ziehen, die sie selbst nicht billigen und an denen sie keine Freude haben; aber sie schämen sich, nein zu sagen, wenn die anderen ja sagen. Wie wenige Menschen haben den Mut, ihre Ansichten öffentlich zu bekennen, und wie viele lassen sich einschüchtern.

Wenn ein Mensch sagt, was er wirklich glaubt, dann lässt uns blinder Konformismus so misstrauisch werden, dass wir nur zu geneigt sind, seine bürgerlichen Freiheiten anzutasten. Wenn ein Mann, der überzeugt an den Frieden glaubt, närrisch genug ist, um in einer öffentlichen Demonstration ein Spruchband zu tragen, oder wenn ein weißer Amerikaner aus den Südstaaten an den amerikanischen Traum von Würde und Wert des Menschen glaubt und deshalb einen Schwarzen in sein Haus einlädt und sich an seinem Freiheitskampf beteiligt, so muss er damit rechnen, vor den Richter geladen zu werden. Und gewiss wird er als Kommunist gelten, wenn er sich zur Brüderlichkeit unter den Menschen bekennt.

Thomas Jefferson schrieb: “Ich habe vor Gottes Angesicht ewige Feindschaft gegen jede Tyrannei über das menschliche Gewissen geschworen.” Den Konformisten und den konformistischen Meinungsmachern muss das sehr gefährlich und radikal erscheinen. Haben wir wirklich zugelassen, dass das Licht des unabhängigen Denkens und des Individualismus so trüb geworden ist, dass Thomas Jefferson festgenommen und verhört werden könnte, wenn er diese Worte heute schreiben und nach ihnen leben wollte? Wenn wir uns nicht gegen die Gedankenkontrolle, Geschäftskontrolle und Freiheitskontrolle zur Wehr setzen, dann werden wir ganz sicherlich im Dunkel des Faschismus enden.

II.

Nirgends ist die tragische Tendenz zum Konformismus deutlicher als in der Kirche, einer Institution, die oft genug dazu gedient hat, eine Mehrheitsmeinung zu bilden, zu erhalten und sogar zu segnen. Die ehemalige Zustimmung der Kirche zur Sklaverei, zur Rassentrennung, zum Krieg und zur wirtschaftlichen Ausbeutung bezeugt, dass die Kirche sich mehr nach weltlichem als nach göttlichem Gebot gerichtet hat. Anstatt die moralische Wächterin der Gesellschaft zu sein, hat die Kirche zuzeiten das unterstützt, was unmoralisch und unanständig ist. Anstatt soziale Missstände zu bekämpfen, hat sie sich hinter ihren bunten Fenstern still verhalten. Anstatt den Menschen auf die Höhen der Brüderlichkeit zu führen und ihn zu lehren, sich über die engen Grenzen der Rassen und Klassen aufzuschwingen, hat sie rassische Trennung gelehrt und ausgeübt. Auch uns Prediger hat der ansteckende Kult des Konformismus in Versuchung geführt. Von den Erfolgsmaßstäben der Welt verblendet, messen wir unsere Leistung an der Größe unserer Pfarreien. Wir sind Schausteller geworden, die den Wünschen und Launen der Menschen gerecht werden wollen. Wir halten erquickliche Predigten und vermeiden es, irgendetwas von der Kanzel herab zu sagen, was die ehrbaren Ansichten unserer ehrbaren Gemeindemitglieder erschüttern könnte. Haben wir Diener Christi die Wahrheit auf dem Altar des Eigennutzes geopfert und, wie Pilatus, unsere Überzeugungen den Wünschen der Menge untergeordnet?

Wir müssen die Glut des Evangeliums der ersten Christen wieder finden, die im wahrsten Sinne des Wortes Nonkonformisten waren und sich weigerten, ihr Zeugnis den Gewohnheiten ihrer Umwelt anzupassen. Willig opferten sie Ruf, Reichtum und Leben für eine Sache, die sie als richtig erkannt hatten. An Zahl gering, waren sie Riesen an Wirkung. Ihr mächtiges Evangelium setzte so barbarischen Sitten wie Kindermorden und blutigen Gladiatorenkämpfen ein Ende. Zum Schluss gewannen sie das römische Reich für Christus. Allmählich aber hüllte die Kirche sich so sehr in Reichtum und Pomp, dass sie sich den strengen Forderungen des Evangeliums entzog und der weltlichen Lebensweise anpasste. Seither war die Kirche nur noch eine schwache, unwirksame Posaune, die unsichere Laute von sich gab. Wenn die Kirche Jesu Christi ihre Kraft, ihre Botschaft und ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen will, so muss sie sich ausschließlich nach den Forderungen des Evangeliums richten.

Die Hoffnung auf eine sichere und lebenswerte Welt ruht auf disziplinierten Nonkonformisten, die für Gerechtigkeit, Frieden und Brüderlichkeit eintreten. Die Wegbahner der menschlichen, akademischen, wissenschaftlichen und religiösen Freiheit sind immer Nonkonformisten gewesen. Wo es um den Fortschritt der Menschheit geht, muss man den Nonkonformisten vertrauen! In seinem Werk “Selbstvertrauen” schrieb Emerson: “Wer Mensch sein will, muss Nonkonformist sein.” Der Apostel Paulus erinnert uns daran, dass ein Christ Nonkonformist sein muss. Jeder Christ, der die Mehrheitsmeinungen blind übernimmt und den ausgetretenen Pfaden ’ der Trägheit und der allgemeinen Zustimmung folgt, ist ein geistiger und seelischer Sklave. Merkt euch diese Worte von James Russell Lowell: “Ein Sklave ist, wer nicht wagt, für die Gefallenen und Schwachen einzutreten; ein Sklave ist, wer nicht lieber Hass, Spott und Hohn auf sich nimmt, als dass er die Wahrheit verschwiege; ein Sklave ist, wer sich fürchtet, mit zwei oder drei Gefährten auf der Seite des Rechts zu stehen.”

III.

Nonkonformismus braucht aber nicht immer gut zu sein. Bisweilen wird er weder ändern noch bessern. Nonkonformismus allein besitzt noch keinen helfenden Wert. Manchmal ist er vielleicht nur eine Form des Zurschaustellens. Paulus gibt uns im zweiten Teil unseres Textes eine Formel für schöpferischen Nonkonformismus: “Verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes.” Nonkonformismus ist erst dann schöpferisch, wenn er von einem veränderten Leben kontrolliert und geleitet wird; er ist schöpferisch, wenn er sich mit einer neuen Art verbindet, die Welt zu betrachten. Wenn wir unser Leben für Gott öffnen, werden wir neue Geschöpfe. Diese Erfahrung, von der Jesus als von einer neuen Geburt sprach, ist wichtig, wenn wir verwandelte Nonkonformisten sein wollen, die frei sind von kalter Hartherzigkeit und Selbstgerechtigkeit, die so oft mit dem Nonkonformismus einhergehen. Jemand hat gesagt: “Ich liebe Reformen, aber ich hasse Reformer.” Ein Reformer kann ein unverwandelter Nonkonformist sein, dessen Rebellion gegen die Missstände der Gesellschaft ihn hat streng und ungeduldig werden lassen.

Nur durch eine geistliche Wandlung gewinnen wir die Kraft, die Übel der Welt demütig und liebend rücksichtslos zu bekämpfen. Der verwandelte Nonkonformist erliegt niemals der passiven Geduld, die ein Vorwand ist, nichts zu tun. Seine eigene Wandlung bewahrt ihn davor, verantwortungslos trennende anstatt vereinende Worte zu sprechen, und voreilige Urteile zu fällen, die blind sind für die Notwendigkeiten des gesellschaftlichen Fortschritts. Er weiß, dass soziale Veränderungen nicht über Nacht kommen können, und trotzdem arbeitet er so, als sei es möglich.

Die Gegenwart braucht einen entschlossenen Kreis verwandelter Nonkonformisten. Unser Planet schwankt am Abgrund atomarer Zerstörung. Hass, Stolz und Selbstsucht, diese gefährlichen Eigenschaften, sitzen auf dem Thron unseres Lebens. Die Wahrheit siecht auf namenlosen Leidenswegen dahin. Die Menschen verneigen sich vor den falschen Göttern des Nationalismus und des Materialismus. Die Rettung der Welt wird nicht aus der Anpassung der konformistischen Mehrheit kommen, sondern aus der schöpferischen Auflehnung der nonkonformistischen Minderheit.

Vor einigen Jahren erinnerte uns Professor Bixler an die Gefahren eines allzu angepassten Lebens. Jedermann versucht, sich nach Kräften anzupassen. Natürlich müssen wir uns anpassen, wenn wir weder neurotisch noch schizophren werden wollen. Aber es gibt auch Dinge auf der Welt, denen Menschen guten Willens sich niemals anpassen dürfen. Ich bekenne, dass ich nicht die Absicht habe, mich jemals an die Übel der Rassentrennung und die lähmenden Wirkungen der Diskriminierung zu gewöhnen, an die moralische Entartung religiöser Bigotterie, an die zersetzende Wirkung engherzigen Sektierertums, an wirtschaftliche Bedingungen, die den Menschen Arbeit und Brot vorenthalten, an krankhaften Militarismus und an die selbstzerstörerischen Auswirkungen körperlicher Gewalt. Menschliche Rettung liegt in den Händen des schöpferischen Nonkonformisten. Wir brauchen heute Menschen wie Sadrach, Mesach und Abednego, die sich auf Befehl König Nebukadnezars vor einem goldenen Götzenbild verneigen sollten und unerschütterlich erklärten: “Unser Gott kann uns wohl erretten … Wo er’s nicht tun will, so sollst du dennoch wissen, dass wir deinen Gott nicht verehren.” Wir brauchen Männer wie Thomas Jefferson, der in einem Zeitalter der Sklaverei schrieb: “Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.” Wir brauchen Männer wie Abraham Lincoln, der die Weisheit hatte zu erkennen, dass unsere Nation nicht leben kann, wenn sie zur Hälfte aus Sklaven, und zur Hälfte aus Freien besteht. Und wir brauchen Menschen wie unseren Herrn, der inmitten der mächtigen und eindrucksvollen römischen Militärmacht seinen Jüngern sagte: “Wer das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert umkommen.” Durch solchen Nonkonformismus kann eine schon zum Niedergang verurteilte Generation zu den Dingen zurückfinden, die den Frieden bedeuten. Ich muss zugeben, dass ein solcher verwandelter Nonkonformismus, der immer Opfer verlangt und nie bequem ist, uns in die dunklen Täler des Leidens führen kann. Durch ihn können wir unsere Arbeitsplätze verlieren.

Vielleicht fragt uns unsere sechsjährige Tochter: “Vati, warum musst du so oft ins Gefängnis?” Aber wir irren uns, wenn wir meinen, das Christentum bewahre uns vor den Schmerzen und der Not unserer irdischen Existenz. Das Christentum hat immer gelehrt, dass wir das Kreuz tragen müssen, ehe wir die Krone erringen. Wenn wir Christen sein wollen, so müssen wir unser Kreuz auf uns nehmen und es tragen, bis es uns wieder auf den besseren Weg hilft, der nur durch Leiden zu erreichen ist. In unserer Zeit weltweiter Verwirrung werden dringend Menschen gebraucht, die mutig für die Wahrheit kämpfen. Wir brauchen Christen, die jene Worte wiederholen, die John Bunyan nach zwölfjähriger Gefangenschaft seinen Peinigern sagte, als sie ihm die Freilassung versprachen, wenn er hinfort nicht mehr predigen wolle: “Wenn ich mein Gewissen zu einem Schlachthaus machen soll, wenn ich mir die eigenen Augen ausreißen soll, damit mich die Blinden führen müssen, wie es anscheinend von manchen gewünscht wird, so will ich mit Gottes Hilfe lieber leiden, bis Moos auf meinen Augenbrauen wächst, als meinen Glauben und meine Grundsätze verraten.”

Wir müssen uns entscheiden. Wollen wir nach dem Trommelschlag des Konformismus weitermarschieren, oder wollen wir auf den Schlag einer anderen, ferneren Trommel lauschen und nach ihrem Takt ausschreiten? Wollen wir unseren Schritt der Musik der Welt anpassen, oder wollen wir trotz Hohn und Spott der die Seele rettenden Musik der Ewigkeit folgen? Mehr als je zuvor werden wir heute von den Worten herausgefordert, die aus dem Gestern zu uns herüber klingen: “Stellet euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes!”

Quellenvermerk: © Gütersloher Verlagshaus GmbH, Gütersloh

Diese Ansprache wurde unter dem Titel “Gewandelte Nonkonformisten” veröffentlicht in: Martin Luther King: Schöpferischer Widerstand. Hrsg. Von Heinrich W. Grosse. 1. Aufl. der Taschenbuchausgabe. - Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Mohn. 1985

Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Rede.

Veröffentlicht am

28. November 2003

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