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Wohin führt unser Weg? Der “Krieg gegen den Terror” und seine Folgen

Von Robert Fisk - ZNet 22.11.2003

Das ist der Preis, den man zahlt, wenn man bei George Bushs “Krieg gegen den Terror” mitmacht. Es war ihnen nicht möglich, Großbritannien anzugreifen, während Bush seinen triumphalen Staatsbesuch in London absolvierte, also gingen sie uns in der Türkei an die Gurgel. Das britische Konsulat und die HSBC-Bank, die ihren Stammsitz in England hat: Auslands-London sozusagen. Natürlich hatte niemand geglaubt - am wenigsten die Türken - sie würden am gleichen Ort zweimal zuschlagen. Hatte die Türkei ihr Soll an Attacken nicht bereits abbekommen? Mit “sie” ist “Al Kaida” gemeint. Und natürlich wird es schon reichen, darauf hinzuweisen, dass wir - die Briten - im Moment den Preis für George Bushs infantilen Versuch zahlen, den Nahen/Mittleren Osten im Interesse Israels neu zu gestalten, um die üblichen Giftspritzen in Gang zu setzen. Wer die brutale Wahrheit sagt über den Preis an Menschenleben, den das Bündnis Tony Blairs mit der Bush-Administration uns kostet, “nimmt den Terroristen die Arbeit ab” und sei ihr “Propagandist”. Auf diese Weise wird jede Debatte über die gestrigen Gräuel abgewürgt - wie üblich.

Die Regierungen in Amerika und Großbritannien aber wissen die Zeichen sehr wohl zu deuten. Die Australier zahlten in Bali den Preis für John Howards Bündnis mit Bush. Die Italiener zahlten den Preis in Nasiriyah, für Silvio Berlusconis Bündnis mit Bush. Und jetzt sind wir also an der Reihe. Al Kaida hat sich klar ausgedrückt. Die Saudis werden zahlen, die Australier, die Italiener und die Briten. Und sie haben gezahlt. Kanada steht noch auf der Liste. Aber vielleicht, so meine Vermutung, werden wir ein weiteres Mal an der Reihe sein. Schon 1997 hatte Osama bin Laden mir gegenüber wiederholt, die Briten würden dem islamischen “Zorn” nur dann entgehen, wenn sie sich aus dem Golf zurückzögen. Aber dieser Massenmord verfolgt mehr als nur ein Ziel. Die Türkei ist ein Verbündeter Israels, Scharon war auf Ankara-Besuch. Und die Türkei ist sowohl im Irak als auch in weiten Teilen der arabischen Welt verhasst - nicht zuletzt aufgrund ihrer ottomanischen Vergangenheit.

Sie greifen die Saudis an, weil deren islamisches Regime von einer korrupten Monarchie geführt wird, die Türkei greifen sie an, weil die nicht islamisch genug ist. Es geht darum, die Türkei zu spalten. Es geht darum, das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen in Istanbul zu zerstören - das war das Ziel der Selbstmordbomben vom letzten Samstag. Und es geht darum, die jetzige “islamische” Kompromiss-Regierung der Türkei zu zerstören. All dies muss Al Kaida durch den Kopf gegangen sein.

Und machen wir uns keine falschen Vorstellungen über “das Gehirn” - wie ich es immer nenne. Wir haben uns daran gewöhnt zu glauben, die Bomber begriffen die Welt außerhalb nicht. Jemand, der “gegen Demokratie” ist, wie kann der uns begreifen? Aber sie begreifen uns doch. Sie wussten ganz genau, was sie taten, als sie die Australier in Bali angriffen: in Australien war die Irak-Invasion unpopulär, daher würde man am Schluss Howard die Schuld geben. Sie wussten, auch in Italien ist die Invasion unpopulär. Also straften sie Italien für Berlusconis Hybris. Sie wussten, George Bush wird in London von Demonstranten erwartet. Warum also nicht von den großen Tieren ablenken und Großbritannien in der Türkei angreifen? Wen interessiert noch Bushs Besuch in Sedgefield, wenn tote Briten in den Trümmern ihres Konsulats in Istanbul liegen? Das Gleiche gilt für Irak. Den irakischen Aufständischen ist sehr wohl bewusst, in den USA fallen die Umfragewerte für George Bush. Sie wissen, wie verzweifelt er versucht, noch vor den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr aus der Irak-Sache rauszukommen. Also verstärken sie ihre Angriffe auf amerikanische Truppen und deren irakische Helfer, und die US-Armee lässt sich zu immer neuer, grausamer Rache provozieren.

Wir befinden uns in einer Art tödlichem Missverständnis bezüglich derer, gegen die wir in den Krieg zogen. Wir glauben, diese Leute lebten in Höhlen, ohne Bezug zur Realität, sie schlügen blind zu - “verzweifelt”, wie uns Bush weismachen wollte -, sie hätten erkannt, die freie Welt ist entschlossen, sie zu vernichten. Ich glaube, sie sind genau in diesem Moment entschlossen, Mr. Bush zu vernichten - politisch oder selbst physisch - und Mr. Blair. In einem Krieg, in dem wir alle losrennen, um die Führung unserer Gegner zu zerschmettern, was können wir da anderes erwarten, als dass sie diese Politik kopieren? Aber hier hört das Missverständnis noch nicht auf. Nehmen wir nur die ermüdenden Ansprachen Osama bin Ladens. Wir Journalisten reagieren immer gleich, wenn Audiotapes von ihm gesendet werden. Ist er es tatsächlich? Fragen wir uns. Lebt er noch? Für uns ist das die ganze Story. Ganz anders die arabische Reaktion. Die wissen, er ist es und hören sich den Text an. Das sollten wir auch.

Aber leider bedienen wir immer noch die alten Mythen - siehe George Bush am letzten Mittwoch in London. Seine Rede enthielt die üblichen Unwahrheiten. Da ist zum Beispiel die Liste mit (erfolgten) Angriffszielen, die er uns präsentierte: Bali, Jakarta, Casablanca, Bombay, Mombasa, Najaf, Jerusalem, Riad, Bagdad, Istanbul. Unwahrscheinlich, dass Najaf etwas mit Al Kaida zu tun hat. Und die Selbstmordanschläge in Jerusalem - so verbrecherisch sie sind -, haben absolut nichts mit unserem “Krieg gegen den Terror” zu tun. Sie sind Teil eines brutalen antikolonialen Kampfes zwischen Palästinensern und Israelis. Dass Bush Jerusalem mit einbezieht, macht es Ariel Scharon jedoch möglich, seinen Krieg gegen die Palästinenser in einen Zusammenhang mit Bushs Krieg gegen Al Kaida zu stellen. Die Verlogenheit (der Bush-Rede) geht noch weiter: Israel, so Bush, müsse seine Siedlungen auf palästinensischem Land “einfrieren” - nicht etwa stoppen. Abgebaut werden soll nur, was - so Bushs kunstreiche Umschreibung - “unautorisierter Außenposten” sei. “Außenposten” - das israelische Wort für die allerjüngsten Landnahmen in der Westbank. Und der Begriff “unautorisiert” suggeriert uns, die massiven (jüdischen) Siedlungen, die bereits auf palästinensischem Land bestehen, müssten irgendwie legal sein. Bush sagt, “das Kernanliegen” im Nahen Osten sei “eine lebensfähige palästinensische Demokratie”. Das Wort “Okkupation” nimmt Bush (in seiner Rede) kein einziges Mal in den Mund. Warum nicht? Jagt ihm die Israel-Lobby solche Angst ein - vor den US-Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr - dass selbst diese so offensichtliche Tatsache der Nahost-Erfahrung aus seiner Beschreibung der Ereignisse rauszuzensieren war?

Dann natürlich die übliche Geschichtsverzerrung. Bush sagt (in seiner Rede) Amerika und Großbritannien täten “alles in ihrer Macht Stehende, die Vereinten Nationen davor zu bewahren, feierlich ihre eigene Irrelevanz zu wählen”. Wie bitteschön? Wer war es, der letztes Jahr die UN-Inspektoren daran hinderte, ihre Suche nach Massenvernichtungswaffen im Irak zum Abschluss zu bringen? Und wer war es, der für die Irak-Krise kein Verwalteramt der UN akzeptieren wollte? Wieder einmal behauptet Bush (in seiner Rede), wir hätten die Diktaturen im Mittleren Osten “toleriert”. So ein Blödsinn. Wir haben sie geschaffen. Und Saddams Regime ist das offensichtlichste Beispiel. Wer würde bezweifeln, so fragt uns Bush, “dass Afghanistan eine gerechtere Gesellschaft und weniger gefährlich ist, seit Mullah Omar nicht mehr den Gastgeber für Terroristen aus aller Welt spielt?” Spricht er etwa vom selben Afghanistan, das nun erneut unter den Warlords der alten Nordallianz ächzt? Wo Opium aus Mohn wieder wichtigster Exportartikel ist? Wo Helfer von den Taliban niedergemäht werden? Hinsichtlich des Irak - wo die Besatzungsmächte sich inzwischen einem irakischen Aufstand furchterregenden Ausmaßes gegenübersehen -, denkt Mr. Bush immer noch, er kämpfe gegen “bathistische Relikte und Dschihadisten”. Selbst seine Militäroffiziere erklären jedoch immer wieder, sie hätten gegen eine wachsende irakische Guerillaarmee zu kämpfen - nicht gegen “Kämpfer aus dem Ausland” oder “Dschihadis”. Am Schluss (seiner Rede) sind wir natürlich wieder beim Zweiten Weltkrieg und bei Churchill angelangt - “dem Führer, der nicht wankte”. Letztes Jahr hatte sich Bush noch selbst mit ihm verglichen, diesen Mittwoch war Tony Blair an der Reihe - “ein Führer mit gutem Urteilsvermögen, mit schonungslosen Ratschlägen und Rückgrat”.

Wohin, wohin führt unser Weg? Wie lange müssen wir diese Geschichtsklitterung noch ertragen? Und wie lange werden wir uns wohl noch absichtsvoll ein falsches Bild von unseren Taten machen und von dem, was uns angetan wird?

Quelle: ZNet Deutschland vom 25.11.2003. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Where Are We Going”

Veröffentlicht am

28. November 2003

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