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Irak - 5 Monate nach “Kriegsende”. Frieden ist nicht in Sicht

Prof. Dr.med. Ulrich Gottstein / IPPNW - Vortrag beim Friedensnetz Baden-Württemberg am 5. November 2003 in Heilbronn.

Aktuelle Berichte aus Bagdad

Meine Damen und Herren, zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres haben Sie mich zu einem “Irak-Vortrag” eingeladen. Viel ist inzwischen geschehen, dessen wir uns erinnern müssen:

Im Oktober letzten Jahres hofften wir noch, mit unseren Demonstrationen und großen Protesten gegen die US-amerikanischen Kriegsvorbereitungen das Elend eines neuen Krieges verhindern zu können, zumindest aber wollten wir unsere Regierung beschwören, sich nicht an dem gegen das Völkerrecht verstoßenden Angriffskrieg zu beteiligen.

Dass uns letzteres gelungen ist, erfüllt uns Deutsche mit Stolz, und wir sind unserer Regierung für die Courage dankbar, nicht in Kadavergehorsam der Aufforderung von Präsident George W.BUSH in seinem “Krieg gegen den internationalen Terrorismus” gefolgt zu sein. Dafür wurde die Regierung und dafür wurden die Millionen Deutschen von Führungspersönlichkeiten der CDU und von BUSH der Undankbarkeit, der Illoyalität und sogar des Pazifismus gescholten oder lächerlich gemacht. Unsere Aussagen sowie der Regierung waren, dass die USA einen illegalen, d.h. gegen das Völkerrecht verstoßenden Angriffskrieg führen wollen, der aber nicht zu Frieden, Freiheit und Demokratie und nicht zur Verminderung von Terrorismus führen werde, sondern zu Instabilität im Vorderen Orient, zu Hass und vermehrtem multinationalem Terrorismus.

Traurig sind wir über das Elend, das der Krieg für die Menschen Iraks gebracht hat, traurig sind wir über die nahezu täglichen Toten unter der irakischen Bevölkerung und der US-amerikanischen Armee. Wir haben keine “klammheimliche Freude” über den Abschuss des US-Helikopters und den Tod der 18 jungen Amerikaner und der bereits über 130 getöteten US-Soldaten, die auch Verwandte von uns sein könnten und viel lieber längst zu Hause wären. Es wäre aber auch falsch, wenn wir aus Höflichkeit und Bescheidenheit verschweigen wollten, dass wir vieles von dem vorausgesagt haben, was nun geschehen ist. Wir sagten Chaos, Elend und Hass voraus, keine Befreiungsfreude und Freundschaft mit den Besatzungstruppen.

Ich sagte, Präsident George W. BUSH belächelte uns und unsere Regierung mit dem Satz, wir seien nun auf Grund unserer Geschichte “Pazifisten” geworden und hätten daher die USA in ihrem Kampf gegen den “internationalen Terrorismus” im Irak nicht unterstützen wollen. BUSH kann kein Latein und man sagt, er sei ungebildet, daher weiß er nicht, was “Pazifismus” heißt: “pacem facere” heißt Frieden machen, sich um Frieden bemühen, ist also genau das, was ehrenwerte Menschen und Regierungen tun sollten, und die UN-Charta verlangt. Pazifismus ist also nicht gleichzusetzen mit absoluter Gewaltlosigkeit, Ablehnung von bewaffneter Polizei oder Landesverteidigung. BUSH und seine Komplizen hingegen sind keine “Pazifisten”, sondern leider “Bellizisten”, also Kriegsmacher, die aus egoistisch-nationalen und aus wahltaktischen, sowie
macht- und wirtschaftspolitischen Gründen bereit sind, Kriege zu führen, auch ohne Zustimmung der Vereinten Nationen, und ohne Respektierung des Völkerrechts und der UN-Charta.

Was nämlich war der Hauptzweck der Gründung der Vereinten Nationen nach dem letzten Weltkrieg? “Die Geißel des Krieges aus einer unfriedlichen Welt” zu verbannen. Der zentrale Artikel 2 der UN-Charta verfügte deshalb ein generelles Verbot der Androhung und Anwendung von Gewalt, und beseitigte damit das “ius ad bellum”, also das Recht zum Krieg, es sei denn zur Verteidigung.

Nach Auffassung fast aller internationalen Völkerrechtler war bei Beginn des Irakkriegs keine der beiden Bedingungen des Kap. VII der UN-Charta erfüllt, die den Einsatz von militärischer Gewalt legitimieren konnten: weder bestand nach Art. 51 Anlass, “das naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung” im Fall eines bewaffneten Angriffs in Anspruch zu nehmen, bei dem es außerdem heißt ” bis der Sicherheitsrat die zur Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit erforderlichen Maßnahmen getroffen hat”, noch lag eine Autorisierung zur Gewaltanwendung durch einen mit der erforderlichen Mehrheit, unter Einschluss der fünf ständigen Mitglieder, gefassten Beschluss des UN-Sicherheitsrates vor.

Wie wir inzwischen wissen, hatte es keine gesicherten Beweise der Geheimdienste gegeben, dass SADDAM HUSSEIN irgendwelche Kontakte mit den saudiarabischen Attentätern des 11. September sowie mit OSAMA bin LADEN in Afghanistan gehabt hatte. Das wussten mit großer Wahrscheinlichkeit auch BUSH und BLAIR, setzten aber in ihren Reden die lügenhaften Vermutungen fort, so dass bei einer Meinungsbefragung der manipulierten amerikanischen Bevölkerung noch vor wenigen Wochen (FAZ 17.Juni 2003) folgendes Ergebnis herauskam: 50% der Befragten glaubten, die 11. September-Terroristen seien von Saddam geschickt, 30% glaubten, man habe im Irak Massenvernichtungswaffen gefunden, 22 glaubten, die irakische Armee habe sogar Massenvernichtungswaffen eingesetzt. Folge der “erfolgreichen” Propaganda war: es stimmten 80 der Befragten Bushs Entscheidung zum Irakkrieg zu, obgleich immerhin 40% wussten, dass sie “irregeführt” worden seien.

Bevor ich Ihnen aktuell aus dem Irak berichte, müssen wir uns daran erinnern, was die irakische Bevölkerung seit dem Januar 1991 zu erleiden hatte, um zu verstehen, warum sie jetzt einen so großen Hass auf die amerikanische Besatzungsmacht hat.

Im JANUAR 1991 hatte mit massiven US-Bombardierungen auf den ganzen Irak der 2. GOLFKRIEG begonnen, nachdem Irak in Kuwait eingefallen war. Innerhalb von 43 Tagen wurden über 1.000 Luftangriffe geflogen und 88.500 Tonnen Bomben und Raketen abgeschossen. Dadurch wurde nicht nur Tausende irakische Soldaten getötet, sondern es wurden auch im ganzen Land schwerste Zerstörungen angerichtet: nahezu alle Brücken, Straßen, die meisten Gebäude, die Wasser- und Elektrizitätswerke, die ganze Infrastruktur des Landes wurden zerstört. Die Reste von 300 Tonnen uranhaltiger Munition liegen noch heute im Lande und verängstigen wegen der massiv angestiegenen Zahl von Krebserkrankungen und Missgeburten die Bevölkerung und Ärzteschaft. Nach nur vier Tagen Landkämpfen im Süden war der Krieg beendet, aber das große Elend der Bevölkerung, auch der nicht Trauernden oder Verwundeten, setzte sich fort infolge des grausamen Embargos, das jedwede Einfuhr, auch von Lebensmitteln und Krankenhausbedarf aus dem Ausland unmöglich machte. Nur durch Hilfen von Nichtregierungsorganisationen, so auch von unserer IPPNW, erhielten die Kliniken eine Winzigkeit an Unterstützung, bis endlich unter dem Druck der Welt die Amerikaner und Briten mit ihrer Vormachtstellung im UN-Sicherheitsrat das “Öl für Nahrungsmittel-Programm” im Jahr 1997 gestatteten. Ab dann besserte sich das Leben der armen Bevölkerung ein wenig, aber weiterhin starben infolge der Sanktionen, laut Erhebungen von UNICEF und WHO, jeden Monat etwa 5.000 Kleinkinder unter 5 Jahren, und bis 1999 waren über eine halbe Million von ihnen gestorben, sowie eine Million größere Kinder und Erwachsene, ein wahrhaft großes Verbrechen, begangen durch den UN-Sicherheitsrat, unter der Regie Amerikas und Großbritanniens. Das hat die irakische Bevölkerung nicht vergessen, und deshalb konnte auch das tödliche Sprengstoffselbstmordattentat gegen das UN-Gebäude in Bagdad vor kurzem stattfinden.

Sofort nach der irakischen KAPITULATION im MÄRZ 1991 begannen die UN-Inspekteure mit der Aufsuchung und Zerstörung von Massenvernichtungswaffen bzw. der Produktionsstätten im Irak. Diese erfolgreiche Arbeit wurde über sechs Jahre bis zum DEZEMBER 1997 fortgesetzt. Dann gab es mit dem Leiter der UN-Inspekteure, dem Schweden ROLF EKEUS, wegen der geforderten Durchsuchung auch der Präsidentenpaläste von SADDAM HUSSEIN Schwierigkeiten. SADDAM HUSSEIN warf den Inspekteuren vor, US-amerikanische Spione zu beschäftigen, was später vom stellvertretenden Leiter, dem Amerikaner SCOTT RITTER, bestätigt wurde. SADDAM HUSSEIN wies die UN-Inspekteure wegen “Spionage für die USA” aus dem Land, ließ sie aber schon nach vier Tagen wieder in den Irak, nachdem die USA mit Bombardierungen gedroht hatte. Nun wurden alle Paläste gründlichst durchsucht und man fand nichts Verbotenes.

EKEUS und sein Stellvertreter SCOTT RITTER bestätigten am Jahresende 1997:” 95% der Arbeit ist getan, das Land ist wirksam entwaffnet”. WILLIAM COHEN, der damalige Verteidigungsminister von BILL CLINTON, erklärte am 10.Januar 2001 stolz: “SADDAM HUSSEINs Streitkräfte befinden sich in einem Zustand, in dem sie keine Gefahr mehr für die Nachbarn darstellen können”.

Nach der Pensionierung von EKEUS Ende 1997 wurden die Inspektionen unter Leitung des Australiers RICHARD BUTLER fortgesetzt, bis er im Dezember 1998 dem Druck der USA nachgab und den UN meldete, die Inspektionen würden behindert. Daraufhin kündigten die USA erneute Bombenangriffe an, und UN-Generalsekretär KOFI ANNAN musste die Kontrolleure aus dem Irak zurückrufen. Vom nächsten Tag an bombardierten die USA das Land vier Tage und Nächte lang, dabei natürlich auch all die Gebäude, die von den US-Spionen angegeben worden waren.

Nach diesem Kriegseinsatz der US-Luftwaffe und der “erfolgten Spionage” verweigerte SADDAM HUSSEIN die Wiedereinreise der UN-Inspekteure, und das blieb nun vier Jahre lang so. Diese Entscheidung von SADDAM HUSSEIN wurde von der aufgeklärten irakischen Bevölkerung für richtig gehalten.

Dann kam der TRAGISCHE 11. SEPTEMBER 2001 mit dem Terrorangriff auf das World Trade Center und Pentagon in den USA. Die amerikanische Bevölkerung und wir alle waren erschüttert. Die kleine Islamistengruppe um OSAMA BIN LADEN, genannt AL QAIDA, schien verantwortlich zu sein, finanziert aus saudiarabischen Quellen. Die Weltmacht USA erklärte den “KRIEG GEGEN DEN INTERNATIONALEN TERRORISMUS” - ohne zu sehen, dass auch viele unabhängige nationale Terrorismen in vielen Ländern der Erde seit Jahren stattfinden (im spanischen Baskenland, auf Korsika, auf den Philippinen, in Tschetschenien, Nordirland u.a.) - und forderte von der Taliban Regierung in Afghanistan die Auslieferung von Osama bin Laden. BUSH rief nicht dazu auf, durch gezielte Aktionen der Hintermänner und Bin Ladens habhaft zu werden, sondern benutzte sofort das Mittel der Großmacht: massiven Kriegseinsatz gegen das ganze afghanische Volk, dabei verschiedene Stämme in den Krieg mitein beziehend. Die Bomben und Raketen sowie die aufgerüstete “Nordallianz” töteten riesige Zahlen von Frauen, Kindern und Männern und führte zum raschen Sieg, d.h. der Besetzung von Kabul. BUSH verkündete triumphierend den Sieg und versicherte dem amerikanischen Volk und der Welt, dass sehr rasch OSAMA BIN LADEN gefangen sein werde, “die Schlinge um seinen Hals wird immer enger”. Bis heute ist Osama bin Laden frei, seine Botschaften werden verkündet, und bis heute gibt es in Afghanistan keinen Frieden, keine effektive Demokratie, keine Befreiung der Frauen außerhalb des engen Bezirks um Kabul.

All das wissen die Menschen im Irak auch, sie haben die Folgen des US-Krieges und der Besatzung genau verfolgt!

Präsident BUSH musste nun seine amerikanische Bevölkerung von der Blamage in Afghanistan ablenken und rasch die Aufmerksamkeit auf einen nächsten “Schurkenstaat” leiten, auf IRAK, dessen Präsident es gewagt hatte, sich von den massiven Bombardements im Dezember 1998 nicht beeindrucken zu lassen und die UN-Inspekteure nicht wieder ins Land kommen zu lassen.

Nun nahmen massive propagandistische und militärische Kriegsvorbereitungen gegen den Irak ihren Anfang. Wie war doch die Reihenfolge, die von der irakischen Bevölkerung sehr genau wahrgenommen wurde? Präsident BUSH erklärte SADDAM HUSSEIN zum Unterstützer von OSAMA BIN LADEN und behauptete wahrheitswidrig, die saudiarabischen Terroristen seien z.T. im Irak ausgebildet worden. Diese Behauptung wurde bald, sogar von den Geheimdiensten, abgelehnt, da ja das weltliche Regime Iraks in Feindschaft zum religiösen Regime Saudi-Arabiens seit Beginn der irakischen Republik stand.

Die Kriegstreiber um GEORGE W. BUSH drohten nun mit Krieg, wenn der Irak die UN-Inspektoren nicht wieder ins Land ließe. SADDAM HUSSEIN gab zur Enttäuschung Washingtons nach, und ab 2002 konnten der Schwede HANS BLIX und der Ägypter EL BARADEI die UN-Inspektionen wieder aufnehmen und fortsetzen. Sie stellten nicht fest, dass inzwischen wieder mit der Produktion von Massenvernichtungswaffen begonnen worden sei.

Die USA behauptete dann, die UN-Inspekteure würden bei der Arbeit behindert, aber die Inspekteure sagten aus, dass dies im Wesentlichen nicht der Fall sei.

Dann forderte Washington ultimativ die Vorlage aller Dokumente über die Herstellung von Massenvernichtungswaffen, was geschah, und das Recht, die irakischen Wissenschaftler zu interviewen, was auch genehmigt wurde.

Die USA drängten zum Krieg und bemühten sich ständig, die irakische Regierung Lügen zu bezichtigen: 12 Jahre alte britische Dossiers und gefälschte Uranbestellungen aus Nigeria und schließlich Satellitenaufnahmen von geheimen Labors zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen stellten sich alle als Irreführungen dar, um die Mitglieder der UN davon zu überzeugen, dass der Irak mittels Krieg ” abgerüstet” werden müsse.

Als man die Reichweite irakischer Raketen testete und feststellte, dass sie statt der erlaubten 150 km weiter fliegen könnten, nämlich 180 km, genehmigte SADDAM HUSSEIN unter der Kriegsandrohung auch deren Zerstörung.

Schließlich bestätigten EL BARADEI und BLIX zum Missfallen von BUSH und Komplizen, dass trotz des Einsatzes von 200 Inspektoren und U2-Überwachungsflugzeugen und Beobachtungsdrohnen keine Massenvernichtungswaffen oder Produktionsstätten gefunden worden seien, und dass die Zusammenarbeit mit den irakischen Behörden, wenn auch nicht optimal, so doch voll befriedigend sei. Die UN sollten den Inspekteuren noch einige Wochen oder Monate zur Verfügung stellen, denn eine Gefahr könne ohnehin vom Irak nicht mehr ausgehen, besonders nicht während der Anwesenheit von UN-Inspekteuren.

GEORGE W. BUSH, CHENEY, RUMSFELD und WOLFOWITZ aber wollten den Krieg und “ließen nun die Katze aus dem Sack”. Das war im August 2002: Es gehe den USA gar nicht um den Fund von Massenvernichtungswaffen, sondern um die Beseitigung des Saddam-Regimes. Wenn SADDAM HUSSEIN bereit sei, mit seiner Familie das Land zu verlassen, dann könne er damit den Krieg gegen Irak verhindern! Was BUSH und sein Team nicht sagten war, dass natürlich die USA dann trotzdem das Land besetzen würden, aus den international bekannten Gründen. Sollte SADDAM HUSSEIN das Land aber nicht verlassen, dann sei der Krieg “zur Abrüstung und Vertreibung von Saddam Hussein” unausweichlich. Bush verschwieg, dass SADDAM HUSSEIN bis zum Einfall in Kuwait 1990 ein von den USA wirtschaftlich und finanziell unterstützter Freund der US-Präsidenten gewesen war, der trotz seiner verbrecherischen Giftgaseinsätze im Irak-Iran-Krieg 1980-88 von den USA finanziell und logistisch unterstützt worden war.

Am 29.1.2003 sagte BUSH in seiner großen “REDE ZUR NATION”: “Falls uns der Krieg aufgezwungen wird, werden wir mit der ganzen Kraft und Macht des Militärs der Vereinigten Staaten kämpfen, und wir werden siegen”. Sogleich erhoben sich die begeisterten Kongressabgeordneten zur “standing ovation”, und taten es während der Rede noch weitere 22 Mal. Bush fuhr fort:” wir werden konsultieren, aber damit es kein Missverständnis gibt, wenn Saddam Hussein nicht abrüstet, dann werden wir eine Koalition anführen, um ihn zu entwaffnen (FR 30.1.03). Sofort erhob sich der Kongress wieder zur standing ovation, aber den Senatoren schien es gleichgültig zu sein, dass “SADDAM HUSSEIN entwaffnen” Krieg gegen das ganze Volk mit dem verbundenen Elend bedeutet, und dass “Konsultation” Beratung mit den Verbündeten heißt, und nicht nur Mitteilung der amerikanischen Entscheidungen.

Als nun bekannt wurde, dass es dem US-Regime nicht um die Auffindung von Massenvernichtungswaffen, sondern um eine kriegerische Entfernung des irakischen Regimes gehen werde, was durch Völkerrecht und UN-Charta eindeutig illegal wäre, fasste unsere Regierung den mutigen Entschluss zum eindeutigen NEIN und wurde dazu in den Demonstrationen von Hunderttausenden in Deutschland bestärkt und in der Bundestagswahl unterstützt. Dieser mutigen Entscheidung schlossen sich dann Frankreich und Russland und schließlich viele Nationen an.

Mit riesiger militärtechnischer Überlegenheit begannen im März 2003 die USA und Großbritannien, opportunistisch unterstützt von einigen polnischen und spanischen Soldaten, den ANGRIFFSKRIEG trotz fehlender Zustimmung des UN- Sicherheitsrats, gegen das Völkerrecht und die UN-Charta. Mit weitreichenden Geschützen, seegestützten Bombern sowie Kampfhubschraubern war es den Koalitionstruppen keine Schwierigkeit, unter Vermeidung eigener größerer Verluste die irakischen Soldaten abzuschießen und deren Panzerfahrzeuge und altmodischen Kanonen aus der Luft gezielt zu vernichten. Dabei benutzten die US-Truppen wieder ihre panzerbrechenden Granaten mit abgereichertem URAN sowie über 1.500 CLUSTERBOMBS, von denen jede einzelne weitere bis zu 100 kleine Explosivgeschosse in einen weiten Umkreis “abschießt”, mit ihrer tödlichen Wirkung.

Im Wüstenkampf hatten die irakischen Truppen keinerlei Chance, sie wurden abgeschlachtet und verzichteten deshalb offensichtlich auf weitere offene Kämpfe, erfreulicherweise auch auf Häuserkämpfe in den Orten und Städten.

Dieser VERZICHT auf eine energische Landesverteidigung ist den Menschen Iraks heute noch ein Rätsel, so sehr sie froh darüber sind, dass es nicht durch Straßenkämpfe zur Tötung von noch mehr Menschen und zur Zerstörung von noch mehr Häusern gekommen ist. Aber wie konnte es passieren, dass die irakischen Soldaten nicht “bis zur letzten Patrone” kämpften und die fremden Soldaten das Land besetzen ließen? Auch die irakischen entschiedenen Gegner Saddams, über dessen Regime Ende sie froh sind, fühlen sich in ihrer Ehre gekränkt. Hier liegt mit Sicherheit einer der wichtigsten Gründe für die zunehmenden Angriffe irakischer Widerstandskämpfer gegen US-Soldaten und US-Einrichtungen. Darauf komme ich gleich noch wieder zurück.

Nachdem wir uns nun daran erinnert haben, was dem US-Angriffskrieg gegen den Irak vorausgegangen war, können wir nun besser verstehen, warum die US-Truppen nicht als Befreier, sondern als Feinde und Besetzer von der Mehrheit der irakischen Bevölkerung gesehen werden. Die US-Regierung wird gehasst, weil sie die bestimmende Macht in den Vereinten Nationen ist, die das irakische Volk 13 Jahre lang unter dem Embargo hat leiden lassen und die jahrelangen Bombardements im Süden Iraks mit Hunderten getöteter Zivilisten nicht unterbunden hatte. Und weil nun die US-Armee sich gegenüber dem irakischen Volk benimmt, wie die israelische Armee gegenüber den Palästinensern, so sagen sie.

Ich komme nun zu meinen ERLEBNISSEN und GESPRÄCHEN. Ich war wenige Wochen vor Ausbruch des US-Kriegs in Bagdad, um Kliniken, mir bekannte Ärzte und Mitarbeiter bei UNICEF und WHO aufzusuchen, um weitere Hilfen vorzubereiten. Seit 1991 hatten wir von der IPPNW regelmäßig Hilfstransporte mit Medikamenten und Babynahrung zu den Kliniken Iraks gebracht, insbesondere bis 1997, als dann das “Öl für Nahrung”-Programm endlich eine gewisse Erleichterung brachte. Ich selber war 8 Mal im Irak, und dann zum 9. Mal zwei Wochen nach Ende des “triumphalen US-Siegs”, nämlich Mitte Mai, eine knappe Woche lang.

Fahrt im Convoy von Amman nach Bagdad. Damals fast tägliche Raubüberfälle. Große Benzintanklaster. In Bagdad kilometerlange Schlangen an den Tankstellen. Bagdad eine teilzerstörte Stadt: Sämtliche Ministerien, mit Ausnahme des Ölministeriums, wurden bombardiert, ferner die Paläste, Supermarkt, Industrieausstellung, Telefonzentrale, Regierungsgebäude. Dann Plünderungen und anschließend Feuerlegen, z.B. in Gebäuden der Baath Partei, der irakischen Zentralbank u.a. Zahlreiche Privathäuser, z.B. wo man SADDAM HUSSEIN vermutet hatte. Auf den Straßen ausgebrannte Panzer. Straßen mit Stacheldraht gesperrt, z.B. zum Al Rashid Hotel, ferner die Eingänge vom Sheraton und Palestine. Ständige Schüsse, tödliche Raubüberfälle und Rachetötungen. Straßenmärkte mit geplünderten Gegenständen, aber auch Gewehren, Munition, Revolver. Plünderungen von staatlichen Gebäuden, Botschaften, Schulen, Universitäten, sogar 7 der Kliniken Bagdads. Wer waren die Plünderer? Wahrscheinlich vor allem die arme und besitzlose Bevölkerung, insbesondere im schiitischen Nordosten Bagdads. 80% der Bevölkerung arbeitslos und ohne Lohn oder Rente, also “man kann alles brauchen und verkaufen”. Ständig Diebstähle bzw. Raubüberfälle von Autos.

WUT DER IRAKER AUF DIE BESATZUNGSTRUPPEN:

I. Die Intellektuellen:
a) wir haben unter 13 Jahren Embargo gelitten, obgleich unschuldig.
b) wir wurden immer wieder bombardiert, entgegen Völkerrecht.
c) seit Jahren wurden wir mit Krieg bedroht, unsere Jugend konnte sich nicht frei entfalten und wuchs ohne Hoffnung auf.
d) die US-Truppen haben einen illegalen Krieg gegen uns geführt. Irak wurde wegen des illegalen Angriffskriegs auf Kuwait bestraft, warum nicht die USA wegen ihres illegalen Angriffskriegs auf Irak?
e) warum ließen die US-Truppen die Plündereien zu und sorgen auch jetzt noch nicht für Ordnung?
f) die US-Truppen benehmen sich uns gegenüber, wie die Israelis gegenüber den Palästinensern.

II. Das einfache Volk:
a) warum wurde Krieg geführt, Irak hat doch niemand angegriffen.
b) warum wurden so viele unserer Soldaten durch Bomben und weitreichende Maschinengewehre getötet, sie waren doch nur Soldaten, um einen Beruf zu haben oder waren eingezogen?
c) warum wurde Irak 13 Jahre lang mit Sanktionen bestraft und wir deswegen arbeitslos, obgleich wir schuldlos waren?
d) warum wollen die Amerikaner unser Land besetzt halten und unseren Reichtum ausbeuten?

WER FÜHRT DIE ATTENTATE GEGEN DIE BESATZUNGSTRUPPEN UND KOALITIONSGEBÄUDE UND SOGAR VON UN DURCH?

Mit großer Wahrscheinlichkeit ehemalige Soldaten der irakischen Armee, deren Auftrag von Saddam Hussein gelautet hatte: Verteidigung des Landes, “greift die fremden Truppen an, wo ihr sie findet”, es ist ein “heiliger Krieg, der auch Selbstmordattentate gerechtfertigt.”

45.000 frühere irakische Soldaten wurden entlassen, ohne Wehrsold. Sie sind wütend und fühlen sich gedemütigt.

Männer aus anderen arabischen Ländern kamen im März/April zur Unterstützung Iraks ins Land. Auch von ihnen wird es “arabische Kämpfer gegen die fremde Besetzung” geben.

Die Ernährungslage: die Bevölkerung bekommt weiterhin den monatlichen “food basket” gratis, also die Grundnahrungsmittel Zucker, Mehl, Erbsen, Speiseöl, Tee, aber kein Fleisch, keine Eier, Gemüse, Obst. Diese müssen auf dem freien Markt eingekauft werden, jetzt zu dreifach erhöhten Preisen. Die arme Bevölkerung kann das nicht.

Krankenhäuser: Seit die Sanktionen aufgehoben und die Grenzen offen sind, haben viele NGOs sowie UNICEF und Rot Kreuz Organisationen Medikamente reichlich gebracht.

Es fehlen aber viele teure Medikamente, sowie Geräte, Ersatzteile, Reparaturen, Labordiagnostik etc.

Die Ärzte haben keine moderne Ausbildung. Die Diagnostik ist ganz ungenügend. Sie sind weiterhin daran gewöhnt, dass die meisten Kinder an ihren Krebskrankheiten sterben. Nur wenige Chefärzte, so z.B. im Al Mansour Kinderkrankenhaus, führen jetzt eine moderne Chemotherapie durch, brauchen aber Laborunterstützungen und moderne Literatur sowie Einladungen ins Ausland.

Im Süden Iraks ein starker Anstieg von Krebserkrankungen und Missbildungen. Kausalität? DU?

Im bislang säkularen Irak nimmt der Einfluss der moslemischen Geistlichkeit stark zu. Auch die “westlichen” modernen irakischen Frauen tragen nun Schleier. In den Moscheen wird z.T. Hass gepredigt. Insbesondere die große Masse ungebildeter Schiiten werden von vielen Irakern als Gefahr gesehen,
von denen der Anstoß zu einem Bürgerkrieg ausgehen könne. Ein Professor aus Basrah sagte mir, wenn jetzt, wie von der Mehrheit gefordert, die Amerikaner abzögen, gäbe es Bürgerkrieg. Der Vielvölkerstaat Irak brauche eine starke zentralistische Regierung, mit strenger Polizei, wie unter Saddam, sonst gebe es Chaos. “Leider müssen wir zugeben, dass es uns allen unter Saddam viel besser ging, als jetzt “nach der Befreiung”. Derselbige Kollege bezahlte 500 Dollar an eine Banditenbande, die gedroht hatte, seine Kinder zu entführen. Entführungen sind nämlich an der Tagesordnung.

Die von den Amerikanern eingesetzte provisorische Verwaltung wird von der Mehrheit der Intellektuellen abgelehnt. Sie seinen “puppets” der Amerikaner, unfähig und unwürdig. Solange die Amerikaner im Land seien und alles bestimmten, und US-Firmen mit Milliarden Dollar Aufträgen sich bereicherten, kann es keine ehrenwerte irakische Regierung geben.

Das Wort “Ehre” aber spielt in arabischen Ländern eine große Rolle. …

NUN ZUM ABSCHLUSS: Wir haben nicht vergeblich gegen den US-Angriffskrieg demonstriert, sondern haben einen großen Erfolg gehabt: Wir haben unserer Regierung den Rücken gestärkt, wir haben die weltweite Friedensbewegung, insbesondere auch in den USA und England, unterstützt. Wir haben dem irakischen Volk bewiesen, dass wir uns gegen das Elend engagierten und weiterhin engagieren, das die Sanktionen, der US-Krieg und nun die Besetzung gebracht haben und bringen.

Die US-Regierung hat nun gelernt, dass es sich nicht auszahlt, gegen die weltweite Mehrheit rücksichtslos eigene Ziele mit militärischer Macht durchzusetzen. Washington ist jetzt weniger bereit, alle “Schurkenstaaten” mit Krieg zu überziehen. Die Amerikaner lernen jetzt, dass sie Freiheit und Demokratie weder nach Afghanistan, noch nach dem vorderen Orient gebracht haben, sondern darüber hinaus Freiheit und Demokratie im eigenen amerikanischen Land massiv untergraben haben.

Wir müssen weitermachen und dürfen nicht resignieren. Wir müssen weiter für eine Kultur des Friedens arbeiten. Uns dürfen die Menschen in den Kriegs- und Nachkriegsgebieten nicht gleichgültig werden, wir dürfen uns an das Elend der anderen nicht gewöhnen. Wir sind alle Geschöpfe Gottes, mit dem gleichen Anrecht auf Leben und Frieden.

“Kinderhilfe-Irak-Spendenkonto”: IPPNW, Stadtsparkasse Gaggenau, BLZ 66551290, Kontonr. 50264639, “Kinderhilfe Irak”.

Veröffentlicht am

08. November 2003

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