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Bolivien: Das Land, das existieren möchte

Von Eduardo Galeano - The Progressive / ZNet 25.10.2003

Eine gigantische Gasexplosion: Das war der Volksaufstand, der ganz Bolivien erschütterte und in dem Rücktritt von Präsident Sanchez de Lozada gipfelte, der eine Leichenspur zurücklassend die Flucht ergriff.

Das Erdgas sollte nach Kalifornien verfrachtet werden - zu einem minimalen Preis, im Tausch für ein paar armselige Geschenke - quer über chilenisches Gebiet, das einmal zu Bolivien gehörte. Dieses letzte Detail war wie Salz in den Wunden eines Landes, das seit mehr als einem Jahrhundert vergeblich die Rückgabe des Seezugangs fordert, das es 1883 im Krieg an das siegreiche Chile verloren hatte.

Aber die Route des Erdgases war nicht der eigentliche Grund für die Wut, die im ganzen Land aufloderte. Da gab es noch einen anderen, auf den die Regierung wie gewöhnlich mit Schüssen antwortete und die Strassen mit Leichen pflasterte. Die Menschen erhoben sich, weil sie sich weigerten mit dem Gas geschehen zu lassen, was zuvor schon mit dem Silber, Salpeter, Zinn und allem anderen geschehen war.

1870 wurde ein englischer Diplomat in Bolivien das Opfer eines unangenehmen Zwischenfalls. Diktator Mariano Melgarejo bot ihm ein Glas Chicha an, das Nationalgetränk aus veredeltem Mais. Der Engländer dankte ihm, sagte aber, er zöge Schokolade vor. Also zwang ihn Melgarejo, mit seiner üblichen Einfühlsamkeit, einen riesigen Bottich Schokolade auszutrinken, und führte ihn dann auf einem Maultier, rückwärts sitzend, durch die Strassen von La Paz vor. Als Königin Victoria in London von dem Zwischenfall erfuhr, ließ sie sich eine Landkarte bringen und verkündete: “Bolivien existiert nicht”, und kreuzte das Land mit einem “X” aus Kreide aus.

Ich habe diese Geschichte oft gehört. Sie mag sich so zugetragen haben oder auch nicht. Aber diese Phrase, die der britischen imperialistischen Arroganz zugeschrieben wird, könnte auch als eine unabsichtliche Synthese der qualvollen Geschichte des bolivianischen Volkes aufgefasst werden. Die Tragödie wiederholte sich wie ein drehendes Rad. Seit fünf Jahrhunderten sind die sagenhaften Reichtümer Boliviens ein Fluch für die Bevölkerung gewesen, die zu den Ärmsten der Ärmsten Südamerikas zählt. Für sein eigenes Volks existiert Bolivien tatsächlich nicht.

Mehr als zwei Jahrhunderte lang, im Zeitalter des Kolonialismus, ist das Silber von Potosi das Hauptnahrungsmittel für die kapitalistische Entwicklung Europas gewesen. “So viel wert wie Potosi” bezeichnete etwas Unbezahlbares.

In der Mitte des 16. Jahrhunderts wuchs und gedieh am Fuße des silberspeienden Berges die am dichtesten bevölkerte, teuerste und verschwenderischste Stadt der Welt. Dieser Berg, genannt Cerro Rico, vertilgte Indios. “Die Strassen quellen über von Menschen”, schrieb ein reicher Bergarbeiter aus Potosi: Ganze Gemeinden wurden ihrer Männer beraubt, die von überall her als Gefangene in die Minen verschleppt wurden. Draußen war es eisig kalt. Drinnen war es höllisch heiß. Nur drei von zehn Männern, die hineingeführt wurden, blieben am Leben. Aber diese kurzlebigen Bewohner der Minen erschufen den Reichtum der flamischen, deutschen und genuesischen Bankiers, die Kreditgeber der spanischen Krone. Diese Indios ermöglichten die Anhäufung von Kapital, die Europa zu dem machte was es heute ist. Was von all dem blieb in Bolivien zurück? Ein hohler Berg, unzählige Indios, die sich zu Tode geschuftet haben, und ein paar Orte, die von Phantomen bewohnt werden.

Im 19. Jahrhundert, als Bolivien in dem sogenannten Pazifischen Krieg unterlag, verlor es nicht nur den Zugang zum Ozean und sah sich im Herzen Südamerikas gefangen. Es verlor auch seinen Salpeter.

Der offiziellen Geschichte, das heißt der Militärgeschichte zufolge, hat Chile den Krieg gewonnen. Aber die wahre Geschichte bestätigt, dass der eigentliche Gewinner, der britische Geschäftsmann John Thomas North gewesen ist. Ohne einen einzigen Schuss abgefeuert oder einen Penny verschwendet zu haben, gewann North das Land, das zu Bolivien und Peru gehört hatte, und krönte sich selbst zum König des Salpeters, zu jener Zeit das unerlässliche Düngemittel für die erschöpften Äcker Europas.

Im 20. Jahrhundert war Bolivien der wichtigste Zinnlieferant auf dem internationalen Markt. Die Suppendosen, die Andy Warhol berühmt machten, stammten aus Minen, die gleichzeitig Metall und Witwen produzierten. In den Tiefen der Minenschächte erstickte der Kieselstaub langsam die Arbeiter, die ihre Lungen ruinierten, damit die Welt billigen Zinn haben konnte.

Während des Zweiten Weltkrieges trug Bolivien zur Sache der Alliierten bei, indem es ihnen sein wertvolles Mineral zu einem Zehntel seines eigentlichen Preises verkaufte. Der Lohn der Arbeiter wurde fast gänzlich gestrichen, ein Streik brach aus, und die Maschinengewehre eröffneten das Feuer. Simon Patiño, Geschäftsinhaber und Beherrscher des Landes, musste keinen Schadensersatz leisten, da das Erschießen durch ein Maschinengewehr nicht als Arbeitsunfall zählt.

Zu jener Zeit zahlte Don Simon $50 Profitsteuer jährlich, aber er zahlte viel mehr an den Landespräsidenten und dessen Regierung. Er war einst ein bettelarmer Mann gewesen, der von dem Zauberstab des Glücks berührt wurde. Seine Enkelkinder erhielten Zutritt zum europäischen Adel und heirateten Grafen, Marquisen und königliche Verwandte.

Als die Revolution von 1952 Patiño entthronte und das Zinn nationalisierte, war von dem Mineral nur wenig übrig geblieben - die kargen Überbleibsel eines Jahrhunderts von zügelloser Ausbeutung im Dienste des Weltmarktes.

Vor mehr als 100 Jahren entdeckte der Historiker Gabriel Rene Moreno, dass die Bolivianer “zellenmäßig inkompetent” seien. Er hatte die Gehirnmasse eines Indigenas und eines Mestizos verglichen, und herausgefunden, dass sie zwischen fünf, sechs und 10 Unzen weniger wogen, als die Gehirne eines Angehörigen der weißen Rasse.

Die Zeit verging, und das Land, das nicht existiert, ist immer noch an Rassismus erkrankt. Aber im Land, das existieren möchte, schämt sich die indigene Mehrheit seiner selbst nicht, spuckt den Spiegel nicht an.

Dieses Bolivien, das es leid ist zum Wohle des ausländischen Fortschritts zu leben, ist das wahre Land. Seine ignorierte Geschichte ist reich an Niederlagen und Verrat, aber auch an solchen Wundern, zu denen verachtete Menschen fähig sind, wenn sie aufhören sich selbst zu verachten und sich gegenseitig zu bekämpfen.

Diese schnelllebigen Zeiten sind von verblüffenden, beeindruckenden Leistungen gekennzeichnet.

Im Jahr 2000 fand der sogenannte “Wasserkrieg” in Cochabamba statt. Die Bauern marschierten aus den Tälern und blockierten die Stadt, die sich ebenfalls erhob. Sie trafen auf Schüsse und Tränengas, als die Regierung den Ausnahmezustand verhängte. Aber die kollektive Rebellion ging weiter, unaufhaltsam, bis das Wasser im letzten Kampf dem Griff der Bechtel Corporation entrissen und den Menschen und ihren Feldern zurückgegeben wurde. (Bechtel, mit Sitz in Kalifornien, wird nun von Präsident Bush entschädigt, der ihnen Multi-Millionen Verträge im Irak zugesprochen hat).

Vor wenigen Monaten besiegte eine andere Volksexplosion in ganz Bolivien nichts geringeres als den Internationalen Währungsfond (IMF). Der IMF ließ sie für seine Niederlage teuer bezahlen - mehr als 30 Morde durch die sogenannten Ordnungskräfte - aber die Menschen erreichten ihr Ziel. De Regierung hatte keine andere Wahl, als die Gehaltssteuer zu annullieren, die der IMF gefordert hatte.

Heute ist es der Gaskrieg. Bolivien besitzt riesige Vorkommen natürlichen Gases. Sanchez de Lozada nennt diese falsche Privatisierung “Kapitalisierung”, aber das Land, das existieren möchte, bewies ein gutes Gedächtnis. Würde es zulassen, dass sich die alte Geschichte wiederholt, und die Reichtümer des Landes sich in ausländische Hände auflösen? “Das Gas steht uns zu”, verkündeten Poster auf der Demonstration. Menschen forderten und fordern weiterhin, dass das Erdgas für Bolivien genutzt wird, und dass das Land sich nicht wieder der Diktatur seiner unterirdischen Ressourcen unterwirft. Das Recht auf Selbstbestimmung, so oft herbeigerufen, so selten respektiert, fängt damit an.

Das volksweite Ungehorsam verhinderte ein saftiges Geschäft für Pacific LNG, bestehend aus Repsol, British Gas und Panamerican Gas, bekannt als Partner von Enron, dessen moralische Vorgehensweisen so berühmt ist. Alles deutete darauf hin, dass der Konzern kurz davor stand, für jeden investierten Dollar zehn zu gewinnen.

Was den flüchtigen Sanchez de Lozada angeht, er hat die Präsidentschaft verloren, wird darüber aber nicht viel Schlaf verlieren. Obwohl er den Mord an mehr als 80 Demonstranten auf dem Gewissen trägt, war das nicht sein erstes Blutbad. Dieser Champion der Modernisierung interessiert sich für nichts, das keinen Gewinn abwirft. Letzten Endes spricht und denkt er auf English - nicht mit dem von Shakespeare, sondern dem von Bush.

Quelle: ZNet Deutschland vom 30.10.2003. Übersetzt von: Dana - leicht bearbeitet von Michael Schmid. Orginalartikel: “The Country that Wants to Exist”

Veröffentlicht am

31. Oktober 2003

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