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Bushs Vietnam

Von John Pilger, in: New Statesman / ZNet 22.06.2003

Die zwei “großen Siege” Amerikas seit dem 11. September lösen sich allmählich auf. Das afghanische Regime von Hamid Karzai hat praktisch keine Autorität und kein Geld und würde ohne amerikanische Gewehre zusammenbrechen. Al-Qaeda wurde nicht geschlagen und die Taliban kommen allmählich wieder hervor. Trotz exemplarischer Verbesserungen sind Frauen und Kinder immer noch in einer verzweifelten Lage. Die Alibifrau in Karzais Kabinett, die mutige Ärztin Sima Samar, wurde aus der Regierung gedrängt und lebt nun, mit bewaffneten Wachen vor ihrem Büro und Haustor, in ständiger Angst um ihr Leben. Ungestraft morden und vergewaltigen die privaten Armeen der “Freunde” Amerikas, die von Washington zu Vortäuschung von Stabilität mit Millionen von Dollars bar auf die Hand bestochenen Kriegsfürsten, und missbrauchen Kinder.

“In dem Moment, in dem wir diesen Stützpunkt verlassen, befinden wir uns in einer Kampfzone”, erzählt mir ein amerikanischer Oberst im Luftwaffenstützpunkt Bagram in der Nähe von Kabul. “Wir werden jeden Tag mehrere Male beschossen.” Als ich bemerkte, dass er doch bestimmt gekommen sei, um die Menschen zu befreien und zu schützen, lachte er lauthals.

In den Städten Afghanistans sind die amerikanischen Truppen kaum zu sehen. Sie eskortieren, mit hoher Geschwindigkeit, US-Beamte in gepanzerten Fahrzeugen mit dunklen Scheiben und Militärfahrzeugen, auf denen vorne und hinten Maschinengewehre montiert sind. Selbst der riesige Luftwaffenstützpunkt Bagram wurde für den Verteidigungsminister, Donald Rumsfeld, während seiner kürzlichen Stippvisite als zu unsicher betrachtet. Die Amerikaner sind so nervös, dass sie ein paar Wochen zuvor im Zentrum Bagdads “versehentlich” vier Regierungssoldaten erschossen und damit innerhalb einer Woche den zweiten großen Protest der Straße gegen ihre Anwesenheit auslösten.

An dem Tag, als ich Kabul verließ, explodierte auf der Straße zum Flughafen eine Autobombe und tötete vier deutsche Soldaten, Mitglieder der internationalen Sicherheitstruppe Isaf. Das Fahrzeug der Deutschen flog in die Luft, Leichenteile lagen am Straßenrand. Als die britischen Soldaten ankamen, um das Gebiet “abzusperren”, wurden sie von einer schweigenden Menge beobachtet, mit gegen die Hitze und den Staub zusammengekniffenen Augen, über einen Graben hinweg, der so breit ist wie der, der im 19. Jh. die britischen Truppen von den Afghanen trennte, die Franzosen von den Algeriern, die Amerikaner von den Vietnamesen.

In Irak, dem Schauplatz des zweiten “großen Sieges”, gibt es zwei offene Geheimnisse. Das erste ist, dass die “Terroristen”, die nun die amerikanischen Besatzungskräfte belagern, einen bewaffneten Widerstand repräsentieren, der mit ziemlicher Sicherheit von der Mehrheit der Iraker unterstützt wird, die im Gegensatz zur Vorkriegspropaganda, gegen ihre aufgezwungene “Befreiung” waren (siehe auch Jonathan Steeles Untersuchung vom 19. März 2003, www.guardian.co.uk). Das zweite Geheimnis sind die auftauchenden Beweise für das wahre Ausmaß der Todesopfer durch die anglo-amerikanische Invasion, die auf das Blutbad hinweisen, das Bush und Blair immer abgestritten haben.

Über die Jahre hinweg wurden so oft Vergleiche mit Vietnam gezogen, dass ich zögere, noch einen hinzuzufügen. Es gibt jedoch erstaunliche Ähnlichkeiten: zum Beispiel werden Ausdrücke wie “in einen Sumpf hineingezogen” wieder benützt. Das suggeriert wieder einmal, dass die Amerikaner Opfer sind, nicht Invasoren: die für gut befundene Hollywoodversion, wenn ein raubgieriges Abenteuer schief geht. Seit vor fast drei Monaten Saddam Husseins Statue niedergerissen wurde, sind mehr Amerikaner getötet worden als während des Krieges. Zehn wurden bei klassischen Guerillaangriffen auf Straßensperren und Kontrollpunkte, bis zu 12 täglich, getötet und 25 verwundet.

Die Amerikaner nennen die Guerilleros “Saddam-Loyalisten” und “baathistische Kämpfer”, so wie sie die Vietnamesen als “Kommunisten” abzutun pflegten. Kürzlich, in Falludscha, im Sunni-Herzland von Irak, war es ganz eindeutig nicht die Anwesenheit von Saddam-Anhängern oder Baathisten, die den Widerstand hervorrief, sondern das brutale Auftreten der Besatzer, die aus kürzester Entfernung auf eine Menge feuerten. Die amerikanischen Panzer, die eine Familie von Schafhirten niederschossen, erinnern an das Niederschießen eines Schafhirten, seiner Familie und seiner Schafe durch einen Flieger der “Koalition” in einer “Flugverbotszone” vor vier Jahren, dessen Auswirkungen ich filmte und in mir die mörderischen Spiele amerikanischer Flieger in Vietnam heraufbeschwor, die Bauern auf ihren Feldern niederschossen, oder Kinder auf ihren Büffeln.

Am 12. Juni griff eine große amerikanische Einheit einen “Terroristenstützpunkt” nördlich von Bagdad an und hinterließ gemäß einem US-Sprecher über hundert Tote. Die Bezeichnung “Terrorist” ist wichtig, da sie impliziert, dass Leute vom Schlag al-Qaeda die Befreier angreifen. So wird nun die Verbindung zwischen Irak und dem 11. September hergestellt, was in der Vorkriegspropaganda nie gemacht wurde.

Bei dieser Operation wurden über 400 Gefangene gemacht. Berichten zufolge wurde die Mehrheit von ihnen zu den tausenden Irakern in ein “provisorisches Lager” auf dem Flughafen in Bagdad gebracht: ein Internierungslager ungefähr so wie das in Bagram, aus dem Leute nach Guantanamo Bay verfrachtet werden. In Afghanistan nehmen die Amerikaner Taxifahrer mit und lassen sie, via Bagram, einfach verschwinden. Wie Pinochets Schergen in Chile lassen sie ihre vermeintlichen Feinde “verschwinden”.

“Suchen und Vernichten”, die Taktik der verbrannten Erde von Vietnam, wird wieder angewendet. In den trockenen Ebenen im Südosten Afghanistans wurde das Dorf Niazi Qala dem Erdboden gleichgemacht. Am 30. Dezember 2001 fielen amerikanische Luftlandetruppen im Morgengrauen über das Dorf her und beschossen unter anderem eine Hochzeitsgesellschaft. Dorfbewohner erzählten, dass Frauen und Kinder, vor dem Gewehrfeuer Schutz suchend, zu einem trockenen Weiher rannten und, während sie rannten, erschossen wurden. Nach zwei Stunden verschwanden das Flugzeug und die Angreifer. Gemäß einer Untersuchung der Vereinten Nationen wurden 52 Menschen getötet, darunter 25 Kinder. “Wir wurden als militärisches Ziel identifiziert”, sagt das Pentagon, und wiederholt damit seine anfängliche Antwort auf das Massaker von My Lai vor 35 Jahren.

Im Westen waren Angriffe auf die Zivilbevölkerung lange Zeit ein journalistisches Tabu. Anerkannte Monster taten dies, nie “wir”. Die Zahl der zivilen Todesopfer des Golfkriegs von 1991 wurde gewaltig unterschätzt. In einer umfassenden Studie fast ein Jahr danach schätzte der Medical Education Trust in London, dass über 200.000 Iraker während und unmittelbar nach dem Krieg direkt oder indirekt in Folge von Angriffen auf die zivile Infrastruktur gestorben waren. Dieser Bericht wurde praktisch ignoriert. Diesen Monat schätzte Iraq Body Count, eine Gruppe amerikanischer und britischer Akademiker und Forscher, dass im Irak möglicherweise bis zu 10000 Zivilisten getötet wurden, einschließlich der 2.356 Zivilisten allein beim Angriff auf Bagdad. Und das ist wahrscheinlich eine sehr vorsichtige Schätzung.

In Afghanistan hat ein ähnliches Blutbad stattgefunden. Jonathan Steele extrapolierte letztes Jahr im Mai alle erhältlichen Felddaten über die Opfer der US-Bomben und kam zu dem Schluss, dass sogar 20.000 Afghanen indirekt als Folge der Bombardierungen ihr Leben verloren, viele von ihnen Dürreopfer, die keine Hilfe bekamen.

Dieser “verborgene” Aspekt ist wahrlich nicht neu. In einer vor kurzem durchgeführten Studie der Columbia University in New York fand man heraus, dass in Vietnam viermal soviel Agent Orange und andere Herbizide versprüht wurden wie bisher angenommen. Agent Orange enthielt Dioxin, eines der tödlichsten bekannten Gifte. In einer zu Beginn Operation Hades, dann mit dem freundlicheren Namen Operation Ranch Hand bezeichneten Operation zerstörten die Amerikaner in Vietnam, in ca. 10.000 “Missionen” zum Versprühen von Agent Orange, fast die Hälfte der Urwälder Südvietnams und unzählige Menschenleben. Das war der bisher heimtückischste und vielleicht verheerendste Einsatz chemischer Massenvernichtungswaffen. Immer noch werden heute in Vietnam Kinder mit verschiedensten Missbildungen geboren, kommen tot auf die Welt oder der Fötus geht ab.

Der Gebrauch von uranhaltiger Munition schwört die Katastrophe mit Agent Orange herauf. Im ersten Golfkrieg 1991 verwendeten die Amerikaner und Briten 350 Tonnen abgereichertes Uran. Gemäß einer von der United Kingdom Atomic Energy Authority [Atombehörde von Großbritannien] zitierten internationalen Studie verursachen 50 Tonnen abgereichertes Uran, wenn eingeatmet oder aufgenommen, 500.000 Tote. Die meisten Opfer im Südirak sind Zivilopfer. Schätzungen zufolge wurden während des letzten Kriegs 2000 Tonnen verwendet.

In einer bemerkenswerten Serie für den Christian Science Monitor berichtet der Enthüllungsjournalist Scott Peterson von strahlenden Kugeln und radioaktiv verseuchten Panzern in den Straßen Bagdads, wo Kinder ahnungslos spielen. Nun sind, verspätet, einige Schilder in Arabisch erschienen: “Achtung Gefahr ? Betreten dieses Gebiets verboten”. Zur gleichen Zeit führte das in Kanada beheimatete Uranium Medical Research Centre in Afghanistan zwei Feldstudien durch, deren Ergebnisse als “schockierend” bezeichnet wurden. “Ausnahmslos”, sagt der Bereicht, “sind die Leute überall dort, wo Bomben abgeworfen wurden, krank. Ein bedeutender Teil der Zivilbevölkerung zeigt Symptome, wie sie bei innerlichen Uranvergiftungen auftreten.”

Eine offizielle Landkarte, die in Irak an Nichtregierungsorganisationen verteilt wurde, zeigt, dass das amerikanische und britische Militär städtische Gebiete mit Streubomben zugepflastert hat, von denen viele beim Aufprall nicht explodiert sind. Normalerweise bleiben sie unbemerkt liegen, bis sie von Kindern aufgehoben werden, dann explodieren sie.

Im Zentrum von Kabul fand ich zwei zerfetzte Zettel, auf denen die Leute darauf aufmerksam gemacht wurden, dass sich in den Trümmern ihrer Häuser und auf der Straße nicht explodierte Streubomben “made in USA” befinden. Wer liest die? Kleine Kinder? An einem Tag, als ich Kinder ein Gebiet durchwühlen sah, das ein städtisches Minenfeld hätte sein können, sah ich in der Empfangshalle meines Hotels Tony Blair auf CNN. Er war in Irak, in Basra, und hob ein Kind hoch, in einer Schule, die für seinen Besuch angestrichen und wo ihm zu Ehren ein Mittagessen vorbereitet worden war, in einer Stadt, in der unter der britischen Besatzung grundlegende Dinge wie Schule, Versorgung mit Nahrungsmittel und Wasser immer noch nicht wieder funktionieren.

Vor drei Jahren filmte ich in Basra hunderte Kinder, die krank waren und im Sterben lagen, weil ihnen unter dem von Tony Blair enthusiastisch durchgesetzten Embargo Krebsbehandlung und Medikamente verweigert worden waren. Da war er nun ? im offenen Hemd und mit diesem starren Lächeln, ein Mann des Militärs, wenn nicht der Leute ? und nahm für die Kameras ein kleines Kind auf den Arm.

Als ich nach London zurückkam, las ich “After Lunch” von Harold Pinter aus seinem neuen Sammelband War (Faber & Faber).

And after noon the well-dressed creatures come
To sniff among the dead
And have their lunch

And all the many well-dressed creatures pluck
The swollen avocados from the dust
And stir the minestrone with stray bones

And after lunch
They loll and lounge about
Decanting claret in convenient skulls

John Pilger ist ein bekannter Journalist and Dokumentarfilmer, Kriegskorrespondent und ZNet-Kommentator, seine Artikel erscheinen in zahlreichen Zeitschriften und Zeitungen wie dem Daily Mirror, Guardian, Independent, New Statesman, der New York Times, Los Angeles Times, Nation und anderen Zeitungen und Zeitschriften rund um die Welt. Untern anderem sind von ihm folgende Bücher erschienen: Heroes (2001), Hidden Agendas (1998) und Distant Voices (1994).

Quelle: ZNet Deutschland vom 23.10.2003. Übersetzt von: Eva-Maria Bach. Orginalartikel: “Bush’s Vietnam”

Veröffentlicht am

25. Oktober 2003

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