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Interview - Nacht für Nacht ein Gemetzel am irakischen Volk

Juan Gonzalez interviewt Robert Fisk - DemocracyNow.org / ZNet 18.09.2003

Juan Gonzalez interviewt für den “War and Peace Report” des unabhängigen nordamerikanischen Senders Democracy Now! den Reporter des Londoner Indepentdent Robert Fisk zum Thema Zivilopfer im Irak.

Juan Gonzalez:
Robert Fisk - hier spricht Juan Gonzalez. Zum Thema Zivilopfer - Sie haben mehrere Artikel über ein Thema verfasst, das ansonsten nicht ?gecovert? wird, vor allem nicht hier, in den USA. Es geht um die Zahl ziviler Opfer, Menschen, die Tag für Tag im Irak als Resultat der Besatzung ihr Leben verlieren. Können Sie uns etwas dazu sagen?

Robert Fisk:
Ja. Ich habe mich auf diese Story eingelassen - eine ganze Serie von Artikeln -, weil ich so erschüttert bin über einen Artikel, der letzte Woche in der New York Times erschien. Darin war von der schrecklich hohen Opferzahl in den Sommermonaten die Rede. Erst im dritten Absatz wurde mir klar, dass mit ?schrecklich hoher Opferzahl? ausschließlich die 72 (toten) amerikanischen Soldaten im Land gemeint waren. Aber seit 9. April sind tausende irakischer Zivilisten hier im Land durch Gewehrfeuer und andere Formen der Gewalt umgekommen. Schuld sind Anarchie** und Chaos, die nach der ?Befreiung? Bagdads (auf das Land) losgelassen wurden.

Nochmal, es geht nicht darum, Saddam zu romantisieren. Vor dem Krieg war es dessen Regierung, die die Verbrechen beging. Jetzt, nach dem Krieg, begehen Irakis die Verbrechen; das eigentliche Problem aber ist, es gibt keine Sicherheit. Nacht für Nacht geschehen absolute Gemetzel an Irakern. Entweder, sie werden aus Rache ermordet oder sie fallen Dieben zum Opfer, oder sie werden an amerikanischen Checkpoints von schießwütigen US-Soldaten niedergeschossen, oder es handelt sich um Leute, die in Familien-Fehden verwickelt waren.

Gerade komme ich - ich erzähle Ihnen von der Bagdader Leichenhalle, (von der ich gerade komme). Kurz zuvor kamen dort 21 neue Opfer mit Schusswunden an. Mit 5 der betroffenen Familien habe ich gesprochen. Alle Opfer wurden erschossen, weil jemand ihr Auto stehlen wollte, oder sie wurden nächtens von Dieben ermordet oder von völlig Unbekannten getötet.

Es gibt hier Waffen zuhauf. Jede Nacht hört man die Schießereien. Ganz Bagdad dröhnt vom Gewehrfeuer. In einer Leichenhalle, in der ich war, erzählte mir der Leichenwächter, fast 40% aller Toten, die in seine Leichenhalle kämen, seien an US-Checkpoints erschossen worden, von Soldaten. Entweder, ein Auto nähert sich dem Checkpoint zu schnell, oder amerikanische Soldaten geraten unter Feuer und feuern zurück - und treffen Zivilisten in der Nähe - sie (die Soldaten) suchen nicht den direkten Feindkontakt, wer immer die Angreifer sein mögen.

Hier so ein Vorkommnis: Vor 4 Tagen wurde eine Frau und ihr Kind tot ins Krankenhaus eingeliefert, US-Soldaten hatten sie erschossen. Sie hatten das Feuer auf Leute eröffnet, die anlässlich einer Hochzeitsfeier in die Luft schossen.

Und solche Dinge passieren ständig. Vor rund 6 Wochen hatten wir auch so einen Fall - den ich persönlich untersuchte. 2 Männer fahren zu nah an einen Checkpoint heran - kein normaler Checkpoint, nur ein Stück Stacheldraht über die Straße geworfen; es passierte in einem sehr armen Stadtteil Bagdads. Die Amerikaner eröffneten das Feuer auf den Wagen. In dem ausgebrannten Fahrzeug habe ich etwa 23 Einschusslöcher gezählt. Die Kugeln setzten das Benzin in Brand. Ich weiß nicht, ob die zwei Insassen, beides Männer, noch lebten (aber ich schätze), sie verbrannten bei lebendigem Leib. Jedenfalls verbrannten sie, bis sie tot waren. Ich schätze, einer oder beide haben noch gelebt, als das Auto in Flammen aufging. Als das Auto brannte - so Augenzeugen - hätten die Amerikaner einfach zusammengepackt und den Checkpoint geräumt. Später ging ich wieder in die Leichenhalle. Ich fand zwei Skelette mit verbranntem Fleisch vor. Ihre Ausweise waren längst im Feuer verbrannt. Das Auto selbst und das Autokennzeichen schmolzen in die Straße hinein. Also warteten in jener Nacht erneut zwei irakische Familie auf geliebte Menschen, die nie mehr heimkehren sollten.

Juan Gonzalez:
In einem Ihrer Artikel, Robert, schätzen Sie, dass landesweit rund 1000 Iraker pro Woche sterben. Aber Sie haben Schwierigkeiten, in die Hospitäler hineinzukommen - die Besatzung verbietet es Journalisten oder erschwert es ihnen, in die Hospitäler zu gehen.

Robert Fisk:
Absolut richtig. Die Provisorischen Koalitionsbehörden (C.P.A.) - wie sich die Besatzungsbehörden ja nennen -, haben durch das Gesundheitsministerium mitteilen lassen, das neue Gesundheitsministerium, es untersteht der C.P.A. und arbeitet natürlich für die Besatzungsbehörden, dass es Journalisten nicht erlaubt sei, in die Hospitäler zu gehen, es sei denn, sie besäßen eine offizielle Erlaubnis der neuen Minister, und die arbeiten natürlich für die Besatzungsbehörden. Das heißt, theoretisch wird so verhindert, dass wir an die Zahlen kommen.

In der Praxis allerdings kommen wir in die Krankenhäuser hinein, wir kennen ja viele Ärzte, oder es findet sich ein anderer Weg. Normalerweise sympathisieren die Sicherheitsleute sehr mit uns. Es sind Iraker. Sie wollen, dass wir die Geschichte dieser großen Tragödie für die Iraker erzählen.

Gestern zum Beispiel. Ich habe ja gerade wieder 6 Stunden in der städtischen Bagdader Leichenhalle verbracht. Gestern also bekamen sie 21 Tote herein - zwölf davon im Kugelhagel gestorben. Heute morgen hatten sie bis 10 Uhr - Bagdader Zeit - schon wieder 5 Neuzugänge. Rechnet man das alles zusammen und bezieht es auf einen tödlichen Monat - und man bedenke, selbst auf den Najafer Friedhof, der etwa 200 Meilen südlich von Bagdad liegt, werden an Tagen, an denen es zu Schießereien kommt, 20 Tote eingeliefert, Gewaltopfer, nicht alle natürlich von Amerikanern getötet, manche sind Opfer familiärer Rache, von schießenden Dieben, oder Leute versuchen Plünderer zu stoppen und kommen dabei eher zufällig ums Leben oder sie geraten ins Kreuzfeuer -, also demnach kommen wir auf eine Zahl von mindestens 1000 getötete Iraker pro Woche.

Aber natürlich ist es nicht möglich, in die Hospitäler zu gehen - nicht nur wegen der Restriktionen für Journalisten - man kann einfach nicht jeden Morgen sämtliche Hospitäler sämtlicher irakischer Städte besuchen, und die Todeszahlen addieren. Dennoch, es ist wirklich extrem.

Heute morgen hatte ich auch so einen Fall - ein junger Mann, einziger Sohn eines Schiiten. Er stammte aus der ärmsten Gegend Bagdads. Man hat ihn unter seiner Türe getötet - keiner weiß warum. 4 sehr, sehr wütende Schiiten brachten den Leichnam zur Leichenhalle. Der eine trug eine Milizuniform, ich denke, er war Mitglied der sogenannten Badr-Brigade. ?Das ist, weil es keine Sicherheit gibt. Amerika will nicht, dass wir Sicherheit haben. Es will unsere Gesellschaft spalten. Wir werden es nicht zulassen. Wir werden uns explodierend gegen die Amerikaner werfen?, sagte er und meinte damit die Selbstmordbomber. Er war Schiit - nicht etwa Sunnit aus dem sunnitischen Dreieck.

Was hier passiert, immer mehr Irakis - zumindest die etwas Politischeren - haben das Gefühl, die Amerikaner hätten gar kein Interesse, das Sicherheitsdefizit zu beheben. Iraker, die weniger konspirativ denken, sehen die Sache etwas milder. Aber sie hegen die - in meinen Augen schreckliche - Vorstellung oder Haltung, es sei den Amerikanern so ziemlich egal, was aus den Irakern wird, dass sie zwar über Demokratie reden, die sie ihnen bringen wollen, sie befreien. Dabei interessierten sie sich aber nur für die westlichen Soldaten, die sterben. Das Leben ganz normaler Irakis interessiere sie nicht wirklich.

Und immer und immer wieder diese Beispiele - Menschen, die an Checkpoints von Amerikanern erschossen wurden. Die Amerikaner wollen nicht einmal herausfinden, wen sie niedergeschossen, getötet oder verletzt haben. Nachts gehen sie nicht auf die Straße. Gerade vor ein paar Tagen hatten wir einen sehr traurigen Fall. Ein Mann, er hat überlebt - ich habe mit seiner Familie geredet -, er ist Nachtwächter und bewachte ein Gebäude, eine Fabrik, sie wurde von Plünderern angegriffen. Er erwiderte das Feuer auf die Plünderer, dann tauchten Amerikaner auf und schossen ihn in die Brust. Vor zwei Tagen wurde er zum zweitenmal operiert, um sein Leben zu retten. Kein einziges Mal haben ihn die US-Militärs besucht. Und von niemandem eine Entschuldigung. Keiner sagt, wollen Sie vielleicht eine Entschädigung? Wir helfen Ihnen.

Aber wir kennen Fälle - vor allem in abgelegenen Gebieten, in denen es sehr rau zugeht -, wo die Amerikaner und andere westliche Truppen den Familien ihrer toten Opfer durchaus finanzielle Kompensation anboten und auch gezahlt haben. Ich denke, auch im Falle der Polizisten sind sie so verfahren. Die Dritte US-Infanterie-Division hat ja nahe Falludschah mindestens 8 Polizisten getötet - Freitag letzter Woche bzw. Donnerstag letzter Woche. Es war empörend, lange Zeit haben die Amerikaner nur immer gesagt, sie hätten keine Information zu den Todesfällen - lange, nachdem wir dort gewesen waren und bewiesen hatten, dass US-Munition einer Infanterie-Einheit bei der Tötung der Polizisten verwendet wurde. Ich habe die Zähne und das Gehirn eines der Polizisten neben der Straße gefunden*. Hätte es sich um das Gehirn und die Zähne eines Amerikaners gehandelt, ich glaube kaum, dass man das alles so einfach dort hätte herumliegen lassen.

Es ist ein generelles Gefühl. Es geht nicht darum - da widerspreche ich den Verschwörungstheorien - dass die Amerikaner den Bürgerkrieg wollen oder die Leute spalten, Gewalt erzeugen - nein. Sie werden auf die Weise ja selbst zu Opfern - wenn auch in einem unendlich kleineren Maßstab als die Iraker. Nein, die Amerikaner interessieren sich einfach nicht wirklich für die Iraker. Und das ist genau das Krebsgeschwür, das sich momentan in diese Gesellschaft hineinfrisst.

Anmerkung d. Übersetzerin: * ?Ein Rätsel - und die USA beeilen sich nicht mit der Auflösung? von Robert Fisk findet sich auf der ZNet-Seite.

Anmerkung d. Redakteurs: ** Hier wird der Begriff “Anarchie” von Fisk in seiner negativen, herrschaftlich geprägten Weise im Sinne von Chaos benutzt. Demgegenüber verstehen die weltweit engagierten AnarchistInnen unter “Anarchie” eine gewaltlose, herrschaftslose Gesellschaft. Bei ZNet findet sich im Übrigen eine eigene Seite ANARCHY WATCH mit hintergründigen und aktuellen Texten sowie vielen Hinweisen zu einem freiheitlichen Anarchismus.

Quelle: ZNet Deutschland vom 21.09.2003. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Slaughter Every Night”

>> Weitere Artikel von Robert Fisk zum Irak finden sich auf der Lebenshaus-Website unter Schwerpunkt “Irak”

>> Empfehlenswert ist es auch, in die Website des unabhängigen nordamerikanischen Senders Democracy Now! zu schauen, wo es unter anderem den zweistündigen “War and Peace Report” gibt.

Veröffentlicht am

22. September 2003

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