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Der Kameramann und der Diplomat - Zum Tod von Mazen Dana und Sergio Vieira de Mello

Von Maria Tomchick - ZNet 25.08.2003

Mazen Dana war Vater von 4 kleinen Kindern, Palästinenser und preisgekrönter Kameramann der Nachrichtenagentur Reuters. Ein US-Soldat hat ihn aus nächster Nähe erschossen, als Dana gerade die Zerstörung an einem irakischen Gefängnis - infolge eines Mörserangriffs - filmte. Sergio Vieira de Mello war gleichfalls Vater, er war Brasilianer und UN-Gesandter im Irak; er starb, als eine Lastwagenbombe unter dem Fenster seines Bagdader Büros explodierte. Zwischen dem Tod beider Männer liegen nur 48 Stunden. Irak ist derzeit ein gefährlicher Ort - ein Ort, nach wie vor im Klammergriff des Kriegs, ein Ort, an dem US-Soldaten, junge wie erfahrene, in der Falle des automatischen, tödlichen Waffengebrauchs stecken. Jedes Auto ist verdächtig. Wer zu schnell fährt oder um die Ecke biegend auf eine unmarkierte Straßensperre trifft, kann leicht mit seiner ganzen Familie im automatischen Feuer hingemetzelt werden. Du hältst dir etwas vors Gesicht, und ein verschreckter Soldat glaubt, er sieht ein nichtexistentes Gewehr, einen nichtexistenten Granatwerfer. Im Guerillakrieg sind alle Ziele ‘weich’.

Was verbindet Mazen Dana und Sergio Vieira de Mello? Viel. Mazen Dana stammt aus der Westbank-Stadt Hebron. Dort hat er die Militäreinmärsche der Israelis in die Westbank gefilmt. In den letzten drei Jahren wurde er dabei - mit der Kamera in der Hand - mehrmals angeschossen bzw. verprügelt. Sergio Vieira de Mello war der Triage*-Spezialist der UN. Er managte Flüchtlings- ströme im Kosovo, in Bangladesh, in Zypern, Peru und Sudan. Er agierte in den Nachwehen des horrenden ruandischen Genozids - ein von der damaligen Clinton-Administration ignorierter Genozid. Drei Jahre hat er damit zugebracht, Osttimor auf den felsigen Pfad der Unabhängigkeit zu führen. Beide Männer waren Zeugen von Konflikten, von Genozid - von nächtlichem Mord, die Tür wird eingeschlagen, Familien für immer auseinandergerissen, Häuser zerstört; dieser Mord hinterlässt braune Blutspuren auf der Erde. In manchen Fällen entwickeln sich Zeugen dieser Art zu Botschaftern der Toten. Mazen Danas Aufnahmen der schrecklichen Zerstörung seiner Heimat sind wie Fenster, die der Welt den schlimmsten aller permanenten Konflikte vor Augen führen, ein Konflikt, der derzeit leider durch einen anderen Krieg in den Hintergrund gerät - jener Krieg, der Dana töten sollte.

Manchmal werden diese Zeugen aber auch zu Helfern der überlebenden Opfer, Zeugen, die ihnen helfen, mit den Folgen der Gewalt fertigzuwerden. So schlüpfte Sergio Vieira de Mello in die Rolle des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge. Er leistete eine Arbeit, die mit zu der schwersten und gleichzeitig verdienstvollsten, die man sich vorstellen kann, zählt, nämlich Menschen, die halbtot sind, die heimatlos, staatenlos, vertrieben und enteignet sind, einen Rückweg zu bahnen in die Welt der Lebenden. Mazen Dana und Vieira de Mello - beides Vermittler im Grenzbereich zwischen Leben und Tod. Und beide Männer waren ‘Internationale’, Weltbürger. Es gab keine Nation, der sich Vieira de Mello restlos verpflichtet gefühlt hätte - es sei denn, der Weltgemeinschaft selbst. Für Mazen Dana - wie für die Menschen in Westbank und Gazastreifen - existiert soetwas wie ‘Nation’ ohnedies nicht, und mit jedem Tag schwindet die Hoffnung, dass es diese Nation je geben könnte. Beide Männer gehören zur Gemeinde der Furchtlosen - eine sehr kleine Gemeinde. Und damit meine ich nicht die “tapferen” Jungs, die in den Krieg marschieren - mit der Waffe in der Hand - um eine Lüge zu verteidigen. Nein, Vieira de Mello und Mazen Dana gehörten zur Gemeinschaft der Unerschrockenen, die sich in Gefahr begeben, mit nichts in der Hand als eine Kamera oder ein Stift, ein Sack Getreide, eine Handvoll Medizin, ein Leinenzelt oder ein Presseausweis. Diese Leute treten der Gewalt entgegen - mit nichts, was sie schützen könnte, außer ihrer Humanität. Für die Leute, die diesen nicht zu erklärenden Krieg führen, ist sie schlicht unbegreiflich, diese Art von Tapferkeit.

Nehmen wir George W. Bush, jener Mann, der angeblich die Verantwortung für die US-Truppen im Irak trägt. Neulich besuchte er meinen Heimatstaat Washington - nur einen Tag lang, ein atemloses Kam-sah-und- siegte. Er hielt uns einen Vortrag über die Renaturierung der Lachse - und das ausgerechnet neben einem Damm, der mehrere Lachs-Sprungstufen fast vollständig vernichtet hat. Um Seattle machte Bush einen Bogen - weil er möglichst rasch Vorstadt-Handy-Magnat und Multimillionär Craig MacCaw in die Arme schließen und von ihm $1,4 Millionen für die Wiederwahlkampagne in Empfang nehmen wollte. Und die Feigheit stand Bush aus allen Poren quellend ins verschwitzte Gesicht geschrieben, als er in seiner gepanzerten Limousine in Boeing Field einfuhr - um ganz schnell in der Air Force One zu verschwinden (schließlich wollte er vor Einbruch der Dunkelheit aus der Stadt sein). Der ‘Wilde Westen’ scheint ihm einen tödlichen Schrecken einzujagen: In 6 Stunden hatte sich Bush keinem einzigen gewöhnlichen Sterblichen von Angesicht zu Angesicht gezeigt.

Was für eine Ironie: Ausgerechnet die UN - in diesem unverzeihlichen Krieg mittlerweile von beiden Seiten unter Feuer genommen -, muss die Füße stillhalten und Colin Powell zuhören, wie er mehr internationale Truppen für den Irak fordert. Powell hat sich zum Anti-Sergio-Vieira-de-Mello entwickelt: Er ist Botschafter von nichts und Repräsentant von niemand. Die Regierung Bush ließ ihn so oft hängen, dass Powell inzwischen nicht mehr ernstgenommen werden kann. Stattdessen leiht die internationale Gemeinschaft Donald Rumsfeld ihr Ohr. Offensichtlich ist Rumsfeld inzwischen der Mann in Kontrolle in Washington D.C.. Rumsfeld könnte als Anti-Mazen-Dana bezeichnet werden: ein Mann, der uns keinen einzigen Beweis liefert, uns nie die Wahrheit sagt, der uns weder Fakten noch Zahlen liefert. Von Arabern spricht Rumsfeld nie anders als von Terroristen oder Opfern. Wenn Dana und Vieira de Mello Botschafter der Leidenden sind, Botschafter jener, die für irgendeine Art von Freiheit, für irgendeine Art von Frieden buchstäblich sterben, dann sind Rumsfeld und Powell als die Totengräber des Empire zu bezeichnen.

In einer Welt, die von Terminatoren beherrscht wird, ist es wohl schicksalhaft, dass Menschen wie Vieira de Mello und Dana - die sich ständig nur mit ihrem Verstand und ihrem Ehrgefühl bewaffnet in den Krieg begeben -, eines gewaltsamen und schrecklichen Todes sterben müssen. Hat ihr Tod Sinn? Es steht fest, die internationale Gemeinschaft wird sich an Mazen Dana erinnern - bekam sie doch mehr von seinen Aufnahmen zu sehen als wir hier in Amerika. Uns zeigt man nur Filmaufnahmen von Reportern, die mit der US-Armee ins Bett gehen. Sie liegen flach auf ihrem Rücken und lassen zu, dass ihr Gewissen unter der Last dieser Armee erdrückt wird. Mazen Dana schaffte es, eine ganze Generation von Reportern in Israel und Palästina zu inspirieren. Diese Leute haben ihn geliebt und verehrt. Seine Professionalität und sein Mut waren ihnen Inspiration. Ihm zu Ehren werden die ‘wirklichen Nachrichten’ weiter fließen - auch wenn die Welle unsere Küste nie erreicht. In gleicher Weise wird die internationale Gemeinschaft Sergio Vieira de Mello betrauern. Man hatte gehofft, er werde eines Tages, nach dessen Rückzug, Kofi Annan als UN-Generalsekretär beerben. Aber bereits jetzt hat sein Tod wichtige Konsequenzen für die internationale Gemeinschaft: Die wenigen Verbündeten, die die Regierung Bush im Irak hat, überdenken plötzlich ihren Beitrag zu diesem fehlkonstruierten Krieg. Polen zog bereits seine Truppen aus einem 1000 Quadratmeter großen Gebiet unmittelbar südlich von Bagdad ab. Japan hat seine Entsendung von 1000 Soldaten in den Irak verschoben. Auch Thailand denkt über seine ursprüngliche Zusage von 400 Soldaten nach. Selbst die Türkei - scharf auf den Zugang zu den nördlichen irakischen Ölfeldern - zaudert: Das türkische Parlament wird womöglich die Entsendung von 10 000 Soldaten ablehnen - das Militär hatte sie bereits zugesagt. Andere Nationen, die keine festen Zusagen erteilten - wie Indien, Pakistan, Ägypten, Deutschland, Russland oder Frankreich - tragen inzwischen ja die Last von Peacekeeping-Operationen in Afrika, Osteuropa oder Südostasien, dabei kaum bzw. gar nicht unterstützt von den USA. Das ist eben der Bumerang-Effekt.

Ihr Tod könnte sie beide schließlich zu Friedensbotschaftern machen - Mazen Dana und Sergio Vieira de Mello. Das sollte unsere Hoffnung sein; tragen wir dazu bei, dass sie Wirklichkeit wird.

Maria Tomchick ist Ko-Redakteurin bzw. Autorin von ‘Eat the State!’. Die undogmatische Zeitung (Schwerpunkt: politische Meinungsbildung, Forschung, Humor) erscheint zweimal wöchentlich (Sitz: Seattle/Washington). Siehe auch http://www.eatthestate.org

Anmerkung d. Übersetzerin:
*Triage - Bestimmen der Handlungsreihenfolge während einer Notlage

Quelle: ZNet Deutschland vom 29.08.2003. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “The Cameraman And The Diplomat”

Veröffentlicht am

31. August 2003

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