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Der Kollaps des Irak

Von Robert Fisk - Independent / ZNet 21.08.2003

Welches UN-Mitglied würde wohl in der jetzigen Situation darüber nachdenken, Friedenstruppen in den Irak zu entsenden? Die Männer, die im Moment Amerikas Besatzungsarmee angreifen, mögen skrupellos sein, dumm sind sie nicht. Sie wissen, die Verzweiflung Präsident Bushs wächst, er würde alles tun, selbst den verhassten Sicherheitsrat um Hilfe anrufen, um die Verluste unter den US-Soldaten im Irak zu reduzieren. Dieser jüngste Anschlag, auf das UN-Hauptquartier in Bagdad, hat die Tür zum letzten Ausweg mit einem lautem Knall zugeschlagen. Schon Stunden nach der Explosion hieß es, dies sei ein Angriff auf ein “weiches Ziel”, ein Schlag gegen die Vereinten Nationen. Natürlich war es ein “weiches Ziel” - wenngleich das Maschinengewehrnest auf dem Dach des UN-Gebäudes den Schluss nahelegen könnte, selbst die internationale Organisation militarisiert sich. Und natürlich war das gestern ein sehr schädlicher Angriff für die UN als Institution. In Wirklichkeit richtete sich die gestrige Attacke allerdings gegen Amerika - sie sollte beweisen, unter der US-Besatzungsherrschaft kann sich keine ausländische Organisation sicher fühlen - keine humanitäre Organisation, keine NGO, kein Geschäftsmann. US-Prokonsul Paul Bremer galt als “Antiterrorismus”-Experte. Aber seit er im Irak ist, hat er mehr “Terrorismus” gesehen, als er sich in seinen schlimmsten Alpträumen wird ausgemalt haben - und er ist völlig ohnmächtig dagegen. Sabotage der Pipelines, Stromsabotage, Wassersabotage, Angriffe auf amerikanische und britische Soldaten, auf irakische Polizisten - und jetzt also auch noch der Bombenanschlag auf die UN. Was kommt als Nächstes? Die Amerikaner können zwar die Gesichter der beiden toten Söhne Saddams wiederherstellen, den Irak hingegen nicht.

Dies war nicht der erste Beleg, dass inzwischen auch die “Internationalen” ins Fadenkreuz der schnell wachsenenden irakischen Widerstandsbewegung geraten sind. Letzten Monat wurde südlich von Bagdad ein UN-Mitarbeiter erschossen. Auch zwei Angestellte des Internationalen Roten Kreuzes sind ermordet worden - beim zweiten Fall handelte es sich um einen Mitarbeiter aus Sri Lanka, der auf Highway 8 in einem klar gekennzeichneten Rot-Kreuz-Fahrzeug unterwegs war; er wurde nördlich von Hilla getötet. Als man ihn fand, lief noch das Blut aus der Fahrzeugtür. Der Chefdelegierte des Roten Kreuzes, der den armen Mann auf seine Mission ins südliche Bagdad entsandt hatte, verlässt den Irak. Und das Rote Kreuz selbst sitzt derzeit in seinen Regionalbüros fest. Es ist ihnen unmöglich, auf irakischen Straßen im Land herumzureisen. Vor einer Woche wurde in Tikrit ein US-Kontraktor ermordet, letzten Monat ein britischer Journalist in Bagdad. Wer ist noch sicher? Wer kann sich jetzt noch in einem Bagdader Hotel sicherfühlen, wo gerade eines der berühmtesten Hotels, das alte Canal-Hotel (vor der Invasion Unterkunft der UN-Waffeninspektoren), in die Luft gejagt wurde? Der nächste “spektakuläre Anschlag” - gegen wen wird er sich richten? Gegen die Besatzungstruppen? Gegen die Führung der Besatzung? Gegen den sogenannten irakischen “Interimsrat” - oder gegen Journalisten?

Durchaus vorhersehbar, wie auf die gestrige Tragödie reagiert werden wird: Die Amerikaner werden uns erzählen, das alles beweise nur, wie “verzweifelt” Saddams “letztes Aufgebot” im Grunde sei. Aber wieso sollten die Angreifer aufgeben? Sind sie doch zunehmend erfolgreich bei der Zerstörung der Herrschaft der Amerikaner im Irak. Die Wahrheit ist: Natürlich sind viele Helfershelfer des alten Saddam-Regimes mit von der Partie, aber daneben umfasst die irakische Widerstandsorganisation eben auch hunderte, wenn nicht gar tausende, sunnitische Muslime, von denen viele dem alten Regime keineswegs loyal gegenüberstanden. Und auch die Schiiten engagieren sich zunehmend in anti-amerikanischen Aktionen. Wie es weitergehen wird, ist ebenso klar: Es ist den Amerikanern nicht länger möglich, die einstige Gefolgschaft Saddams für die bitteren täglichen Schlappen verantwortlich zu machen, also wird man ausländische Einmischung erfinden - saudische “Terroristen”, Al-Kaida-“Terroristen”, pro-syrische “Terroristen”, iranische “Terroristen”. Je mysteriöser die “Terroristen”, desto besser. Hauptsache, deren angebliche Präsenz lenkt von der Wahrheit ab, einer sehr schmerzlichen Wahrheit: unsere Besatzung hat eine hausgemachte irakische Guerilla-Armee hervorgebracht, durchaus fähig, die größte Macht auf Erden zu demütigen.

Nach wie vor versuchen die Amerikaner, andere Nationen mit ins Boot zu holen - ins Boot ihres irakischen Abenteuers. Aber selbst die Inder sind so schlau, die freundliche Einladung abzulehnen. Die gestrige Bombe zielte auf die Halsschlagader jeder künftigen “Friedensmission”. Die Flagge der UN sollte eigentlich Sicherheit garantieren. In der Vergangenheit war UN- Präsenz allerdings stets abhängig von der Duldung der jeweiligen souveränen Macht. Im Irak existiert keine solche souveräne Macht, also war die Legitimierung der UN zusehends an die Besatzungsverwaltung gekoppelt. Daher könnten auch manche die UN als nichts anderes betrachten als den verlängerten Arm der Macht Amerikas - zumindest die Feinde Amerikas sehen das wohl so. Als die UN-Inspektoren keine Massenvernichtungswaffen im Irak fanden und der UN-Sicherheitsrat der (geplanten) amerikanisch-britischen Invasion nicht zustimmte, verhehlte Präsident Bush seinen Spott für die Vereinten Nationen nicht. Nun ist er seinerseits nicht einmal in der Lage, das Leben von UN-Angehörigen im Irak zu schützen. Wer wird unter diesen Umständen im Irak noch investieren wollen - und wer sein Geld auf eine künftige “Demokratie” im Irak verwetten?

Quelle: ZNet Deutschland vom 24.08.2003. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Iraq Collapse”

Veröffentlicht am

25. August 2003

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