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Von Verweigerer zu Verweigerer - ein israelischer Refusenik schreibt einem amerikanischen Verweigerer aus Gewissensgründen

Von Matan Kaminer - ZNet 14.08.2003

Brief von Matan Kaminer an Stephen Funk, US Marines. Gegen Kaminer ist derzeit ein Verfahren vor einem israelischen Militärgericht anhängig.

Tel Hashomer Camp, Israel, ‘offener Vollzug’

12. August 2003

Lieber Stephen,

Nennt man das ‘Globalisierung’?

Wir leben Welten entfernt, unsere Leben unterscheiden sich massiv und dennoch befinden wir uns in der gleichen Situation: Wir sind zwei Verweigerer aus Gewissensgründen - gegen Besatzung und Imperialkrieg - und wir stehen diesen Sommer vor einem Militärgericht. Als ich dein Statement las, musste ich lächeln. Die Logik der Militärs ist im Prinzip auf der ganzen Welt dieselbe, einschließlich der Unfähigkeit zu begreifen, dass jemand den Krieg genug hasst, um sich dem Töten und Sterben (im Krieg) zu verweigern. Ich setze voraus, Du kennst meine Situation, falls nicht, setze ich Dich kurz ins Bild. Im Dezember 2002 sollte ich zur Israelischen Armee einrücken. Ich war 1 Jahr als Freiwilliger in der jüdisch-arabischen Jugendbewegung tätig. Danach entschloss ich mich zur Verweigerung. Zusammen mit anderen jungen Leuten in der gleichen Situation unterschrieb ich jenen Brief an Premierminister Scharon (‘High School Seniors’ Letter’). Um alle Missverständnisse auszuräumen, schickte ich den Militärbehörden noch einen persönlichen Brief, in dem ich ihnen mitteilte, dass ich verweigere. Man ließ mich wissen, ich würde damit bei ihnen nicht durchkommen: die Armee macht nur für Pazifisten eine Ausnahme (so behauptet sie) - und ich entsprach anscheinend nicht ihrer Definition von einem Pazifisten. Im Dezember ging es los mit “Disziplinarverfahren” (kennt Ihr das bei den Marines, diese lächerliche Institution?). Ich bekam 28 Tage Militärgefängnis - das heißt, dreimal hintereinander. Nach der dritten Haftstrafe verlangte ich, zu meinem Freund Haggai Matar zu kommen, der vor dem Militärgericht stand. In den nächsten Wochen kamen 3 unserer Freunde hinzu: Noam, Shimri und Adam.

Nun stehen wir also vor Gericht; uns erwarten bis zu 3 Jahre - wegen Kriegsdienstverweigerung. Kommt Dir bekannt vor, was? Aber nicht nur was sie uns antun, ist ähnlich, auch was sie den andern antun: (in beiden Fällen) wird ein fremdes Land besetzt und ein anderes Volk im Namen der Terrorprävention unterdrückt. Aber Leute wie Du und ich, wir wissen, das ist nur eine Ausrede. Um was es geht, sind ökonomische und politische Interessen der herrschenden Elite. Aber nicht die Elite zahlt ja den Preis, sondern die Leute in Dschenin und Fallujah, in Ramallah und Bagdad, in Tikrit und Hebron. Es sind die irakischen und palästinensischen Kinder, die man an Armen und Beinen und mit dem Kopf nach unten auf den Boden fesselt oder auf dem Weg zur Schule erschießt. Es sind aber auch die israelischen und amerikanischen Soldaten, die von Generälen, die in klimatisierten Büros hocken, als Kanonenfutter missbraucht werden. Der einzige Ausweg, den die Soldaten in ihrer Situation kennen, ist Dehumanisierung. Zuerst entmenschlichen sie die exotisch-aussehenden Fremden, die sie tot sehen wollen, dann dehumanisieren sie sich selbst. Frag Eure Vietnam-Veteranen, frag unsere Veteranen.

Stephen, Leute in unserem Alter sollten draußen sein - lernen, arbeiten, die Welt verändern. In unserem Alter sollte man auf Parties gehen, demonstrieren, sich treffen, sich verlieben, diskutieren, wie die Welt aussehen soll. Leute unseres Alters sollten keine beweglichen Ziele abgeben - ohne Menschen- und Bürgerrechte - keine vierschrötigen Militärs, deren Leib und Seele in Gefahr ist und die nicht nur ein schlechtes Gewissen mit sich herumschleppen sondern auch ein M-16. Man sollte uns nicht ins Gefängnis werfen, nur weil wir weder bereit sind zu töten noch zu sterben. Dein Verfahren ist angesetzt und wird demnächst beginnen, meines hat schon begonnen. Vielleicht kann ich Dir ein paar Tipps geben. Sieh Deinen Richtern in die Augen und nutze jede Gelegenheit zu erklären, weshalb Du hier stehst. Es sind Menschen wie Du und ich, auch wenn sie es vor sich selbst verleugnen. Laß es nicht zu. Krieg ist scheiße, und sie wissen es. Sie sollten Dich freilassen, und sie wissen es. Wenn das hier vorbei ist, werden wir wohl beide hinter Gittern landen. Dann kommen die dunklen Momente - Momente, in denen du glaubst, die Welt dadraußen hat dich vergessen, und alles, was wir getan haben - beziehungsweise, was wir uns geweigert haben zu tun -, war vergebens. Weißt Du, was ich in diesen Momenten tun werde? Ich werde an Dich denken, Stephen. Und ich bin sicher, nichts, was wir im Namen der Menschlichkeit tun, ist vergebens.

Mit allergrößter Solidarität, Matan Kaminer

Quelle: ZNet Deutschland vom 18.08.2003. Übersetzt von: Andrea Noll
Orginalartikel: “One Refuser to Another”

Veröffentlicht am

18. August 2003

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