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Gewaltfreiheit oder Nichtexistenz

Von Jim Douglass - zum ersten Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001.

“Es sieht fast aus, wie nach einer Atombombenexplosion.” Das war der Vergleich, den viele von uns zogen, als wir das Blutbad und die Zerstörungen nach dem Anschlag auf das World Trade Center sahen. War in diesem Vergleich etwas Prophetisches? Die Explosion einer einzigen Nuklearwaffe in Manhattan wäre ein Quantensprung in der Gewalt. Dieses unvorstellbare Ereignis würde im Vergleich selbst die riesige Tragödie des 11. September klein erscheinen lassen. Und doch ist es der nächste logische Schritt als Antwort auf die Vergeltungspolitik die wir gedankenlos verfolgen.

Nuklearwaffen - die nicht nur das Ende von New York City und Washington D.C. bedeuten, sondern das der gesamten Welt, - sind bereits für eine kleine Gruppe von Menschen erhältlich. Keine Milliarden-Dollar-Raketenabwehr kann eine aktentaschengroße Vernichtungswaffe davon abhalten nach Downtown Manhattan getragen zu werden. Wir leben buchstäblich am Rande des Weltuntergangs. Sind wir uns dessen bewusst? Oder werden uns unsere sogenannten Experten blindlings zum Jüngsten Gericht geleiten?

Martin Luther King Jr. verstand unsere Situation gut. Er summierte diese Ungewissheit in seiner Prophezeiung für den Rest der Menschheitsgeschichte: “Gewaltfreiheit oder Nichtexistenz”. King wusste, dass die Menschheit sich in Hiroshima jenseits der vorstellbaren Grenzen der Gewalt begeben hat. Heute fordern uns Gott und die Geschichte auf, uns genauso jenseits der vorstellbaren Grenzen der Gewaltfreiheit zu begeben. Wie Gandhi und Jesus, fühlte King, dass in Wahrheit der Gewaltfreiheit keine Grenzen gesetzt sind.

Wie schon die Propheten vor ihm, war King ein Realist. Mit Gewaltfreiheit meinte er nicht eine Welt ohne Konflikte. Er meinte eine vertiefende, weitreichende Verpflichtung, jedem Konflikt mit einem entschlossenen Mitgefühl zu begegnen, keine Kooperation mit dem Bösen, und den Versuch, durch die Augen seines Gegners hindurchzusehen. “Liebet eure Feinde” sagte Jesus; schaut durch ihre Augen hindurch, wenn ihr allem Bösen widersteht, so interpretierten das Gandhi und King. Im Atomzeitalter ist das nicht ein Ratschlag für den Idealzustand, sondern eine Grundregel des Überlebens.

Was tun wir also, wenn unsere Gegner bereit sind, ihre Ziele auch durch den Tod und das Leiden von zehntausenden und Millionen zu verfolgen, wenn sie erstmal eine Nuklearwaffe besitzen?

Jesus, der Realist schlechthin, sagte, dass wir unsere Konflikte besser beilegen. Als ein Jude in einer Ecke des römischen Reiches, wusste Jesus von Nazareth, wozu das Machtzentrum fähig war. Er wusste genau, was Rom mit Jerusalem und dem Tempel getan hätte, wenn die Gewaltspirale nicht durchbrochen worden wäre. Der Untergang jener Welt kam 40 Jahre später, mit der Zerstörung von Jerusalem. Das Ende unserer eigenen Welt ist in diesem Ereignis vorgezeichnet. Und genau wie sich die Juden zu Zeiten Jesu die Zerstörung des Tempels nicht vorstellen konnten, scheinen wir ähnlich unfähig zur Vorstellung unseres eigenen Untergangs zu sein.

Kings Prophezeiung war, wie die von Jesus, die Vision eines echten Realisten: Gewaltfreiheit oder Nichtexistenz. King wusste, dass das relativ unerforschte Gebiet der Gewaltfreiheit, die gelebte Realität der Herrschaft Gottes “im Himmel wie auf Erden”, unendlich mächtiger war, als jede Bombe auf der Erde.

Gewaltfreiheit hat seine Wurzeln im unerschütterlichen Glauben, dass jeder ohne Ausnahme ein Stück Wahrheit in sich trägt. Sogar die Stimme von Osama Bin Laden muss gehört werden, und die der entfremdeten Millionen für die er spricht, und nicht in einem Racheakt von unseren Raketen angegriffen werden. Möge Gottes Gerechtigkeit und Friede mit ihnen allen sein, genau wie mit allen von uns.

Lasst uns das Leiden der ungezählten Brüder und Schwestern, die durch unsere Politik erdrückt werden, genauso fühlen, wie unser eigenes Leid im Schatten des 11. September. Lasst den Nachdruck und die Dringlichkeit ihrer Forderungen nach Gerechtigkeit unser sein, durch eine unausdenkbare Wandlung und Vereinigung.

Lasst auf unvorstellbare Gewalt eine ungleich mächtigere Antwort der vorurteilslosen Gerechtigkeit folgen, ein Interesse an der Wahrheit, Mitgefühl für alle, und kein Zusammenwirken mit dem Bösen.

Entweder das, oder wir müssen uns darüber in Klaren sein, dass wir es so gewollt haben - das Ende der Welt. Gewaltfreiheit oder Nichtexistenz.

Quelle: The Other Side

Übersetzung: Csilla Morvai

Veröffentlicht am

09. Juni 2003

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