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Interview: Klassenkampf

mit Willie Baptist und Hans Bennett - ZNet 20.06.2003

Als Willie Baptist kürzlich den ‘Education for Justice Award’ des ‘Bread and Roses Community Fund’ verliehen bekam, sprach er über die verschiedenen Faktoren, die ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist.

Willie Baptist:
Ich bin Mitglied der ‘Gewerkschaft für Wohlfahrtsrechte in Kensington’ (KWRU) - einer starken und multi-ethnischen Organisation. Ihre Mitglieder sind arme und obdachlose Familien, einschließlich der ‘working poor’ (arbeitende Arme). Die Vereinigung befindet sich in Kensington, im Norden Philadelphias. Kensington ist das ärmste Viertel im ganzen Staat Pennsylvania. Ohne Finanzmittel hat die KWRU in den letzten Jahren ein paar großartige Dinge auf die Beine gestellt. Keiner ihrer Führer oder Mitarbeiter erhält ein Gehalt. Manche würden sagen, das sei doch verrückt. Wir sagen, wir engagieren uns - unter Berücksichtigung der Situation unserer Organisation. Bei uns gilt: entweder oder.

Ich bin 53. Ich bin ‘Produkt’ des größten Aufstands seit dem amerikanischen Bürgerkrieg gegen die Sklaverei. Damit meine ich das massive Aufbegehren armer Schwarzer während der 60ger Jahre in den Städten. Mit 17 nahm ich an diesen Unruhen teil - in Watts, Kalifornien. Am 11. August 1965 gingen 60 000 bis 100 000 Arme auf die Straße. Sie warfen Polizeiautos um und zündeten Gebäude an. Ihr lautstarker Protest richtete sich gegen die inhumanen wirtschaftlichen Bedingungen und eine extreme Polizeirepression. Den Protest hörte die ganze Welt. Und ich bin zudem ‘Produkt’ der ‘National Union of the Homeless’ (Landesweite Obdachlosengewerkschaft) und ihres starken Impulses, sich landesweit zu organisieren. Das war in der zweiten Hälfte der 80ger und in den frühen 90gern. So etwas gab es bis dahin noch nie. Wir organisierten mehr als 16 Sektoren landesweit. Beim Aufbau des Sektors New York organisierten wir Leute in allen wichtigen Obdachlosen-Unterkünften der Stadt. Über 1 200 Obdachlosen-Delegierte kamen zusammen. Ich erinnere mich noch, nach der Gründungsveranstaltung hatten 400 unserer Delegierten das Problem, nicht mehr rechtzeitig in ihre Unterkünfte zurückzukommen, um sich Schlafplatz und Abendessen zu sichern. Also beschlossen wir, alle gemeinsam mit unseren Protestschildern in der Hand zur nächsten U-Bahnstation zu marschieren; alle 400 sprangen wir über das Drehkreuz und in den Zug. Die Polizei und Sicherheitsleute machten große Augen, als sie die Obdachlosen in der Dunkelheit verschwinden sahen.

Hans Bennett:
Können Sie uns etwas über den für August geplanten Marsch sagen?

Willie Baptist:
Der Marsch findet zwischen dem 2. und 30. August statt. Er startet in Mississippi. Wir marschieren durch die Südstaaten bis nach Washington D.C., wo wir eine Woche lang eine Zeltstadt errichten werden. Wir wollen die Leute auf die zunehmende Krise im Bereich Krankenversorgung, Wohnen, Versorgung mit Nahrung und Dingen des täglichen Bedarfs aufmerksam machen - hier, im reichsten Land der Welt. Zudem feiern wir den 35. Gedenktag von Martin Luther Kings ‘Poor People’s Campaign’ im Jahr 1968. Wir lassen uns nicht ausblenden. Wer von uns in Armut getrieben wird, beharrt darauf, auch ich habe eine Stimme. Wir sagen: Armut ist eine Sache auf Leben und Tod. Keine Wohnung, keine Krankenversorgung - das ist Terrorismus. Das Armutsproblem wird zunehmend zum Bevölkerungsproblem - in den USA und weltweit.

Hans Bennett:
Kings letztes Jahr - warum hat das für uns heute so große Bedeutung?

Willie Baptist:
King hat damals einige sehr wichtige Fragen gestellt, die nach seiner Ermordung nie mehr beantwortet wurden. Kings letzte drei Jahre werden von der klassischen Geschichte am wenigsten diskutiert und verstanden: für was stand King damals? Jahr für Jahr feiert man seinen Geburtstag, aber seine drei letzten Jahre läßt man aus. In diesen drei Jahren hatte King begriffen, dass es nur begrenzt möglich ist, die Beziehung zwischen den Rassen zu verändern, wenn man die ökonomischen Grundlagen diesbezüglich unberücksichtigt läßt. Heute steigen sowohl Armut als auch Obdachlosigkeit rasant an. Der Graben zwischen Arm und Reich, er wird immer tiefer (einige Wenige haben alles, immer mehr jedoch gar nichts). In dieser Situation beeinflusst die Frage der wirtschaftlichen Ungleichheit alle anderen Fragen, so beispielsweise die Rassen- und Geschlechter-Frage. All diese Themen werden sehr nachhaltig bestimmt durch die zunehmende Macht- und Reichtumskonzentration in immer weniger Händen. Die Mächtigen haben die Macht, diese Fragen abzuspalten (damit diese Fragen nicht Teil eines großen Kampfes werden). Jede wirkliche Lösung blockt man ab.

Wir versuchen aufzuzeigen, welche Folgen Globalisierung und wirtschaftliche Ausbeutung sowie die zunehmende Kriegswirtschaft haben: hier werden Milliarden von Dollars gemacht, von denen jedoch immer weniger Leute profitieren. Immer mehr Menschen weltweit und in den USA haben keine Wohnung, sie haben keine Krankenversicherung, keinen Zugang zu Bildung und anderen Einrichtungen der Grundversorgung. Etwa drei Milliarden Menschen leben von weniger als zwei Dollar am Tag, während einzelne Menschen über ein Privateinkommen verfügen, das sich mit dem Bruttoinlandsprodukt bestimmter Staaten vergleichen läßt. Diese Diskrepanz spiegelt strukturelle Prioritäten, die es zu ändern gilt. Was wir wollen, ist, Aufmerksamkeit auf die Probleme lenken, die Folge dieser falschen Prioritätensetzung sind, und wir wollen zeigen, warum es so dringlich ist, eine Bewegung aufzubauen, die diese Prioritäten verändert. Menschenrechte gehören auf Platz 1 der Agenda - nicht etwa Macht und Geld.

Hans Bennett:
Was wollen Sie mit Ihrer Taktik eine Zelt-Stadt zu bauen erreichen?

Willie Baptist:
KWRU gehört zu den Gruppen, die gleich zu Beginn die Speerspitze der ‘Armen-Kampagne für Ökonomische Menschenrechte (‘Poor People’s Economic Human Rights Campaign’), PPEHRC, bildeten. Inzwischen nehmen mehr als 50 verschiedene Armen- und Obdachlosenorganisationen (aus Stadt und Land) daran teil. Zelt-Städte bauen wir schon, solange es uns gibt. Die Mainstream-Medien strengen sich an zu verschleiern, dass Armut und Obdachlosigkeit Folgen der herrschenden Wirtschaftsstruktur sind. Jede echte Diskussion zum Thema blockt man ab. Und die Zensur in den Konzernmedien trägt zu Anti-Obdachlosen-Gesetzen bei - siehe die vielen städtisch-kommunalen Gesetze, die dafür sorgen sollen, dass man das Thema beruhigt unter den Tisch kehren kann. Da gibt es jetzt zum Beispiel eine Verordnung, laut derer man in Downtown- Philadelphia nicht mehr länger als 30 Sekunden an einer Stelle stehen darf. Das alles trägt dazu bei, das Problem der Obdachlosigkeit zu verdrängen - aus den Augen, aus dem Sinn. Doch das Problem wird immer größer. Zelt-Städte sind ein Mittel gegen diesen Medien-Blackout, sie rücken das Problem Obdachlosigkeit wieder ins öffentliche Blickfeld. Und Zelt-Städte bringen das Thema ökonomische Ungerechtigkeit auf den Tisch, das Thema Bedürftigkeit - im Hinblick auf etwas, was den Amerikanern bzw. der amerikanischen Psyche sehr wichtig ist: Die meisten Menschen sind nämlich der Ansicht, jeder braucht ein Zuhause. Ein eigenes Heim ist Indikator für Stabilität und dafür, dass es einem wirtschaftlich gutgeht. Die Zelt-Städte jedoch verdeutlichen, immer weniger Amerikaner haben dieses Zuhause bzw., man nimmt es ihnen gerade weg. Soetwas sollte jeden betroffen machen. Die ‘Zelt-Stadt’ ist daher eines unserer KWRU-Leitsymbole. Viele von uns tragen es auch auf ihrem Shirt. Das Problem ökonomischer Deprivation kann dadurch sehr zugespitzt zum Ausdruck gebracht werden - das zeigen auch die vielen Reaktionen. Wir bleiben bei dieser Taktik.

Hans Bennett:
Haben Sie in Washington schon einen Platz für Ihre Zelt-Stadt gefunden?

Willie Baptist:
Wir suchen noch nach dem besten Platz. Wir arbeiten mit den lokalen Leuten von PPEHRC zusammen - um den strategisch besten Ort zu finden. Der Ort sollte symbolische Bedeutung haben, um unsere Botschaft zu verdeutlichen.

Hans Bennett:
Möchten Sie sonst noch etwas sagen?

Willie Baptist:
In der Frage einer echten Lösung des Armutsproblems legte sich Martin Luther King mit der ‘Heilsarmee’ an - mit deren ‘karitativem’ Ansatz. Der Ansatz der Heilsarmee hat ja viel mit Mitleid und Karitativität zu tun. Dadurch halten sie das Problem aber weiter am laufen. Statt die Armut zu beseitigen, verwaltet man sie. Demgegenüber trat King für eine gewaltfreie, multi-ethnische Armee der Armen ein. Gerade die betroffenen Menschen sollten sich bewegen, um die Dinge zu verändern, sie sollten sich an die Speerspitze der Veränderung der Prioritäten im Land stellen. King stellte sich die Frage, wie die Menschen, die unter diesem Problem leiden, es schaffen könnten, die Gesellschaft wachzurütteln, damit diese das Problem an der Wurzel packt und das Armutsproblem löst. Kurz vor seiner Ermordung hat er sich diese Frage gestellt. King hat zudem darauf hingewiesen, dass Armut keine Unterschiede macht. Jeder kann betroffen sein - im reichsten Land der Erde - unabhängig von Hautfarbe und Bildungshintergrund. So entstand die Idee einer Vereinigung der Armen. Wir von der PPEHRC haben begriffen, wir müssen zusammenstehen. Wir müssen (unabhängig von Hautfarbe, Alter, Geschlecht, etc.) unsere schwachen Stimmen zu einer einzigen starken, voluminösen Stimme vereinen, die das amerikanische Volk - den schlafenden Riesen - weckt. Dann werden wir über die Zukunft unseres Landes entscheiden.

Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte KWRU (postalisch): po box 50678, Philadelphia, PA 19132 (215) 203-1945; Website: www.kwru.org
Hans Bennett ist unabhängiger Anarcho-Journalist. Seine Beiträge/Fotos erscheinen u.a. in: Z Magazine, Alternative Press Review, INSUBORDINATION, AWOL, San Jose Mercury News. Sie können ihn (postalisch) kontaktieren unter: po box 30770 Philadelphia, PA 19104; E-mail: destroycapitalism@hotmail.com


Quelle: ZNet Deutschland vom 01.07.2003. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Bennett Interviews Baptist: Class War”

Siehe auch “Eine neue und beunruhigende Macht - Poor People’s March for Economic Human Rights” in dieser Website.

Veröffentlicht am

06. Juli 2003

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