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Michael Sattler vor 476 Jahren hingerichtet

Von Wolfgang Krauß

Tausende ließen im 16. Jahrhundert ihr Leben als gewaltfreie Märtyrer Christi. Die meisten sind völlig vergessen, obwohl ihr Schicksal durch reichlich Quellenmaterial gut belegt ist. Michael Sattler ist einer der wenigen, den man wenigstens lokal nicht vergessen hat. In der evangelischen Kirche in Rottenburg/Neckar erinnert seit 1957 eine Ge-Denk-Tafel an seine Hinrichtung. Vor 6 Jahren wurde am Ort der Hinrichtung in einer ökumenischen Feier ein Ge-Denk-Stein gesetzt.

Wenn die Märtyrer tatsächlich der Same der Kirche sind, dann ist Erinnerungsarbeit eine Investition in die Zukunft, dann gehört Erinnerung an die Opfer des “christlichen” Abendlandes zu den Hausaufgaben der “Dekade zur Überwindung von Gewalt”.


Darum hat auch Jesus, auf dass er heiligte das Volk durch sein eigen Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.

Hebräer 13, 12f.


Wenn der Türke kommt ….

Am 20. oder 21. Mai 1527 (die Quellen gehen auseinander) wurde Michael Sattler in Rottenburg am Neckar nach grausamer Folter “wie ein Ketzer zu Pulver verbrannt”.

Er blieb nicht allein: “seine Mitbrüder [wurden] durchs Schwert gerichtet, die Schwestern ertränkt, sein Weib aber nach vielem Bitten, Ermahnen und Drohen, wobei sie ganz beständig blieb, nach einigen Tagen ertränkt”.

Neben anderen Anklagepunkten, war es vor allem das Zeugnis jesuanischer Gewaltfreiheit und Feindesliebe, die sie auf den Scheiterhaufen brachte.

Sattlers Antwort auf den entsprechenden Anklagepunkt:
“Wenn der Türke kommt, soll man ihm keinen Widerstand leisten. Denn es steht geschrieben (Matth.5, 21): ‘Du sollst nicht töten.’ Wir sollen uns des Türken und anderer Verfolger nicht erwehren, sondern in strengem Gebet zu Gott anhalten, dass er wehre und Widerstand leiste. Dass ich aber gesagt habe: Wenn Kriegen recht wäre, wollt ich lieber wider die angeblichen Christen ziehen, welche die frommen Christen verfolgen, fangen und töten, als wider den Türken, das hat folgenden Grund: Der Türke ist ein rechter Türke und weiß vom christlichen Glauben nichts; er ist ein Türke nach dem Fleische. Ihr dagegen wollt Christen sein, rühmt euch Christi, verfolgt aber die frommen Zeugen Christi und seid Türken nach dem Geist.” …

Als Michael gefragt wurde, warum er nicht ein Herr im Kloster geblieben wäre, antwortete er: “Dem Fleische nach wäre ich ein Herr. Aber es ist besser so.” …

Als nun die Richter wieder in die Stube kamen, verlas man das Urteil, das folgendermaßen lautete: “Zwischen dem Anwalt kaiserlicher Majestät und Michael Sattler ist als Recht erkannt worden, dass man Michael Sattler dem Henker in die Hand geben soll. Der soll ihn auf den Platz führen und ihm die Zunge abschneiden, danach auf einen Wagen schmieden und dort zweimal mit glühenden Zangen seinen Leib reißen und danach, wenn man ihn vor das Tor bringt, ihm gleicherweise fünf Griffe geben. So ist es geschehen.”


Beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin erinnert eine Abendveranstaltung an Sattler und andere Märtyrer:

Königin-Luise-Kirche (Gustav Müller Platz, 10829 Berlin) Freitag, 30.5.03, 20:00 Uhr:

“Gewalt ist keinem Christen erlaubt”

Ein musikalisch-literarisches Gedenken an verfolgte Liebhaber der Bergpredigt
Ensemble Ouvert
Thomas Nauerth, Versöhnungsbund (Idee u. Konzeption)

>> Mehr zu dieser Kirchentagsveranstaltung


Die Zitate sind aus dem Prozessbericht des Augenzeugen Klaus von
Graveneck: “Artikel und Handlung, die Michael Sattler zu Rottenburg am Neckar mit seinem Blut bezeugt hat”, in Heinold Fast (Hg.), Der linke Flügel der Reformation, Bremen 1962 (vergriffen). Kopie beim DMFK erhältlich

Der Prozessbericht und weitere Infos auch in: Elisabeth Schröder-Kappus, Wolfgang Wagner: Michael Sattler - Ein Märtyrer in Rottenburg (1490-1527), Tübingen 1998. (62 S.), 3.50 EURO

Wolfgang Krauß, Michael Sattler - Benediktinermönch, radikaler Reformator, Staatsfeind und Erzketzer , Junge Kirche 4/90, S. 224-227, Kopie beim DMFK erhältlich.

The Radicals, Spielfilm auf VHS-Video,
Sattlers Leben und Wirken im Kontext von Bauernkrieg und Täuferbewegung, 90 min., Englische Originalfassung mit französischen und deutschen Untertiteln. 25 EURO

Veröffentlicht am

27. Mai 2003

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