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Vielleicht die Liebe

Lydia Stephan, in: Freitag. Der Ost-West-Wochenzeitung , 19 vom 02.05.2003

Vielleicht die Liebe

FRIEDENSFREUNDE - Vom »missing link« in der Konfliktbewältigung

Im Studio des Fernsehsenders ARTE sitzt der Statistiker und Demograf Albert Jacquard dem Historiker Marc Ferro gegenüber. Die Männer kommentieren in der Reihe »Die Woche vor 50 Jahren« Ausschnitte aus Dokumentarfilmen. Viel Brutalität war zu sehen gewesen, Hinrichtungen, Massaker, Menschenverachtendes. Und der Redakteur bittet den Gast um eine Zukunftsvision. Was, fragt er, müsse geschehen, damit es weniger blutige Auseinandersetzungen gibt auf der Welt. Und der Befragte antwortet, zur Verhütung von Kriegen müsse die Wettbewerbsmentalität verschwinden. Auf die Frage von Marc Ferro: »Aber wie?« meint der Wissenschaftler: »Es gibt nur eine Lösung: die Liebe!« Die Sendezeit ist abgelaufen. Der Gastgeber kann seine Überraschung im Abspann verschwinden lassen.

Einige Monate später veranstaltet die Fachhochschule Aachen einen »Tag der Forschung für die Umwelt«. Politiker und Wissenschaftler sind eingeladen. Auf dem Programm stehen Themen wie »Thermische Nutzung der Sonnenenergie«, »Wasserstoff in Flugbetrieben«, »Recyclings-Technologien«. Einer der Referenten, ein Honorarprofessor aus dem Bereich Chemie-Ingenieurwesen, hat seinem Vortrag den Titel gegeben: »Umweltprobleme: Herausforderung zur Kulturrevolution«. Da würde ein Dichterwort gut passen, hatte ich ihm vorgeschlagen, zum Beispiel die Gedanken der Marie-Luise Kaschnitz, die schon 1963 schrieb: »Muss denn dieser Stern untergehen? Er müsste nicht, müsste nicht, wenn alle bereit wären, von etwas zu lassen, was sie aber gerade deshalb nicht können, weil ein Untergang in der Luft liegt, der den Ersättlichsten unersättlich macht.« Und weiter: »Wer die Erde als Ganzes sieht, gewahrt einen riesigen Kranken, an dessen Körper in jedem Augenblick eine neue Wunde aufbricht und dessen rauer, stoßweiser Atem dem Galgenhumor der Schlagermelodien einen finsteren Kontrapunkt setzt. Ja, ein Kranker ist es, um den wir in weißen Kitteln herumsitzen. Unser Lager haben wir bei ihm aufgeschlagen, beobachten und füttern ihn, was nicht hindert, dass er eines Nachts über unsere schlafenden Glieder hinwegsteigen und das Haus in Brand setzen wird. Und vielleicht wäre er doch noch gesund geworden, vielleicht hätte ihn die Liebe geheilt.«

Der Chemiker hat meinen Vorschlag aufgegriffen und die Dichterin zitiert. Den letzten Teil allerdings, in dem von der Liebe die Rede ist, hat er weggelassen. Warum? Man könne, hat er mir erklärt, vor einem solchen Publikum doch nicht von Liebe reden. Warum tun wir uns mit diesem Begriff so schwer? Zu abgenutzt? Zu missverständlich? Welche Ausdeutung wird dem jeweiligen Anlass gerecht?

LIEBE, lese ich im Großen Brockhaus, »ist der Sammelbegriff einer Vielfalt menschlicher Gefühlsbindungen, denen die rational nur unvollständig begründbare Wertbejahung eines Objekts zugrunde liegt.« - Was verbirgt sich hinter dem Ausdruck »Liebe machen«? Dominiert die »Wertbejahung des Objekts«? Die personenbezogene Bindung an ein Subjekt? Oder ganz einfach jener Anteil des Gattungshaften, der den jungen Mann in dem Theaterstück Don Juan oder die Liebe zur Geometrie vor einer festen Bindung zurückschrecken lässt? Bei Max Frisch ahnt Juan, dass er nicht das Mädchen, sondern das Gefühl liebt, das es in ihm hervorruft. Die »Hervorrufenden« sind austauschbar. Das lässt den Mann von Frau zu Frau schweifen, und jene, die ihn schließlich fesselt, tut das, weil er etwas hat, das mehr ist als aufflackernde Leidenschaft: »die Geometrie«. »Ich liebte dich«, sagt die Protagonistin, »weil dir ein Schach wichtiger war als ein Weib.«

Das lateinische Wort »caritas« wird in klerikalen Zusammenhängen als »göttliche Tugend der Liebe« gedeutet. Der italienische Maler Giotto hat sie als Frau und - zum Zeichen der Unabhängigkeit vom Mammon - auf einem Geldsack stehend dargestellt. Was ist aus Platons EROS geworden? Vermarktet. Missdeutet. Wer kennt noch das griechische Wort AGAPE? Haben wir hier den Grundbegriff der Ethik vor uns? Oder die Bezeichnung für ein religiös ausgestaltetes Mahl für die Armen, in nachapostolischer Zeit eingeführt? Wir assoziieren Selbstloses, fast Überirdisches mit diesem Terminus. Der französische Schriftsteller und Nobelpreisträger Albert Camus, der die Liebe als humane Solidarität der Menschen gegenüber dem Absurden verstand, schrieb ein Jahr vor seinem Tode in sein Tagebuch: »Was nötig wäre: nicht nur jemand, den man liebt, ohne etwas zu verlangen, sondern sogar jemand, den man liebt und der einem nichts gibt.« Auch jemanden, der einem nach dem Leben trachtet?

Da gab es einen Soziologen in Rotterdam, dem die theoretische Beschäftigung mit seinem Fach nicht ausreichte. Er ging nach Griechenland, um Sprache und Menschen kennen zu lernen, arbeitete ein Jahr lang in einer deutschen Schuhfabrik und gründete in Frankfurt am Main eine Begegnungsstätte für Gastarbeiter, eine Anlaufstelle für heimatlose, einsame, hauptsächlich aus Griechenland stammende Männer. Er wurde kritisiert, erhielt auch Drohbriefe - es war die Zeit des Kalten Krieges, in Athen herrschte die Militärdiktatur -, so einer wurde schnell als Kommunist verdächtigt damals. Eines Tages steigt ein griechischer Student die Treppe zum Büro des Holländers hinauf. Der kommt ihm entgegen (er hatte zu diesem jungen Mann ein besonders enges Verhältnis) und wird von dem Besucher niedergestochen. Das Gericht hat später auf Unzurechnungsfähigkeit erkannt, der Täter habe Stimmen gehört und behauptet, von einer unsichtbaren Macht ferngesteuert worden zu sein. Paranoide Schizophrenie! Wie oft wird man im Zusammenhang mit Gewalttaten noch solche Erklärungen hören! Wie oft wird der Tod von Vermittlern und Friedensstiftern noch Schlagzeilen machen! Die Liste ist lang. Sie reicht von Folke Bernadotte, der schon 1948 im Auftrag der UNO zwischen Arabern und Juden vermitteln wollte über Albert Luthuli, der es in Südafrika mit gewaltlosem Widerstand versuchte bis zu Martin Luther King, Anwar as Sadat, Itzak Rabin.

Nicht immer ist physische Vernichtung angezeigt. Oft ist Schmähung das Mittel der Wahl. Man findet sie immer dort, wo Menschen ungewöhnliche Wege gehen, »Egoisten« nannte die Wehrbeauftragte der Bundesregierung jene jungen Männer, die den Dienst mit der Waffe verweigern und soziale Arbeit leisten. »Drückeberger« seien das. Ich habe einige von ihnen begleitet, beobachtet, befragt. Was tun die so, während ihre Altersgenossen beim Militär durch den Schlamm robben und ihre Ausrüstung putzen? Da gibt es welche, die gehen in der Hauspflege von Wohnung zu Wohnung. Hier liegt eine alte Frau, die gelähmt ist, dort wartet ein Rentner, der nach einem Gehirnschlag nur noch im Rollstuhl sitzen kann. Die Helfer kaufen ein, bereiten Mahlzeiten zu, putzen die Wohnung, auf dem Klo ist schon wieder etwas daneben gegangen, der Hund muss ausgeführt werden, die Zimmerpflanze braucht Wasser. Manchmal lässt das Gedächtnis einer Betreuten nach, sie kann sich nicht erinnern, das Mittagessen, das ihr der Zivi vorgesetzt hat, schon zu sich genommen zu haben. Erklären. Freundlich sein. Geduldig bleiben. Zuhören können. Für viele alte Leute sind die Zivildienstleistenden die einzigen Ansprechpartner. Es tut gut, ein Gegenüber zu haben, wenn die Vergangenheit wieder aufsteht: wie war das damals, ach, damals war alles besser. »Als mein Mann gestorben war«, erzählt eine Frau, »hat mich der Zivi in die Arme genommen. Auf eine solche Idee wäre mein Sohn nicht gekommen.«

Nein, es ist nichts Spektakuläres, was hier geschieht! Keine Systemveränderung wird sich ableiten lassen aus einer Umarmung. Man hört, dass die sozialen Dienste ohne die Mitarbeit der Zivis gar nicht existieren könnten! Aber den vielbeschworenen »Paradigmawechsel« werden sie nicht herbeiführen! Oder? Wenn das Zittern eines Schmetterlingsflügels, wie einige Chaos-Theoretiker postulieren, die Großwetterlage beeinflussen kann? Vielleicht ist es nicht so sehr das TUN, das Veränderungen hervorruft, sondern diese neue Denkungsart: da wird einmal nicht Zerstören gelehrt sondern Heilen, nicht Umbringen sondern Pflegen. Zum ersten Mal in der Geschichte, in der Militärgeschichte, der Völker können junge Männer wählen, in welchen Bereich sie sich einbringen wollen. »Ihr habt gehört, dass geschrieben steht: Du sollst nicht töten. Ich aber sage euch, wer seinen Bruder hasset, der ist ein Totschläger.« Auch für Worte wie diese wurde der Mann aus Nazareth umgebracht vor zweitausend Jahren.

Nach Beendigung ihrer Dienstzeit gehen die Wehrdienstverweigerer zurück ins sogenannte »normale Leben«, in Banken, Büros, Hörsäle, Fabriken. Sie vergessen das staatlich verordnete Wirken in einer bisher dem »Weiblichen« zugeordneten Domäne. Vergessen sie? Oder bleibt da etwas?

»Vielleicht«, so schrieb mir eine Mutter, deren Sohn sich über mangelnde Kameradschaft bei der Bundeswehr beklagte, »vielleicht sind ja diese Leute die Drückeberger.« Sie drücken sich vor der Mühsal, die in einem anderen Schwingungsbereich angesiedelt ist: der Konfliktlösung ohne Gewalt. Das kostet Zeit. Phantasie. Und - Selbsterforschung.

»Was hilft ihre Liebe? Ob ich sie liebe, gilt jetzt nur!« Diese Zeilen schrieb der zweite Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld, zehn Monate vor seinem Tode in sein Tagebuch. Er leitete die Organisation zu einer Zeit, in der sich die weltpolitischen Probleme häuften: Suezkrise, Ungarnkrise, Entkolonialisierung in Afrika, da ging es auch um Diamanten und Uran, um Vormachtstellungen und Börsengewinne. Als der Schwede während einer Friedensmission in Afrika mit dem Flugzeug abstürzte, war Eingeweihten klar, dass dies kein Unfall sein konnte. Präsident Kennedy, der diesen Verdacht äußerte, wurde bald darauf ermordet. Die Akte Hammarskjöld blieb unter Verschluss. Aus Schweden hatte ich Skizzen der Absturzstelle erhalten: hier lagen Teile der Tragflächen, dort ein Stück vom Propeller, alles minutiös dargestellt und nummeriert. Der Flugschreiber war unauffindbar gewesen, die von zahlreichen Einschüssen durchlöcherten Körper der Mitreisenden gaben Rätsel auf; der tote Generalsekretär lag seltsam unbeschädigt am Boden, die Finger krallten sich um ein Büschel Gras, in seinem Kragen steckte eine bunte Spielkarte. Erst sehr viel später fanden sich Mosaiksteine, die eine Ahnung von der Perfidie vermittelten, mit der dieser Absturz geplant und durchgeführt worden war. 1979 gab es den Film Apocalypse now, eine Darstellung des Vietnam-Krieges. In einer Szene sieht man einen Mann an einer Reihe von Toten vorübergehen. Einigen von ihnen steckt er eine Spielkarte ins Hemd. Ein Student aus Amerika, der in den Ferien in Alaska gejobbt hat, erzählte mir, dass er damals mit Vietnam-Veteranen zusammen gewesen sei. Sie haben über diesen Film gesprochen: Ja, da sei vieles so passiert, das habe sich der Filmemacher nicht ausgedacht, da war einer, der trug immer einen gelben Schal, der machte so was.

Wer hat Dag Hammarskjöld eine Spielkarte in den Hals gesteckt? Er hatte sich so bemüht. Schon früh erkannte er die Notwendigkeit von Reformen innerhalb des Apparates. Mit ausgefeilten, engagierten Reden versuchte er, die Mitarbeiter zu motivieren. Er richtete einen Meditationsraum am East River ein. Hier sollten Angehörige aller Konfessionen Gelegenheit zur Besinnung haben. Dass dennoch das gemeinsame Ziel, dem sich viele verpflichtet fühlten, allzu oft durch die unterschiedlichen Interessen Einzelner gefährdet wurde, hat der Idealist aus Schweden schmerzlich empfunden. Illusionslos meinte er: »Die UNO ist nicht dazu da, das Paradies auf Erden zu schaffen, sondern die Hölle zu verhindern.«

Dass er selbst zwischen die Mahlsteine der Interessengruppen geraten und zerrieben würde, ahnte er nicht. Erst im August 1998, als die südafrikanische Wahrheitskommission unter Vorsitz des anglikanischen Bischofs und Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu ihre Arbeit mit einer letzten Pressekonferenz beendete, erfuhr die Welt, dass der mysteriöse Flugzeugabsturz in Afrika, bei dem Hammarskjöld ums Leben kam, manipuliert worden war. Von »Mordkomplott« und »Beteiligung der Geheimdienste« war in führenden deutschen Zeitungen zu lesen.

Vermutlich hat der Aachener Professor in seiner Rede zum »Tag der Forschung für die Umwelt« den zweiten Teil des Kaschnitz-Zitates auch deshalb weggelassen, weil ihm die Erkenntnis kam, dass die ganze Veranstaltung ad absurdum geführt werden könne, wenn er diese Metapher zuließe: Da sitzen Wissenschaftler, sie referieren und argumentieren und analysieren. Und da ist der »Patient«: unsere Erde. Und wir ahnen, dass womöglich alles vergeblich sein könnte, was wir beschließen und berechnen, katalogisieren und ratifizieren, weil etwas Entscheidendes fehlt. Vielleicht die Liebe?

Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.

Veröffentlicht am

20. Juli 2003

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