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Eine Würdigung Philip Berrigans

Für die weltweite gewaltfreie Bewegung gehört Philip Berrigan zu den ganz großen Vorkämpfern und Vorbildern. Stack Kenny würdigt den im Dezember 2002 verstorbenen Philip Berrigan als jemand, dessen Hingabe an die Praxis des gewaltfreien Widerstands furchtlos und leidenschaftlich gewesen ist. Er sei stets bereit gewesen, für die Konsequenzen seines Handelns und seiner Überzeugungen einzustehen. Sein Vermächtnis an uns ist seine Überzeugung, dass Opfer von Unrecht durch ungerechte Regierungen nicht vergebens leiden und sterben, wenn andere den Widerstand gegen Gewalt und Unterdrückung nach ihnen weiterführen.

Eine Würdigung Philip Berrigans

Von Stack Kenny

6. August 1971 - Wellfleet, MA -

Meine Familie erwachte an diesem heißen sonnigen Morgen am Klang des Einschlagens von Zeltpfosten in den Sand einer unbebauten Fläche neben unserem Haus. Unsere Gäste hatten uns vorausgesagt, dass so etwas passieren könnte, und doch waren wir überrascht, diese seltsamen Männer in dunklen Anzügen, mit Sonnenbrillen und Ferngläsern, zu sehen, die sich dreist auf unserem Grundstück niederließen. J. Edgar Hoover zeigte sich wieder einmal. Unsere Gäste, Schwester Elizabeth (Liz) McAlister und Schwester Jogues Egan, beide Kolleginnen meiner Eltern, kamen bald, und spotteten über die Anwesenheit des FBI, und belustigten sich über die Wahrscheinlichkeit, dass unser Telefon abgehört werden könnte. Meine Mutter, die das nicht glaubte, nahm den Hörer auf, und hörte es knacken. Liz griff nach dem Telefon und lachte in den Empfänger hinein: “Guten Morgen Jungs, wie geht’s euch heute? Wir sind gesund und munter hier angekommen. Vielen Dank, dass ihr euch um uns kümmert.” Wieder knackte es.

Die Schwestern Liz und Jogues waren zwei Mitangeklagte in einem Gerichtsverfahren, das unter dem Namen “Die Acht von Harrisburg” bekannt war. Sie waren gegen Kaution freigekommen, und erwarteten ihren Prozess wegen der vagen Anklage der Verschwörung zum Sturz der Regierung der Vereinigten Staaten. Zu den weiteren Angeklagten gehörten Liz’ zukünftiger Ehemann, Phil Berrigan, Phils Bruder, der bekannte Theologe und Dichter Daniel Berrigan (beide wegen früherer politischer Aktionen bereits im Gefängnis), und vier weitere Personen aus der radikalen katholischen Bewegung, die seit Mitte der Sechzigerjahre aktiv am Protest gegen den Vietnamkrieg beteiligt war. Liz und Jogues waren am Cape Code, um an einer Spendenaktion für deren Verteidigung teilzunehmen, die als Teil des alljährlichen Gedenkgottesdienstes gegen die Grausamkeit der Atombomben auf Hiroshima stattfand. Dieses Doppelereignis fand auf den Dünen von Druro statt, und zu den Rednern gehörten Daniel Ellsberg und Faye Dunaway. Nach der erfolgreichen Geldbeschaffung kehrten Liz und Jogues nach New York zurück. Am nächsten Tag brach das FBI das Lager ab, und verließ das leere Grundstück neben unserem Haus. Sechs Monate später wurden alle zwölf Angeklagten von Harrisburg freigesprochen. Drei Monate danach schließlich, starb J. Edgar Hoover, und sein erklärtes Ziel, die Berrigan-Brüder für immer mundtot zu machen und sie lebenslang aus dem Weg zu räumen, blieb unverwirklicht.

6. Dezember 2002 - Baltimore, Maryland -

Mitglieder sozial engagierter Bewegungen auf der ganzen Welt betrauern den Tod des großen religiösen Aktivisten Philip Berrigan. Mr. Berrigan starb an Krebs, nach einem engagierten Leben, geprägt vom Kampf gegen die Unmoral des Militärs und der Sozialpolitik der Vereinigten Staaten während der letzten 50 Jahre. Man wird sich an ihn erinnern als einen ausgewiesenen Kritiker amerikanischer Ungerechtigkeit, und als einen der radikalsten Pazifisten des zwanzigsten Jahrhunderts. Er wurde 79 Jahre alt.

Philip Berrigans Freunde und Feinde gleichermaßen sind sich einig, dass seine Hingabe an die Praxis des gewaltfreien Widerstands furchtlos und leidenschaftlich war. Er war ein Mann von tiefer persönlicher Rechtschaffenheit, der fest von seinen Prinzipien überzeugt war, und stets bereit, für die Konsequenzen seines Handelns und seiner Überzeugungen einzustehen. Aufgrund dieser Philosophie verbrachte er über elf Jahre im Gefängnis, inhaftiert wegen verschiedener Überzeugungen auf dem Gebiet des politischen Widerstands während einer 55-jährigen Karriere im politischen Aktivismus. Während seiner Inhaftierung blieb er seiner Überzeugung treu, dass Opfer von Unrecht durch ungerechte Regierungen nicht vergebens leiden und sterben, wenn andere den Widerstand gegen Gewalt und Unterdrückung nach ihnen weiterführen. Er und sein Bruder Daniel hielten daran fest, dass die Leitlinie der Selbstaufopferung die wahre Botschaft des Evangeliums sei. Philip Berrigan wurde schließlich zu einem der großen Führer und Verfechter einer disziplinierten Gewaltfreiheit, die den Praktiken von Gandhi und Martin Luther King folgte, im Versuch, das Herz eines Feindes durch die “erlösende Kraft” freiwilligen Leidens umzuwandeln.

Philip Berrigan folgte 1955 seinem Bruder Dan in den Priesterstand und arbeitete mit Leidenschaft zehn Jahre in verarmten Ghettogemeinden in New Orleans, Washington, D.C. und Baltimore, Maryland. Seine Pflichten als katholischer Priester fasste er so auf, dass er sich in den Städten um Wohnungen für die Obdachlosen bemühte, gegen Rassismus und Ausgrenzung kämpfte, Nahrung und Kleidung an die Armen verteilte. Je intensiver er sich seiner Arbeit widmete, je mehr begann er seine Bemühungen, soziale und ökonomische Ungerechtigkeiten zu lindern, so zu sehen, “als würde man eine Krankheit mit einem Verband behandeln.” Er fühlte, dass die meisten Probleme eine tiefere Ursache hatten, nämlich die völlige Beherrschung Amerikas durch die Maschinerie der Militärindustrie, welche den verhungernden Armen das Geld für Nahrung wegnahm.

Um das Jahr 1965 schloss er sich einer Gruppe religiöser Kleriker an, und half mit, die erste größere Protestaktion gegen den Vietnamkrieg zu organisieren, die in New York City stattfand. Er begann sich vehement gegen die U.S.- Außenpolitik auszusprechen, indem er sagte, es sei geistig absurd, wenn die Regierung behaupte, “den Armen daheim zu helfen, während sie die Armen im Ausland bombardiert.” In den folgenden zwei Jahren verwandte er seine ganze Energie darauf, verschiedene legale Protestaktionen gegen die amerikanische Militärpolitik zu organisieren. Und dann, dem Aufruf seines Bruders Dan folgend, es sei notwendig, “aus dem moralischen Schlaf zu erwachen und Frieden in die Welt zu bringen”, schritt Phil Berrigan am 27. Oktober 1967 zu einer radikalen Tat. Bei seinem ersten völlig auf Konfrontation ausgerichteten und illegalen Akt der Rebellion brachen er und drei andere Männer in das Zollamt in Baltimore ein. Sie gossen frisches Blut über Wehrerfassungsakten, und zerstörten damit Regierungseigentum. Nach seiner Verhaftung verlas Phil eine Erklärung und beklagte: “Amerika würde lieber sein Reich der Profite in Übersee schützen, als sich um seine schwarze Bevölkerung zu kümmern, seine Slums wieder herzurichten, und seine Luft und sein Wasser rein zu halten. Wir laden unsere Friedensfreunde dazu ein, von der Missbilligung zum Widerstand überzugehen.”

Sieben Monate später, während er gegen Kaution aus der Haft entlassen war, brachen Phil, Dan und sieben weitere Geistliche und ehemalige Geistliche (von denen die meisten viel bei den Armen Lateinamerikas gearbeitet hatten), in die Wehrerfassungsämter in Cantonsville, Maryland, ein, und zerstörten 378 Wehrerfassungsakten, indem sie diese symbolisch mit selbst gemachtem Napalm verbrannten. Als die Polizei ankam, beteten sie gemeinsam, und verlasen eine Erklärung, in welcher sie Protest erhoben gegen die Bombardierung unschuldiger Kinder auf der ganzen Welt, und gegen die Militärallianzen der USA mit rechtsgerichteten Diktaturen, die die armen Völker Lateinamerikas, Südamerikas, Afrikas und Indochinas unterdrückten.

Als sie auf Berufung wieder frei waren, beschlossen beide Brüder, in den Untergrund zu gehen, um so der Verfolgung zu entgehen, und markierten damit den Anfang von Hoovers Obsession, der Arbeit der Berrigans ein Ende zu setzen. Zwischen 1970 und 1971 gab Hoover Millionen Dollar aus, im Versuch die Berrigans zu “fangen”, und setzte sie auf die Liste der zehn Meistgesuchten des FBI, und stellte sie auf eine Ebene mit den “schlimmsten Feinden des amerikanischen Volkes: Henry Dillinger, die Rosenbergs und Martin Luther King.” Während dieser Zeit verstärkte das FBI massiv die Überwachung und das Abhören der Telefone im ganzen Land. Während der Jagd auf die Berrigans wurden wahllos und illegal Telefonleitungen abgehört, Leute wurden beschattet, verhört und bedroht, ihre Freunde und Familienangehörige standen unter ständiger Überwachung, und Bankkonten wurden eingefroren unter dem Verdacht, man ließe den Brüdern Geld zukommen. Mit Richard Nixons paranoidem Segen ließ Hoover über 100 föderale Gerichtshöfe einberufen, um den heimischen Widerstand gegen die Politik der Regierung zu ersticken. Vor Gericht kamen Mitglieder der “Black Panthers”, und der “Vietnam Veterans Against The War”, Daniel Ellsberg und Anthony Russo (im Zusammenhang mit den Pentagon-Dokumenten), Martin Luther King, die Gruppen “Students for a Democratic Society” und “The Clergy and Laymen Group Concerned About War”, sowie eine Menge anderer politischer Gruppen und Einzelpersonen, einschließlich Philip und Daniel Berrigan. Als Hoover 1972 starb, schätzte man, dass für mehrere Tausend Amerikaner Akten angelegt waren, die mit der Antikriegsbewegung sympathisierten.

Nichtsdestotrotz fanden die radikalen Ideen der Berrigans viele Anhänger, und die Bewegung wurde nach ihrer Festnahme und Inhaftierung 1970 sogar noch stärker. Zwischen 1969 und 1971 wurden von religiösen Gruppen Anschläge auf verschiedene Dienststellen und militärisch genutzte Industrieanlagen in Washington D.C., Los Angeles, Silver Springs, MO, Chicago, New York City (viermal), Akron, Ohio, Indianapolis, Boston, Rochester, NY, Auburn, NY, Philadelphia, Midland, Michigan, Providence, RI, Evanston, Indiana, San Jose, CA, und Camden, NJ verübt. Während der folgenden Jahre führten Sympathisanten im gesamten Land im Namen der Berrigans viele weitere gewaltfreie Protestaktionen durch.

Philip Berrigan wurde zu neun Jahren, und Daniel zu drei Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung heiratete Phil Liz McAlister und gründete mit einer Handvoll anderer Mitglieder ihrer Aktivistengemeinde das “Jonah House”, ein kommunales religiöses Zentrum im Herzen der Innenstadt Baltimores. Dieses wurde bis zum Ende seines Lebens zum Mittelpunkt von Phils politischem Wirken. Nunmehr aus dem Kirchendienst ausgeschieden, hatten Phil und Liz drei Kinder und brachten sich und ihre Friedensarbeit als Maler durch. Noch mit über siebzig Jahren konnte man Phil, wenn er nicht gerade im Gefängnis war, oft auf der Leiter finden, mit einem Malerpinsel in der Hand.

Seit 1973 hat das Jonah House über 100 politische Aktionen initiiert, die meisten über Phils und Liz’ Organisation “Plowshare Movement” (“Pflugschar-Bewegung”), eine internationale Gruppe von Anti-Atomwaffen-Aktivisten, deren Bewegung sich auf einem Aufruf des Propheten Jesaja in der Bibel gründet: “Schmiedet die Schwerter zu Pflugscharen.”

Nach dem Ende des Vietnamkriegs, in der Zeit als Amerika auf die Ambivalenz von Reagans falschem Versprechen eines ökonomischen Materialismus eingestellt war, wurde die moderne Kultur (durch die Einwirkung der amerikanischen Presse) des politischen Aktivismus überdrüssig. Doch auch in den achtziger- und neunziger Jahren fuhren Phil, Liz, und ihre kleine furchtlose Gruppe fort, militärische Einrichtungen, Flotten, - und Luftwaffenstützpunkte sowie Militärindustriekomplexe, die Massenvernichtungswaffen planten, herstellten, und sie in der ganzen Welt verkauften, aufzusuchen, um gegen sie zu protestieren und symbolisch Regierungseigentum zu zerstören.

Von den Medien mit abnehmendem Interesse verfolgt, haben in den letzten zwei Jahrzehnten einhundert “Plowshare”- Mitglieder weiterhin MX- Marschflugkörper, Trident U- Boote, und B52- Bomber Beschädigt, und mit Blut übergossen. Nach jeder Aktion beteten die Demonstranten, verlasen ein Statement gegen die Produktion und den unterschiedslosen Verkauf solcher verheerender Tötungswaffen, und erwarteten dann ihre Festnahme. Hinter jeder Aktion steht für die Mitglieder von “Plowshare” eine Motivation, die ihren Ursprung in den Evangelien hat, und damit auf einem tiefen Verantwortungsgefühl für die Belange der Ärmsten und Schwächsten basiert. Viel von ihrer Arbeit geschieht aus dem Glauben an das Wort “Selig sind die Friedfertigen, und selig sind die Verfolgten.” Eine Serie von Anschlägen auf Luftwaffenstützpunkte in North Carolina und New Jersey in den Jahren 1994 und 1995 brachten Philip Berrigan zum letzten Mal ins Gefängnis. Erst zwei Monate vor der Krebsdiagnose und seinem schnellem Tod im Jonah House, letztes Jahr zur Weihnachtszeit, kam er wieder frei.

Phil Berrigan wurde unerschrocken, starrköpfig, mutig, der Erde und dem Himmel verbunden, ein Prophet, ein Schurke, ein rauer und zäher Reformer und Organisator genannt, der immer wusste wo es langgeht. Sein Einfluss auf das zwanzigste Jahrhundert ist in seinem Appell für gewissenhaftes Handeln für den Frieden unbestreitbar. Bischof Charles Browell schrieb über die Brüder: “Phil und Dan Berrigan scheinen für viele am Rande der Gesellschaft zu stehen, in Wirklichkeit aber sind sie die wahren Propheten des Friedens in unserer Zeit. Ins Gefängnis gesteckt zu werden ist nicht ungewöhnlich für einen Propheten.”

Nun, da unser Planet am Rande der nuklearen Zerstörung steht, und die Armen und Heimatlosen und Entrechteten kämpfen müssen, um sich am Rand der Gesellschaft am Leben zu erhalten, erscheint es mehr denn je notwendig, dass der Geist der besorgten Welt nicht von Selbstzufriedenheit erfüllt wird. Es ist unabdingbar, dass wir alle fortfahren für den Frieden zu arbeiten, ganz gleich, ob dieses Ziel zum scheitern verurteilt zu sein scheint. Wir werden uns auf die vielen Quellen der Inspiration und der Stärke verlassen müssen, die uns helfen, diesen Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit fortzuführen. Das Leben und die Hingabe Philip Berrigans ist sicherlich eine dieser Inspirationen.

Sein Bruder Dan fasste es so zusammen: “Wir können die Welt nicht retten. Wir können keine großen Dinge vollbringen…Wir können nicht das tun, was wir in besseren Zeiten glaubten, tun zu können. Die Meisten von uns werden einen ernsthaften Wandel zu mehr Menschlichkeit in unserem Land nicht mehr erleben. Aber das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist die Integrität und die Folgerichtigkeit unseres Tuns, die Fähigkeit sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und gestärkt zu sein vom Wissen um die Wichtigkeit unserer Aufgaben.”
Amen.

Aus: “Spare Change”, Boston, 3.- 16. April 2003

Übersetzung: Heidi Schimpf, Stuttgart / Csilla Morvai, Gammertingen. Herzlichen Dank für die Übersetzungsarbeiten!

Veröffentlicht am

25. Mai 2003

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