Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Wächst uns durch Konsum Rettung zu?

Ein Interview mit Nrinder Nindy Kaur Nann
von Aziz Choudry - ZNet Kommentar 08.05.2003

Ich Idiot!
Da sitz’ ich nun und denke, es sei mehr denn je wichtig, sich zu organisieren, zu mobilisieren, auf die Straße zu geh’n und unseren Widerstand zu äußern - kollektiv. Dann gehe ich in ein paar US-Supermärkte und bin erschlagen durch die schiere Menge an Produkten, die uns suggerieren: als besorgter Konsument kannst du die Welt auf individuelle Weise retten, indem du möglichst viel einkaufst. Dabei hab’ ich immer gedacht, der Konsum sei maßgeblich schuld an der von uns erzeugten ökologischen und sozialen Katastrophe: Die Erde, auf der wir leben, wird mehr und mehr zur Müllhalde - eine alarmierend zunehmende Entwicklung - Flüsse und Seen sind verseucht und sterben, viele Tiere, Fische, Pflanzen und Bäume gehen zugrunde. Die Produkte in den Regalen sagen uns hingegen Dose für Dose, Glas für Glas, Plastikverpackung für Plastikverpackung und Kiste für Kiste: wenn du dieses Produkt hier kaufst, leistest du einen besonderen Beitrag für eine bessere Welt. Wirklich? Bei jedem Gang zum Supermarkt wird uns suggeriert, die Ressourcen des Planeten seien unerschöpflich; zudem suggeriert man uns, die Riesenmenge an Verpackung, durch die wir uns normalerweise wühlen, bevor wir zu dem einen Ding gelangen, das wir eigentlich wollen, würden sich auf wundersame Weise entsorgen (ohne dass Mensch und Umwelt litten) - von den Kosten für Erzeugung, Anschaffung und Resteentsorgung der Produkte ganz zu schweigen. Unsere persönliche und politische Identität ist inzwischen unentwirrbar mit unserem Kaufverhalten verbunden - mit der Frage, was wir kaufen und wo wir es kaufen. Konsum als Substitut für Demokratie, als Ersatz für Emotionalität und politisches Engagement. Die Konzern-Medien informieren uns ständig, der Konsument sei die Triebfeder einer starken Wirtschaft. Konsum wird so zur Pflicht, zum Lebensinhalt.

Die USA stellen weniger als 5 Prozent der Weltbevölkerung. Aber in den USA werden fast 25 Prozent der fossilen Brennstoffe verbraucht und mehr als 30 Prozent des Papiers, und hier wird auch 50 Prozent des Weltmülls produziert. Trotzdem konsumieren wir vom Aufstehen bis zum Zubettgehen (vorausgesetzt, wir haben überhaupt ein Bett, in das wir uns legen können und ein bisschen Geld), und haben dabei noch das schöne Gefühl, irgendwen oder irgendetwas zu retten. So will uns etwa eine Firma, die Mandelbutter vermarktet, weismachen, sie setze sich für den Erhalt von Farmland ein: “Tag für Tag werden 5000 Acres Farmland als Baufläche verkauft. Informierte Konsumenten können durch enthusiastische Nachfrage dazu beitragen, unser bäuerliches amerikanisches Erbe zu bewahren und Bauernfamilien auf ihrem Hof zu halten. Landwirtschaft kann auf die Art wieder zu einer existenzsichernden, wirtschaftlich überlebensfähigen Sache werden” - so steht es jedenfalls auf dem Deckel dieses Glases. Ein organischer Schokoladensirup - Plastikflasche - teilt mir mit: “Im Interesse der Menschen und des Planeten wird 1 Prozent unseres Profits an Naturschutzorganisationen gespendet. Wir alle können unseren Beitrag für die organische Landwirtschaft und für eine gesunde Umwelt leisten”. Im Regal gleich um die Ecke eine Packung Pasta. Die Firma, die sie herstellt, gibt jährlich etwa $25 000 für Umweltstiftungen aus. Aber am besten gefällt mir der Schokoriegel, umhüllt von einer Verpackung, die mir sagt, diese Firma macht sich für Organisationen stark, die gefährdete Tierarten und deren Lebensräume schützen und erhalten: “Unsere Anstrengungen und ihr Kaufverhalten machen es möglich, die Welt zu verändern - und zwar Schokoriegel für Schokoriegel”. In einem andern Gang des Supermarkts liegt eine Zahnpastatube, deren Hersteller sich sehr um die nationalen Flüsse und Wassereinzugsgebiete sorgt und sie zu schützen und zu renaturieren trachtet. Den Slogan ‘Mit der Natur arbeiten wir für Veränderung’ hat sich die Firma sogar patentieren lassen. Nebenan ein Toilettenpapier, das angeblich “sparsam mit unseren natürlichen Ressourcen umgeht und Umweltverschmutzung reduziert”. Auch dieser Hersteller hat den Slogan ‘Sie sind es, die den Unterschied machen’ patentieren lassen. Dabei bemüht man sogar Zitate aus dem ‘Großen Gesetz’ der Irokesen-Konföderation. Die Plastikverpackung bedankt sich bei den Konsumenten “für ihr Engagement, das dazu beitragen wird, die Welt zu einem gesünderen und sichereren Ort zu machen - für diese und die nächsten 7 Generationen”.

Vielleicht stecken hinter einigen dieser Produkte tatsächlich anständige Menschen, denen wirklich an unserem Planeten gelegen ist. Vielleicht kann man sogar argumentieren, diese Verpackungsbotschaften tragen dazu bei, die Öffentlichkeit auf soziale und ökologische Anliegen aufmerksam zu machen. Andererseits vermarkten sich auf diese Weise ganz bestimmte Unternehmen (vor allem transnationale Konzerne, mit ihren riesigen Public-Relations- und Werbe-Budgets (die Liste ist Legion)) als ‘gute Konzern-Bürger’. Diese Leute machen sich Sorgen um ihre Profite bzw. über die wachsende Firmen-Unzufriedenheit der Konsumenten. Vielleicht am gefährlichsten: Die Vertreter des sogenannten ‘ethischen Shoppens’. Sie redefinieren Aktivismus als passives Handeln des Einzelnen, als ein Engagement durch Konsumverhalten - man engagiert sich und kauft ein bestimmtes Produkt oder eben nicht. Der industrielle Komplex dieses ethischen Shoppens hat eine wahre Marktnische aufgetan. Er verkauft stylisierte politische Botschaftungen und Einstellungen an jene Menschen, die es sich leisten können. Ist ‘ethisches Shoppen’ ein erster Schritt zu politischem Bewusstsein und zur politischen Tat oder ist es vielmehr eine Sackgasse? Es gibt tatsächlich Leute, die glauben, man könne den Menschen der Südhalbkugel Gerechtigkeit widerfahren lassen, indem wir hier im Norden ‘fair gehandelte’ Produkte kaufen und Nike und Reebok boykottieren. Aber wie kann das klappen, dass man durch so ein Verhalten die Bauern in ihrem Kampf für ihre Rechte unterstützt und die Arbeiter im Kampf für ihr Recht auf Organisierung? In welcher Weise berührt ‘ethisches Einkaufen’ im Norden den Kolonialismus? Oder Strukturanpassungsprogramme? Oder den Imperialismus? Wie steht ‘ethisches Einkaufen’ zu Armut in der eigenen Gesellschaft - in der überhaupt nur jene Menschen diese Produkte kaufen können, die über das entsprechende Geld verfügen? Hinzu kommt: Bei vielen Kampagnen zu ‘fair trade’ und ‘ethischem Shoppen’ ist ein Hang zu Klassendenken und elitärem Gehabe registrierbar. Diejenigen von uns, die sich mit ihrem armseligen Einkommen nur gerademal die allerbilligsten Marken leisten können - bzw. überhaupt nichts einkaufen, weil sie sich das Zeug entweder nicht leisten können oder nicht wollen oder weil sie es sich selber herstellen -, verhalten sich demnach also politisch weniger korrekt als unsere bessergestellten Brüder und Schwestern, die mehr Geld zum verschleudern haben? Und noch eine Frage: Seit wann ist die Privatwirtschaft unsere Repräsentantin in Fragen des politischen Handelns, seit wann unser Finanzkanal, wenn es um Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit geht?

In ‘Upside Down - A Primer for the Looking-Glass World’ schreibt Eduardo Galeano: “Diese Experten wissen, wie man Handel in einen Zauberstab gegen Einsamkeit verwandelt. Die Dinge werden vermenschlicht: sie sind jetzt zärtlich, verständnisvoll, sie sind Helfer und Begleiter. Dein Parfüm küsst dich, dein Pkw läßt dich nie im Stich. Für die Kultur des Konsums stellt Vereinzelung den lukrativsten aller Märkte dar. Das Loch im Herzen wird durch Dinge gestopft - oder doch wenigstens mit dem Traum von ihnen”. Aber sind die Produkte, die sich dem ‘ethischen Shopper’ aufdrängen, wirklich so anders? Dazu ein Artikel, der neulich in THIS-Magazin (‘Business As Usual’, November/Dezember 2002) erschien. Darin schreibt Jim Stanford, Ökonom der ‘Canadian Auto Workers’ (Gewerkschaft): “Die Vorstellung, Konsumenten könnten via isolierter, einzelner Kaufentscheidungen signifikanten Einfluss auf Unternehmen ausüben, ist einfach illusorisch. Natürlich stellt unsere kollektive Kaufkraft ein Werkzeug im Kampf für Veränderung dar. Aber das ist etwas ganz anderes, als wenn wir uns einzeln in Bewegung setzen und unser Geld möglichst politisch korrekt ausgeben”.

Soziale und ökologische Gerechtigkeit sind zwei Dinge, die es nicht als Ware auf dem Markt zu kaufen gibt, man kann sie auch nicht verkaufen. Man kann sie nicht zu Hause aufbereiten wie Bohnen aus der Büchse oder wie ein Päckchen Nudeln. Die Entscheidung, welche Organisationen oder welche Sache es zu unterstützen gilt, dürfen wir nicht Warenherstellern, die die Läden beliefern, überlassen. Vielmehr gilt: Wir müssen weniger konsumieren und uns mehr organisieren.


Quelle: ZNet Deutschland vom 13.05.2003. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Salvation Through Consumption?”

Veröffentlicht am

15. Mai 2003

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