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Mein Land: die Welt

von Howard Zinn - Tom Paine / ZNet 07.05.2003

Unsere Regierung hat ihren Militärsieg über Irak erklärt. Ich bin Patriot, also werde ich nicht mitfeiern. Stattdessen werde ich die Toten beklagen - die amerikanischen GIs und die toten Iraker - die Zahl Letzterer liegt unvergleichlich höher. Ich beklage die irakischen Kinder - nicht nur die toten auch die geblendeten, entstellten, verstümmelten, traumatisierten. Ich betrauere sie ebenso wie jene bombardierten Kinder in Afghanistan, die, wie reisende Amerikaner uns berichten, ihre Sprache verloren. Die amerikanischen Medien verhehlen uns das wahre Ausmaß des Leids unserer Bombardierungen. Um darüber zu erfahren, müssen wir die ausländische Presse lesen.

Bezüglich der toten Amerikaner gibt man uns präzise Zahlen an - nicht so bezüglich der toten Iraker. Erinnern wir uns, wie Colin Powell nach dem ersten Golfkrieg von einer “geringen” Zahl US-Toter sprach. Als man ihn nach den getöteten Irakern fragte, sagte er: “Das ist eine Sache, die mich wirklich nicht sonderlich interessiert”. Wenn ich als Patriot an die toten GIs denke, soll ich mich da mit dem Satz trösten: “Sie sind für ihr Land gefallen” (verständlicherweise werden es ihre Angehörigen so sehen)? In diesem Fall würde ich mich selbst in die Tasche lügen. Die Toten dieses Kriegs starben keineswegs für ihr Land - vielmehr für ihre Regierung. Sie starben für Bush, Cheney und Rumsfeld.

Sie starben für gierige Ölkartelle, für die Expansion des ‘American Empire’, für die politischen Ambitionen unseres Präsidenten. Und sie mussten sterben, damit niemandem auffällt, wie unser Land bestohlen wird - wie dessen Reichtum missbraucht wird für die Anschaffung von Todesmaschinen.

Sterben für sein Land versus sterben für seine Regierung - dieser Unterschied ist meines Erachtens entscheidend, wenn es um die Definition von Patriotismus und Demokratie geht. Laut unserer ‘Unabhängigkeitserklärung’, die ja die Grundlage unserer Demokratie ist, sind Regierungen nur künstliche, durch das Volk installierte Konstrukte, “die ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten”. Das Volk beauftragt sie, allen zu gleichen Rechten zu verhelfen - zum Recht auf: “Leben, Freiheit, Streben nach Glück”. Darüberhinaus sagt unsere Unabhängigkeitserklärung, “dass wenn irgendeine Regierungsform sich schädlich erweist, es das Recht des Volkes ist, sie zu ändern oder abzuschaffen”.

Eine Regierung, die rücksichtslos mit dem Leben ihrer jungen Menschen umgeht - aus krassen Motiven der Macht und des Profits - verstößt gegen das nationale Versprechen (wobei sie natürlich stets betont, sie handle aus edlen und moralischen Motiven (siehe ‘Operation gerechte Sache’ im Fall der Panama-Invasion und nun also ‘Operation Freiheit für Irak’)). Unser Land muss an erster Stelle stehen - ebenso das Volk und unsere Ideale,wie Unantastbarkeit des menschlichen Lebens und Förderung der Freiheit. Krieg stellt (fast) immer einen Verstoß gegen diese Versprechen dar (vielleicht gibt es einige wenige Sonderfälle, in denen man tatsächlich von Selbstverteidigung sprechen könnte). Auch das Streben nach Glück wird verhindert - was bleibt, sind Trauer und Verzweiflung.

Der Irakkrieg ist gewonnen - sollen wir jetzt in Begeisterung ausbrechen ob der Militärmacht Amerikas und darauf beharren, ein US-Imperium werde uns allen zugutekommen - obwohl die Geschichte moderner Imperien genau das Gegenteil lehrt?

Die Akte Amerikas berechtigt keineswegs zu der Hoffnung, die Anmaßung, man werde dem Irak Demokratie schenken, sei mehr als eine Anmaßung. Und sollen sich Amerikaner über die Expansion unserer nationalen Macht freuen - während überall in der Welt die Wut wächst? Sollen wir uns freuen über unser enorm gestiegenes Militärbudget zu Lasten von Gesundheit, Bildung und Kinder (1/5 unserer Kinder wachsen in Armut auf)? Meine Meinung: Patriotische Amerikaner, denen ihr Land wirklich am Herzen liegt, sollten durch eine alternative Vision gelenkt handeln. Wäre es nicht schöner, man würde uns für den Einsatz für Menschenrechte achten anstatt uns für unsere militärische Dreistigkeit zu fürchten?

Wäre es nicht endlich an der Zeit, das Wort ‘Patriotismus’ neu zu definieren? Es darf nicht länger auf den Schmalspurbegriff des Nationalismus verkürzt werden - der schon soviel Leid und Tod erzeugt hat. Staatsgrenzen sind inzwischen kein Handelshindernis mehr - das nennt man Globalisierung - warum also nicht auch Mitgefühl und Großzügigkeit entgrenzen?

Wäre es nicht an der Zeit, alle Kinder dieser Welt so zu sehen, als wären sie amerikanische Kinder? In dem Falle wäre ‘Krieg’ sicher keine Option zur weltweiten Problemlösung mehr. Schließlich stellt der moderne Krieg immer einen Angriff auf Kinder dar. Der menschliche Verstand müsste nach neuen Lösungswegen suchen.

Tom Paine nennt jene Rebellen, die sich gegen die Herrschaft des Imperiums auflehnen, “Patrioten”. Und er weitet den Begriff des Patriotismus aus, indem er sagt: “Mein Land ist die Erde. Meine Landsleute die Menschheit”.

Howard Zinn ist Historiker und Autor des Buchs: ‘A People’s History of the United States’

Quelle: ZNet Deutschland vom 11.05.2003. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “My Country: The World”

Veröffentlicht am

14. Mai 2003

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