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“Das Gewissen und der Vietnamkrieg”

 Martin Luther King hat im Frühjahr 1967 sein öffentliches Schweigen zum Vietnamkrieg beendet. Der hier dokumentierte Vortrag entstammt einer Reihe von insgesamt fünf Rundfunkreden, die im November und Dezember 1967 durch die Canadian Broadcasting Corporation ausgestrahlt wurden. Der Vortrag zeigt, dass King zu einem der radikalsten Gegner des Vietnamkrieges geworden ist. Eine Stimme gegen den Krieg und für die Gewaltfreiheit, die auch angesichts der heutigen Politik der "präventiven" Angriffskriege nichts an Aktualität verloren hat.

Das Gewissen und der Vietnamkrieg

Martin Luther King - Herbst 1967

Es ist nun schon viele Monate her, dass ich mich im Gewissen genötigt sah, mein Schweigen zu beenden und öffentlich gegen den Krieg meines Landes in Vietnam Stellung zu beziehen. Die Gründe, die mich zu dieser schweren Entscheidung führten, sind noch nicht verschwunden, im Gegenteil, sie sind durch den Lauf der Ereignisse seit damals noch schwerwiegender geworden. Der Krieg selbst hat sich intensiviert, der Druck auf mein Land ist noch mörderischer.

Ich kann nicht über die großen Themen der Gewalt und Gewaltlosigkeit, sozialen Änderungen und Zukunftshoffnungen sprechen, ohne dabei an die ungeheuerliche Gewalttat von Vietnam zu denken.

Seit dem Frühling 1967, als ich zum ersten Mal meine Opposition gegen die Politik meiner Regierung in der Öffentlichkeit bekannt machte, haben schon viele die Klugheit meiner Entscheidung in Zweifel gezogen. "Warum gerade Sie?" sagte man. "Friede und Bürgerrechte gehen nicht Hand in Hand. Verletzen Sie nicht die Sache Ihres Volkes?" Und wenn ich solche Fragen hörte, war ich immer tief traurig, denn sie bedeuten, dass die Fragenden mich, meine Absicht oder meine Berufung nie wirklich gekannt haben. Ja, diese Frage weist sogar darauf hin, dass sie die Welt nicht kennen, in der sie leben. Wenn ich meinen Standpunkt vertrat, versuchte ich immer zu erklären, dass ich bestürzt bin - wie jedermann, glaube ich, bestürzt sein muss - über die Verworrenheiten und Unklarheiten der Vietnam-Frage. Ich möchte das Bedürfnis nach einer gemeinsamen Lösung dieses tragischen Konflikts nicht unterschätzen. Ich möchte weder Nordvietnam oder die Nationale Befreiungsfront als Muster an Tugend hinstellen, noch die Rolle missachten, die sie bei einer erfolgreichen Lösung des Problems spielen können. Während sie beide berechtigte Gründe haben mögen, der Gutgläubigkeit der Vereinigten Staaten zu misstrauen, legen das Leben und die Weltgeschichte beredtes Zeugnis davon ab, dass Konflikte nie ohne vertrauensvolles Geben und Nehmen von beiden Seiten gelöst werden.

Da ich Prediger aus Berufung bin, dürfte es wohl nicht überraschen, dass ich verschiedene Gründe habe, Vietnam in mein moralisches Blickfeld zu ziehen. Da ist vorerst eine sehr augenfällige, ja fast mühelose Verbindung zwischen dem Krieg in Vietnam und dem Kampf, den ich und andere in Amerika geführt haben. Vor einigen Jahren gab es in diesem Kampf einen strahlenden Augenblick. Es schien, als bestünde eine wirkliche Aussicht auf Besserung für die Armen, die schwarzen wie die weißen, durch das poverty program. Es gab Experimente, Hoffnungen, Neuanfänge. Dann kam die Eskalation in Vietnam, und ich musste zusehen, wie das Programm zerschlagen und inhaltlos gemacht wurde, als wäre es irgendein politisches Spielzeug in den Händen einer Gesellschaft, die auf Krieg versessen war, und da wusste ich, dass Amerika niemals die nötigen Mittel oder Energien für die Rehabilitierung seiner Armen einsetzen würde, solange Abenteuer wie Vietnam fortlaufend Menschen und Kenntnisse und Geld schlucken wie ein dämonisches, zerstörerisches Saugrohr. Und so war ich immer mehr gezwungen, im Krieg nicht nur ein moralisches Verbrechen, sondern auch einen Feind der Armen zu sehen und als solchen zu bekämpfen.

Zu einer vielleicht noch tragischeren Erkenntnis der Wirklichkeit gelangte ich, als mir klar wurde dass der Krieg weit mehr anrichtete, als nur die Hoffnungen der Armen in der Heimat zu zerstören. Er schickte ihre Söhne und Brüder und Gatten in den Kampf und in den Tod, und zwar im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung in viel höherer Zahl. Wir nahmen die jungen Schwarzen, für die unsere Gesellschaft keinen Platz hat, und brachten sie 8000 Meilen weit fort, um Freiheiten in Südostasien sicher zu stellen, die sie in Südwest-Georgia und Ost-Harlem selbst nicht gefunden hatten. Und damit stehen wir wiederholt der grausamen Ironie gegenüber, schwarze und weiße Jungen auf den Fernsehschirmen zu beobachten, wie sie gemeinsam töten und gemeinsam sterben für eine Nation, die unfähig gewesen ist, sie auch nur miteinander auf die gleiche Schulbank zu setzen. Wir sehen, wie sie in brutaler Solidarität die Hütten eines armen Dorfes niederbrennen, und sind uns bewusst, dass sie in Detroit nie im selben Häuserblock wohnen dürften. Ich konnte nicht schweigen angesichts einer solch grausamen Manipulation der Armen.

Mein dritter Grund geht eine noch tiefere Bewusstseinsebene an, aber er ergibt sich zwangsläufig aus meinen Erlebnissen in den Schwarzenvierteln des Nordens in den letzten drei Jahren - insbesondere den letzten drei Sommern. Wenn ich mitten unter den verzweifelten, zurückgestoßenen, zornigen jungen Männern durch die Straßen ging, sagte ich ihnen, dass Molotow-Cocktails und Gewehre ihr Problem nicht lösen würden. Ich versuchte ihnen gegenüber mein tiefstes Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen, blieb aber bei meiner Überzeugung, dass soziale Umwälzungen am nachhaltigsten durch gewaltloses Handeln herbeigeführt werden. Aber, fragten sie, und zwar mit Recht, wie ist das mit Vietnam? Sie fragten, ob unser eigener Staat denn nicht ganz massive Gewalt anwende, um seine Probleme zu lösen, um die Änderungen herbeizuführen, die er forderte. Ihre Fragen trafen ins Schwarze, und ich wusste, dass ich nie mehr meine Stimme gegen die Gewalttätigkeit der Unterdrückten in den Schwarzenvierteln erheben konnte, wenn ich nicht zuerst klipp und klar mit dem größten Gewaltlieferanten der gegenwärtigen Welt redete: mit meiner eigenen Regierung. Um dieser jungen Leute willen, um der Hunderttausende willen, die unter unserer Gewalt zittern, kann ich nicht schweigen.

Jenen, die die Frage stellen: "Sind Sie denn nicht ein Bürgerrechtsführer?" - und die mich damit von der Friedensbewegung auszuschließen meinen - kann ich nur antworten, dass ich zu lange und zu hart gegen die Segregation in den öffentlichen Einrichtungen gearbeitet habe, als dass ich nun die Rassentrennung in meinem eigenen moralischen Anliegen zuließe. Gerechtigkeit ist unteilbar. Es muss auch gesagt werden, dass es doch recht widersinnig wäre, leidenschaftlich und unerbittlich für integrierte Schulen zu kämpfen und sich nicht um das Überleben einer Welt zu kümmern, in die sie integriert werden sollen.

Weiter muss ich festhalten, dass etwas im Wesen unserer organisatorischen Struktur der Christlichen Führerkonferenz des Südens selbst mich zu diesem Schritt bewog. 1957, als eine Gruppe von uns diese Organisation ins Leben rief, wählten wir das Motto: "Rettet die Seele Amerikas". Es dürfte also ganz klar sein, dass niemand, dem irgend etwas an der Integrität und am Leben des heutigen Amerika liegt, den gegenwärtigen Krieg totschweigen kann.

Als wäre die Last einer solchen Aufgabe noch nicht schwer genug, fiel mir 1964 noch eine weitere Verantwortung zu: Ich kann nicht vergessen, dass der Friedensnobelpreis ebenfalls ein Auftrag war - ein Auftrag, noch schwerer als je zuvor für die - Verbrüderung der Menschen - zu arbeiten. Dies ist eine Berufung, die mich aus einer Staatszugehörigkeit heraushebt, aber auch wenn es sie nicht gäbe, hätte ich immer noch mit der Bedeutung meiner Berufung als Diener am Wort Jesu Christi zu leben. Für mich ist die Beziehung dieses geistlichen Amtes zum Aufbau des Friedens so deutlich, dass ich mich manchmal über die Leute wundere, die mich fragen, warum ich gegen den Krieg spreche. Wir sind aufgerufen, für die Schwachen, für die Menschen ohne Stimme, für die Opfer unseres Staates zu reden, und auch für die, die er Feinde nennt, denn kein von Menschenhand verfasstes Dokument kann bewirken, dass diese Menschen weniger als andere unsere Brüder sind. Und wenn ich über den Wahnsinn von Vietnam nachgrüble, wenn ich in meinem Innern nach Wegen suche, zu verstehen und mitfühlend zu reagieren, gehen meine Gedanken fortwährend zu diesem Inselvolk. Ich meine hier nicht die Soldaten auf beiden Seiten, nicht die Junta in Saigon, sondern einfach die Menschen, die nun schon seit fast drei Jahrzehnten unter dem Fluch des Krieges leben. Ich denke auch darum an sie, weil mir klar ist, dass es keine dauerhafte Lösung gibt, ehe nicht ein Versuch gemacht wird, sie kennen zu lernen und ihre unterdrückten Rufe zu hören. Sie müssen in den Amerikanern seltsame Befreier sehen.

Das vietnamesische Volk erklärte 1945, nach der französisch-japanischen Besetzung und vor der kommunistischen Revolution in China, seine Unabhängigkeit. Es wurde von Ho Chi Minh angeführt. Obwohl es sich in seinem eigenen Freiheitsdokument auf die amerikanische Unabhängigkeitserklärung berief, weigerten wir uns, es anzuerkennen. Unsere Regierung hatte damals das Gefühl, die Menschen Vietnams seien noch nicht reif für die Unabhängigkeit, und so wurden sie wiederum das Opfer jener tödlichen Arroganz des Westens, die die internationale Atmosphäre schon so lange vergiftet. Neun Jahre lang unterstützten wir nach 1945 die Franzosen kräftig bei ihrer erfolglosen Anstrengung, Vietnam wieder zu kolonisieren. Als die Franzosen geschlagen waren, sah es so aus, als würden nun über das Genfer Abkommen Unabhängigkeit und Landreform ihren Einzug halten. Statt dessen hielten die Vereinigten Staaten ihren Einzug, beschlossen, dass Ho Chi Minh die vorübergehend geteilte Nation nicht vereinigen dürfe, und die Bauern mussten zusehen, wir einen der verbrecherischsten modernen Diktatoren, den von uns auserwählten Premierminister Diem, unterstützten.

Die Bauern sahen zu und duckten sich, als Diem jede Opposition erbarmungslos ausrottete, die ausbeuterischen Grundbesitzer begünstigte und sich weigerte, die Wiedervereinigung mit dem Norden auch nur zu diskutieren. Die Bauern sahen zu, wie das alles zuerst durch den amerikanischen Einfluss und später durch eine wachsende Zahl amerikanischer Truppen geleitet wurde, die herüberkamen, um den Aufstand, den Diems Methoden heraufbeschworen hatten, ersticken zu helfen. Als Diem gestürzt wurde, mögen sie froh gewesen sein, doch die lange Reihe militärischer Diktatoren schien ihnen keine wirkliche Änderung zu verheißen, vor allem nicht in Hinsicht auf ihr Bedürfnis nach Land und nach Frieden.

Statt dessen erhöhten wir unsere Truppenaufgebote zur Unterstützung von Regierungen, die außerordentlich korrupt, unfähig und ohne jeden Rückhalt im Volk waren. Die ganze Zeit über lasen die Leute unsere Flugblätter und nahmen regelmäßig Versprechungen von Frieden und Demokratie und Landreform entgegen. Jetzt stöhnen sie unter unseren Bomben und betrachten uns - nicht ihre Mitvietnamesen - als ihren wirklichen Feind. Traurig und apathisch trotten sie dahin, wenn wir sie vom Land ihrer Väter weg in Konzentrationslager treiben, in denen kaum je den geringsten sozialen Bedürfnissen Rechnung getragen wird. Sie wissen, dass sie entweder mitgehen oder unter unseren Bomben umkommen müssen, und so gehen sie eben mit, voran Frauen, Kinder und Alte. Sie sehen zu, wie wir ihr Wasser vergiften, wie wir die Ernten ihrer Felder vernichten, und sie wandern in die Spitäler mit mindestens zwanzig durch amerikanische Feuerkraft verursachten Unfällen auf eine vom Vietkong zugefügte Verletzung. Sie wandern in die Städte und sehen, wie sich Tausende von Kindern heimatlos, unbekleidet, wie Tiere, zu Haufen in den Straßen herumtreiben. Sie sehen, wie die Kinder ihre Schwestern an unsere Soldaten verkaufen und für ihre Mütter betteln. Was denken wohl die Bauern, wenn wir uns mit den Grundbesitzern verbünden und uns weigern, den vielen Worten über Landreform irgendwelche Taten folgen zu lassen? Wo sind die Wurzeln des unabhängigen Vietnam, das wir aufzubauen behaupten? Unter diesen Menschen ohne Stimme? Wir haben die beiden Einrichtungen zerstört, die ihnen das Teuerste waren: die Familie und das Dorf. Wir haben ihr Land und ihre Saaten zerstört.

Wir haben mitgeholfen, eine der einzigen nichtkommunistischen revolutionären politischen Mächte des Landes, die Vereinigte Buddhistische Kirche, zu zerstören. Wir haben die Feinde der Bauern von Saigon unterstützt. Wir haben ihre Frauen und Kinder verdorben und ihre Männer getötet. Was für Befreier! Es ist wenig geblieben, worauf man aufbauen könnte - außer Bitterkeit. Und bald werden die einzigen übriggebliebenen soliden Fundamente in unseren Militärbasen und in den Betonbauten der Konzentrationslager, die wir befestigte Dörfer nennen, zu finden sein. Die Bauern mögen sich fragen, ob wir unser neues Vietnam auf solchen Grund zu stellen gedenken, könnten wir ihnen solche Gedanken verübeln? Wir müssen für sie sprechen, wir müssen die Fragen aufwerfen, die sie nicht äußern können. Auch das sind unsere Brüder.

Eine vielleicht noch schwierigere, aber nicht weniger notwendige Aufgabe ist es, für jene zu sprechen, die als unsere Feinde bezeichnet worden sind. Wie ist das mit der Nationalen Befreiungsfront? Wie können sie an unsere Integrität glauben, wenn wir jetzt von "Aggression aus dem Norden" reden, als gäbe es nichts Wesentlicheres an diesem Krieg? Wie können sie uns trauen, wenn wir ihnen jetzt, nach der mörderischen Diem-Regierung, Gewalt vorwerfen? Und ihnen Gewalt vorwerfen, während wir mit immer neuen Todeswaffen ihr Land überschütten? Bestimmt müssen wir ihre Gefühle verstehen, auch wenn wir mit ihren Handlungen nicht einverstanden sind. Wie beurteilen sie uns, wenn unsere amtlichen Stellen wissen, dass ihre Mitglieder zu weniger als 25 Prozent Kommunisten sind, und ihnen trotzdem beharrlich diesen Sammelnamen geben? Sie fragen, wie wir von freien Wahlen sprechen können, wo doch die Saigoner Presse von der Militärjunta zensuriert und kontrolliert wird. Ihre Fragen sind erschreckend relevant. Will unser Staat wiederum einen politischen Mythos aufbauen und hinterher mit der Macht neuer Gewalt abstützen?

Darin liegt die wahre Bedeutung, der wahre Wert von Mitgefühl und Gewaltlosigkeit, dass sie uns helfen, den Standpunkt des Feindes zu sehen, seine Fragen zu hören, zu wissen, wie er uns einschätzt. Denn aus seiner Sicht heraus vermögen wir tatsächlich die grundlegenden Schwächen unserer eigenen Stellung zu erkennen, und wenn wir reif sind, können wir aus der Weisheit der Brüder, die Gegner genannt werden, lernen, an ihr wachsen und von ihr profitieren. So ist es auch mit Hanoi. Im Norden, wo unsere Bomben jetzt das Land verwüsten und unsere Minen die Wasserwege gefährden, begegnen wir einem tiefen, aber verständlichen Misstrauen. In Hanoi sind die Männer, die den Staat gegen Japaner und Franzosen zur Unabhängigkeit führten. Sie waren es auch, die einen zweiten Kampf gegen die französische Herrschaft führten und dann in Genf überredet wurden, das von ihnen kontrollierte Land zwischen dem 13. und 17. Breitengrad "vorübergehend" aufzugeben. Nach 1954 erlebten sie, wie wir uns mit Diem verschworen, um Wahlen zu vereiteln, die mit Sicherheit Ho Chi Minh an die Macht über ein vereintes Vietnam gebracht hätten, und es wurde ihnen klar, dass sie wiederum die Betrogenen waren.

Wenn wir fragen, warum sie keine Lust zeigen, sich an den Verhandlungstisch zu setzen, dann braucht man nur an diese Dinge zu erinnern. Und es muss uns auch klar sein, dass die Führer von Hanoi die Anwesenheit amerikanischer Truppen zur Unterstützung der Regierung Diem als den ersten militärischen Bruch des Genfer Abkommens über fremde Truppen betrachteten. Sie rufen uns in Erinnerung, dass sie erst anfingen, Material und Soldaten in großer Zahl einzusetzen, als die amerikanischen Streitkräfte schon zu Zehntausenden hereingeströmt waren. Hanoi denkt noch daran, wie unsere Führer sich weigerten, uns die Wahrheit über die früheren nordvietnamesischen Friedensanträge zu sagen, wie wir behaupteten, es existierten keine, während sie doch ganz klar gestellt worden waren. Ho Chi Minh hielt die Augen offen, als Amerika von Frieden sprach und seine Streitkräfte ausbaute, und er hat bestimmt auch jetzt die immer stärker werdenden internationalen Gerüchte über amerikanische Pläne für eine Invasion im Norden gehört.

An diesem Punkt muss ich wohl klarstellen, dass mich, während ich in den letzten paar Minuten versuchte, den Stummen in Vietnam eine Stimme zu leihen und die Argumente jener zu verstehen, die man den Feind nennt, unsere eigenen Truppen dort so sehr beschäftigen wie nur irgend etwas. Denn ich finde, wir setzen sie in Vietnam nicht bloß dem Verrohungsprozess aus, der in jedem Krieg vor sich geht, wo Armeen einander gegenüberstehen und sich zu zerstören suchen. Wir umgeben ihren Todesmarsch auch noch mit Zynismus; denn sie müssen ja schon nach kurzer Zeit merken, dass nichts von den Dingen, für die wir zu kämpfen vorgeben, wirklich etwas damit zu tun hat, und die Kultivierteren unter ihnen sind sich sicherlich klar darüber, dass wir auf seiten der Reichen und Sicheren stehen, während wir den Armen eine Hölle bereiten.

Wenn wir so fortfahren, wird kein Zweifel mehr in meinem Herzen und im Herzen der Welt darüber sein, dass wir in Vietnam keine ernsthaft guten Absichten haben. Es wird sich deutlich herausstellen, dass es unsere Mindesterwartung ist, Vietnam als amerikanische Kolonie zu besetzen, und die Leute werden es nicht unterlassen können, anzunehmen, unsere maximale Hoffnung gehe dahin, China zu einem Krieg zu reizen, der es uns erlaubt, seine nuklearen Einrichtungen zu bombardieren. Irgendwie muss dieser Wahnsinn ein Ende nehmen. Wir müssen jetzt aufhören. Ich spreche als ein Kind Gottes und Bruder der Notleidenden in Vietnam. Ich spreche für jene, deren Land verwüstet wird, deren Heim zerstört wird, deren Kultur untergraben wird. Ich spreche für die Armen Amerikas, die den doppelten Preis von zerschlagenen Hoffnungen zu Hause und von Tod und Korruption in Vietnam zahlen. Ich spreche als Weltbürger für die Welt, die voll Bestürzung an dem Wege steht, den wir eingeschlagen haben.

Ich spreche als Amerikaner zu den Führern meiner eigenen Nation. Die große Initiative zu diesem Krieg ging von uns aus. Auch die Initiative, ihn zu beenden, muss von uns ausgehen. Im Frühling 1967 gab ich bekannt, welche Schritte ich als notwendig erachte, damit das geschehen kann. Ich möchte dem heute nur noch hinzufügen, dass, obwohl zahlreiche Amerikaner diese Vorschläge unterstützt haben, die Regierung bislang keinen einzigen anerkannte. Es ist jetzt Zeit für wirkliche Entscheidungen. Der Augenblick ist gekommen, da unser aller Leben eingesetzt werden muss, soll unser Volk seine eigene Tollheit überleben. Jeder, der humane Überzeugungen hat, muss sich über den Protest schlüssig werden, der diesen Überzeugungen am besten entspricht, aber protestieren müssen wir alle. Es liegt etwas Verführerisches darin, es dabei bewenden zu lassen und zu dem überzugehen, was in gewissen Kreisen ein populärer Kreuzzug gegen den Vietkong geworden ist. Ich meine, wir sollen wirklich den Kampf aufnehmen, aber ich möchte jetzt etwas noch Beunruhigenderes sagen: Der Krieg in Vietnam ist lediglich ein Symptom einer weit tiefergehenden Krankheit, die im Geist Amerikas steckt.

1957 sagte ein hellsichtiger Beamter in Übersee, es komme ihm vor, als stünde unser Land auf der falschen Seite einer Weltrevolution. Ich bin überzeugt, dass wir uns, wenn wir auf die richtige Seite der Weltrevolution gelangen wollen, als Nation einer durchgreifenden Revolution der Werte unterziehen müssen. Eine wahre Neuordnung der Werte wird uns bald veranlassen, die Ehrlichkeit und Gerechtigkeit vieler unserer vergangenen und gegenwärtigen Taktiken in Zweifel zu ziehen. Eine wahre Neuordnung der Werte wird bald mit Unbehagen auf den grellen Gegensatz zwischen Arm und Reich achten. Mit gerechter Empörung wird sie den Blick über die Meere richten und sehen, wie einzelne Kapitalisten des Westens riesige Geldsummen in Asien, Afrika und Südamerika investieren, aber nur, um Profite herauszuziehen und ohne jedes Interesse an der sozialen Besserstellung der betreffenden Länder, und wird sagen: "Das ist nicht Recht." Sie wird auf unser Bündnis mit den Großgrundbesitzern Lateinamerikas schauen und sagen: "Das ist nicht Recht." Die Anmaßung des Westens, der sich einbildet, er habe die andern alles zu lehren und nichts von ihnen zu lernen, ist nicht Recht.

Eine wahre Revolution der Werte wird Hand an die Weltordnung legen und vom Kriege sagen: "Diese Art, Meinungsverschiedenheiten zu bereinigen, ist nicht Recht." Dieses Gewerbe, Menschen mit Napalm zu verbrennen, die Wohnhäuser unseres Landes mit Witwen und Waisen zu füllen, giftige Drogen des Hasses in die Adern sonst humaner Völker einzuspritzen, Männer körperlich behindert und seelisch zerrüttet von finsteren, blutigen Schlachtfeldern heimzuschicken, das kann nicht mit Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe in Einklang gebracht werden. Eine Nation, die Jahr um Jahr fortfährt, mehr Geld für militärische Verteidigung als für soziale Aufbauprogramme auszugeben, nähert sich dem geistigen Untergang. Diese Art von positiver Revolution der Werte ist unsere beste Verteidigung gegen den Kommunismus. Krieg ist nicht die Antwort.

Der Kommunismus wird niemals durch die Anwendung von Atombomben oder Kernwaffen besiegt werden. Wir leben in einer Zeit des Umsturzes, überall auf dem Erdenrund lehnen sich Menschen gegen alte Systeme der Ausbeutung und Unterdrückung auf. Die besitzlose, barfüßige Landbevölkerung erhebt sich wie nie zuvor. "Die Völker, die im Dunkel wandelten, haben ein großes Licht gesehen." Wir im Westen müssen diese Erhebung unterstützen. Es ist eine traurige Tatsache, dass gerade die westlichen Völker, die einst so viel vom revolutionären Geist der modernen Welt in sich trugen, aus Bequemlichkeit und Selbstzufriedenheit, aus krankhafter Angst vor dem Kommunismus und in der Neigung, sich der Ungerechtigkeit anzupassen, jetzt zu Erz-Antirevolutionären geworden sind. Das hat manche dahin gebracht, zu glauben, nur der Marxismus habe den revolutionären Geist.

So ist nun also der Kommunismus ein Urteil gegen unsere Unfähigkeit, die Demokratie zu verwirklichen und die Umwälzung, die wir begonnen haben, zu Ende zu führen. Wir müssen über die Unentschlossenheit hinweg zur Tat schreiten. Wir müssen neue Wege finden, für den Frieden in Vietnam und die Gerechtigkeit in der ganzen unterentwickelten Welt zu sprechen, einer Welt, die bis an unsere Türen reicht. Wenn wir nicht handeln, werden wir mit Sicherheit durch die langen, finsteren und schmachvollen Korridore der Zeit geschleppt werden, welche jenen vorbehalten sind, die Gewalt ohne Mitleid, Macht ohne Moral und Stärke ohne Einsicht besitzen.

Veröffentlicht am

12. Mai 2003

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